Rechter Terror : «Wir müssen wehrhafter werden»

Nr.  20 –

Rassistisch motivierte Morde in den USA, ein verhinderter Anschlag in Deutschland – beides in nur einer Woche. Im Gespräch mit der WOZ spricht die Expertin Karolin Schwarz über Hintergründe des erstarkenden Rechtsterrorismus.

«Verschwörungsideologien, auf die sich solche Täter beziehen, werden nicht nur am äussersten rechten Rand diskutiert»: Trauernde am Montag nach dem Attentat in Buffalo. Foto: Matt Rourke, Keystone

WOZ: Karolin Schwarz, am vergangenen Samstag hat in Buffalo im Staat New York ein Achtzehnjähriger zehn Menschen erschossen. War das ein Terroranschlag?
Karolin Schwarz: Ich würde sagen: Ja. Unter den Opfern sind mehrheitlich Schwarze Menschen. Es war das erklärte Ziel des Täters, Angst auszulösen unter denen, die er angegriffen hat. Auch der Aspekt der Propaganda ist im Fall von Buffalo gegeben: Der Täter wollte weitere, ähnliche Taten auslösen. Und er selbst hat sich in Schriften, die er veröffentlicht hat, sehr deutlich auf frühere Anschläge bezogen. Insofern würde ich hier von einem rechtsterroristischen Anschlag sprechen.

Letzte Woche wurde ausserdem bekannt, dass in Essen ein mutmasslicher Anschlag eines Sechzehnjährigen auf seine eigene Schule verhindert werden konnte. Gibt es erkennbare Muster einer Radikalisierung in den beiden Fällen?
Im Zusammenhang mit dem Essener Fall wissen wir noch zu wenig. Und der Verhaftete ist relativ jung. Das heisst, wir werden vermutlich auch nicht zu allen Informationen Zugang erhalten. Das Verfahren wird wohl nicht öffentlich sein. Über den Täter in Buffalo wissen wir mehr. In dem von ihm veröffentlichten Pamphlet spricht er davon, sich im Internet radikalisiert zu haben. Er nimmt Bezug auf Videos von früheren rechtsterroristischen Anschlägen, insbesondere vom Anschlag in Christchurch in Neuseeland. Auch Pamphlete früherer Täter habe er studiert. Das ist typisch. Inzwischen wissen wir, dass sich auch der Schüler in Essen im Internet mit früheren «school shootings» beschäftigt hat. Es gibt online richtige Gemeinschaften von Fans der Täter, die 1999 in Columbine zwölf Schüler:innen erschossen haben.

Sind all diese Anschläge Teil desselben Diskurses, der online geführt wird?
Wir wissen schon lange, dass diese Täter aufeinander Bezug nehmen. Ein Beispiel ist das mittlerweile nicht mehr bedeutende Telegram-Netzwerk, das sich selbst als «Terrorgram» bezeichnete. Dort wurden Rankinglisten verschiedener Täter veröffentlicht. Es ging darum, wer von ihnen am meisten Menschen ermordet hat. Das sind gemeinsame Bezugspunkte. Hinzu kommen wiederkehrende ideologische Versatzstücke, etwa die Verschwörungsideologie des «Grossen Austauschs». Antisemitische Positionen sind weitverbreitet. Und auch Antifeminismus spielt natürlich eine grosse Rolle.

Der «Grosse Austausch» ist ein Kampfbegriff der neuen Rechten, Antisemitismus ist ein Problem, das weit über solche Internetgemeinschaften hinausgeht. Wie stark ist deren Verbindung zur Mainstreamrechten?
Gerade Antifeminismus ist besonders anschlussfähig im rechten Mainstream, wenn man den so bezeichnen will. Auch die Verschwörungsideologie des «Grossen Austauschs» wurde von der AfD schon mehrfach in Facebook-Postings erwähnt. Weitere ähnliche Begriffe, die letztlich dasselbe bezeichnen, etwa der «Volkstod» oder die «Ersetzungsmigration», werden mehr oder weniger deutlich immer wieder von Politiker:innen benutzt. Über Geburtenraten wird im rechten Mainstream wahnsinnig viel gesprochen. In den USA verbreitet der Fox-News-Moderator Tucker Carlson im Fernsehen ganz offen die Erzählung vom sogenannten Grossen Austausch. Viele Verschwörungsideologien, auf die sich rechtsterroristische Täter beziehen, werden nicht nur am äussersten rechten Rand der Gesellschaft diskutiert.

