Nr. 05/2022 vom 03.02.2022

Die volle Wucht der Knappheit

Ausbleibende Niederschläge, implodierende Wirtschaftskreisläufe und eine repressive Regierung: In Afghanistan tragen derzeit mehrere Faktoren zur humanitären Grosskatastrophe bei. Ein Besuch in der ländlichen Provinz Bamiyan.

Von Julian Busch (Text und Foto), Bamiyan

«Die Dürre betrifft uns stark», sagt der Dorfälteste, «wir haben von unseren Feldern kaum noch Ertrag und unsere Tiere nichts zu essen»: Die Ortschaft Horak in der Provinz Bamiyan.

Ein kalter Wind liegt in der Luft. Mohammed Dschawad sitzt auf dem Boden seiner kleinen Lehmhütte. Er hat sie in eine der Höhlen gebaut, die buddhistische Mönche hier vor über tausend Jahren in den Fels meisselten. Nur wenige Hundert Meter entfernt befinden sich die Überreste der berühmten Buddhastatuen, die die Taliban im Jahr 2001 fast vollständig zerstörten.

Wo einst Mönche schliefen und beteten, steht heute ein kleiner Kachelofen, der dem kahlen Raum etwas Wärme spendet. In einer Ecke stapelt sich Feuerholz; das Dorf Sorch Qul ist auf etwa 2500 Metern über Meer gelegen. Dschawad, vierzig Jahre alt, sitzt im Schneidersitz auf einem verzierten Teppich und wippt mit den Knien. «Im letzten Jahr hatten wir keine vierzig Tage Regen», sagt er. Aus einer Tüte auf dem Boden nimmt er eine Kartoffel, aus deren Schale Schösslinge ragen. «Ausser Kartoffeln, Reis und Brot essen wir hier nichts.»

Teure Lebensmittel

Die Provinz Bamiyan liegt knapp 140 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kabul. Vor allem Hasara leben hier, Angehörige der mehrheitlich schiitischen Minderheit, die früher schon von vielen Regierungen diskriminiert wurde. Die Provinz galt in den letzten zwanzig Jahren als vergleichsweise sicher. 2003 bis 2013 waren neuseeländische Soldat:innen hier stationiert, dann übernahm die afghanische Regierung – bis im letzten Jahr die Taliban wiederkamen.

Die Einwohner:innen Sorch Quls leben vor allem vom Kartoffelanbau, die Männer verdingen sich auf den Feldern der Grossbauern in der Umgebung. Von deren Ernten bekommen sie ein Fünftel, das sie dann weiterverkaufen oder für den Eigengebrauch lagern. «In diesem Jahr ist der Ertrag nur halb so hoch wie noch vor einem Jahr», sagt Dschawad. Das reiche bei weitem nicht für ihn und seine Familie. Da ihr Dorf in einen Berghang gebaut ist, lässt sich hier keine Landwirtschaft betreiben. «Was soll ich tun? Ich habe fast keine Ersparnisse mehr», sagt Dschawad. Vor einigen Wochen habe er sich etwas vom Taschengeld seiner eigenen Kinder geliehen, um damit auf dem Markt Bananen zu kaufen. «Ich wollte sie im Dorf für einen kleine Aufpreis weiterverkaufen», sagt er, «aber niemand konnte sich eine leisten. Seitdem bleibe ich zu Hause.»

Klimatische Schwankungen habe es in dieser Region immer schon gegeben, erklärt Dschawad, während sich seine kleine Hütte langsam mit neugierigen Nachbarn füllt. Dann habe man eben in den Provinzstädten als Bauarbeiter geschuftet oder sich Geld von Verwandten geliehen. Diesmal komme aber der massive wirtschaftliche Einbruch seit der Machtübernahme der Taliban hinzu.

Die Situation entwickelt sich zur humanitären Katastrophe. Die 2003 installierte afghanische Regierung ist zu einem Grossteil mit Entwicklungsgeldern finanziert worden – und nun ist der internationale Bankenverkehr blockiert, die Staatsreserven im Ausland sind eingefroren. Viele Stellen im Regierungsapparat fallen weg. Ein grosser Teil der Mittelschicht ist in die Städte oder gar ins Ausland abgewandert; in der lokalen Wirtschaft entfällt damit viel zirkulierendes Kapital, es gibt weniger Arbeit und Handel. Das trifft jene am härtesten, die an der Armutsgrenze leben wie Mohammed Dschawad. Lebensmittel, die in ausländischen Währungen gehandelt werden, haben sich rasant verteuert: Speiseöl etwa koste heute doppelt so viel wie noch vor einem halben Jahr, sagt ein Nachbar.

Es regnet nicht mehr

Gemäss Einschätzungen der Uno dürfte es in Afghanistan auch in diesem Jahr nicht genug Regen geben – eine Folge der Klimaerhitzung. Die Uno hat einen Spendenaufruf über 4,5 Milliarden US-Dollar initiiert, um im angelaufenen Jahr lebenswichtige Hilfsgüter für jene fast 23 Millionen Afghan:innen bereitzustellen, die gemäss Welternährungsprogramm von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein dürften. Es ist der grösste Spendenaufruf der Geschichte. Das Geld soll für die Unterstützung der Landwirtschaft und des Gesundheitssystems, für Notunterkünfte, die Trinkwasserversorgung und Bildung aufgewendet werden. Für potenzielle Geberländer stellt das jedoch ein Problem dar: Sie wollen die Talibanregierung nicht anerkennen und auch nicht dazu beitragen, diese zu stabilisieren.

