Nahrungsmittelkrise : Nach der Ukraine hungert die Welt

Nr.  20 –

Jakob Kern hat in den ersten zwei Kriegsmonaten die Nothilfe des Uno-Welternährungsprogramms für die Ukraine aufgebaut. Doch wegen blockierter Exporte, ausfallender Ernten und steigender Lebensmittelpreise lasse die russische Invasion Millionen Menschen rund um den Globus hungern, berichtet der Appenzeller.

Büchsenravioli, Hühnersuppe, Fleischkonserven, Reis, Zucker und Weizenmehl: Jakob Kerns Team des Uno-Welternährungsprogramms (WFP) verteilt derzeit Lebensmittel an die ukrainische Bevölkerung. Denn im «Brotkorb Europas» ist der Zugang zu Nahrungsmitteln für einen grossen Teil der Bevölkerung knapp geworden. «Das Problem ist nicht, dass es keine Lebensmittel in der Ukraine gibt», sagt Kern, «sondern dass die Menschen keinen Zugang haben, physisch oder finanziell.»

Bereits über vierzehn Millionen Menschen hat der Krieg in die Flucht gezwungen. Acht Millionen sind Binnenflüchtlinge, von denen die meisten in die Westukraine geflohen sind. Das System sei völlig überlastet, sagt Kern. «Es gibt Städte, die ebenso viele Geflüchtete aufgenommen haben, wie sie Einwohner:innen haben.» Jede Airbnb-Unterkunft, jedes Hotel, jede Wohnung und jedes Haus sei an diesen Orten voll.

Elefanten und Mäuse

Der Einsatz in der Ukraine ist nicht Kerns erste Mission in einem Kriegsgebiet. Geboren im ausserrhodischen Rehetobel, wanderte er nach dem Studium der Agrarwissenschaft an der ETH Zürich als Dreissigjähriger in die USA aus. Von dort leistete er Einsätze in Liberia, Eritrea, Nordkorea und in Syrien, wo er von 2016 bis 2018 als Länderdirektor des WFP für die Lebensmittelhilfe zuständig war. Heute ist er Vizegeneralstabschef des gesamten WFP am Hauptsitz in Rom. «In Syrien haben die Russen gelernt, wie man Städte wie im Mittelalter belagert und die Bevölkerung in die Knie zwingt», sagt Kern. Der grosse Unterschied zum Krieg gegen die Ukraine liege in den Bevölkerungsbewegungen. «In Syrien dauerte es zehn Jahre, bis zwölf Millionen Menschen geflüchtet waren», sagt er. «In der Ukraine dauerte es zehn Wochen.» Zudem hätten aus Syrien viele Familien gemeinsam fliehen können, während der Krieg in der Ukraine mehr Familien auseinanderreisse, weil die meisten Männer zurückbleiben müssen.

Aktuell sind in der ganzen Ukraine insgesamt über zehn Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, das WFP erreicht aber derzeit nur etwas mehr als ein Drittel von ihnen. Der Löwenanteil der Hilfe werde von den ukrainischen Lokalregierungen organisiert, erklärt Kern, der das Nothilfeprogramm nach Kriegsausbruch aufgebaut hat. «Die Solidarität unter den Ukrainer:innen ist gross, es gibt ein starkes soziales Netzwerk», sagt er.

Um über die Runden zu kommen, wende ungefähr ein Drittel der Bevölkerung sogenannte «negative Bewältigungsstrategien» an. Das heisst: Sie lassen Mahlzeiten aus. «Oder sie lassen zuerst ihre Kinder essen und nehmen, was übrig bleibt», erklärt Kern.

Von 2014 bis 2018 unterhielt das WFP zwar bereits ein Programm im umkämpften Osten der Ukraine. Doch als Jakob Kern am 1. März 2022 im polnischen Krakau ankam, um nach dem Beginn der russischen Invasion das Nothilfeprogramm aufzubauen, musste er bei null anfangen. «Zuerst schläft man für einige Wochen nur sporadisch und arbeitet durch», sagt er. Zuerst habe er angefangen, herumzuschauen, herumzufragen, herumzutelefonieren. «Wo können wir helfen? Wo gibt es Lebensmittelfabriken? Wie können wir Lieferketten aufbauen?», so Kern. «Wo finden wir lokale Angestellte, wo können wir Büros eröffnen? Wie finden wir Partnerorganisationen?» Das WFP – 1961 in Rom gegründet und heute nach eigenen Angaben die grösste Uno-Institution – hatte zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns Niederlassungen in über hundert Ländern, nicht aber in Mittel- und Osteuropa. «Es gab also keine Strukturen, auf die wir zurückgreifen konnten», sagt Kern.

Doch der Aufbau verlief erfolgreich, in sechs Ländern sind mittlerweile 201 Mitarbeitende für das Nothilfeprogramm engagiert. 100 000 Tonnen Lebensmittel sind derzeit entweder in die Ukraine unterwegs oder warten dort in einem von fünf Lagerhäusern darauf, verpackt und verteilt zu werden.

