Nr. 18/2022 vom 05.05.2022

Der Ausweg aus der Inflation

Mit höheren Zinsen soll der Preisanstieg auf Kosten der Armen bekämpft werden. Dabei gäbe es auch faire Alternativen.

Von Yves WegelinMail an Autor:in

Im globalen Süden sind die Folgen der Preissteigerung verheerend: Brotverkauf in Kairo. Foto: Ahmed Goma, Imago

Über ein Jahrzehnt lang haben vor allem deutschsprachige Ökonom:innen wie Hans-Werner Sinn vor der grossen Inflation gewarnt. Vor der grossen Geldentwertung, die viele Menschen wie damals nach dem Ersten Weltkrieg verarmen lässt. Nun scheint die Inflation angekommen zu sein: Im Euroraum liegt sie bei 7,5 Prozent. Benzin, Brot, Autos: Alles wird teurer.

In der Schweiz ist sie mit 2,4 Prozent weiterhin relativ tief. Besonders prekär ist die Lage allerdings für ärmere Menschen im Süden, wie etwa in Ägypten, wo der Preis für Brot in die Höhe schnellt. Die Welt stehe einem «perfekten Sturm» gegenüber, der die ärmeren Länder zu verwüsten drohe, warnt Uno-Generalsekretär António Guterres. Immer noch mehr Menschen hungern.

Kein Wunder, fühlen sich Leute wie Sinn nun bestätigt. Als Grund für ihre jahrelange Warnung nennen sie die ultralockere Geldpolitik seit der Finanzkrise 2008: Wenn den Gütern und den Dienstleistungen immer mehr Geld gegenüberstehe, müssten sie irgendwann auch mehr kosten, sagte der US-Ökonom Milton Friedman in den sechziger Jahren. «Nun rächt sich die Geldpolitik des billigen Geldes», schrieb die NZZ kürzlich, die wie kaum eine andere Zeitung diesem Dogma folgt. Es sei wie beim Ketchup, meinte Sinn vor Weihnachten im Fernsehen, während er an einer Heinz-Flasche rüttelte, bis die Sauce rausfloss: Lang komme nichts, dann alles auf einmal.

Knappes Angebot, hohe Preise

Doch warum jetzt, nach über einem Jahrzehnt billigen Geldes? Der Grund ist einfach: Entgegen verbreiteten Behauptungen hat die aktuelle Inflation kaum etwas mit Geldpolitik zu tun, wie sich etwa das britische Bankenblatt «Financial Times» über Sinn mokierte. Das Problem ist nicht, dass immer mehr Geld gleich vielen Gütern gegenübersteht, sondern dass es seit Monaten immer weniger Güter gibt. Je kleiner das Angebot, desto höher die Preise.

Die Pandemie hat wegen Firmenschliessungen, Quarantänen und Engpässen in der Schifffahrt zu Flaschenhälsen geführt, die das Angebot verknappen, wie der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem jüngsten Bericht festhält. Die Invasion des Öl- und Gasexporteurs Russland in die Getreidekammer Ukraine hat die Nahrungsmittel- und Energiepreise zusätzlich in die Höhe getrieben, was vor allem in Europa den Grossteil der Inflation erklärt. Viele Konzerne profitierten von der Knappheit, indem sie ihre Margen steigerten, kritisiert US-Präsident Joe Biden. Die USA verzeichnen die höchsten Margen seit siebzig Jahren. Laut der Deutschen Bundesbank haben auch in Europa die Firmen ihre Margen erhöht.

Die lockere Geldpolitik dagegen hat zumindest in Europa lediglich dazu gedient, die Nachfrage seit der Pandemie aufrechtzuerhalten; dies, indem sie es den Staaten erlaubt hat, sich für Coronahilfen weiter zu verschulden.

Inflation trifft auf Krisenwirtschaft

Das Bedrohliche ist: Die Inflation trifft auf eine Weltwirtschaft, die schon vor der Pandemie und dem Krieg tief im Sumpf steckte. Die Schulden von Firmen, Personen und Staaten liegen mit gut 250 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf einem Allzeithoch, die Ungleichheit wächst, und die Minuszinsen haben das Gesetz des Kapitalismus ausser Kraft gesetzt, wonach das Ausleihen von Geld etwas kostet. Hinter all dem schwelt die schier unlösbare Frage, wie die globale Wirtschaft umgebaut werden muss, damit sie nicht bald kollabiert.

