Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

«Er ist überhaupt kein Heiliger»

Seit sechzig Jahren lebt und schreibt in einem provenzalischen Dörfchen einer der grössten europäischen Dichter unserer Zeit. Philippe Jaccottet empfängt nur sehr selten BesucherInnen, und auch an Lesungen bleibt er vornehmlich unsichtbar. Eine Annäherung.

Von Johanna Lier, Grignan

«Nein! Das ist unmöglich. Er ist krank. Schicken Sie ihm einen Brief, möglicherweise schreibt er Ihnen zurück, mit seiner Telefonnummer, aber auch wenn Sie ihn dann anrufen, ist es möglich, dass er keinen Besuch wünscht.»

Die Worte einer Freundin von Philippe Jaccottet waren unmissverständlich. Und doch entschied ich mich, in die Provence zu fahren. Unmöglich, von diesem Dichter zu berichten, ohne die Landschaft zu erleben, die ihn und seine Literatur zeitlebens geprägt hat. So schrieb ich also einen Brief, mitsamt Angabe der Daten meines Aufenthalts und der Telefonnummer meines Hotels – und hoffte auf seinen Anruf.

Grignan, im späten April. Die Erde rot, die Weinstöcke noch unbelaubt und knorrig. Weisse Windräder säumen den Horizont, Hochleistungsmasten zerschneiden die Landschaft, und in der Ebene: ein Atomkraftwerk mit dampfenden Türmen. Der Bus fährt in das Dorf, dessen Häuser sich am Burghügel zusammendrängen, und hält auf einem kleinen Platz, der von frisch ergrünten Platanen gesäumt ist.

Der Mistral tost, die Augen tränen, Nase und Hände fühlen sich klamm und starr an. Von weitem meine ich Musik zu hören. Am Fuss der Burgmauern stellt sich dann aber heraus: Es ist der Wind, der durch die Röhren eines Baugerüsts schiesst und diese melodiöse Klangvielfalt produziert. Die ausgetretene Natursteinstrasse führt um den Burgwall, bis sich eine breite Treppe ins Städtchen hinunterschlängelt – durch enge Gassen und vorbei an trutzigen Steinhäusern, die an ein hartes, entbehrungsreiches Leben in früheren Zeiten erinnern.

Der Geist von Madame de Sévigné

Hier also lebt er: Philippe Jaccottet, 1925 im schweizerischen Moudon geboren. Studien und längere Aufenthalte in Lausanne, Paris sowie Rom. Seit 1953 mit seiner Frau, der Malerin Anne-Marie Haesler, im südfranzösischen Grignan. Es war wohl die Entscheidung für ein abgeschiedenes Leben ausserhalb des Kulturbetriebs, die es ihm möglich machte, ein umfangreiches poetisches Werk zu schaffen, das an Kraft und Tiefe seinesgleichen sucht.

Im Zentrum von Jaccottets Werks stehen tagebuchartige Aufzeichnungen, in denen Gedichte neben Essays stehen, die das Vergängliche im alltäglichen Leben thematisieren. Und immer ist da die Natur. Personen kommen bei ihm kaum vor, manchmal nur ein geheimnisvolles «wir»: fragmentarische Gespräche und flüchtige Gedanken in einem luziden Raum nicht benannter Beziehungen.

Und immer gilt Jaccottets Leidenschaft der Suche nach dem richtigen Wort. So gleitet er von Metapher zu Metapher, und auf dem Höhepunkt der Bilderentfaltung stürzt er sich in deren Dekonstruktion. Denn der Dichter misstraut den Bildern (und somit sich selbst) und legt in der Folge sein Verfahren bloss. Im Versuch, Abwesenheit in der Sprache sichtbar zu machen, schreibt er von der Weite, die von unsichtbaren singenden Vögeln bevölkert ist, um dann zur Bezeichnung «kleine gefiederte Werkleute» zu gelangen. Es sind wohl die bestmöglichen der im Grunde unerreichbaren Worte. Sich der Leere aussetzen und um Aufrichtigkeit in der Wahrnehmung kämpfen: Das sind die Paradigmen, die Jaccottets Werk prägen, und darin besteht auch das Verfahren, das seine Sprache vorantreibt.

