Nr. 11/2022 vom 17.03.2022

Mit der Wut im Bauch

Fred Baillif war Basketballer und Sozialarbeiter. Als Regisseur hat der Genfer gelernt, das Beste beider Welten zu vereinen. Sein dritter Spielfilm «La Mif» ist ein Wurf.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Sie spielen umwerfend, aber nicht etwa sich selbst: Alison (Amélie Tonsi, oben) und Audrey (Anaïs Uldry). Stills: Joseph Areddy

«Wenn ein Sozialarbeiter die Hälfte seiner Arbeitszeit in Sitzungen verbringt, läuft etwas falsch. Ich hab das überall erlebt, wo ich gearbeitet habe.» Laut wird Fred Baillif auch jetzt nicht, aber man hört die Wut in seinen Worten.

Eine Wut, die auch in seinem lauten, zarten, furiosen Spielfilm «La Mif» steckt, den der Regisseur jetzt auf Premierentour durchs Land begleitet. Ich treffe ihn in Delémont, die Woche davor war er in England. Das gibt es nicht oft bei Schweizer Filmen: Gleich in siebzig britischen Kinos ist «La Mif» gestartet, bei der Premiere in London sass Ken Loach im Saal. Baillif wirkt immer noch gerührt, als er das erzählt.

Der Genfer war einst Basketballprofi und Schweizer Nationalspieler, später Sozialarbeiter. Beides glaubte er, hinter sich zu lassen, als er als Autodidakt zum Film wechselte: «Ich war jung und stolz darauf, kein Sozialarbeiter mehr zu sein, sondern ein Filmemacher. Doch das war ein Fehler.» Erst mit der Zeit sei ihm nämlich klar geworden, dass es gerade diese Vorgeschichte ist, die seine Arbeit als Regisseur ausmacht – seine Erfahrungen in der Sozialarbeit, aber auch im Sport. «Basketball ist ein Spiel voller Regeln, aber auch eines, das viel Raum für Improvisation bietet.» Baillif war Aufbauspieler im Rückraum, Fachbegriff: Point Guard. Und seine Rolle als Regisseur sei heute eigentlich dieselbe wie damals als Basketballer: «Ich helfe ihnen, besser zu spielen.»

Er meint jetzt seine jugendlichen Spielerinnen in «La Mif», und die spielen tatsächlich umwerfend. Sie heissen Kassia Da Costa, Amélie Tonsi oder Joyce Esther Ndayisenga; Letztere ist Baillifs Patenkind, ansonsten hat er die meisten seiner Darstellerinnen in einem Jugendheim gecastet. Über zwei Jahre hinweg haben sie in Workshops gemeinsam mit dem Regisseur ihre Figuren entwickelt: «Es kursieren so viele Fantasien über das Leben in Jugendheimen. Ich wollte zeigen, wie es hinter den Kulissen abgeht.» Was man jetzt im Kino sieht, wirkt dabei nie wie filmische Sozialarbeit. Und auch wenn der 49-jährige Baillif der Vater seiner jugendlichen Hauptfiguren sein könnte: Ganz anders als etwa bei Larry Clarks «Kids» hat sein Blick in «La Mif» nie auch nur im Geringsten etwas Voyeuristisches.

Sex im Jugendheim

Die scheinbar ungefilterte authentische Kraft, für die der Film jetzt überall gefeiert wird, erklärt sich wohl nicht zuletzt aus dem Pakt, den Baillif seinem Cast von Anfang an klarmachte: Was sie hier machen, ist Fiktion. Das heisst, die Jugendlichen durften und sollten ihre volle Persönlichkeit in ihre Rolle einbringen, aber sie spielen nicht sich selber. Die Geschichten im Film sind nicht ihre eigenen – oder wenn doch, dann nur, wenn und so weit sie das ausdrücklich wollen.

Fred Baillif Foto: David Wagnières

Das ist auch deshalb entscheidend, weil «La Mif» nicht bloss um die grossen und kleinen Konflikte in einem Jugendheim kreist – wobei die Geschichten nicht chronologisch auf eine Story hin begradigt werden. Sie bleiben offen wie das Patchwork, das wir Leben nennen: Manche Szenen holen uns immer wieder ein, andere scheinen längst ausgespielt zu sein, bevor sie, teilweise eine Stunde später, mit einer weiteren Pointe aufwarten. Das Grundmotiv, immer wieder: Missbrauch. Die Geschichten beruhen auf Zeugnissen, die Baillif in seinem Umfeld gesammelt hat, nachdem ihm im Zuge von #MeToo eine ganze Reihe von Menschen, vor allem Frauen, von erlittenem Missbrauch berichtet hatten – die meisten davon in der eigenen Familie.

