Nr. 07/2022 vom 17.02.2022

Ein Tal wird gentrifiziert

Der Pharmakonzern Lonza in Visp wächst derzeit in einem atemberaubenden Tempo. Viele Folgen dieses Wachstums sind noch unvorhersehbar.

Von Martin Germann (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

Am Anfang war das Wasser. 1897 wurde in Saint-Maurice der heute als Lonza weltweit bekannte Konzern gegründet. Benannt nach dem Fluss, an dem in Gampel das erste Werk zu stehen kam: der Lonza, die vom Lötschental aus in die Rhone fliesst. Mit seinen quasi unerschöpflichen Reserven an Wasser lockte das Wallis bereits früh grosse Industriebetriebe in die Region. Lonza – anfänglich als «Elektrizitätswerk Lonza» – war einer davon.

Heute, mehr als 120 Jahre später, macht sich bemerkbar, dass Wasser eben doch keine unerschöpfliche Ressource ist. Zumindest dann nicht, wenn es mit dem Wachstum zu schnell geht. Das Lonza-Werk, bereits ab 1909 in Visp und nicht mehr in Gampel angesiedelt, ist in den letzten Jahren derart rasant gewachsen, dass weder die menschlichen noch die materiellen Ressourcen mithalten können. Dem Lonza-Werk in Visp und der Visper Gemeinde droht schlichtweg das Trinkwasser auszugehen. Deshalb wurde im vergangenen Sommer eiligst eine mehrere Kilometer lange Wasserleitung von Mund (Gemeinde Naters) bis nach Visp gezogen. Kostenpunkt: zehn Millionen Franken.

Das Beispiel zeigt zweierlei. Einerseits, dass Projekte im Wallis durchaus schnell vorangetrieben werden können, wenn es darum geht, den mit Abstand grössten Arbeitgeber der Region zufriedenzustellen. Andererseits, dass die Infrastruktur für die Menschen in dieser Region mit dem gigantischen Wachstum von Lonza nicht Schritt halten kann.

«Es herrscht derzeit eine Goldgräberstimmung», sagt Beat Jost. Heute kennt man ihn vor allem als Gemeindepräsidenten von Albinen, jenem Dorf, das mit seiner Wohnbauförderung weltweit Schlagzeilen machte (wer im Dorf ein Haus kauft oder baut, erhält von der Gemeinde Geld). Früher hat er als Gewerkschafter Lonza über Jahre hinweg begleitet und manchen Kampf ausgefochten, wie er heute sagt. Den aktuellen Boom betrachtet er mit grosser Sorge. «Es ist eine dramatische Entwicklung. Wir kommen wie die Jungfrau zum Kind – völlig unvorbereitet, auf was wir uns genau einlassen.»

Doch was passiert eigentlich gerade im Oberwallis, dieser kleinen Region, die als eine der strukturschwächsten der Schweiz gilt? Am 1. Mai 2020 unterzeichneten Lonza und der US-Biotechkonzern Moderna einen Vertrag: Lonza sollte den Wirkstoff für den mRNA-Impfstoff herstellen – und der Standort in Visp einen Teil der Produktion übernehmen. Es war der scheinbare Startschuss für den gigantischen Ausbau des Visper Werks. Die Grundlagen dafür schuf Lonza aber bereits Jahre zuvor.

Von drei Seiten ist Visp von Bergen umschlossen. Steigt man in die Höhe und richtet den Blick auf das Tal, werden einem die Dimensionen des Industriekomplexes erst so richtig bewusst. Lonza hat Visp fast verschluckt. Ins Auge stechen die zwei Ibex-Komplexe, ein dritter ist im Bau – riesige Schuhschachteln, in ihnen verpackt hochmoderne Bioproduktionsstätten. 2020 wurde der erste von ihnen fertiggestellt, kurz darauf stellte Lonza darin für Moderna bereits den ersten Impfstoff her. Die Jahre zuvor getätigten Investitionen hatten sich ausgezahlt.

