Das Klima der Geschichte : In unmenschlichen Grössen denken

Nr. 18 -

Wie kann der Planet bewohnbar bleiben? Der indische Historiker Dipesh Chakrabarty versucht in seinem neuen Buch, eine Zukunft für uns Menschen zu skizzieren – jenseits von alten Machtinteressen und Denktraditionen.

Der jüngste Bericht des Weltklimarats verheisst nichts Gutes: Die Hälfte der Menschheit wird der Klimakrise schutzlos ausgeliefert sein. Deren Folgen wie Hitze, Dürren und Fluten holen ärmere Menschen stärker ein als wohlhabendere. Verlieren werden wir alle. Die «Knospen, die die Technosphäre mittlerweile auf der Biosphäre getrieben hat, sind parasitär», zitiert der in Kolkata geborene und derzeit in Chicago lehrende Historiker Dipesh Chakrabarty den Geologen Mark Williams. Minen, Bohrlöcher und Ähnliches reichen inzwischen in tiefste Gesteinsmassen der Erde und in die Meereswelt, sodass sich die Spuren und die Abfälle auch in die geologische Zeit der Erde einschreiben.

Auf diese im «Anthropozän», dem wesentlich vom Menschen beeinflussten Erdzeitalter, beginnende neue Durchlässigkeit zwischen globaler und geologischer Zeit verweist schon der irritierende Titel von Chakrabartys Buch: «Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter». Die globale Zeitlichkeit bezieht sich auf den menschlich-historischen Zeit- und Erfahrungshorizont, planetarische Prozesse folgen Zeitrhythmen von unmenschlicher Grössenordnung. Doch erstmals in der Geschichte besitzt der Mensch die Handlungsmacht, die ihn befähigt, in die Geschichte des Planeten einzugreifen. Damit stösst er gleichzeitig an die Grenzen des Politischen: Er ist zum irreversiblen geologischen Handlungsträger geworden, unabhängig von politischen Systemen, in deren Rahmen er handelt.

Ein neues Denken

Schon alleine sein massenhaftes Dasein, verbunden mit nachvollziehbaren Bedürfnissen nach Sicherheit und Freiheit, lässt den Menschen zu einem Räuber werden, der alle anderen Arten bedroht. Das mache die humanistische Unterscheidung von Natur- und Menschheitsgeschichte, so Chakrabarty, hinfällig und fordere dazu heraus, die anthropozentrischen Vorstellungen des Menschen von der Erde zu revidieren. Deshalb müsse die Kritik an der kapitalistischen Globalisierung mit der Gattungsgeschichte des Menschen «ins Gespräch» gebracht werden.

Chakrabarty geht es um einen grundlegenden Paradigmenwechsel der Perspektiven. Als Historiker tritt er in einen fruchtbaren Dialog mit den Spezialist:innen der Erdsystemwissenschaft (ESS), die – als Protagonist:innen der Nasa im Kampf ums All während des Kalten Krieges – zu Geburtshelfer:innen des neuen Denkens wurden und uns die Zeitdimensionen des Planetarischen und der «Andersheit» des Planeten näherbrachten. Die grossflächig ausgebreiteten Fakten führen vor, weshalb Massnahmen, die nur dem Prinzip der Nachhaltigkeit folgen, im geologischen Massstab fehlgehen müssen: Denn «für die menschlichen Bedürfnisse ist der Planet viel zu langsam». Die begrenzten politischen Zeitpläne und angenommenen Risikorechnungen sind hilflos gegenüber der abnehmenden «Bewohnbarkeit» der Erde, die Chakrabarty, statt Nachhaltigkeit, als Massstab unserer Überlegungen vorschlägt.

Gleichzeitig macht die Erdwissenschaft aber auch deutlich, dass dem Planeten der Mensch gänzlich gleichgültig ist: Menschen seien eher «Gäste auf Durchreise als gastgebende Besitzer». Sie seien in der planetarischen Evolution viel zu spät gekommen, und ihr «überhasteter Aufstieg an die Spitze der Fleischfresser» habe sich als fatal erwiesen. Auch gebe es keinen Beweis dafür, wird ein weiterer Geologe, David Archer, zitiert, «dass die Welt speziell für uns geschaffen wurde», auch wenn wir uns das einbilden und danach handeln.

