Nr. 17/2022 vom 28.04.2022

Mit starken Worten gegen das Unrecht

Vor fünfzig Jahren enthüllte Hans Caprez den Skandal um die rassistischen Kindswegnahmen bei den Jenischen. Das dunkle Feld der Schweizer Geschichte ist bis heute nicht vollständig ausgeleuchtet. Zu Besuch bei einem unbequemen Rechercheur.

Von Andreas FagettiMail an Autor:in (text) und Ursula Häne (Foto)

«Ich war ein ehrgeiziger Journalist», sagt der 82-jährige Hans Caprez.

Wer Hans Caprez besuchen will, muss in Chur in die Rhätische Bahn steigen. Die Zugfahrt führt entlang des mäandernden Vorderrheins. Der Fluss hat sich tief in die Landschaft gegraben und bizarre Felsformationen herausgeschliffen. Castrisch liegt eine Station vor Ilanz, am Fuss steiler Abhänge. Nach dem Halt auf Verlangen steigt man aus dem Zug – und taucht ein in eine unwirkliche Stille.

Etwa 400 Menschen leben hier, abseits vom Trubel der urbanen Schweiz. Auch Caprez ist vor zehn Jahren in sein Heimatdorf zurückgekehrt; seine Wohnung liegt nur zwei Gehminuten vom Bahnhof entfernt. In Castrisch hatte er seine Jugend verbracht, im Bündnerland arbeitete er einige Jahre als Primarlehrer. 1968 stieg er beim «Neuen Bündner Tagblatt» schliesslich in den Journalismus ein.

Inzwischen ist Hans Caprez 82 Jahre alt, aber immer noch ein hellwacher Zeitgenosse. Wir trinken Kaffee und plaudern. Dann steht er vom Tisch auf, verschwindet für einen Moment im Halbdunkel der Wohnung und kehrt mit seinem Laptop zurück. Unter dem Titel «Jemand muss das schreiben» hat ihn Radiotelevisiun Svizra Rumantscha vor zwanzig Jahren porträtiert. Caprez spielt die Sendung ab. So muss er seine Geschichte, die er schon oft erzählt hat, nicht nochmals im Detail wiederholen.

Das Ende des «Hilfswerks»

Der Zuschauer sieht zunächst einen Einspieler in Schwarzweiss: Aufnahmen aus einer Redaktionssitzung aus dem Jahr 1977. Der junge Caprez berichtet von schlimmen Zuständen in einem Heim, von Kindern, die brutal geschlagen würden. Es ist eine emotionale Ansprache an die Redaktionsrunde. «Bei mir ist alles bereit», sagt er, «wir könnten morgen publizieren. Und es stellt sich jetzt die Frage, ob wir direkt publizieren oder ob wir nochmals die berühmte Gegenseite anhören sollen. Ich bin dagegen, weil ich weitere Verschleppungen in dieser Frage nicht mehr hinnehmen möchte.» Die Geschichte sei wasserdicht, er könne alle Vorwürfe belegen.

Als der Film zu Ende ist, steht Caprez nochmals auf. Als er sich wieder setzt, hält er eine Schrift der Stiftung Robert F. Kennedy Human Rights in der Hand: «Menschenrechtsaktivisten, die unsere Welt verändern», so der Titel. Neben dem tschechischen Dissidenten Vaclav Havel, dem Dalai Lama oder Martin Luther King kommt auch Hans Caprez selber vor. «Da gehöre ich eigentlich nicht hinein», sagt er. Auch im Porträt des romanischen Fernsehens komme er zu gut weg. Und doch schmeichelt es wohl seiner Journalistenseele. «Natürlich bin ich auch eitel, und ich war ein ehrgeiziger Journalist.»

Der junge Caprez fiel bereits beim «Neuen Bündner Tagblatt» mit unbequemen Recherchen auf. 1970 wechselte er zum «Beobachter» nach Basel. Er schrieb fortan Jahr für Jahr Enthüllungsgeschichten und lebte dem Motto der Zeitschrift nach: «Stark für die Schwachen». Er berichtete über das dubiose Finanzgebaren und nicht gerade ideale Innenleben einer der idealistischen Kooperativen von Longo maï, er erzählte die Geschichte von Paul Meisser, der im Kantonsspital Chur gegen seinen Willen kastriert wurde – angeblich, um die soziale Integration des jungen Mannes zu erleichtern. Aber Caprez’ Name wird mit einer Geschichte verbunden bleiben, die er 1972 ans Licht der Öffentlichkeit brachte und mit der er Mediengeschichte schrieb.

Im Spätherbst 1971 war in seinem Basler Büro eine aufgebrachte Mutter aufgetaucht. Was sie ihm mitteilte, hatte Caprez bis dahin nicht für möglich gehalten: Der Frau waren ihre fünf Kinder weggenommen worden. Zunächst glaubte der Reporter, es handle sich um einen Einzelfall. Im Zuge seiner Recherchen fand er aber weitere Mütter, denen das Gleiche widerfahren war. Es waren alles Frauen, die der jenischen Minderheit angehörten.

Das Vorgehen hatte System, insgesamt waren rund 600 Kinder betroffen. Dafür verantwortlich: die Aktion «Kinder der Landstrasse». Das «Hilfswerk» hatte die angesehene Stiftung Pro Juventute 1926 ins Leben gerufen. Kopf und Antreiber der Aktion war Alfred Siegfried. Der Rassist und Fanatiker war auch ein verurteilter Sexualstraftäter. Sein Programm formulierte er so: «Wer die Vagantität erfolgreich bekämpfen will, muss versuchen, den Verband des fahrenden Volkes zu sprengen, er muss, so hart das klingen mag, die Familiengemeinschaft auseinanderreissen.» Siegfried führte über Jahrzehnte einen Zerstörungsfeldzug gegen die jenische Minderheit, getragen von Politikern bis hinauf in den Bundesrat, gedeckt von Richtern, Kirchenleuten und Behörden.