Der Film inszeniert diese Missbrauchserfahrungen nicht, er bringt sie zur Sprache. Die einzige kurze Szene aber, wo die Kamera einen sexuellen Missbrauch zeigt, macht auch klar: Die Frage, wann für wen ein Übergriff vorliegt, lässt sich nicht immer abschliessend klären. Da geht Audrey (Anaïs Uldry) mit einem Jungen aus ihrem Heim ins Bett – und als sie dabei von einer Heimpraktikantin erwischt werden, ruft diese streng nach Protokoll gleich die Polizei. Denn Audrey ist siebzehn, der Junge etwas mehr als drei Jahre jünger. Gesetzlich ist der Fall damit klar, da kann es noch so einvernehmlich gewesen sein zwischen den beiden.

Fragil heisst nicht debil

Dass bei der einen Sexszene im Film gleich die Polizei kommt: Daran kann man gut ablesen, wie Fred Baillif über die Angst der Heimverwaltungen vor der jugendlichen Sexualität denkt. Die verbreitete Vorstellung, dass es immer unweigerlich Opfer geben müsse, wenn es zwischen Jugendlichen in einem Heim zu Sex komme, findet er falsch und gefährlich. Er trifft sich darin mit Claudia Grob, seiner engsten Vertrauten und wichtigsten Inspiration für diesen Film. Grob war selber Heimleiterin, Baillif hat einst mit ihr gearbeitet, vor über 25 Jahren. In «La Mif» spielt sie nun Lora, die kurz vor ihrer Pensionierung nochmals zu ihren Schützlingen ins Heim zurückkehrt – nach einer Auszeit, nach einem Burn-out? Man weiss es zu Beginn nicht so genau. Aber man sieht es an ihrem leidenden Ausdruck: Diese Lora trägt ihren eigenen Ballast mit sich, der bei der Arbeit im Heim ihren Blick schärft, aber manchmal vielleicht auch trübt.

Es hat fast etwas Utopisches, wie «La Mif» gerade dank Lora auch die Generationen verbindet, ohne falsche Verschwisterungsgesten. Nur selten bleiben die Jungen ganz aussen vor, dann etwa, als Lora sich wegen des Zwischenfalls mit Audrey vor dem Stiftungsrat erklären muss. Baillif erzählt, er habe Claudia Grob angewiesen, sie solle in dieser Szene allen Frust über die institutionellen Zwänge loswerden, der sich in ihrem Berufsleben angestaut habe. Und als Lora sagt sie hier auch den besten Satz des Films: «Fragile, c’est pas débile.» Klar, die Jugend ist fragil, aber behandeln wir sie doch nicht so, als wäre sie schwachsinnig!

Die Jugendlichen nicht als Opfer zu behandeln, das war Baillif wichtig, bei der Arbeit am Film wie auch in der Fiktion: «Wir müssen aufhören, sie als Opfer zu sehen.» In solchen Heimen werde aber immer noch viel zu viel Geld in Schutzmassnahmen investiert und viel zu wenig in kreative Projekte. Die Angst in den Verwaltungen hat er auch selber zu spüren bekommen. Sie hätte den Film fast zum Scheitern gebracht, als es der neuen Leitung des Heims, wo Baillif drehen sollte, plötzlich nicht mehr geheuer war mit dem Film: «Sie haben uns die Tür zugeschlagen, zwei Wochen vor Drehstart.» Er fand dann kurzfristig ein anderes Heim, musste aber zwei Mädchen aus den Workshops ersetzen, weil ihm vom ersten Heim jeder weitere Kontakt zu diesen verwehrt wurde. Besonders absurd: Die gleiche Amtsstelle, die den Entscheid des ersten Heims stützte, bewilligte den Dreh im anderen. Baillifs Wut auf die Bürokratie hat das nicht gemildert.

Die können das besser

Hauptpreise an der Berlinale und an internationalen Festivals zwischen Antalya und Zürich, Kinoerfolg im Ausland, sechs Nominierungen für den Schweizer Filmpreis: Das alles muss jetzt eine Genugtuung sein für Fred Baillif, der mit seiner Arbeitsweise immer wieder am bürokratischen Geist der Förderstellen gescheitert ist, auch mit «La Mif». So gab es hier zwar ein Drehbuch, aber die Dialoge hatte Baillif eher pro forma ausgeschrieben, weil er wusste: Seine Darstellerinnen können das besser als er.

Auch seinen Titel hat der Film von ihnen. Wenn im Jugendslang Verlan die Silben vertauscht werden, wird «la famille» zu «la mif», so erklärt eine Figur im Film. Gemeint ist die Ersatzfamilie im Heim, diese zusammengewürfelte Gemeinschaft, die man sich, wie jede andere Familie, auch nicht aussuchen kann. Denn was hilft es, wenn in der «richtigen» Familie zwar die Silben am richtigen Ort sind, aber sonst umso mehr im Argen liegt?

Jetzt im Kino. Vorführungen mit dem Regisseur in: Zürich, Riffraff, 17. März 2022, 20.30 Uhr; Basel, Kultkino, 18. März 2022, 18.30 Uhr; Luzern, Bourbaki, 23. März 2022, 20.20 Uhr.

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