Nr. 20/2022 vom 19.05.2022

Der Zorn der Schweinebauern

Die industrielle Schweinemast zerstört in Spanien nicht nur die Umwelt, sondern unterminiert auch die Demokratie – mit der Rückendeckung rechter Parteien.

Von Linda Osusky (Text und Foto), Lorca

«Ich miete die Schweine sozusagen und mäste sie. Dann werden sie abgeholt, und ich bekomme neue Ferkel.» Das Ganze wiederholt José Parra drei- bis viermal pro Jahr.

Ana Belén Bravo und ihre Familie leben seit sieben Jahren direkt neben einem grossen Schweinemastbetrieb. Zwischen Wohnzimmerfenster und Stallhalle liegen exakt 35 Meter. Das war nicht immer so. 2015 beschlossen die Nachbarn, zu denen sie eigentlich ein gutes Verhältnis hatten, ihren Mastbetrieb auszubauen: Statt 200 Schweine mästen sie seither 1300. Dazu kommen noch 300 Stiere. Neben den Stallhallen befinden sich zwei grosse Güllebecken. «An den Geruch gewöhnt man sich nie. Wir können auch nicht die frische Wäsche draussen zum Trocknen aufhängen. Der Güllegeruch klebt sonst dran», klagt Melchora Martínez, Bravos Mutter.

Das Haus befindet sich inmitten der «Gärten Lorcas», wie das Gebiet südlich der Stadt Lorca heisst. Mit einer Fläche von über 1600 Quadratkilometern ist Lorca, im Südosten Spaniens gelegen, die zweitgrösste Gemeinde des Landes. Sie umfasst 39 Dörfer und Weiler, eine flache Gegend, geprägt von Gemüseäckern. Fast 100 000 Menschen leben hier. Und zehnmal so viele Schweine.

Manipulation führt zu Gewalt

Bravo wirkt blass und müde. Sie sitzt zurückgezogen im Ohrensessel in der Wohnzimmerecke. Lieber lässt sie ihren Mann José García reden. Ammoniak, ein Gas, das die Exkremente der Schweine an die Luft abgeben, verursacht schädlichen Feinstaub, und sein stechender Geruch löst bei Bravo Kopfschmerzen aus. Der Gestank und die Fliegenplage machen nicht nur krank, sondern zerstören auch das soziale Leben. «Verwandte und Freunde haben aufgehört, uns zu besuchen. Das ist kein Leben», klagt García. Zwei Jahre war Bravo wegen einer Depression krankgeschrieben. Noch heute ist sie in Behandlung. «Mein Arzt riet mir wegzuziehen. Wir haben auch versucht, unser Haus zu verkaufen, aber niemand wollte es», sagt sie.

Die schiere Menge an Gülle, die die intensive Schweinemasthaltung produziert, ist auch für die Umwelt eine grosse Belastung, wie Gloria Martín, Stadträtin für die linksgrüne Partei Izquierda Unida-Verdes ausführt: «Die Schweinehaltung verursacht jeden Tag Gülle, die dem Fünffachen der täglichen Abwassermenge aller Bewohner:innen Lorcas entspricht.» Lkw-weise werde die Gülle durch dicke Rohre auf die Felder ausgebracht. Unkontrolliert. «Das Gemüse geht dann in die Supermärkte nach ganz Europa», so Martín.

Unzufrieden mit der aktuellen Situation sind aber auch die Schweinebauern selbst. Und zwar so sehr, dass eine Gruppe von ihnen am 31. Januar das Parlamentsplenum in Lorca stürmte. Gewaltsam schubste die wütende Menge Polizisten zur Seite, die vergeblich versuchten, sie aufzuhalten. Die Protestierenden verhinderten damals mit Gewalt eine Abstimmung über eine Norm, die einen Mindestabstand zwischen Schweinemastbetrieben und Wohnhäusern vorsieht. Sie verletzten Polizisten und bedrohten Politiker:innen verbal mit dem Tod. Sieben Personen wurden verhaftet.

Die beiden Oppositionsparteien, die rechtsextreme Vox und der konservative Partido Popular (PP), hätten zum Angriff angestiftet und dazu gezielt Falschinformationen verbreitet, sagten erboste Bauern wenige Tage nach dem Überfall und legten zum Beweis entsprechende Handynachrichten vor. «Es war ein Attentat auf die Demokratie», sagt der Bürgermeister von Lorca, Diego José Mateos Molina von der Sozialistischen Partei, der den Vorfall mit dem Ansturm auf das Kapitol in Washington vom 6. Januar 2021 verglich.