Als der «Beobachter» die Geschichte publizierte, erntete er einen Sturm der Entrüstung: 6000 Leser:innen bestellten das Abo ab. «Ohne einen standfesten Verleger wäre es nicht gegangen», erinnert sich Caprez. 47 Jahre nach der Gründung der Aktion hatten die Kindswegnahmen endlich ein Ende. 1973 wurde das «Hilfswerk» aufgelöst. Strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen wurden die Verantwortlichen allerdings nie.

Die Rolle der Justiz

In den fünf Jahrzehnten seit der Enthüllung ist dennoch viel passiert. Die Jenischen sind mittlerweile von der Schweiz offiziell als Minderheit anerkannt. Eines der unrühmlichsten Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte ist historisch weitgehend aufgearbeitet. Es sind zahlreiche historische Studien erschienen, etwa die umfangreiche Arbeit der Historikerin Sara Galle unter dem Titel «Kindswegnahmen». Und auch literarisch ist das Thema verhandelt worden: von den Schriftstellerinnen Isabella Huser und Mariella Mehr oder dem Publizisten und Schriftsteller Willi Wottreng, der inzwischen Geschäftsführer der Fahrendenorganisation Radgenossenschaft der Landstrasse ist.

Diesen Monat widmete das St. Galler Konzertlokal Palace der Geschichte der Aktion «Kinder der Landstrasse» vier Abende. Auf einer Podiumsveranstaltung wurde dort auch auf diverse Leerstellen in der Aufarbeitung hingewiesen, etwa in Schweizer Schulen: «Diese Geschichte kommt zwar im Unterricht gelegentlich vor, ein offizielles Lehrmittel gibt es aber nicht. Noch nicht. Ich kann aber so viel sagen: Eine von uns initiierte Arbeitsgruppe arbeitet zusammen mit der Pädagogischen Hochschule Zürich daran», sagt Radgenossenschaft-Geschäftsführer Wottreng.

Auf die Frage, ob die rassistischen Kindswegnahmen Protest ausgelöst hätten, sagt er: «Es ist wichtig zu wissen, dass sich praktisch alle jenischen Familien mit Händen und Füssen dagegen wehrten.» Auch der Widerstand bei vielen Erzieher:innen sei gross gewesen. «Sie haben nicht eingesehen, weshalb Kinder aus ihren Familien herausgerissen werden sollten.»

Auch für Uschi Waser ist die Geschichte noch nicht vollständig ausgeleuchtet. Die Präsidentin der Stiftung Naschet Jenische ist mittlerweile 69 Jahre alt. Als Kleinkind wurde auch sie ihrer Mutter weggenommen und in ein Kinderheim gesteckt: der Anfang einer schmerzhaften Odyssee. Waser wurde insgesamt rund fünfzigmal umplatziert. Abgeschlossen sei das Kapitel erst, wenn auch die Rolle der Schweizer Justiz aufgearbeitet sei, sagt Waser. Sie kennt die missbräuchliche Vorgehensweise der Behörden aus eigener Anschauung und kann sie dank ihrer persönlichen Strafakten belegen.

Ende der achtziger Jahre hatte sie Einsicht verlangt und die Originalakten erhalten. Zurückgegeben hat sie diese nie. Sie spreche die Rolle der Justiz bei jeder Gelegenheit an, in ihren Vorträgen, auch vor Politiker:innen oder Journalist:innen, so Waser. «Es nicken jeweils alle verständnisvoll. Aber es passiert nie etwas. In einem SRF-Interview habe ich hauptsächlich darüber geredet. Gesendet wurde es nicht.» Über die Rolle der Justiz hülle man den Mantel des Schweigens. «Das geht überhaupt nicht. Das ist nicht nur für jenische Menschen von Bedeutung, sondern auch für alle administrativ Versorgten.»

Der Ausstieg aus dem Beruf

So wie Uschi Waser sieht es auch Hans Caprez. Noch gebe es offene Fragen, sagt er. So hätten bekannte Schweizer Klinikleiter mit pseudowissenschaftlichen Studien über Jenische die Tätigkeit des «Hilfswerks» legitimiert. Auf solche Studien beriefen sich auch die Nazis. «Wären sie in die Schweiz einmarschiert, hätten sie im ‹Hilfswerk› eine Basis für die Vernichtung der Jenischen vorgefunden und das wohl bestimmt gleich ins Werk gesetzt.» Die Geschichten und die Schicksale belasteten ihn zusehends. Druck und Erwartungshaltungen, auch die eigenen, setzten ihm zu.

1998 – mit 58 Jahren – kehrte Caprez dem Journalismus den Rücken, zog sich mit seiner Lebenspartnerin ins Piemont zurück. Auf einem abgelegenen Hof bauten sie Früchte und Gemüse an und pflegten eine Haselnussplantage. Im eingangs erwähnten Film äussert sich Caprez auch zu seiner Auffassung von Journalismus: «Wenn du die schwachen Leute für einen Artikel benutzt, kannst du sie nicht auf halber Strecke zurücklassen und so tun, als würden sie dich nichts mehr angehen, und einer neuen Story hinterherrennen.» Das seien Menschen, die einen ein ganzes Leben lang begleiteten. «Es ist nicht so, dass du als Journalist nur gibst. Du bekommst auch etwas zurück, selbst wenn dabei kein Artikel herausschaut.»

Heute, zwanzig Jahre später, fasst er dasselbe Credo in andere Worte: «Für mich ist die Liebe zu den Menschen als Antrieb wichtiger als der Kopf. Das kommt im heutigen Journalismus zu kurz.»

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