Man kann die Anschläge nicht als isoliertes Phänomen von Spinnern abtun: Sie sind Teil einer grösseren politischen Entwicklung …
Es lässt sich wissenschaftlich belegen, dass digitale Inhalte einen erheblichen Beitrag zur Radikalisierung leisten können. Natürlich gibt es Täter, die in irgendeiner Form psychische Probleme haben. Das ist auch eine Diskussion, die jetzt in Bezug auf den Fall in Essen wieder geführt wird. Man muss das immer wieder deutlich sagen: Es gibt Menschen, die rechtsterroristische oder auch islamistische Anschläge begangen haben, die in irgendeiner Form psychische Erkrankungen haben – das erklärt aber nicht die Ideologie.

Wie engmaschig sind diese Netzwerke, die Sie beschreiben? Kennt man sich da persönlich?
Es gibt kleinere Chatgruppen, in denen sich die Teilnehmenden auch auf persönlicher Ebene miteinander austauschen. Ein Beispiel dafür ist etwa die rechtsterroristische Gruppe Atomwaffen Division. Aber auch grössere, anonyme Plattformen sind wichtig. Im Fall von Buffalo haben die Plattformen 4chan und Discord eine grosse Rolle gespielt. Gerade bei sogenannten Imageboards wie 4chan pflegen die Teilnehmenden nicht unbedingt einen persönlichen Umgang. Die Kommunikationswege können sich also unterscheiden. Die Art des Austauschs, die Inhalte und das Vokabular sind aber oft ähnlich. Die Memekultur spielt eine grosse Rolle: die Vermittlung rechtsextremer Inhalte über vermeintliche Ironie.

Lässt sich das Ausmass des Problems quantifizieren?
Das ist schwierig. Aber wir können uns ansehen, wie anschlussfähig etwa antimuslimische und antisemitische Positionen in unserer Gesellschaft sind. Dann wird klar, dass es da ein grosses Potenzial für weitere Radikalisierung gibt. Ohne natürlich behaupten zu wollen, dass alle Interessierten notwendigerweise irgendwann Gewalt anwenden werden. Trotzdem: Als demokratische Gesellschaft müssen wir dagegen vorgehen.

Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist die nach dem richtigen medialen Umgang mit rechtsterroristischen Anschlägen. Etwa ob man überhaupt auf die Inhalte solcher Pamphlete, die in Zeitungen ja oft auch «Manifeste» genannt werden, eingehen soll.
Man muss aufpassen, nicht in die Falle der Täter zu tappen und sie bei ihrer Selbstdarstellung zu unterstützen. Sie erhoffen sich, selbst berühmt zu werden – und ihre Propaganda möglichst weit zu verbreiten. Im Fall von Buffalo wurden sehr viele Screenshots des Pamphlets des Täters von Journalist:innen auf Twitter geteilt. Das war mir teilweise zu viel. Man kann auch über diese Schriften berichten, ohne direkt daraus zu zitieren. Wichtig sind ausserdem Gerichtsverhandlungen. Bis heute verbreiten manche Medien das Foto des Attentäters von der Insel Utoya, wie er im Gerichtssaal den Hitlergruss zeigt. Unverpixelt. Das ist genau das Foto, das auch in seinen Fangemeinschaften verbreitet wird.

Was sind denn weitere Möglichkeiten, gegen Rechtsterrorismus vorzugehen?
Vorneweg: Es gibt keine Möglichkeit, solche Taten mit Sicherheit zu verhindern. Mit dieser traurigen Wahrheit müssen wir uns auseinandersetzen. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht dagegen vorgehen kann. Ich glaube, es gibt drei wesentliche Punkte, bei denen man ansetzen kann. Erstens die Sensibilisierung. In Essen war es ein Mitschüler, der eingegriffen und die Polizei alarmiert hat, nachdem der betreffende Schüler ihm von seinen Mordfantasien erzählt hatte. Ich frage mich, wie viele andere vor ihm das nicht getan haben. Menschen, die solche Taten planen, informieren nicht selten vorher ihr Umfeld. Oft gibt es Alarmzeichen. Ein grösseres Bewusstsein dafür ist wichtig.

Karolin Schwarz Foto: Andi Weiland

Zweitens glaube ich, dass Ermittlungsbehörden ihre Digitalkompetenzen ausweiten und auch Onlinenetzwerke genauer untersuchen müssen. Und drittens müssen wir einen Umgang mit denen finden, die diese Ideologie anschlussfähig machen: von Tucker Carlson bis hin zu rechtsextremen Politiker:innen im Parlament. Wo setzen wir Grenzen? Gerade auch in Diskussionen um die Meinungsfreiheit stellt sich doch die Frage: Wie gehen wir damit um, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die rechtsextremes, dehumanisierendes Gedankengut verbreiten? Ich glaube, dass wir noch viel wehrhafter werden müssen.