Einige Wochen vor der Abstimmung zur geplanten Norm schlug ein Interview hohe Wellen, das der spanische Verbraucherminister Alberto Garzón von der Linkspartei Podemos dem britischen «Guardian» gegeben hatte. Darin kritisierte Garzón die Massentierhaltung als nicht nachhaltig und rief die Spanier:innen auf, weniger Fleisch zu konsumieren, um das Klima zu retten. Politiker:innen des PP und von Vox rissen seine Aussagen aus dem Kontext und verdrehten sie, um die linke Regierungskoalition in Madrid anzuschwärzen und im damals stattfindenden Wahlkampf in der südlich der Hauptstadt gelegenen Region Kastilien-La Mancha zu punkten.

Dieser Wahlkampf strahlte laut der linken Stadträtin Martín auch nach Lorca aus. PP und Vox übertrumpften sich gegenseitig mit Falschbehauptungen, um bei ihrer Klientel zu punkten. «Die Protestierenden glaubten tatsächlich, wir wollen ihre Betriebe schliessen. Es war sogar ein Ziegenbauer unter ihnen, den diese Norm gar nicht betrifft.»

Die Zahl der Schweinemastbetriebe industriellen Ausmasses schnellte in ganz Spanien in den vergangenen Jahren in die Höhe. Das Land lief Deutschland 2021 den Rang des Exportweltmeisters von Schweinefleisch ab. Die 2018 in China ausgebrochene Afrikanische Schweinepest hat diese Entwicklung noch zusätzlich befeuert. Der weltgrösste Schweinefleischverbraucher muss seit Ausbruch der Seuche grosse Mengen importieren, um die Nachfrage im Inland zu decken. Von den 5 Millionen Tonnen Schweinefleisch, die Spanien 2020 produzierte, ging über die Hälfte (55 Prozent) ins Ausland – rund 1 Million Tonnen davon an China.

Unter Kontrolle grosser Konzerne

José Parra trägt einen beigen Overall und eine weisse Kappe. Die Geräuschkulisse aus Scharren, Schnaufen und Grunzen der 1300 Schweine ist auch vor der Stallhalle deutlich zu hören. Geht die Tür auf, heben alle Schweine in einer dominoartigen Kettenreaktion ihren Kopf. Für einen Moment wird es still. Die Körper der Tiere sorgen innen für eine angenehme Wärme. Der Geruch aber ist streng und hängt einem auch Stunden später noch in der Nase. «Ich miete die Schweine sozusagen. Ich bekomme die Ferkel mit 22 Kilo und mäste sie vier Monate, bis sie 110 Kilogramm wiegen», sagt Parra. «Dann werden sie abgeholt, und ich bekomme neue Ferkel.» Das Ganze wiederholt er drei- bis viermal im Jahr. Pro Tier erhält er zwischen dreizehn und fünfzehn Euro.

Integrationssystem heisst diese Art der Produktion, bei der die Bauern ein kleines Rädchen in einem auf Effizienz und Kostenreduktion getrimmten Massenbetrieb sind und die von einer Handvoll Konzerne kontrolliert wird. Dazu zählt etwa die Fuertes-Gruppe, die zu den fünf wichtigsten Lebensmittelkonzernen der Welt gehört, oder die Costa Food Group, ursprünglich ein Futtermittelbetrieb. Schweinebauern, die nicht «integriert» sind, können wirtschaftlich nicht überleben. Bereits 75 Prozent sind auf das System umgestiegen.

Die unter Vertrag genommenen Bauern stellen die Stallanlage zur Verfügung und übernehmen die Energiekosten. Die Ferkel, das Futter und die medizinische Versorgung kommen vom Konzern. Die Errichtung einer Stallanlage koste um die 150 000 Euro, sagt Parra. Viele Bauern müssten dafür einen Kredit aufnehmen. Doch es passiere immer öfter, dass Bauern Geld investierten, dann aber nicht in Betrieb gehen könnten. Wegen Beschwerden von Nachbar:innen wird ihnen keine endgültige Genehmigung erteilt. «Die stehen dann vor dem Ruin, wenn sie nicht produzieren können», erzählt der über Sechzigjährige, dessen Betrieb gut läuft.

Die tote Lagune

Stadträtin Martín spricht von einer Blase, die demnächst platzen könnte, denn in China erholt sich der Schweinefleischsektor wieder. Bereits 2021 sanken die Exporte dorthin spürbar. Bei vielen Bauern liegen die Nerven blank. Die rechten Parteien hätten sie für ihre politischen Zwecke ausgenutzt, sagen sie.

