Nr. 33/2009 vom 13.08.2009

Hybridratten per Mausklick

Diabetesmäuse für hundert Euro das Stück, Kastration für sechzehn Euro extra und Kadaverberge aus Beagles: ein Trip in die Welt der Tierversuche.

Von Daniel Ryser

Ausgerechnet jetzt macht der Beagle schlapp! Die Schweinegrippe droht, zack, zack muss ein Impfstoff her für dich und mich, und dann klappen diese Köter in einem Labor einfach zusammen. Das sagt die Person am Telefon. Spritze rein, üble Nebenwirkung, Beagle kollabiert. Jetzt stellt sich die Frage: Ist der Beagle zu schwach oder der Impfstoff zu stark? Und die elementare Frage – wie so oft bei diesem Tierversuchszeug: Ist die Nebenwirkung auf den Menschen übertragbar?

Verdammter Beagle! Am Beagle ist sonst nämlich nichts auszusetzen – normalerweise, in Sachen Tierversuche: höchste Nützlichkeitsstufe! Lieb, vertrauenswürdig, kläfft nicht rum, hält schön still beim Spritzen, verträgt sich gut in der Gruppe, erholt sich schnell von Strapazen. Trotzdem: Kadaverberge aus Beagles! Denn auf dem Müll beziehungsweise in der Verbrennungsanlage, enden Versuchstiere meistens. Zwangskastrierte, infizierte, mutierte Tiere, etwa eine Alzheimermaus oder eine Krebsratte oder ein Beagle mit künstlichem Hüftgelenk und ohne Milz; entlassen in die Freiheit: Chaos! Und einen mit HIV infizierten Affen bringst du besser auch nicht in den Zürcher Zoo. Der beisst ein Kind, das hat dann HIV – grosser Ärger! «Darum geht es in der Industrie bei Tierversuchen auch: versicherungstechnisch Ärger vermeiden», sagt mein Informant, der in einem Tierversuchslabor arbeitete. «Universitäten beschäftigen sich oft mit Verhaltensforschung, Grundlagenforschung. Aber in der Industrie: Kein Problem, wenn wir für ein Medikament fünfhundert Mäuse oder zwanzig Beagles verbrennen. Kein Problem, wenn wir für ein neues Parfum hundert Hasen die Augen verätzen. Entscheidend ist, dass kein Mensch an einem Medikament erkrankt oder stirbt. Sonst kannst du den Laden zumachen.» Wenn du also gegen Tierversuche bist und dich demnächst trotzdem gegen die Schweinegrippe impfen lässt: Denk an die Beagles!

9,240 kg Rindfleisch

Als Fleischesser macht mir diese Geschichte zu schaffen. Da ist man – wer nicht? – gegen Tierversuche. Und dann doch immer auf Aspirin und so weiter. Und 2008, als ich für 42 Tage New York besuchte, habe ich täglich einen Hamburger gegessen, 220 Gramm pro Stück, macht dann insgesamt 9,240 kg Rindfleisch. Trotzdem die Überraschung: Als sie vor zwei Wochen Daniel Vasella, dem Pharmakönig aus Basel, den österreichischen Landsitz abgefackelt haben, mochte ich mich doch nicht so richtig identifizieren mit den Durchhalteparolen in der Presse, wir alle seien von diesem Anschlag betroffen, da es sich hier nicht um Brandstiftung handle, sondern um einen Anschlag gegen die politische Ordnung, quasi Terrorismus. Das hat womöglich damit zu tun, dass wir eine Finanzkrise haben, alle von Abzockern reden und der Pharmakönig just im Jahr eins der Krise 21 Millionen Franken verdient hat (2007: 44 Millionen), 720-mal mehr als der schlechtestbezahlte Angestellte in seinem eigenen Unternehmen. Fördert ja auch nicht gerade das Wirgefühl, eine solche Zahl.

Das Gut zum Jagdhaus hat Vasella von der C&A-Besitzerfamilie Brenninkmeijer übernommen. Es hat eine Fläche von 5000 Hektaren. Das sind 8500 Fussballfelder. Es ist die halbe Fläche des Stadtgebietes von Paris. Ein grosses Tier braucht viel Auslauf. Weniger Auslauf haben die kleinen Tiere in den Versuchslabors von Novartis, etwa in Singapur, einem Land, wo Tierschutzgesetze so verbindlich sind wie Menschenrechte in Tschetschenien. Oder im Labor Covance in Münster, dem Tierrechtsaktivisten immer wieder Folter an Affen vorwerfen und von dem Novartis laut Erwin Kessler, dem Präsidenten des Vereins gegen Tierfabriken (VgT), Kunde sei.

