Kolumbien hat gewählt : Der Linke schlägt den Scharlatan

Nr.  25 –

Es war schon lange klar, dass es eng werden würde. Am Ende machte der Vorsprung von Gustavo Petro gerade einmal drei Prozentpunkte aus, und Kolumbien wird zum ersten Mal in seiner Geschichte einen linken Präsidenten bekommen. Was fast genauso wichtig ist: Lateinamerika bleibt mit Rodolfo Hernández ein weiteres Exemplar dieser rechten, selbstsüchtigen und grossmäuligen Scharlatane erspart, denen es letztlich nur um das eigene Ego und den eigenen Reichtum geht. In der Stichwahl vom vergangenen Sonntag standen sich zwei Typen von Politikern gegenüber, die das Wahlgeschehen der vergangenen Jahre in Lateinamerika geprägt haben und die wohl auch noch eine Weile en vogue sein werden. Gewonnen haben zuletzt die Linken: Gabriel Boric in Chile, Xiomara Castro in Honduras – und jetzt Petro in Kolumbien.

Dass Linke derzeit Konjunktur haben, liegt an einem uralten Problem Lateinamerikas: am tiefen Graben zwischen sehr wenigen sehr reichen Familien und sehr vielen sehr armen Leuten. Dieser Graben ist im Laufe der Pandemie noch viel tiefer geworden. Menschen, die am Tag auf der Strasse das verdienen, was sie am Abend essen, haben bei den oft militärisch durchgesetzten Ausgangssperren auch noch ihr täglich Brot verloren. Unternehmen aber bekamen staatliche Subventionen. In Kolumbien kam es darüber zu Unruhen im ganzen Land, und keiner der Kandidaten konnte glaubwürdiger als Gustavo Petro versprechen, er wolle etwas an diesen Zuständen ändern.

Aber Petro hatte zwei Probleme: In seiner Jugend war er Mitglied der Stadtguerilla Movimiento 19 de Abril (M-19), und Guerillas sind in einem Land, in dem seit über einem halben Jahrhundert Bürgerkrieg herrscht, bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht gut angesehen. Und er ist, seit 1990, als das M-19 aufgelöst wurde, Berufspolitiker. Er sass im Parlament, war Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá und bis zuletzt Senator. Gustavo Petro gehört zum politischen Establishment, wenn auch immer in der Rolle der Opposition. Das politische Establishment ist derzeit in Lateinamerika nicht gut angesehen.

Für diese Abneigung steht ein Name wie ein Symbol: Odebrecht. Der brasilianische Baukonzern hatte über Jahre linke wie rechte Regierungen mit Hunderten von Millionen US-Dollar geschmiert, um an lukrative Aufträge zu kommen. Nun ist Korruption zwar schon lange das Schmiermittel lateinamerikanischer Politik gewesen, aber der Odebrecht-Skandal war der grösste, und er wurde Ende 2016 öffentlich. Seither folgten unzählige weitere Enthüllungen. Korrupte Parteien, die über Jahre die Politik einzelner Länder geprägt haben, sind darüber zu Randerscheinungen in den Parlamenten geworden oder ganz verschwunden. Profitiert haben davon Scharlatane: Männer, die im internetgläubigen Lateinamerika die Plauderplattformen bedienen können und sich als Aussenseiter mit nur einem Programmpunkt präsentieren: Sie würden die politische Klasse hinwegfegen und hart gegen Korruption vorgehen, dann werde alles gut.

Nayib Bukele ist mit dieser Masche 2019 zum Präsidenten von El Salvador gewählt worden. Seither regiert er autokratisch, seine Regierung ist mutmasslich mindestens so korrupt wie die Vorgängerregierungen. Xiomara Castro hat sich bei der Wahl in Honduras Ende 2021 mit Salvador Nasralla einen ähnlichen Scharlatan vom Leib gehalten, indem sie ihn zum Vizepräsidenten machte. In Chile ist Gabriel Boric Ende 2019 in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl dem ultrarechten Schaumschläger José Antonio Kast unterlegen und hat ihn erst in der Stichwahl überflügelt.

Petros Gegner Rodolfo Hernández hat seinen kometenhaften Aufstieg aus dem Nichts nach demselben Muster zustande gebracht. Der schwerreiche Immobilienunternehmer machte sich mit lustigen Videoschnipseln auf der Plattform Tiktok bekannt und gab sich als Aussenseiter, der mit der korrupten Politikerklasse aufräumen werde. Dass er selbst ein Korruptionsverfahren am Hals hat, haben die meisten Kolumbianer:innen erst nach der Wahl erfahren: Sein Prozess soll in dieser Woche beginnen.