Ein Städtchen im Wandel

Der Visper «Pürumärt» bringt das Lebensgefühl einer ganzen Region wie kaum eine andere Veranstaltung auf den Punkt. Am Pürumärt wird Raclette gegessen und Weisswein getrunken. Er ist seit Jahren der konstante Treffpunkt vieler Visper:innen am Freitagabend. Ein sich wöchentlich wiederholender gesellschaftlicher Anlass, an dem auch der Visper Gemeindepräsident Niklaus Furger regelmässig teilnimmt.

Zwei grundlegende Dinge haben sich in den letzten Jahren auf dem Pürumärt geändert: Es ist vermehrt Englisch zu hören. Und es wird immer mehr Bier statt Wein getrunken. Oder wie es Furger sagt: «Früher kannte ich auf dem Pürumärt siebzig bis achtzig Prozent der Leute. Heute sind es höchtens dreissig.» Die Demografie in Visp befindet sich also gerade in einem rasanten Wandel. Letztes Jahr ist der Ausländer:innenanteil auf 27 Prozent gestiegen. Vor zwei Jahren lag er noch bei 23 Prozent. In den anderen grossen Talgemeinden Brig-Glis und Naters liegt er unter 20 Prozent.

Ja, der Wandel gehe schnell voran, vielleicht zu schnell, sagt Furger. «Aber es ist so, wie es jetzt nun mal ist. Ich kann diese Veränderungen nicht stoppen. Es gilt, so gut wie möglich mit diesen Herausforderungen umzugehen.» Gerade hinsichtlich der vielen Expats, die nun nach Visp ziehen, zeigt sich Furger zuversichtlich. «Visp hat eine lange Geschichte der Integration. Auch schon früher kamen viele Lonza-Kader von ausserhalb des Kantons. Weil die Distanzen zu gross waren, haben sie hier gelebt und selbst Massnahmen unternommen, um sich zu integrieren. Sie haben Vereine gegründet und das Schwimmbad gebaut.» Dadurch sei etwas entstanden, das der Visper Gemeindepräsident einen ganz eigenen Visper Geist nennt. Dieser sei geprägt von Weltoffenheit.

Gabriela Kunz* kann das bestätigen. Vor knapp einem Jahr ist sie aus Deutschland als Angestellte von Lonza ins Wallis gekommen. «Gerade die Arbeitskolleg:innen waren von Anfang an sehr offen und freundlich.» Sie sehe aber auch, wie stark sich Visp nur schon in diesem Jahr verändert habe. Trotzdem schätzt sie die Lebensqualität: «Die Natur und die Leistungen durch die Lonza werten das Leben im Wallis stark auf. Ich merke aber auch die Überarbeitung durch das rasche Wachstum.» Das Arbeitspensum sei enorm, manchmal bliebe einem kaum mehr Freizeit.

Doch selbst wenn das Bemühen zur Integration beidseitig da ist: Allein mit gutem Willen lassen sich die Probleme, die das schnelle Wachstum mit sich bringt, nicht bekämpfen. 2000 Stellen hat Lonza in den letzten zwei Jahren in Visp neu geschaffen. Für eine Region wie das Oberwallis mit knapp über 80 000 Einwohner:innen ist das eine gewaltige Zahl. Und sie verändert die Wohngewohnheiten einer ganzen Region. «Die Deutschschweizer mögen darüber die Nase rümpfen, aber im Oberwallis war der Anteil jener mit Wohneigentum immer sehr hoch. Das gab der Region eine gewisse Form von Stabilität und Verankerung», sagt Beat Jost. Dadurch sei das Oberwallis für Spekulant:innen, die nur auf eine hohe Rendite abzielten, lange Zeit auch gar nicht attraktiv gewesen. Jetzt passiere das Gegenteil: Alle drängen in den Oberwalliser Wohnungsmarkt, die Mietpreise explodieren – und damit auch die Wohnungspreise.

Eine WG für 4000 Franken

Die Entwicklung, dass zunehmend Pensionskassen den Wohnungsmarkt bestimmen, setzte bereits vor dem Lonza-Boom ein. Blickt man von oben herab ins Rhonetal, reiht sich in den drei grossen Talgemeinden Visp, Brig-Glis und Naters ein neuer Block an den anderen. Doch stand vor zwei Jahren noch die Frage im Raum, wer denn nun in diesen neuen, teilweise überteuerten Wohnungen leben solle, hat sich diese Frage inzwischen von selbst beantwortet. Mittlerweile ist die Nachfrage deutlich grösser als das Angebot. Die verzweifelte Situation von Wohnungssuchenden wissen einige Spekulant:innen auszunutzen. So machte der «Walliser Bote» Mitte November 2021 einen Fall publik, in dem eine Viereinhalbzimmer-Wohnung mit vier WG-Zimmern (ohne Wohnzimmer) für über 4000 Franken angeboten wurde. Das mag ein Extrembeispiel sein, doch der Wohnungsmarkt ist tatsächlich komplett ausgetrocknet.