Auf einem Gleitschirmlandeplatz in der Nähe des Landguts erhält Vasella die Sonderlandegenehmigungen für seinen Helikopter. Ist ja dann gleich hingeflogen, als er die Schreckensmeldung erhalten hat. Manchmal schüttelt er, sozial engagiert, in Tansania Leprakranken die Hand. Gefragt, warum er so viel verdiene und die Menschen hier verhungern, sagte der 44-Millionen-Franken-Mann kürzlich: «Da sind wir natürlich bei den Geheimnissen Gottes. Und die sollte man nicht ergründen wollen. Die muss man als Geheimnis akzeptieren.» Oder: «Wir müssen akzeptieren, dass jemand zufrieden ist, wo wir das für unvorstellbar halten. Glück hängt nicht nur vom Kühlschrank, von einem Auto, einem TV oder einer Luxuswohnung ab.» Womöglich auch von einer Ethikkommission. Denn einerseits war die Brandstiftung in Österreich ja Terrorismus, wie wir nun wissen; und andererseits werden Tierversuche heute nach höchsten ethischen und humanen Standards vollzogen.

Da aber lacht nun die Frau am anderen Ende der Leitung. «Kompletter Schwachsinn, was da über Ethik geschrieben wurde», sagt sie. Die Frau ist Deutsche und heisst Julika Fitzi. Die Tierärztin leitet die Fachstelle Tierversuche und Gentechnologie beim Schweizer Tierschutz (STS). Sie sagt: «Die Eidgenössische Kommission für Tierversuche beschäftigt sich mit allgemeinen Themen, gibt Empfehlungen ab. Die kantonalen Kommissionen, wenn es sie denn in den einzelnen Kantonen überhaupt gibt, sind in der Regel nicht angemessen mit Vertretern des Tierschutzes besetzt. Sie unterstehen strengstem Amtsgeheimnis und dürfen sich nicht mit anderen austauschen. Bedenken Sie: Die Forscher stehen unter wirtschaftlichen Druck. Ein nicht gestatteter Versuch ist verlorenes Geld. Von 882 im Jahr 2008 gestellten Gesuchen wurden denn auch bloss drei abgelehnt. Insgesamt liefen 2008 3325 Tierversuche mit über 700 000 Tieren. Die Schweiz ist ein Mekka für Tierversuche. Die Zahlen sind im Vergleich mit anderen Ländern hoch. Und die Zahl der Versuche steigt jährlich. Das wird damit begründet, dass wir eine grosse Pharmaindustrie haben. In Wirklichkeit ist vor allem die Bewilligungspraxis zu lasch. Wir haben zudem nur wenig finanzielle Unterstützung für alternative Forschungsmethoden. Wir haben zwar ein strenges Tierschutzgesetz, aber die Tierversuche sind dort explizit ausgeklammert.»

Sprich: Dem Tier Leid zufügen ist normalerweise strafbar, ausser in der Forschung. Dort ist es erlaubt, wenn Leid, Schmerz und Angst einem Zweck dienen. So steht es im Gesetz. Tierversuche sind dabei in Schweregrade eingeteilt. 0: «Blutentnahme für diagnostische Zwecke». 1: «Injizieren eines Arzneimittels unter Anwendung von Zwangsmassnahmen; Kastration von männlichen Tieren unter Narkose». 2: «Operatives Behandeln; Kastration weiblicher Tiere.» 3: «Tödlich verlaufende Infektions- oder Krebskrankheiten, ohne vorzeitige Euthanasie».

Die Versuchstierhaltung ist laut Julika Fitzi immer ein Problem. Nach dem Tierschutzgesetz sind etwa Affen Wildtiere, die grosse Gehege benötigen. Aber auch hier gilt: Ausnahme bei Versuchstieren. «Das kommt etwa Roche zugute, die viel mit Affen arbeitet», sagt Fitzi. Die Haltung von Tieren auf grossem Raum sei derart teuer und aufwendig, dass die Labore hierzulande mitunter «die Versuche an Affen in der Schweiz zwar vor Ort machen, diese dann aber bis zum nächsten Versuch zur Lagerung und Regeneration in die USA fliegen, wo die Haltung viel billiger ist». 2008 waren in der Schweiz 345 Affen im Versuchslabor.

Expressmäuse aus Brüssel

Am Schluss bleiben viele tote Tiere. Auch an der ETH. «Was für ein Fischverbrauch das zum Beispiel ist», sagt die Laborquelle: «Du leerst Toxin in einen Behälter und kippst hundert Fische rein. Am Schluss zählst du, wie viele überlebt haben. Das ist ein klassischer Vorgang.» Hans Sigg, Tierschutzbeauftragter von Universität und ETH, sagt es diplomatischer: «Fische haben wir an der Universität in stattlicher Anzahl. Wir forschen an fast fünfzig Standorten.» Ratten, Mäuse, Fische. Den Beagle vergessen sie ja irgendwie immer, diese PR-Leute, aber auf Nachfrage dann: «Ja, Beagles haben wir auch, aber nur für die Hundeforschung.»