Die Verteilung der Lebensmittelpakete erfolgt mithilfe von lokalen Partnerorganisationen, die in den Kriegsgebieten im Osten und Süden der Ukraine aktiv sind. Und zwar nach dem «Elefant-und-Maus-System», wie Kern es nennt: «Wir transportieren die Lebensmittel mit unseren Lastwagen so nah wie möglich an die Frontlinie. Ab dort werden die Pakete von lokalen Hilfswerken oder kirchlichen Institutionen in unauffälligen kleinen Autos, Lieferwagen oder in Taxis über die Front geschmuggelt und verteilt.» Etwa in Odesa, Cherson, Sumy und Charkiw hat das WFP auch Verträge mit Bäckereien abgeschlossen, die der notleidenden Bevölkerung kostenlos Brot abgeben können. Und im Westen des Landes, wo Lieferketten noch funktionieren, unterstützt es die Menschen vor allem mit Bargeldtransfers: umgerechnet 75 Franken pro Monat und Person.

Die Lebensmittel, die die Uno in der Ukraine verteilt, stammen gemäss Kern zu etwa einem Drittel aus dem Land selber, etwa Weizenmehl und Öl. Der grosse Rest komme aus umliegenden Staaten oder aus Deutschland – denn die Lebensmittelfabriken in der Ukraine produzieren heute vorwiegend für das Militär. Bislang hat das WFP 567 Millionen US-Dollar an bestätigten Beiträgen für sein Nothilfeprogramm in der Ukraine erhalten. Um die Unterstützung für die nächsten drei Monate aufrechtzuerhalten, benötigt die Organisation weitere 259 Millionen Dollar. Die Schweiz hat bisher nicht zur Finanzierung beigetragen.

Die Negativspirale dreht sich weiter

Nun schafft der russische Angriffskrieg nicht nur in der ukrainischen Bevölkerung Not und Leid. Als weltweit grösster Sonnenblumenöl- und fünftgrösster Weizenexporteur spielt das Land eine wichtige Rolle in der globalen Lebensmittelversorgung. Auch das WFP hat bis vor kurzem die Hälfte seiner Weizeneinkäufe – 800 000 Tonnen – aus der Ukraine bezogen. Nun ist die Ausfuhr gestoppt, denn die Häfen am Schwarzen Meer sind blockiert.

Weil der Lieferausfall aus der Ukraine in anderen Weizen produzierenden Ländern die Angst vor einer globalen Knappheit weckte, halten viele ihre Exporte zurück und häufen stattdessen Vorräte für den Eigenbedarf an. So verschärft sich die Knappheit, und der Weizenpreis wird von den Händler:innen entsprechend hochgetrieben. Weil Weizen ein Grundnahrungsmittel ist, steigen in der Folge auch die Preise für weitere Lebensmittel stark an.

Die Konsequenzen sind insbesondere für die ärmsten Bevölkerungsschichten auf der ganzen Welt fatal. «Wenn du bereits neunzig Prozent deines mickrigen Einkommens für Essen ausgibst und alles zwanzig Prozent teurer wird, dann bedeutet das in vielen Fällen nur eins: Hunger und Verhungern», sagt Jakob Kern. Bereits am 14. März warnte Uno-Generalsekretär Antonio Guterres deshalb vor einem «Hurrikan des Hungers» im Globalen Süden.

Der Preisanstieg hat auch auf die globale Lebensmittelhilfe des WFP einen direkten Effekt: Im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg muss das Programm jeden Monat siebzig Millionen Dollar mehr für die gleiche Menge Lebensmittel aufwenden. «Das heisst wiederum, dass wir pro Monat vier Millionen Menschen weniger ernähren können», erklärt Kern. «Das sind nicht die Menschen in der Ukraine, sondern Menschen im Jemen, in Äthiopien oder im Sudan.»

Das heisst keineswegs, dass die Konsequenzen nicht auch für die Ukraine verheerend sind. Vor dem Krieg stammte die Hälfte ihres Aussenhandelseinkommens aus dem Getreideexport – und gemäss der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Uno sitzt das Land heute auf 25 Millionen Tonnen Getreide, das es nicht ausführen kann. Weil die Silos schon zur Hälfte gefüllt sind, drohen nach der Ernte im Herbst bis zu 15 Millionen Tonnen zu verrotten. So ergibt es für die Bäuer:innen weder Sinn, Getreide zu ernten, noch, neu auszusäen – schliesslich wissen sie nicht, wann sie wieder ins Ausland verkaufen können. Beides ist zudem mit hohen Kosten verbunden, und es fehlt an Landarbeiter:innen und Treibstoff. Damit dürften auch künftige Ernten spärlich ausfallen. Eine Negativspirale, deren negative Effekte noch über Jahre anhalten könnten.