Nr. 13/2022 vom 31.03.2022

Raum für Graustufen

Kultur wäre doch eigentlich fürs Differenzieren zuständig. Wie können westliche Häuser da angemessen auf den russischen Angriffskrieg reagieren – jenseits von pauschalen Boykotten und überstürzten Ausladungen?

Von Irène Unholz

Schon 2016 im Propaganda-Einsatz: Waleri Gergijew bei einem Auftritt mit einem Orchester aus St. Petersburg im syrischen Palmyra. Foto: Sergei Chirikow, Keystone

Eine Beschwerdeflut hat das philharmonische Orchester von Cardiff überrollt, nachdem es Tschaikowski aus dem Programm gestrichen hatte. Was in der Empörungswelle, die bis in zahlreiche Feuilletons überschwappte, unterging: In dem Programm waren Stücke mit militärischem Hintergrund wie die Ouvertüre «1812» vorgesehen, die mit Pomp und Kanonendonner den russischen Sieg gegen Napoleon zelebriert.

Es war ein Entscheid, wie ihn angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine in ähnlicher Form noch weitere internationale Orchester trafen. Doch in Cardiff zeugte er von einem Fingerspitzengefühl, wie es manch andere Kulturinstitution beim Versuch, ein Zeichen zu setzen, vermissen liess. Etwa jene Orchester in Mailand und München, die von ihrem Dirigenten Waleri Gergijew eine klare Distanzierung zu Putins Krieg forderten: Ob sie ernsthaft damit rechneten, dass er, der seit Jahren bereitwillig die Bühne der russischen Propaganda bespielt, sich von heute auf morgen für ein gegenteiliges Statement einspannen lässt?

Der plötzliche Druck auf Einzelpersonen russischer Herkunft wirkt hier vor allem wie ein Versuch der betreffenden Institutionen, ihr Gesicht zu wahren. Bis kürzlich kooperierte man ja gerne. Dies, obwohl Gergijew bereits die Annexion der Krim befürwortete oder zu Propagandazwecken für den russischen Kriegseinsatz in Syrien ein bildgewaltig inszeniertes Konzert in Palmyra dirigierte, nachdem der Islamische Staat von dort vertrieben worden war.

Vorsicht vor Putins Narrativ!

Gegenüber weniger bekannten russischen Kulturschaffenden wiederum wirken die aus westlichen Demokratien vorgebrachten Aufforderungen, sich von Putins Regime zu distanzieren, deswegen unverhältnismässig, weil sie oft jegliches Vorstellungsvermögen für die möglichen Konsequenzen vermissen lassen. Schlimmstenfalls: lebensbedrohende Repressionen, die sie dazu zwingen, ihr Land zu verlassen, die aber auch Angehörige treffen können.

Natürlich sind klare Positionierungen von Kulturschaffenden gegen den Krieg dringlich. Doch würde es ihre Aussagekraft nur steigern, wenn sie unaufgefordert und in selbstgewählten, notfalls auch versteckten Formaten erfolgen. Denn Kultur ist zwar politisch, zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass sie auch im Protest mehr Raum für Graustufen bietet als Politik. Die Lösung kann deshalb nicht sein, Kulturschaffenden mit russischer Staatsangehörigkeit einfach grundsätzlich die Plattformen zu entziehen.

Die ukrainische PEN oder auch die ukrainische Filmakademie forderten hingegen dazu auf, russische Kultur komplett zu boykottieren. Eine absurde Wendung nahm dabei die Geschichte des ukrainischen Regisseurs Sergei Loznitsa, bekannt für seine Dokumentarfilme «Maidan» und «Donbass». Loznitsa war zunächst aus Protest aus der Europäischen Filmakademie ausgetreten, weil diese sich nicht rasch und ausdrücklich genug gegen den Angriffskrieg ausgesprochen hatte. Doch weil er sich dann ebenso deutlich dagegen aussprach, sämtliche russischen Filmemacher:innen zu boykottieren, wurde er seinerseits aus der ukrainischen Filmakademie ausgeschlossen.

Ausserhalb der Ukraine ist man sich weitgehend darüber einig, dass solche pauschalen Boykotte nicht nur diskriminierend wären, sondern auch Putins Narrativ eines russlandfeindlichen Westens stützen würden. Auch die Kartause Ittingen im Thurgau bedauert es im Nachhinein, die russische Cellistin Anastasia Kobekina ausgeladen zu haben, wie der Autor Alexander Estis auf dem WOZ-Blog zum Krieg gegen die Ukraine darlegt (www.woz.ch/ukraine). Begründet hatte das Kulturhaus seine Ausladung damit, dass man weder die Nähe von Musizierenden zu Kriegsverantwortlichen einschätzen könne, noch sie zu Statements drängen wolle. Das mutet nicht zuletzt deshalb reichlich ungeschickt an, als Kobekina die Einnahmen aus einem anderen Konzert in die Ukraine spendet.

Wie entscheiden?

Das Unbehagen der Kartause Ittingen, was eine Überprüfung von Künstler:innen und ihrer Einstellung angeht, ist dennoch nachvollziehbar. Doch dieser Herausforderung muss sich der Westen stellen, wie die in Moskau geborene Kuratorin Ekaterina Degot gegenüber dem Kunstmagazin «Monopol» sagte: «Es bereitet Kopfzerbrechen, zu prüfen, wen man einlädt und wen nicht, aber es ist notwendig, und die Positionen sind durch die sozialen Medien jetzt transparent.»

Degots Vorschlag: Jede Institution brauche jetzt spezielle «Russlandberatende». Bei politisch feinfühligen russischen Intellektuellen sei eine solche «Überprüfung» ohnehin länger schon gängige Praxis. Einige russische Kulturschaffende kommen den westlichen Institutionen auch zuvor. So sagten Alexandra Sukharewa und Kirill Sawchenkow freiwillig ihre Teilnahme an der Kunstbiennale in Venedig ab, wo sie den russischen Pavillon bespielen sollten.

Viele Museen, Filmfestivals und Buchmessen ziehen sich derzeit von ihrer Zusammenarbeit mit staatlichen, kremlnahen Institutionen und Delegationen zurück. Das ist ein Weg, den auch Degot befürwortet. Zugleich gibt sie zu bedenken, dass es auch Putin in die Hände spiele, wenn ausländische Kulturinstitutionen ihre Aktivitäten in Russland einstellen würden – weil dadurch der Zugang zu fremder Kultur erschwert würde.

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