Nr. 23/2022 vom 09.06.2022

Alte Geschichten

Der Diskurs um Sexismus im Schweizer Rap geht unglaublich träge voran. Das zeigt auch wieder eine Anekdote rund um das Hip-Hop-Talkformat «Corner Talk».

Von Alice Galizia

«Also, Jungs, viel Spass.» Der Techniker richtet das Mikrofon auf dem Tisch ein, dann wird Sliwo eingeschenkt oder mit Bier angestossen, mindestens ein CBD-Joint gedreht. «Corner Talk» auf Youtube, jeweils zwei Stunden oder mehr Gespräch mit Exponent:innen der Schweizer Rapszene; moderiert wird die Reihe von den Zürcher Rappern Semantik und Steezo. Ein Hip-Hop-Talkformat, wie es das in den USA, in Frankreich oder Deutschland schon länger gibt; der «Corner Talk» existiert seit zwei Jahren.

Es ist ein angenehmes Format, auch weil es so ausufernd ist. Anekdoten und Belanglosigkeiten haben da genauso Platz wie Überlegungen zum eigenen Werk, technische etwa oder wer sich auf welche Vorbilder stützt. Das Gespräch orientiert sich an der Musik, man erfährt aber zum Beispiel auch, wer gerade Hämorrhoiden hat oder vor über zwanzig Jahren auf welcher Seite einer Schlägerei stand. Die beiden Moderatoren, auch das macht den Reiz der Sendung aus, führen derweil eine halbe Liebesbeziehung, wie sie sich ständig gegenseitig aufziehen, streiten, sich ergänzen – sich eben insgesamt sehr gut kennen.

Wer macht es sonst?

In einer Art dritten Staffel nun geht der «Corner Talk» auf Tour und nimmt in fünf Schweizer Städten live jeweils einen lokalen Künstler dazu. In Bern, wo der Talk im «Rössli» der Reitschule stattgefunden hätte, wurde die Veranstaltung abgesagt. Da die beiden Hosts während ihrer Parts am «Bounce Cypher», dem jährlichen Battle-Rap-Treffen auf SRF Virus, beide sexistische Aussagen machten, liess das «Rössli»-Kollektiv verlauten, man wolle ihnen keine Plattform bieten. In der Nachbesprechung zum «Cypher» legte Semantik nach: Er sei es müde, im Jahr 2022 immer noch über Homophobie und Sexismus im Hip-Hop reden zu müssen – Mann, Frau, das sei doch mittlerweile egal. Worauf Journalistin Mira Weingart pointiert darauf hinwies, sie sei es ebenfalls müde, nur sei es eben leider überhaupt noch nicht so, dass das Thema gegessen sei. Siehe «Cypher».

Trotzdem ist die Absage durch das «Rössli» schade: Es wäre schliesslich eine Möglichkeit gewesen, einen Raum für die Diskussion über genau diese Themen aufzutun, gerade weil vom geladenen Rapper Greis auch Kritik zu erwarten wäre. Dieser hat als Reaktion auf die Geschichte nun den Song «Tag wird cho» herausgegeben, in dem er sich mit Diskriminierung innerhalb der Rapszene (und seiner eigenen Rolle) auseinandersetzt. Beraten lassen hat er sich dabei von der Rapperin Big Zis. Er habe, so schreibt Greis auf Instagram, bewusst mit einer TINFA-Person zusammenarbeiten wollen, die an diesen Themen schon viel länger dran sei als er selbst. Das ist wichtig und löblich, aber kaum das, was die Szene aufrütteln wird: Es ist leicht, den Song als langweiligen Conscious Rap abzutun und Greis als alten Hasen mit progressiver Haltung. Aber eben: Wer macht es denn sonst?

Virus raus

Das Problem liegt beim «Corner Talk» ja schon in der Anlage: Männer reden mit anderen Männern über alte Geschichten, man ist lieb zueinander, spricht aber kaum je über die komplizierteren Angelegenheiten. In den 24 bisherigen Folgen waren insgesamt vierzig Männer eingeladen – und nur eine Frau. Auch auf der Livetour sprechen nun ausschliesslich Männer. Die einzige Frau war 2020 Big Zis, und es ist eine tolle Folge, so interessiert, respektvoll und lustig, wie die drei miteinander umgehen.

Abgesehen davon ist der «Corner Talk» genau so ein Raum, wie ihn sich Semantik mit seiner Aussage während der Nachbesprechung indirekt wünscht: ein Ort, an dem man über all die überaus schönen Dinge der Hip-Hop-Kultur reden kann, aber keiner einzigen kritischen Frage ausgesetzt ist – an dem man also so tun kann, als gäbe es diese Probleme im Jahr 2022 nicht mehr. Dabei hätte man vierzig Männer vor sich, die man zwischen zwei alten Geschichten auch einfach mal fragen könnte, ob und wie sie über Diskriminierung innerhalb der Szene nachdenken. Auch das geht schliesslich respektvoll.

Andere haben sich längst aus der Affäre gezogen: Den vielen üblen misogynen, homophoben Aussagen einen Rahmen geboten hat ja nicht der «Corner Talk», sondern SRF Virus.

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