Als Hochschule beschäftige man sich vor allem mit Grundlagenforschung, Untersuchungen, die kaum als Tierversuche wahrgenommen würden: «Warum gehen die Amphibienbestände so massiv zurück? Natürlich führen wir auch belastende Versuche durch, bei denen Tiere als Krankheitsmodelle dienen», sagt Sigg. «Etwa in der Multiple-Sklerose-Forschung oder beim Krebs.» Diese Versuche würden vor allem an Mäusen vorgenommen, sagt Sigg, während er durch den Uni-Labortrakt führt. Überall in steril belüfteten kleinen Boxen: Mäuse. Nackte, schwarze, graue, weisse, kleine, gesunde, kranke – Hunderte. Am Boden vor dem Sekretariat liegt ein Paket, per Kurier aus Brüssel. «Neue Mäuse – soeben angekommen», sagt Sigg. Mäuse seien aus verschiedenen Gründen optimal für die Forschung: Sie bräuchten wenig Platz und liessen sich gut züchten, «auch mit gezielten Genveränderungen». Die Universität Zürich züchte die meisten Mäuse selbst – laut Sigg über hundert verschiedene Sorten. Andere bestellt sie bei Firmen, die Labortiere züchten. Und weil dies das Jahr 2009 ist, kann man das alles im Internet bestellen; im Onlineshop für genmanipulierte Tiere.

Hier bestellt auch die ETH. Die Firma heisst Harlan, ihr Hauptsitz ist in Indianapolis, Harlan-Filialen gibt es in zwölf Ländern. Von der Startseite führt ein Klick zu den «Forschungsmodellen»: gesunde Ratten und Mäuse, kranke Ratten und Mäuse. Hybridmäuse nach Wunsch: Zwei Genpools, gemischt nach den Bedürfnissen des Forschers. HIV-Ratten, Diabetesratten und Mäuse. Weisse Hasen. Meerschweinchen. Spezielle Rattenmodelle für Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Miniaturschweine. Und natürlich: Beagles. Die Preisliste gibt es nur auf Anfrage. Dafür liegt die Preisliste der Konkurrenz vor. Ratte mit Herz- und Kreislaufkrankheiten, zehn Wochen alt, niedrige Sterblichkeitsrate: 86 Euro. Wistar-Kyoto-Ratte: 32 Euro. Krebsmodell «Kopenhagen»: 42,35 Euro. Topangebot: Die patentierte Jax-Mice-Stain, eine dicke Maus mit gezüchteter Herz- und Kreislauferkrankung für 112,56 Euro. Diabetesmaus, gebärfähig: 100,88 Euro. Spezialwünsche kosten extra. Etwa entfernte Eierstöcke: 20 Euro. Entfernte Hypophyse – eine Drüse im Schädel, die den Hormonhaushalt regelt: 28,85 Euro. Kastration bei Mäusen, Ratten, Meerschweinchen: 16,20 Euro. Milz raus: 21,50 Euro. Nebennierenrinde raus: 16 (Ratte) oder 17,80 Euro (Maus). Parkinsonmäuse: Preis auf Anfrage.

Ein Hundeposter

Harlan hat seit 2008 auch einen Ableger in der Schweiz. Damals kaufte die US-Firma das immer wieder von Tierschützern in Klagen verwickelte RCC-Tierversuchslabor in Itingen BL. «Wir produzieren hier nur noch geringfügige Bestände an Tieren», sagt Geschäftsführer Markus Josten. Man sei dabei, den Betrieb nach Holland auszulagern. «Nein, nicht wegen der lascheren Gesetze», so Josten. «Der Tierschutz ist in der EU vergleichbar hoch, da gewinnt man nicht viel», sagt er. Und fügt an: «‹Gewinnen› meine ich natürlich in Anführungszeichen.»

Hans Sigg führt durch die Gänge des Uni-Tierlabors, vorbei an leeren Operationsräumen hinter dickem Glas und schweren Türen. Vorbei an Sicherheitsschleusen mit «Biohazard»-Zeichen zu Räumen, wo Infektionen wie Tuberkulose oder HIV erforscht werden. Leere Gänge, dann wieder Wohnboxen für Mäuse. Ein Hundeposter. Keine Beagles. «Wenn Sie das früher gesagt hätten, hätte ich einen herholen können. Unsere Beagles sind in einem Aussenquartier in Oberembrach untergebracht. Aber wenn Sie viele Beagles sehen wollen, dann müssten Sie zu Novartis. Die haben viele davon.» Offenbar vor allem für Toxikologie und für Versuche, die für die Registrierung von Arzneimitteln vorgeschrieben sind. Die Beagles stammen laut Sigg aus speziellen Versuchstierzuchten, «es sind Harlan-Beagles».

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