Kaum Ausweichmöglichkeiten

Chakrabarty, der viel über Kulturimperialismus und Postkolonialismus geforscht hat, ist sich indessen auch bewusst, dass gerade Schwellenländer wie Indien, aber auch die Staaten auf dem afrikanischen Kontinent ein Interesse an nachgeholter Entwicklung haben. Viele seiner anschaulichen und teilweise anekdotischen Erzählungen beziehen sich immer wieder auf seine indische Heimat, insbesondere Kolkata. Wie soll man Menschen dort erklären, dass sie zwar besonders unter der Klimakrise zu leiden haben und unter den gegebenen Lebensbedingungen kaum Ausweichmöglichkeiten haben, aber keine Klimaanlage kaufen sollen, weil das klimaschädlich ist? Ist es unter diesen Umständen nicht legitim, wenn sich Indien um Aufschub beim FCKW-Verbot bemüht?

Dass die Dekolonialisierung eine ungeheure Beschleunigung und den Sprung ins Anthropozän mit sich gebracht hat, kann nicht denen angelastet werden, die mit dem Westen um Klima- und Konsumgerechtigkeit streiten, sondern höchstens denjenigen, die dieses falsche Moderneversprechen gaben. Die Krux aber ist: Dieses Streben macht die Welt vielleicht «egalitärer und gerechter, aber die Klimakrise wäre grösser». Chakrabarty plädiert deshalb auch als Historiker schon seit längerem für eine «Provinzialisierung der Moderne» und für die Verabschiedung von deren Massstäben.

Die Bewohnbarkeit der Welt, die der Autor als Massstab vorschlägt, bedeutet aber auch eine gerechte Verteilung über die Arten hinweg. Wilde Kamele dürften dann nicht mehr – wie 2019 in der Dürrekrise in Australien – in der Konkurrenz um Wasser massenhaft getötet werden. Und selbst mit Mikroben, die die Biomasse des Menschen um ein Vielfaches übersteigen, müsste sich der Mensch bewusst in eine Art Netzwerkkooperation begeben. Hier gibt es deutliche Anschlüsse an den französischen Wissenssoziologen Bruno Latour. Ein Gespräch zwischen Chakrabarty und Latour beschliesst denn auch das Buch. Die beiden erörtern, wie die «Krise des Anthropozäns» mit der «Rückführung des Menschen auf seine Kreatürlichkeit» in eine Ordnung übergeht, «die nicht notwendig vom Menschen dominiert wird». Als ein Symbol für diese neue Durchlässigkeit wird der abstrakte Körper der indischen Dalit, der «Unberührbaren», vorgestellt, zwischen zwei Denktraditionen stehend und vernetzt mit anderen Lebensformen.

Aber auch wenn Chakrabartys Forderung einer neuen «Ehrfurcht» am Ende fast religiös anschlägt, ist er Realist genug, um die Notwendigkeit des Politischen unbedingt einzuräumen. Die Überschreitung der ökologischen Grenzen verlange ebenso, «die Ungerechtigkeit zwischen den Menschen heranzuzoomen», als uns auch so weit zu distanzieren, dass wir das Leid der anderen Arten und das des Planeten im Blick behielten. «Das Politische aufzugeben, kann sich der Mensch nicht leisten», doch es «gibt kein Aussen mehr». Hier kommen für Chakrabarty die Geisteswissenschaften ins Spiel, die sich in diese anderen hineinzuversetzen vermögen. Zwar seien wir nicht in der Lage, alle Wissensformen der «Erdgebundenen» zusammenzuführen, «aber ohne Zweifel können wir uns selbst und die Geschichte des Menschen aus vielen Perspektiven gleichzeitig betrachten». Und diese Geschichte beschränke sich eben nicht auf 500 Jahre Kapitalismus.

Nicht nur das Klima

An manchen Stellen ist das informationsreiche Buch etwas redundant, so wird mindestens fünf Mal das sechste Massensterben auf dem Planeten erwähnt, da ist die Genese aus Vorträgen und Aufsätzen spürbar. Doch die beeindruckende Weitsicht des Autors, sein auch in der Übersetzung von Christine Pries häufig aufblitzender Witz und die wissenschaftliche Demut vor unserer «Wohnstätte» machen dieses Buch zu einer interdisziplinären Tiefenschürfung. Die Befunde für das aufgerufene Wir und den Planeten hallen nach. Nicht nur das Klima, sondern auch das Klima der – für uns noch nicht erfahrbaren – Geschichte wird sich ändern und überhaupt unser gesamtes Weltverständnis. Dabei werden Machtinteressen vielleicht irgendwann keine Rolle mehr spielen oder die Frage, was «Leben» ist und was nicht. Sondern es ginge, viel umfassender, darum, was einen Planeten zu «einem freundlichen Planeten macht für komplexes Leben».

Dipesh Chakrabarty: Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter. Aus dem Englischen von Christine Pries. S. Fischer Verlag. Frankfurt 2022. 443 Seiten. 48 Franken