«L’évènement» : Halb verblutet neu geboren

Nr.  12 –

Ungewollt schwanger werden als lebensbedrohliches Tabu: Die beinahe magische Entschlossenheit der Protagonistin trägt die Verfilmung von Annie Ernaux’ wahrer Geschichte einer Abtreibung.

Was denn eigentlich ihr Problem sei? «La solitude», die Einsamkeit: Anamarie Vartolomei als Anne in «L’Évènement». Still: Frenetic

«Fehlgeburt». Als sie das erlösende Wort aus dem Mund des Arztes hört, fällt Anne in Ohnmacht – und die Leinwand erstrahlt für ein, zwei Sekunden in hellem Weiss. Eine plötzlich weisse Leinwand, das war im Kino auch schon Symbol für einen Orgasmus oder für den Tod. In Audrey Diwans Film «L’Évènement» markiert das Weiss die Neugeburt der Protagonistin. Oder wie es in der Romanvorlage von Annie Ernaux heisst: «Während vieler Jahre feierte ich die Nacht vom 20. auf den 21. Januar wie einen Geburtstag.»

Dass der Arzt für die halb verblutete, notfallmässig eingelieferte Frau die Diagnose Fehlgeburt fällt, ist im Frankreich der sechziger Jahre von immenser Bedeutung. Hätte er «Abtreibung» gesagt, wäre Anne angeklagt und wohl auch verurteilt worden, und diejenigen, die ihr dabei geholfen haben, gleich mit ihr: die Krankenschwester, die in ihrer kleinen, schäbigen Wohnung illegale Abtreibungen für 400 Francs durchführt; die Freundin im Schülerinnenwohnheim als zufällige Zeugin der Komplikationen; vielleicht auch der Bekannte, der die Behandlung vermittelt hat.

Mit ethnologischem Blick

Viele sind es also nicht, die näher in Annes lebensbedrohliches Drama eingeweiht sind. Denn sosehr man sich an Partys und in Freundinnenrunden in ungelenker Freizügigkeit übt, so verschlossen, ja feindselig werden die Gesichter, wenn auch nur die Möglichkeit einer ungewollten Schwangerschaft – als direkte Folge dieser Freizügigkeit – angedeutet wird. Einmal fragt eine männliche Zufallsbekanntschaft die stets etwas gedankenverloren wirkende Anne, was denn eigentlich ihr Problem sei. Ihre Antwort kommt ohne Zögern: «La solitude», die Einsamkeit.

Damit sind wir mittendrin in der Grundstimmung von Diwans Film, aber auch im singulären Universum der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux, die erst seit ein paar Jahren auch im deutschsprachigen Raum die Aufmerksamkeit und die Anerkennung erfährt, die sie verdient. Ihr Werk: eine parzellierende, tastende Erkundung des eigenen Lebens, aber nicht als eitle Nabelschau. Vielmehr seziert sie die eigene Herkunft aus einer Arbeiter:innenfamilie mit ethnologischem Blick und einem geschärften Sensorium für die sich überlagernden Stigmatisierungen von Klasse und Geschlecht.

Zu Schlüsselereignissen kehrt sie mehrfach zurück, so war auch die Abtreibung schon Thema ihres ersten Romans «Les Armoires vides» von 1974, wo die Prozedur einen traumähnlichen Rückblick auf ihr bisheriges Leben auslöst. In «Das Ereignis», das auf Französisch bereits 2000 erschienen ist, fasst sie die Erfahrung nochmals neu ein. Die ältere Autorin blickt quasi ihrem jüngeren Selbst über die Schultern und verwandelt die Tagebucheinträge von damals in den typischen, leicht abstrakten Ernaux’schen Realismus: eine Mischung aus nie ganz zu überwindender Fremdheit als Preis für eine unbestechliche Beobachtungstiefe.

Audrey Diwans in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter Film überträgt diese existenzielle Entrücktheit in eine zwingende Bildsprache. Die Kamera heftet sich hartnäckig ganz nahe an die hervorragende Hauptdarstellerin Anamarie Vartolomei, filmt über ihre Schultern, in ihr Gesicht. Vartolomeis wortkarge Anne wirkt dabei nicht gehetzt, sondern wächst an ihrer fast schon überirdischen Entschlossenheit. Auf gar keinen Fall will sie Mutter werden, nachdem sie sich dank intellektueller Leistungen einen Ausweg aus ihrem alten, engen Leben als Kleinkrämerstochter erarbeitet hat – ganz aus eigener Kraft.

Eingefrorene Gefühle

Auch mit der Abtreibung bleibt sie weitgehend auf sich allein gestellt. Unsolidarisch bis abweisend verhalten sich die Freundinnen. Sie wollen zwar tratschen, Annes Schulwissen anzapfen, aber wenn diese ihre Notlage auch nur andeutet, erstarren die Gesichter. Eine Abtreibung wäre ein Verbrechen, darüber wollen sie nicht reden: Das gesellschaftliche Tabu übersetzt sich umstandslos in eingefrorene Gefühle. Berechnend erscheinen dagegen gewisse Männer – mit einer Schwangeren kann man folgenlos Sex haben –, zugleich wirken sie irgendwie fasziniert: fast als ob Anne mit ihrer Entschlossenheit plötzlich mehr Subjekt und damit auch mehr eine von ihnen wäre. Eltern und Lehrer bleiben weitgehend ahnungslos. Als bereitwillige Vollstrecker eines unmenschlichen Gesetzes agieren die Ärzte. Einer von ihnen verschreibt Anne eine Injektion, «damit Sie Ihre Periode wieder kriegen». Im Nachhinein stellt sich heraus: Es war ein Mittel, um den Fötus zu stärken.

Die historischen Umstände kann man nachlesen. Im katholischen Frankreich war bis 1967 sogar die Empfängnisverhütung verboten, die Abtreibung bis 1975. Viele Frauen verbluteten auf den Küchentischen von «Engelmacherinnen» oder später zu Hause. Andere wurden ins Krankenhaus eingeliefert – und angeklagt. Anne kommt im letzten Moment zu einem klandestinen Abtreibungstermin. Die Krankenschwester muss die Tortur zweimal einleiten. In einem Interview sagt die Regisseurin von «L’Évènement», es gehe ihr «um eine Idee von Widerstand», um Menschen, die das Gesetz «in den Untergrund» zwinge. Ihr Film zeigt, was es für die Frauen bedeutete, in diesen Untergrund zu gehen – und in gewissen Ländern auch heute noch bedeutet.

Jetzt im Kino. Eine neue deutsche Übersetzung von Annie Ernaux’ Roman ist Ende 2021 unter dem Titel «Das Ereignis» bei Suhrkamp erschienen.

L’Évènement. Regie: Audrey Diwan. Frankreich 2021