Der Kern des Problems liegt in der Art, wie die Industrieländer das Wirtschaftswachstum anzukurbeln versuchen, das sich seit Jahrzehnten aus verschiedenen Gründen immer weiter verlangsamt. Weniger Wachstum heisst weniger Profit für die Eigentümer:innen der Unternehmen. Und es bedeutet mehr Arbeitslosigkeit: Der technische Fortschritt führt dazu, dass es immer weniger Arbeitskräfte braucht, um die gleiche Menge an Gütern zu produzieren. Stagniert diese Menge, verlieren immer mehr Leute ihre Arbeit.

Die ergriffenen Gegenmittel sind bekannt: Die Steuersätze für Konzerne und Reiche werden immer weiter gesenkt – mit dem Argument, dass diese das Geld investierten und so Wachstum und Arbeitsplätze schafften. Zudem wurden die Arbeitsmärkte dereguliert, damit Firmen billigere, flexible und austauschbare Arbeitskräfte erhalten. Und mit der Abschaffung der Grenzen wurde ein globaler Standortwettlauf in Gang gesetzt, der den Regierungen kaum eine andere Wahl lässt, als diesem Programm zu folgen.

Die sich dadurch verschärfende Ungleichheit bringt jedoch ein neues Problem: Unten droht der Konsum wegzubrechen, was bedeutet, dass es für Reiche weniger lohnende Investitionen gibt. Die steigenden Schulden sind die trügerische Lösung dafür. Vereinfacht gesagt, leihen die Reichen ihr Vermögen über den Finanzmarkt den Staaten, die es wiederum etwa als Sozialleistung der breiten Bevölkerung weitergeben, damit diese mehr konsumiert; oder sie leihen das Geld den Leuten direkt, etwa als Hypothek. So wurde das Wachstum angekurbelt.

Seit dieses Schuldenhaus in der globalen Finanzkrise 2008 beinahe kollabierte, wird es von den Zentralbanken mit zusätzlichem billigem Geld gestützt: Nebst der Förderung von Investitionen sorgen die tiefen Zinsen dafür, dass die Staaten und die einfachen Leute ihre Schulden weiterhin tragen können.

Hier liegt auch die Erklärung, warum sich Sinns Warnungen vor der grossen Inflation jahrelang nicht bewahrheitet haben: Solange die mit billigem Geld finanzierten Schulden lediglich die wegfallende Nachfrage kompensieren, kommt es nicht zu einer Inflation. Doch statt Konsum und Investitionen anzuheizen, wurden mit dem billigen Geld etwa Aktien oder Immobilien gekauft, deren Preise sehr stark stiegen. Ökonom:innen sprechen von einer sogenannten Vermögenspreisinflation.

Drohende Zinserhöhungen

Die aktuelle Inflation trifft also unter anderem auf ärmere Menschen und Staaten, die bereits hoch verschuldet sind. Dazu kommt, dass angesichts der Inflation nun auch Zinserhöhungen drohen, wie sie vor allem von Leuten wie Sinn gefordert werden. Bei Redaktionsschluss wurde erwartet, dass US-Notenbank-Chef Jerome Powell den Leitzins noch am Mittwoch um weitere 0,5 Prozentpunkte erhöht. Irgendwann ab dem Sommer könnte auch seine bisher zurückhaltende europäische Amtskollegin Christine Lagarde nachziehen.

Würde die Inflation tatsächlich vom Billiggeld angeheizt, wäre das der richtige Schritt: Wenn die Leute so schnell reicher würden, dass die Firmen mit der Produktion nicht mehr mitkämen, müssten die Zentralbanken einschreiten. Doch jetzt, da Engpässe in der Produktion und Rohstoffknappheit die Inflation antreiben, ist das anders: In dieser Situation sollen mit höheren Zinsen vor allem ärmere Menschen mitten in einer Wirtschaftskrise noch ärmer gemacht werden, damit sie weniger konsumieren. Höhere Zinsen führen zu weniger Investitionen, was wiederum Arbeitslosigkeit bringt. Zudem müssen verschuldete Leute und Staaten mehr für ihre Kredite zahlen. Italien etwa könnte mit seiner Schuld von 151 Prozent des BIP erneut in eine Schuldenkrise geraten. In der ersten Reihe stehen jedoch die Länder des Globalen Südens. Die Uno hat vor wenigen Tagen gewarnt, die Welt stehe «am Rand» einer globalen Schuldenkrise.

