Nr. 05/2022 vom 03.02.2022

Zerreissprobe im Libanon

Von Caroline Baur

Die neunjährige Rim zählt die Männer, die unangekündigt auf das Grundstück der Familie dringen, sie zählt die Maschinen, die sie mitbringen, sie zählt die Rattenfallen im Landhaus. Der neurotische Tick der kleinen Tochter steht für die zunehmende Nervosität der Familie Badri. Diese hat das untergehende Beirut einst verlassen, um in den idyllischen Bergen des Libanon ein Aussteigerleben zu führen – bis zu dem Tag, als die Regierung vor ihrem Haus eine prestigeträchtige Mülldeponie platziert. Doch diese ist, wie sich bald zeigt, längst nicht so ökologisch wie behauptet.

«Costa Brava, Lebanon» ist eine Parabel auf das hoch korrupte und dysfunktionale Land. Das Spielfilmdebüt von Mounia Akl vermittelt die Ohnmacht des Individuums gegenüber den multiplen Krisen des Libanon. Fast besser noch gelingt es der Regisseurin, die Figuren in ihren Rollen aufgehen zu lassen. Sie findet ein libanesisches Lebensgefühl in der Spannung zwischen traditionellen Familienwerten und Aufbruchsstimmung, zwischen Galgenhumor und Pathos oder auch darin, wie die Heimat gleichzeitig zelebriert und verdammt wird. Heimat bedeutet im Libanon immer auch gemeinschaftliches Essen, Musik, Sinnlichkeit – und nicht zuletzt rauchende, schlagfertige Frauen, die patriarchale Strukturen herausfordern.

So geht es zum Schluss auch nach dem Willen der Mutter, des einstigen Popstars Soraya (Nadine Labaki), die sich den idealistischen Vorstellungen ihres Ehemanns (Saleh Bakri) entziehen möchte. Nicht ganz zu Unrecht bezeichnet die Grossmutter ihren rebellischen Sohn als Faschisten – aber auch seine Position ist nachvollziehbar, wenn er sich als Vorbild für seine Töchter nicht bestechen lassen will und das mit Herz und Schweiss aufgebaute Zuhause verteidigt. An manchen Stellen tappt der Film zwar in bittersüsse Klischees, doch die Zerrissenheit der libanesischen Mittelschicht fängt er sehr gut ein. Seltsam nur, dass die Familie die Deponie nie zu riechen scheint – denn libanesische «landfills» sind mit ihrem Gestank kaum zu ertragen.  

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