Über kurz oder lang führen die stark steigenden Mietpreise zu einer Verdrängung von schlechter Verdienenden. Davon gibt es im Wallis zuhauf. Eine Auswertung von SRF Data aus dem Jahr 2019 zeigte auf, dass die Ungleichheiten innerhalb der Gemeinden in keinem Kanton so gross sind wie im Wallis. Sprich, es gibt einzelne reiche Personen und daneben viele unterbezahlt Arbeitende. Denn einerseits zieht der Tourismuskanton Vermögende an; andererseits ist der sehr grosse Tourismuszweig immer noch für seine tiefen Löhne bekannt. Auch die Oberwalliser Sozialdienste schlagen Alarm. Ende 2021 warnten sie, dass die berechneten Mietansätze für Sozialhilfebezüger:innen nicht mehr ausreichten. Für diese sei es praktisch unmöglich geworden, eine Wohnung zu finden.

Auch hier sieht Beat Jost ein Totalversagen der Politik: «Eine Walliser Wohnbaupolitik hat schlichtweg nie existiert. Alles wurde dem freien Markt und der Wucherei überlassen.» Die Konsequenzen tragen die sozial Schwächeren, die in den nächsten Jahren zunehmend aus den grossen Talgemeinden verdrängt werden. Die 700 Wohnungen, die momentan im Oberwallis gerade im Bau sind, dürften in erster Linie das obere Preissegment abdecken.

Walliser Parallelgesellschaften

Das dürfte früher oder später vermehrt zu einer Frustration in der Bevölkerung führen. Eine Entwicklung, die auch der Lötschentaler Ethnologe Werner Bellwald beobachtet. Das Wallis, sein Brauchtum, seine Bevölkerung und seine Industrie beschäftigen ihn seit Jahrzehnten. Über die aktuelle Entwicklung sagt er: «Ich fange an, einen gewissen Frust in den Gesprächen zu spüren. Der Frust richtet sich aber nicht gegen die Leute, die nun ins Wallis kommen. Eher verspüre ich ein grosses Missfallen gegenüber der Lonza selber und gegenüber den Miethaien, die nun versuchen, diese Situation auszunutzen.»

Bezüglich der Integration der Neuzuzüger:innen ist der Ethnologe deutlich weniger optimistisch gestimmt als der Visper Gemeindepräsident Niklaus Furger. «Seit mehr als hundert Jahren hat der Oberwalliser Kontakt mit Touristinnen und Touristen. Angesichts dessen sind wir aber leider ein merkwürdig ungastliches und unfreundliches Land geblieben. Ich weiss nicht, ob diese Leute, die nun ins Wallis kommen, es lustig haben werden.» Bellwald relativiert aber auch: Letztlich könne man auch gut nebeneinander leben. So würden es die Walliser:innen seit Jahrzehnten machen. «Wo auch immer die Walliser hingingen, überall haben sie Parallelgesellschaften aufgebaut. In quasi jeder Universitätsstadt gibt es bis heute Walliser Vereine.»

Sorgen bereitet ihm vielmehr die Monopolstellung von Lonza. Die grosse Abhängigkeit von einem einzelnen Industriebetrieb war immer die Achillesferse des ganzen Oberwallis. Aus nahezu jedem Bergdorf pendeln Schicht für Schicht Arbeiter:innen nach Visp. Kaum eine Familie, bei der niemand für Lonza arbeitet. Eine ganze Region ist mit dem Bewusstsein dieser Abhängigkeit aufgewachsen. Oder wie es Bellwald formuliert: «Wenn Lonza eines Tages schliesst, können wir das Oberwallis begraben.»