In Horak, einem Dorf mit knapp 200 Einwohner:innen, steht der Dorfälteste, Saleh Mohammed, auf der Strasse und zeigt mit dem Finger auf eine Häuserruine. «Da, die sind auch schon gegangen», sagt er, «wie so viele. In diesem Distrikt sind wir nur mehr fünf Dörfer.» Von 300 Familien seien 180 in die grossen Städte oder ins Ausland abgewandert, in den Iran oder nach Pakistan. In den letzten zehn Jahren sei es hier klimatisch immer schwieriger geworden. Mit schnellen Schritten führt er durch das Dorf, vorbei an Mädchen und Jungen, nicht älter als zwölf Jahre, die Vieh auf die Weide treiben und Wasser für die Familie holen.

Zwischen zwei Feldern bleibt er einen kurzen Moment stehen und lässt den Blick schweifen. «Unser Fluss im Tal führt nur drei Monate im Jahr Wasser, es gibt kaum Regen», sagt Mohammed. Früher sei der Fluss sehr breit gewesen. «Heute haben wir von unseren Feldern jedoch kaum noch Ertrag und unsere Tiere nichts zu essen. Die Dürre betrifft uns stark.» Er nickt zu den Bergen, die sich um das Tal erheben. Bis in den Mai hinein habe dort jeweils ein halber Meter Schnee gelegen, doch das habe sich schon lange geändert. Etwa 73 Prozent der afghanischen Bevölkerung leben gemäss einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno in Gebieten, in denen der Zugang zu sauberem Trinkwasser immer schwieriger wird. Bereits jetzt bleibt er 42 Prozent der Afghan:innen verwehrt.

Der 66-jährige Saleh Mohammed sagt, er sei in den letzten Monaten doppelt so schnell gealtert wie sonst. Die letzten beiden Jahrzehnte hat er für internationale Organisationen wie das Welternährungsprogramm als Koordinator gearbeitet, aber seit das Emirat ausgerufen worden sei, habe er keinen Job mehr gefunden. Nach dem Zusammenbruch der Regierung stellten viele der zahlreichen internationalen Organisationen ihre Arbeit zunächst ein.

In der Neustadt von Bamiyan befindet sich das ehemalige Verwaltungsgebäude der Provinz. Auf dem Dach weht die weisse Flagge der Taliban mit den Schriftzügen ihres Emirats, wie sie den Staat heute nennen. Die Einfahrt ist mit Betonwällen und Strassenbarrikaden versperrt; es sind Relikte einer vergangenen Regierung. Journalist:innen müssen sich hier akkreditieren lassen, bevor sie in der Provinz arbeiten dürfen. Mullah Abdullah Sarhadi empfängt seinen Besuch im Gefolge von acht jungen Männern: Zwei von ihnen tragen Kalaschnikows und nehmen im hinteren Teil des Raumes Platz, einer filmt das Gespräch und macht Fotos.

Gespräch mit einem Talib

Sarhadi war bereits zur Zeit der ersten Taliban-Regierung von 1994 bis 2001 Gouverneur von Bamiyan. Berichten von Human Rights Watch zufolge war er an einer Reihe von Massakern an Hasara und anderen schiitischen Minderheiten beteiligt, bei denen mehrere Hundert Menschen getötet wurden. Er soll auch die Zerstörung der Buddhastatuen im März 2001 geleitet haben.

Die Situation in der Provinz sei gut und sie werde besser und besser, sagt Sarhadi. Gott allein könne die Menschen mit Essen versorgen, niemand sonst. Ja, es gebe hier Armut, aber das habe es auch unter der alten Regierung gegeben. «Wir tun alles, um die Situation zu verbessern», so der Mullah. Das grösste Problem bestehe darin, dass der Westen, allen voran die USA, die afghanischen Nationalreserven eingefroren hätten. Dabei seien solche Sanktionen in erster Linie für die Bevölkerung ein Problem und nicht für die neue Regierung oder Männer wie ihn. Die wirtschaftliche Lage werde sich verbessern, sobald die Sanktionen aufgehoben würden – weshalb es auch so wichtig sei, dass westliche Journalist:innen über die aktuelle Situation berichten würden.

Bauer Mohammed Dschawad in Sorch Qul erwartet vom Emirat keine Unterstützung. Die Sicherheitslage in Bamiyan sei zwar besser geworden, aber Repressionen gebe es noch immer: Wie etwa vor kurzem, als eine humanitäre Organisation in der Region Nahrungsmittel an sechzig Familien verteilt habe. «Nachdem die Mitarbeiter der NGO wieder weggefahren waren, hielten die Taliban den Männern ihre Waffen vor und nahmen ihnen die Hilfsgüter weg», erzählt einer von Dschawads Nachbarn. Früher oder später werde man keine andere Wahl mehr haben, als gegen die neue Talibanregierung zu rebellieren.

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