Am nächsten Morgen schieben TouristInnen ihre Fahrräder über das Pflaster auf dem Weg zum Schloss der Madame de Sévigné, jener Dame, die im 16. Jahrhundert gegen 700 Briefe an ihre Tochter schrieb – und mit ihnen den Weg in die französische Klassik gefunden hat. Grignan scheint sich gut zu eignen, ein grosses Werk zu schaffen. Ein Ort, der noch in den fünfziger Jahren eine Gemeinschaft armer Bauern versammelte, die sich mit Lavendel, Öl und Tierwirtschaft kaum über Wasser halten konnten – und der sich inzwischen, dank TGV, zum schicken Vorort von Paris entwickelt hat. Im Café de Sévigné treffen sich die Einheimischen und diskutieren über die bevorstehenden Wahlen. Meine Frage nach Monsieur Jaccottet löst zunächst vor allem feindselige Abwehr aus. Ich könne doch nicht einfach zu seinem Haus gehen, und wenn ich etwas wissen wolle, solle ich auf die Gemeindeverwaltung gehen, schnauzt mich eine Frau an, packt ihre orangefarbene Plastiktasche und verlässt das Lokal.

«Heute Nacht habe ich geträumt», ruft plötzlich der Wirt: «Eine wunderschöne Frau stand am Tresen, aber sie hatte ihren Kopf hier unten am Hintern angemacht!» Er zwinkert mir zu: «Hören Sie nicht hin, Madame, das ist keine Poesie!» Aber das Eis ist gebrochen. Eine elegante Frau mit silbernen Haaren erklärt mir den Weg zu des Dichters Haus. Eine Diskussion bricht los: Die einen haben Jaccottet vor drei Wochen das letzte Mal auf dem Markt gesehen, die anderen just vor drei Tagen.

Rue Glacière. In der engen Gasse zwischen dicht gedrängten Natursteinhäusern quellen Flieder und Glyzinien über die hohen Mauern, und ich fotografiere mit meinem Handy die Eingangstür des Hauses und das Atelierfenster, hinter dem wohl Jaccottets Arbeitszimmer sein mag. Als ein altes Paar daherkommt, TouristInnen vermutlich, lasse ich das Handy sinken: Sollen sie doch vorbeigehen, damit ich in Ruhe weitermachen kann.

Und plötzlich – erkenne ich ihn. Eine hohe, schmale Gestalt in schwarzem Mantel, runde Augen hinter einer dünnrandigen Brille, die mich erschreckt anstarren. Scham überfällt mich – ich komme mir vor wie eine Paparazza, die aufdringlich vor dem Haus des berühmten Dichters lauert. Zugleich aber spüre ich den Impuls, ihn anzusprechen und zu sagen: «Was für ein wunderbarer Zufall!» Doch da schiessen mir die Worte der Freundin des Dichters in den Kopf, er wolle keinen Besuch und wünsche nichts als die verdiente Ruhe nach einem arbeitsreichen Leben. Und ich beherrsche mich, bleibe stehen, starre aber vermutlich genauso ängstlich zurück. Nur ein Foto, ein einziges Foto, denke ich und halte das Handy wieder hoch. Doch da öffnet er die Tür, und seine Frau schiebt ihn hastig hinein.

Im Hotel bitte ich den Besitzer, mir sofort zu melden, wenn Monsieur Jaccottet anrufen würde. Er nickt und versichert betont fröhlich: «Mais bien sûr, madame.» Was frei übersetzt heissen mag: Es wird nicht geschehen. Aber ich habe meine Pflicht getan.

«Fromm vergossene Milch»

Der Mistral fegt allen Dreck weg, die Luft ist klar. Leere und Reinheit im gleissenden Licht. Manchmal schiesst ein durch die Wärme freigesetzter süsslicher Geruch hervor. Ich wandere zum Nachbardorf. Das unausgesetzte Schnarren der Zikaden und die intensiven Düfte geben mir ein Gefühl, als sei ich von der Landschaft getragen wie ein Baby in einem Tragetuch. «Die Ziegen im Gras / sind fromm vergossene Milch», schreibt Jaccottet.

