Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

In der letzten Schicht?

Annette Hug über billiges Fleisch und billige Ausreden

Von Annette Hug

Das Coronavirus sei von ArbeiterInnen aus Bulgarien und Rumänien in die Fabrik des Fleischkonzerns Tönnies eingeschleppt worden. Das hat der Krisenstab der Firma zuerst behauptet, und Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hat diese Vermutung auch noch gestützt. Das ist wohl das Perfideste, was ich in den vergangenen zwei Wochen gehört habe. Auf einen allgemeinen ausländerfeindlichen Reflex zu vertrauen, um sich aus einer selbst verbockten Krise zu winden, ist allerdings eine Taktik, die im Alltag oft funktioniert.

Erlebt habe ich das in einem Altersheim der Zentralschweiz. Da sass ich als Gewerkschaftssekretärin vor Stundenabrechnungen, die auf mehreren Seiten die geleistete Arbeit eines Monats auf‌listeten, und zwar so vertrackt, dass ich mehr als eine Stunde brauchte, um das Resultat nachzurechnen. In kleinsten Quadrätchen waren geplante Stunden aufgeführt, viele Planänderungen notiert, Nachtzuschlag und Pikettzulagen mehrfarbig zusammengestellt. (Eigentlich mehrfarbig, aber wer keinen Farbdrucker zu Hause hatte, konnte das leider nicht erkennen, da war einfach alles eng nebeneinander- oder quer übereinandergedruckt.) Die Pflegehelferinnen konnten die Fehler auf diesem Dokument nicht identifizieren, sie verstanden aber das Schichtreglement sehr genau, kannten die entscheidenden Vorschriften des Arbeitsgesetzes und führten ihre Handlisten. So kamen sie am Ende des Monats auf ein anderes Resultat. In der offiziellen Abrechnung fehlten also Stunden. Wenn die Pflegehelferinnen dann reklamierten, schlug ihnen die Vorgesetzte vor, sie sollten doch besser Deutsch lernen, dann würden sie die Abrechnung schon verstehen.

Ganz übel wurde es, als diese Vorgesetzte eine Weiterbildung besuchte, um eine neue Software einzuführen. Sie sollte die Schichtplanung optimieren. Die Fehlerkurve stieg exponentiell. Das sah die Vorgesetzte aber nicht als ihr Problem, sie hatte ja die Sprachkeule zur Hand. So log sie sich über ihr eigenes Unvermögen hinweg. Gleichzeitig versuchte sie, eine Sparmassnahme beim Personal in einem Unfug von Zahlen zu verbergen. Dieser Versuch hatte erst ein Ende, als sich altansässige und neu zugezogene Angestellte zusammentaten und ein verständliches Abrechnungssystem nach klaren Regeln aushandelten.

Am Bahnhof von Basel kommt es vor, dass wartende PassagierInnen lächeln, wenn über den Lautsprecher zum siebten Mal betont wird, dass der Zug nach Zürich «wegen einer Verspätung im Ausland» fünfzehn Minuten später abfahre. Nicht dass irgendjemand die Verspätung des TGV oder des ICE bezweifeln würde, aber das eifrige Bemühen, den Fehler nicht auf sich sitzen zu lassen, wirkt irgendwie rührend, auch etwas lächerlich, als sei die Durchsage aus einem Heimatfilm der sechziger Jahre eingespielt.

Die Erklärung von Tönnies ist richtig schlecht angekommen. In den allermeisten Medienberichten wurden die Arbeitsbedingungen, die Unterbringung in engen Mehrbettzimmern, die überfüllte Kantine und die miesen Löhne der ArbeiterInnen skandalisiert. Es setzte sich die Analyse durch, dass Billigfleisch einen menschlichen Preis hat, den MigrantInnen zahlen.

Nun warte ich auf den Tag, da jeder, der seine Probleme mit einem Fehler von AusländerInnen erklärt, nur noch Gelächter erntet.

Annette Hug ist heute freischaffende Autorin in Zürich. Als sie noch als Gewerkschaftssekretärin arbeitete, verlor sie sich oft in rätselhaften Berechnungen.

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