Nr. 05/2022 vom 03.02.2022

Verdi und Pinkwashing

Michelle Steinbeck lauscht eigenartigen Frauendiskussionen

Von Michelle Steinbeck

Die «Emma» hat sich einmal mehr ins Abseits geschossen. Das 1977 von Alice Schwarzer gegründete «feministische» Magazin veröffentlichte kürzlich einen transfeindlichen Artikel, der die grüne Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer diffamiert. Kurz: Die «Emma» spricht der trans Politikerin darin ab, eine Frau zu sein. Und beschuldigt sie somit, unrechtmässig einen Frauenquotenplatz besetzt zu haben.

Zuspruch gibt es dafür aus der extremen Rechten, etwa von bekannten Berufshomophoben aus der AfD. Zu Recht hagelt es aber vor allem scharfe Kritik: Was für ein Feminismus soll das sein, der die erste Transfrau mit politischem Mandat in der deutschen Geschichte nicht unterstützt, sondern sich öffentlichkeitswirksam am Mobbing gegen sie beteiligt?

Um die Frage, wer genug Frau ist, geht es zurzeit auch in Italien. Das Land, das gerade mangels Alternativen seinen achtzigjährigen Präsidenten wiedergewählt und ihm so den ersehnten Ruhestand verwehrt hat, schaut dieser Tage in die Röhre. Nicht nur, weil gleichzeitig der Zentralbanker Mario Draghi als Regierungschef bestätigt wurde – zur grossen Freude der Börse. Auch findet in der ersten Februarwoche die 72. Ausgabe des legendären Sanremo-Festivals statt, ein über zwanzigstündiger Fernsehmarathon, von dem an dieser Stelle vor einem Jahr bereits die Rede war.

Das Festival della Canzone Italiana ist ein Pfauenrad aus italienischer Musik, Mode und schlechten Witzen. Beim ältesten Popmusikwettbewerb Europas werden einerseits die kommenden Sommerhits des Jahres vorgestellt, andererseits wird massentauglich verhandelt, was die Gesellschaft so umtreibt. Kürzlich war das etwa Silvio Berlusconis Androhung, Präsident Italiens zu werden, oder das lang diskutierte und schliesslich schnöde unter den Tisch gekehrte Zan-Gesetz, das vor trans- und homofeindlicher Diskriminierung und Gewalt schützen sollte. Für 2022 kündigte Amadeus, der künstlerische Leiter des Festivals, an, dass er dieses neu zusammen mit «fünf weiblichen Figuren» moderieren werde – je einer pro Folge. Damit reagierte er auf die Kritik, dass Frauen in vielen Fernsehformaten nur in Nebenrollen zu sehen seien. Die Nachricht schlug sofort Wellen. So berichtete die Schauspielerin Lorena Cesarini von einer Flut rassistischer Hasszuschriften, die bei Bekanntmachung ihres Namens über sie hereingebrochen sei. Sie wird die erste Afroitalienierin sein, die beim Sanremo moderiert.

Eine andere Diskussion entflammte an der ebenfalls auserwählten Künstlerin Drusilla Foer. Als Dragqueen ist sie sprichwörtlich eine «weibliche Figur» – und das stösst vielen sauer auf. Neben homophoben Beschimpfungen wird auch sie beschuldigt, einer «richtigen Frau» den Platz weggenommen zu haben. Die Journalistin Chiara Zanini erkennt in diesen Reaktionen «eine starre Binarität, obwohl das Konzept der Fluidität die Menschheit schon immer durchzogen hat». Sie erinnert das italienische Publikum daran, dass es die Praxis von Crossdressing und Gender Bending doch schon aus den Opern von Verdi, Bellini und Mozart kenne – und dort schätze. Und sie attestiert den Kritiker:innen, dass sie sich von etwas bedroht fühlen, von dem sie nichts wissen oder sehen wollen, «nicht einmal zum Spass».

Wem Sanremo sowieso keinen Spass macht, sei zur Aufweichung der binären Geschlechterkonzeption der Roman «Orlando» empfohlen: besonders lesenswert im Virginia-Woolf-Jahr zu ihrem 140. Geburtstag!

Michelle Steinbeck ist Autorin. Ihr «guilty pleasure» ist italienische Popmusik.

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