Nr. 21/2022 vom 26.05.2022

Bis zur fatalen Explosion

Von Rahel Locher

Die Erstklässlerin mit den kunstvoll geflochtenen Zöpfen tritt erst in der Hälfte der Geschichte auf. Mit ihrer Unbeschwertheit und den glücklichen Momenten, die sie mit ihren Eltern teilt, stellt sie einen deutlichen Kontrast zu Katharina dar, der Protagonistin von Dagmar Schifferlis schmalem Roman «Meinetwegen». Etwa als Katharina Hausarrest hat und den anderen Kindern beim Spielen zuschauen muss, nachdem sie am Vorabend vom Vater verprügelt wurde. «Da wird es dem Kind bis in sein Innerstes schwarz. Richtig schwarz. Und wenn ich daran denke, greift dieses Schwarze auch jetzt wieder nach mir.»

Katharina sitzt in einer geschlossenen Einrichtung für Jugendliche, mit einem grossen Rucksack voller Demütigungen und physischer Gewalt. Davon berichtet sie in direkten Monologen dem Psychiater in der Anstalt, nur unterbrochen von dessen schriftlicher Kommunikation – die einzige, die Katharina zulässt. Sie ist verletzt, aber auch kreativ und wortgewandt. Die düstere Atmosphäre ihrer Kindheit wird immer wieder durchbrochen von ausschweifenden, aber wegen der eigenständigen Denkweise niemals langatmigen Überlegungen – sei es zum Katholizismus, zur Bedeutung einzelner Wörter oder Wortsilben oder zu Gedichten aus dem Deutschunterricht.

Zum Schluss des Buchs offenbart sich der Grund für Katharinas Aufenthalt. Das schwarze, leere Gefühl ergreift von ihr Besitz, als sie ein blondes Mädchen aufs Spielplatz-WC begleitet. Dann verliert sie die Kontrolle: «Das war wie eine Explosion in mir drin», beschreibt sie ihren Zustand. Sie gibt die erfahrene Gewalt an einen schwächeren Menschen weiter – ein Phänomen, um das sich bereits «Wegen Wersai» dreht, ein früherer Roman von Dagmar Schifferli. Darin spielt eine jüngere Katharina die Hauptrolle und erzählt ebenfalls aus der Ich-Perspektive, jedoch ohne die monologische Form, die «Meinetwegen» – in Kombination mit gedichthaften Zeilenumbrüchen – seinen besonderen Sound verleiht.  

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