Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Eine Schule des Sehens

Das Schächental im Kanton Uri ist Lisa Elsässers Ort der Kindheit – und der Ort für ihre Erinnerungsarchäologie einer schattigen Bergwelt.

Von Anna Wegelin

Inger Christensen: «Stehe ich»; ausgewählt von Anna Wegelin, neu geschrieben und fotografisch inszeniert von Andreas Bodmer. Aus: Inger Christensen: «lys / licht». Aus dem Dänischen von Hanns Grössel. Verlag Kleinheinrich. Münster 2008.

«Da, wo wir zu Hause waren, war die Gegend eng. Berge rundum, in die sich meine Blicke bohrten in regelmässiger Vergeblichkeit.»

Das karge Schächental, das den Kanton Uri mit dem Kanton Glarus verbindet, nimmt schon die ersten Zeilen in Lisa Elsässers Prosaband «Die Finten der Liebe» ein. Die 1951 in Bürglen geborene Schriftstellerin, die heute in Walenstadt lebt, widmet ihr Buch dem Tal ihrer Herkunft. «Wo Berge sich erheben» lautet der heimelig anmutende Titel dieser ersten Erzählung. Doch die Autorin hat kein einfaches Verhältnis zu ihrem Tal, eher ein schicksalhaftes. Hier hat sie gelebt, geliebt, gelitten – und sehen gelernt. Von hier aus nimmt sie die Welt wahr auf der Suche nach dem Sein.

Leben auf dem Land

Die Enge des Tals ist auch im übertragenen Sinn zu verstehen. Die zwanzig Prosatexte im Band – Szenen der Kindheit und Erfahrungen mit der Liebe (die unschuldige, die begehrliche, die unerfüllte) – sind überwiegend behutsame, zugleich aber hartnäckige Schreibversuche der Befreiung von dem, was bedrückt und hemmt. Angetrieben werden die eher lakonischen Texte in «Die Finten der Liebe» von einer leidenschaftlichen Ernsthaftigkeit, die nur aus genügend zeitlicher und räumlicher Distanz zum Erlebten, Gefühlten, Beobachteten und Erträumten zur Ruhe kommt.

In Elsässers ebenfalls im Jahr 2011 erschienenem Lyrikband «genau so sag es genau so sag es» kommen dieselben Motive wie im Prosaband vor (Mutter und Vater, Tod und Trennung, Licht und Schatten, Sonne und Regen). Beide Werke, Erzählungen und Gedichte, bringen einem das einfache «Leben auf dem Land» auf anschauliche, ja intime Weise näher, wie es vor gut fünfzig Jahren gewesen sein mag. Und sie sind ein Gedenken der Autorin an ihre Eltern: Während ihr Vater mehr arbeitete, als ihm lieb war, und nachts das Geld zählte, statt zu schlafen, «tu ich die arbeit die mir lieb ist / und nachts schlafe ich träumend / zähle manchmal wörter auf früh / morgens versinke ich in ein gedicht / es fliegt dem toten vater zu».

Nirgends dazugehören

In der Erzählung «Wo Berge sich erheben» ist die Ich-Erzählerin zehn Jahre alt. «Ein unspektakulärer Übergang vom Kind in eine Nirgendszugehörigkeit», wird dieses Alter beschrieben. Sie fährt mit ihrer Mutter wider Willen zuhinterst ins Tal, «ans Ende der Welt, da, wo alles aufzuhören schien». Sie soll in den Sommermonaten bei ihrem Onkel und dessen Familie auf dem Bergbauernhof mithelfen. Aber sie will auf keinen Fall dorthin: «Im Hals das stecken gebliebene Aufbegehren, das sich anfühlte wie ein wachsendes Ungeheuer.» Ihre Mutter verabschiedet sich von ihr mit den Worten, Weinen verursache nur Kopfschmerzen.

In kurzen, konzentrierten Szenen beschreibt die Erzählerin, was sie beobachtete (den Onkel, der am Sonntag stundenlang auf der alten Steintreppe sitzt und durchs Fernrohr die Wandernden auf der gegenüberliegenden Talseite betrachtet), was ihr widerfuhr (sie treibt die Kühe an einem Gewitterabend bergwärts und verliert im dicken Nebel die Orientierung) und was sie anstellte (einmal schlägt sie die kleinen Kinder von Onkel und Tante, die sie hüten muss, scheinbar grundlos). Zwölf Wochen weg von daheim: «Ich kam mir selber abhanden.»

Zum guten Glück erschafft sie sich ein «Geheimnis»: Um zum Hof des Onkels zu gelangen, muss man einen Bach auf einem schmalen Holzsteg ohne Geländer überqueren. Dieser Übergang ist für sie das «Tor ins Dorf, ins Tal, ins Elternhaus». Jedes Mal, wenn das Mädchen im Dorf Brot holen muss, legt es deshalb einen Stein ans Ufer. «Zweimal die Woche mal zwölf Wochen: Vierundzwanzig Steine, jeder begrub ein Stück Heimweh unter sich, denn jeder Stein mehr war ein Stein weniger. Jeder verschlug ein paar Tage. Mir war nie mehr schwindlig. Ich liebte 
den Bach.»

Erinnerungen hervorholen

Der stimmige Text, der auch eine stille Liebeserklärung an die raue Schönheit des Schächentals, seiner Menschen und Tiere ist, könnte ein Sinnbild für Elsässers Poetik sein. Ihre Gedichte sind ein fortwährender Wörterfluss, der nur durch unerwartete Zeilenumbrüche und eingeschobene Leerstellen innehält. «Im fluss bleiben ist alles», heisst es im Gedicht «reusswellen». Schreiben heisst für Lisa Elsässer vor allem Erinnerungen hervorholen. Schreiben bedeutet ihr aber auch: Schmerz, Trauer, Wut, Ohnmacht, Sehnsucht zulassen. Heisst loslassen und abheben:

«ohne zäsur stiften die dohlen / ihr schwarz durch die luft so / tief schwirren sie durch die / weisse stille es schreibt sich / auch ohne hand und immer / mehr zähle ich mich zu den / vögeln die die luft beschriften / dieses papier hauchdünne / seide der wind ein luftikus / vereitelt jede interpretation / davon träume ich zu fliegen / möge man doch das gedicht / erahnen das kreisrunde.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch