Nr. 17/2022 vom 28.04.2022

Mit Drohnen und Tausenden Raketen

Erneut hat die türkische Armee eine Offensive gegen die kurdische PKK im Norden des Irak gestartet. Seit der Konflikt vor sieben Jahren wieder ausgebrochen ist, wandert dessen Schwerpunkt von Land zu Land – und trifft jeweils die Zivilbevölkerung am härtesten.

Von Meret Michel

Operation «Krallenschloss»: Das türkische Verteidigungsministerium veröffentlichte am 18. April ein Video eines Angriffs auf Stellungen der PKK im Nordirak. Still: Reuters

Der Berg Sindschar ragt einsam aus der wüsten Ebene im Nordwesten des Irak empor, unweit der Grenze zu Syrien. 2014 wurde er für Tausende Jesid:innen, die vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) flohen, zum Refugium. Fünf Jahre später, als wir auf einer Recherchereise den Sindschar besuchten, lebten viele von ihnen noch immer in Zelten auf der Hochebene; ihr Alltag war geprägt vom Trauma – und von der Angst, abermals angegriffen zu werden.

Inzwischen aber fürchteten sie sich nicht mehr einzig vor dem IS. Zu jenem Zeitpunkt bombardierte nämlich die türkische Luftwaffe wiederholt Einrichtungen der YBS, der jesidischen Miliz, die mit der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei (PKK) verbündet ist.

Zersplittertes Kurdistan

Seit Jahren greift die Türkei immer wieder Ziele im Nordirak an: im östlich gelegenen Kandilgebirge an der Grenze zum Iran, im Grenzgebiet zur Türkei, in Sindschar. Seit 2020 haben die Streitkräfte ihre Angriffe im Rahmen von zwei Militäroperationen nochmals massiv ausgeweitet: Allein im Jahr 2021 flogen sie 1200 Luftangriffe im Nachbarland. Nun hat die Türkei letzte Woche mit der Operation «Krallenschloss» erneut einen Angriff auf nordirakische Stellungen der PKK gestartet, offenbar mit dem Ziel, dieser den Zugang zur Türkei vollständig abzuschneiden.

Für die Geflüchteten auf dem Berg Sindschar waren die türkischen Angriffe damals ein weiterer Beleg dafür, dass die Welt sie im Stich gelassen hatte. Die Situation zeigt aber auch die grossen Kreise auf, die der Krieg zwischen der türkischen Regierung und der PKK inzwischen zieht. 2015 flammte der jahrzehntealte Konflikt wieder auf, nachdem eine Waffenruhe gebrochen worden war – und damit die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden. Zahlreiche kurdische Städte im Südosten der Türkei wurden von den Streitkräften angegriffen; die PKK verübte Anschläge auf die Armee. Tausende Menschen starben, darunter Hunderte Zivilist:innen. Hunderttausende Kurd:innen wurden vertrieben.

In der Folge verlagerte sich der Schwerpunkt des Kriegs: vom Südosten der Türkei in die Nachbarländer Irak und Syrien. Viele hochrangige PKK-Mitglieder zogen sich in den Nordirak zurück. Schon seit ihrer Gründung in den siebziger Jahren hat die Miliz ihren Hauptsitz im Kandilgebirge. Im benachbarten Syrien beherrscht seit 2012 die mit der PKK verbündete Partei PYD grosse Gebiete im Nordosten des Landes; in mehreren Angriffen eroberten von der Türkei kontrollierte syrische Milizen Teile Rojavas, wie Kurd:innen die Region nennen – mit dem erklärten Ziel, eine «Pufferzone» an der türkischen Grenze zu etablieren.

In der Autonomen Region Kurdistan im Norden des Irak ist ausgerechnet die herrschende Demokratische Partei Kurdistans (KDP) eine enge Verbündete der türkischen Regierung. Die Türkei ist deren wichtigster Wirtschaftspartner: 1500 türkische Firmen sind im kurdischen Nordirak ansässig, die Türkei investiert in die lokale Infrastruktur und ist gleichzeitig zentraler Umschlagplatz für kurdisches Öl und Gas.

Keine militärische Lösung

Noch 2014 war der damalige Präsident der Autonomen Region Kurdistan, Massud Barsani, der PKK wohlgesinnt – er dankte ihr persönlich für ihren Einsatz im Kampf gegen den IS. Doch das hat sich geändert. 2020, als die Türkei ihre Militäroperation auf Ziele der PKK flog, rief er diese auf, aus Kandil abzuziehen. Die KDP unterstützte den türkischen Angriff mit Informationen über Bewegungen der PKK-Miliz – und diese wiederum griff daraufhin zweimal die Pipeline zwischen dem Nordirak und der Türkei an. Auch ein Kämpfer der irakisch-kurdischen Peschmerga wurde bei einem PKK-Angriff getötet.

Leidtragende des Konflikts sind die Menschen der Zivilbevölkerung. Während die türkische Regierung gerne die angebliche Präzision ihrer Drohnenangriffe betont, gibt es Berichte über Dutzende zivile Todesopfer. Bäuer:innen verloren ihre Lebensgrundlage, weil die Luftangriffe sie von der Arbeit auf den Feldern abhalten. Der PKK wiederum warfen Menschenrechtsorganisationen wiederholt vor, Kinder zu rekrutieren – was die Miliz abstreitet.

Auch wenn die PKK im Irak unter Druck steht, ist sie dadurch nicht existenziell bedroht. Dank ihrer neu entwickelten Drohnen gelang es der türkischen Armee zwar, bei ihren Angriffen Hunderte PKK-Mitglieder zu töten – unter ihnen zahlreiche hochrangige Kader, wie die Regierung verlauten lässt. Doch das führe nur dazu, dass die PKK stattdessen ihren Einfluss in Syrien ausweite, schreibt der kurdische, in London und Erbil ansässige Analyst Abdulla Hawez. Letztlich liege die Lösung des Konflikts trotz der zahlreichen Kriegsschauplätze an seinem Ausgangspunkt: Es gehe um die Stellung der Kurd:innen in der Türkei, so Hawez.

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