Das erinnert an die frühen achtziger Jahre, als US-Notenbanker Paul Volcker angesichts rasant steigender Ölpreise die Zinsen auf zwanzig Prozent hinaufschraubte: Die Inflation liess nach, doch die Wirtschaft tauchte in eine tiefe Rezession. Hier liegt der Grund, warum sich neben vielen Ökonom:innen auch die europäische Zentralbankchefin Lagarde vorsichtig gegenüber Zinserhöhungen zeigt, wie sie kürzlich am US-Fernsehen ausführte.

Die Alternativen

Es gibt andere Wege, die Inflation zu bekämpfen: Viele Ökonom:innen fordern schärfere Kartellkontrollen, um die Gewinnmargen der Konzerne zu senken. Eine weitere Massnahme wäre ein Preisdeckel für Gas, wie ihn die Ökonomin Isabella Weber (siehe WOZ Nr. 50/2021) im britischen «Guardian» vorgeschlagen hat: Der Staat würde jedem Haushalt eine bestimmte Menge Gas zu einem subventionierten fixen Preis garantieren. Zudem müssten Regierungen viel mehr Massnahmen ergreifen, um den Konsum fossiler Energie oder die Verschwendung von Nahrungsmitteln zu reduzieren, was ohnehin dringlich ist, um die CO₂-Emissionen zu senken.

Was bisher kaum diskutiert wurde: Statt mit Zinserhöhungen Arme noch ärmer zu machen, sollten die Steuern für Reiche erhöht werden, die für einen Grossteil des Konsums verantwortlich sind. Vor wenigen Tagen hat US-Demokrat Chuck Schumer dies nun als «einzigen Weg» bezeichnet, um die Inflation loszuwerden. Auch der IWF hat Grossbritannien geraten, die Inflation mit höheren Steuern für Reiche zu bekämpfen. Schliesslich müssten die Kosten der Inflation gerecht verteilt werden – auch wenn dies den Preisanstieg nicht senkt: Also braucht es Hilfen für ärmere Haushalte sowie einen teilweisen Schuldenerlass für überschuldete Länder, wie dies Uno-Chef Guterres vor wenigen Tagen auf einer Reise in den Senegal gefordert hat.

Mehr Investition in Service public

Langfristig gesehen haben Ökonom:innen wie Hans-Werner Sinn jedoch recht, wenn sie auf eine Abkehr vom neuen liberalen Mainstream des billigen Geldes drängen. Zwar führt diese Politik des billigen Geldes nicht in die Inflation. Doch sie bringt immer untragbarere Schulden, Aktienblasen und steigende Immobilienpreise, die die Ungleichheit weiter anheizen und zu immer neuen Finanzkrisen führen. Was Leute wie Sinn dabei aber nicht sehen wollen: Fällt das billige Geld weg, mit dem die Schulden und damit die Nachfrage angetrieben wird, wird die Arbeitslosigkeit rasant zunehmen.

Der Ausweg aus diesem Dilemma? Statt die Reichen mit immer mehr billigem Geld zum Investieren zu animieren, damit sie Arbeitsplätze schaffen, sollte die öffentliche Hand diese selber schaffen. Konkret: Die öffentliche Hand muss Reiche höher besteuern, um das Geld in den ökologischen Umbau zu investieren; aber auch in Schulen, Kitas, Pflegeheime, Spitäler, Freibäder oder Parks, wie das etwa der britische Ökonom Tim Jackson vorschlägt. Diese Dienstleistungen bringen den Menschen Wohlstand; sie verursachen wenig CO₂-Emissionen – und sie schaffen viele Arbeitsplätze.

Irgendwo hier, jenseits des aktuellen liberalen Schuldenkapitalismus und Sinns Weg in die Massenarbeitslosigkeit, liegt die Alternative. Ein anderer Weg.

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