Dabei berichtet Jaccottets Literatur keineswegs von Geborgenheit und Gewissheiten. Schmerz, Vergänglichkeit und die Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz bilden einen Kern, um den sich die Ereignisse der Natur im Kreislauf der Jahreszeiten anordnen. Herbstlaub, ein rauchendes Feuer, Wolken, Äpfel, ein Berg – dies alles betrachtet er, dringt gedanklich in ihre Existenz, um so die Welt zu erfahren: «Die Kirschbäume sind fast nur noch Federbüsche aus Schnee. Die Bienen werden es sich bald weitersagen, denn sie sind selber schnell und zahlreich.»

Mir kommen auch die wenigen Gedichte und das Essay im Band «Der Unwissende» in den Sinn, in denen Jaccottet sein Leben als Vater und Ehemann reflektiert. Im konkreten Alltag verwurzelt, verbindet sich das hochsensible Forschen mit dem allzu Menschlichen. Wie schafft man es, zwischen Hausaufgaben der Kinder und Verzugsmahnungen, ein Gedicht zu schreiben? «In der Zwischenzeit tun, was man kann, so gut es eben geht. Andernfalls bestände die Gefahr, dass ein sektiererischer Ernst aufkommt, die Versuchung, (…) sich zu isolieren.» Und doch hat Jaccottet diese mit Lavendel und Eichen gefüllte Gegend kaum je verlassen. Er, der Literatur aus dem Italienischen, Griechischen, Russischen, Tschechischen, Deutschen und Spanischen übersetzt hat, die Werke von Rainer Maria Rilke, Friedrich Hölderlin, Ossip Mandelstam, Robert Musil, Giuseppe Ungaretti und vielen mehr. Er, der in seinem einzigen Reisebericht «Israel, blaues Heft» in verzweifelter Vision das Leben künftiger, umherschweifender Generationen beschreibt, für die Nationalität und örtliche Zugehörigkeit bedeutungslos geworden sind, «doch das Bewusstsein oder der Traum von diesem Netz ist unser am wenigsten zerbrechlicher Halt».

Ein Nachbar unter NachbarInnen

«Muss ich darauf eine Antwort geben?», kontert die Verkäuferin im Museumsshop des Musée de l’Écriture et de la Typographie auf die Frage, was ihr das Werk Jaccottets bedeute. «Das ist sehr intim. Ich kann es nicht sagen.» Und die Besitzerin der kleinen Buchhandlung am Ort reisst ihre blauen Augen auf und starrt minutenlang an die Decke. Dann sagt sie zögernd: «Die Zeitlosigkeit vielleicht? Ich weiss es nicht.» Jaccottet sei so fragil, fährt sie fort, deshalb wohl diese Konzentration auf die Natur. Zu viel Respekt vor den Menschen? Sie zuckt mit den Achseln. Und auf die Frage, was er ihr als Freund bedeute, strahlt sie auf, anspruchsvoll sei er, hochempfindlich und doch grosszügig und flexibel. «Nein, nein», sie stopft bedächtig eine Pfeife, «er ist überhaupt kein Heiliger. Hier im Dorf ist er ein Nachbar unter Nachbarn. Er hat alles dafür getan, damit das so bleibt. Der Mythos vom grossen europäischen Dichter beginnt ausserhalb der Ortsgrenze. Und wissen Sie was», sie kichert vergnügt: «Er isst wahnsinnig gern, ein richtiger Geniesser.» Sie stösst Rauch in die Luft und bietet mir lilafarbenen Veilchensirup an.

Wieder zurück in Zürich finde ich einen Brief: «Durch Sie entdecke ich, dass ich sozusagen in Solothurn anwesend sein sollte», schreibt Philippe Jaccottet in zittriger Schrift. Und er bittet um Nachsicht und fügt an, es bleibe ihm wegen der Gesundheit nur ein entschiedenes Nein. Die Buchstaben liegen unsicher auf dem Papier. Sie erinnern an die Zeilen, die der Dichter in den «Notizen aus der Tiefe» einem sterbenden Freund gewidmet hat: «So wie manche Schmerzen ankündigen, dass der Tod begonnen hat, seine Faust spüren zu lassen.»

Philippe Jaccottet: «Der Unwissende». Gedichte und Prosa. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Hanser München 2003. 
184 Seiten. Fr. 25.90.

Philippe Jaccottet: «Notizen aus der Tiefe». Aus dem Französischen von Wolfgang Matz, Elisabeth Edl und Friedhelm Kemp. Hanser. München 2009. 167 Seiten. Fr. 25.90. 


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