Alfredo Artero ist Parras Nachbar, ebenfalls Schweinebauer. Für ihn ist klar, warum es zum Sturm aufs Parlament kam. «Früher hatten hier alle Schweine für die Selbstversorgung. Aber wenn ein Bauer plötzlich 500 oder 1000 Schweine hält statt 2, dann stört das die Nachbarn, es fällt massiv mehr Gülle an. Wenn diese Entwicklung vom Gesetzgeber nicht begleitet wird, verursacht das Konflikte.» In Lorca hätten die Behörden jahrelang nur zugeschaut.

Weder Vox noch der PP reagierten auf mehrmalige Anfragen der WOZ zu den Vorwürfen. Von 2008 bis 2019 stellte der PP den Bürgermeister von Lorca. In dieser Zeit, 2015, wendeten sich Ana Bravo und José García an die damalige Stadträtin für Raumplanung, um den Ausbau der Schweinemast ihres Nachbarn zu verhindern. «Sie sagte uns: ‹Geht doch vor Gericht.› Die Betroffenen sind ihnen vollkommen egal. Sie vertreten nur die Lobbyinteressen», sagt García, der daraufhin eine Bürgerplattform gründete, um gegen diesen Missstand zu kämpfen. Hunderte Familien schlossen sich ihm an.

Die Zunahme der «macrogranjas», Megafarmen, wie die Betriebe von Kritiker:innen genannt werden, geht nicht nur auf Kosten der Lebensqualität der Anwohner:innen. Das zeigt sich etwa im Mar Menor, Europas grösster Salzwasserlagune nahe Murcia, etwas östlich von Lorca. Zweimal ist die unter Schutz stehende Lagune in den letzten vier Jahren schon gekippt. Eine Folge der Schadstoffbelastung durch Düngemittel, die bei Starkregen gleich tonnenweise in das Biotop gelangen und in Flora und Fauna zu Massensterben führen.

Der intensive Obst- und Gemüseanbau rund um die Lagune, wo 8000 Hektaren illegal bewässert werden, gilt als Hauptursache für die Schadstoffbelastung. Doch es gibt noch einen zweiten Grund: die unkontrollierte Ausbreitung der Massentierhaltung. Und obwohl ein Expertenbericht der Regionalregierung bereits 2019 darauf hinwies, dass das Güllemanagement nicht unter Kontrolle sei, genehmigten die zuständigen Behörden neue Schweinemastbetriebe.

Die Untätigkeit der Politik zieht sich bis hoch in die Landesregierung. Laut Daten des spanischen Umweltministeriums sind landesweit fast ein Viertel der Oberflächengewässer und des Grundwassers mit Nitraten belastet. Die höchsten Nitratwerte verzeichnet die Region Murcia. Die EU verwarnte Spanien bereits 2018 wegen der mangelhaften Umsetzung der Nitratrichtlinie. Ohne Wirkung. Deshalb klagte die EU-Kommission das südeuropäische Land letzten Dezember vor dem EU-Gerichtshof an.

Auch das Trinkwasser ist betroffen, vor allem in ländlichen Gebieten, wo kaum behördliche Kontrollen stattfinden. In einer diese Woche veröffentlichten Auswertung von Greenpeace auf Basis von Daten des Gesundheitsministeriums wies Olèrdola in Katalonien im Jahr 2016 Nitratwerte im Trinkwasser auf, die das Achtfache des gesetzlichen Grenzwerts betrugen. Luís Ferreirim, der Agrarsprecher von Greenpeace Spanien, fordert daher für ganz Spanien ein sofortiges fünfjähriges Moratorium für industrielle Viehhaltung, weder neue Betriebe noch Erweiterungen sollen bewilligt werden.

In Lorca ist José Navarro wahrscheinlich der einzige Bauer, der auf extensive Schweinehaltung setzt. Vor etwa fünfzehn Jahren bewahrte er die letzten Exemplare einer lokalen Schweinesorte, des «chato murciano», vor der Schlachtung, um sie weiter zu züchten. Das Fleisch dieser Tiere habe ein ganz besonderes Aroma, denn sie frässen am liebsten Feigen. Stolz zeigt er ein Video, auf dem seine Schweine neben Feigenbäumen zu sehen sind. Es war nicht von vorneherein klar, ob Navarro die Umstellung vom konventionellen zum extensiven Betrieb schaffen würde. «Es gab Momente, in denen ich dachte, es geht sich nicht aus», erzählt er. Heute kann er sich vor Bestellungen kaum retten. Er beliefert direkt regionale Gourmetrestaurants und Metzgereien. Den doppelt so hohen Preis bezahlen seine Kunden gern.

Die 1500-Meter-Abstandsnorm ist übrigens doch noch verabschiedet worden. Drei Wochen nach dem Angriff aufs Parlament.

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