Entsprechend aufopferungsvoll kämpften das Oberwallis und seine Bevölkerung schon immer für ihren Lonza-Standort. Als Lonza 2012 ankündigte, 400 der 2700 Stellen in Visp zu streichen, war der Schock gross. Bereits damals litt das Werk nicht unter zu wenig Arbeit oder Aufträgen – der Stellenabbau sollte schlicht den Standort rentabler machen. Die Belegschaft zeigte sich kämpferisch, an einer Gewerkschaftsversammlung nahmen die Arbeiter:innen gar eine Resolution für einen allfälligen Warnstreik an. Der grosse Arbeitskampf aber blieb aus. Die Arbeiter:innen nahmen unter anderem zusätzliche Arbeitsstunden bei gleichbleibendem Lohn in Kauf, letztlich wurden weniger als 400 Stellen gestrichen.

Doch dann die grosse Wende: In nicht einmal zehn Jahren stieg die Zahl der Arbeitsplätze auf 6000, knapp 1500 davon für temporär Angestellte. Und noch immer investiert der Konzern weiter. Letztes Jahr hat Lonza weltweit 1,3 Milliarden Franken investiert. Ein nicht geringer Teil der Investitionen ging nach Visp.

Loch in der Gemeindekasse

Für die Gemeinde Visp bedeutet das indes, dass sie die zahlreichen Investitionen, die aufgrund des von Lonza befeuerten Wachstums nötig sind, selbst tragen muss. Zwei Jahre in Folge waren die Steuereinnahmen von Unternehmen deutlich kleiner als budgetiert. Auch dieses Jahr rechnet Visp mit roten Zahlen in der Gemeinderechnung. Weil Lonza in Visp so stark investiert, kann sie diese Beträge von den Steuern abziehen. Für die Gemeinde selbst bleibt kaum mehr etwas übrig. Die 677 Millionen Franken Konzerngewinn, die Lonza 2021 erzielte, werden woanders versteuert. Etwa in Basel, wo der Konzern seit 2002 seinen Hauptsitz hat.

Auch die Infrastrukturen der Oberwalliser Gemeinden stehen aufgrund dieses abrupten Wachstums vor grossen Herausforderungen. Die Wasserzufuhr ist nur ein Beispiel. Ein anderes ist die Visper Kindertagesstätte, die in den letzten vier Jahren dreimal ausgebaut werden musste. Momentan liegen Pläne für einen Kleinkindercampus vor.

Gerade angesichts dieser grossen Investitionen stellen die fehlenden Steuereinnahmen durchaus ein Problem dar. Die aktuelle Steuersituation mit Lonza sei sicher nicht erfreulich, bestätigt Gemeindepräsident Niklaus Furger. «Aber ich betrachte das auf einen längeren Zeitraum hin. Seitens der Lonza wurde uns versichert, dass die Steuerzahlungen in den nächsten Jahren wieder zunehmen werden.» Trotzdem hat Furger mittlerweile bei der kantonalen Steuerverwaltung und Lonza interveniert und sucht nach Lösungen, um das drohende Loch in der Kasse zu stopfen.

Lonza selber will sich nicht zu den vom Unternehmen bezahlten oder eben nicht bezahlten Steuern äussern. Auch eine Beteiligung an den Investitionen in den Oberwalliser Gemeinden stehe nicht zur Debatte. «Eine solche Investition erachtet Lonza als wenig zielführend, da eine bedürfnisgerechte Umsetzung bzw. ein nachhaltiger Betrieb nur durch die Gemeinden gewährleistet werden kann», schreibt der Konzern auf Anfrage. Er verweist stattdessen auf die 400 Millionen Franken an Gehältern und Sozialleistungen, die jährlich in Visp ausgezahlt würden. Hinzu komme der Kauf von Dienstleistungen und Produkten von Drittfirmen – dieser macht jährlich 100 Millionen Franken aus.

Der Konzern hütet sich also davor, Aufgaben zu übernehmen, für die Kanton und Gemeinden zuständig wären. Doch eben weil diese mit der Entwicklung nicht Schritt halten können, sieht Beat Jost eine grosse Gefahr für die Region: «Die Gefahr ist real, dass die Lonza ein Staat im Staat wird. Sie könnte so längerfristig eine derart dominante Rolle einnehmen, dass sie sich über das Gemeinwesen hinwegsetzt.» Allgemein sieht der ehemalige Gewerkschafter die Zukunft des Oberwallis alles andere als rosig: «Man will nicht wahrhaben, dass diese Entwicklung zu schnell geht. In fünf bis zehn Jahren können wir Bilanz ziehen. Dann sehen wir, wie viel blühende Gärten und wie viel verbrannte Erde wir haben. Ich befürchte, es wird viel verbrannte Erde sein.» Nicht ganz so pessimistisch ist Werner Bellwald. Er sieht in den vielen Neuzuzüger:innen auch einen Gewinn: «Viele werden das Oberwallis zwar wieder verlassen, aber einige werden hierbleiben und eine Bereicherung für uns als Gesellschaft sein.»

Auch Emma Bauer* ist vor knapp einem Jahr für eine Anstellung bei Lonza ins Wallis gekommen. Ob sie hierbleiben will, weiss sie noch nicht. Doch auch sie zeigt sich positiv überrascht: «Ganz so konservativ, wie es manchmal dargestellt wird, ist das Wallis nicht. Wenn ich ältere Erzählungen höre, denke ich, es hat sich viel geändert.» Ein Wandel, der durch neue Gesichter noch einmal schneller vorangehen könnte.

Wie es mit Lonza selber weitergeht, steht in den Sternen. Momentan scheint es, als ginge das Wachstum unvermindert weiter. Ob das Oberwallis und seine Bevölkerung diesem gewachsen sind, wird sich erst noch weisen müssen. Die Aufgaben werden nicht kleiner. Und hört man den Menschen zu, so scheint die Begeisterung über das Visper Jobwunder kleiner und kleiner zu werden. Dass es ohne Lonza aber auch nicht geht, mit dieser Gewissheit leben die Walliser:innen seit langem.

* Name geändert.

Lonza und die Chemie

Abfall aus einem ganzen Jahrhundert

Gegründet wurde Lonza im Oktober 1897 in Saint-Maurice als «Elektrizitätswerk Lonza». In seinen Anfangszeiten stellte das Unternehmen in Gampel vor allem Kalziumkarbid her. Den grössten Teil der Produktion exportierte Lonza nach Deutschland, wo das Kalziumkarbid meist zur Beleuchtung von Bahnhöfen und Zügen verwendet wurde. In der Folge weitete Lonza das Portfolio immer mehr aus, produzierte diverse chemische Stoffe und wurde Eigentümer zahlreicher Fabriken und Kraftwerke. 1972 wurde das erste Werk am namensgebenden Fluss Lonza definitiv geschlossen. Mit Visp blieb das Wallis aber ein wichtiger Produktionsstandort. Seit den siebziger Jahren beschäftigt Lonza allein dort über 2500 Angestellte.

In den letzten Jahrzehnten wandelte sich der Konzern vom Chemie- zum Pharmaunternehmen. Im Februar 2021 brach Lonza endgültig mit seinen Wurzeln: Der Chemiebereich wurde für 4,2 Milliarden Franken an die Finanzinvestoren Bain Capital und Cinven verkauft. Lonza begründete dies unter anderem mit der zu tiefen Rentabilität des Chemiebereichs. Gewerkschaften sahen den Verkauf an zwei Finanzinvestoren kritisch. Die Arxada AG, wie der einstige Chemiezweig nun heisst, erkennt die übernommenen Kollektivarbeitsverträge nicht an und weigerte sich Ende 2021, Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften zu führen.

Trotz des Verkaufs seines Chemiegeschäfts wird Lonza gewisse Altlasten nicht los. Auf der Deponie Gamsenried zwischen Brig und Visp liegen geschätzte drei Millionen Kubikmeter belastete Chemieabfälle aus dem letzten Jahrhundert. Die Deponie erstreckt sich über einen Kilometer und hat eine Breite von bis zu 450 Metern. Quecksilber, Benzidin und Benzol gefährden das umliegende Grundwasser. Lonza bezeichnet die Sanierung der Deponie als Generationenprojekt und hat dafür letzten Sommer 285 Millionen Franken zurückgestellt. Umweltverbände kritisieren die Summe als zu niedrig.

Martin Germann

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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