Nr. 26/2022 vom 30.06.2022

Für Natur und Klima: Ruhe bewahren und vorwärtsmachen

Die Biodiversitäts- und die Klimakrise verstärken sich gegenseitig und müssen gemeinsam angegangen werden. Mit diesem Ansatz zeigen grosse Umweltverbände, wie eine sichere Energieversorgung bereits 2035 machbar ist – ohne Gaskraftwerke und neue AKWs.

Von Johanna Diener

«Die Tragweite der Biodiversitätskrise ist der Bevölkerung nach wie vor nicht bewusst», sagt Nathalie Rutz von Pro Natura Schweiz. Mindestens ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz gilt heute als bedroht. Die Umweltorganisation hat am Montag zusammen mit dem WWF, dem Verkehrs-Club der Schweiz (VCS), Greenpeace, Birdlife und der Schweizerischen Energie-Stiftung ihre Strategie zur sicheren Energieversorgung bis 2035 präsentiert. Zentral dabei: Klimaschutz und Biodiversitätsschutz sollen Hand in Hand gehen. Nur zu oft wird den Umweltorganisationen vorgeworfen, die Energiewende zu bremsen. Dagegen positionieren sie sich nun klar und rufen zum «Solarsprint» auf.

Sparen, ohne dass wir es merken

Einen Hauptpfeiler der sicheren inländischen Energieversorgung sieht die Umweltallianz aber vor allem im Stopp der Energieverschwendung. Dabei geht es erstens um die sogenannte Suffizienz, also darum, überhaupt möglichst wenige Rohstoffe und wenig Energie zu verbrauchen. Und zweitens um die Effizienz, also Energie ohne Verluste zu nutzen. Dies verlangt vor allem politische Bereitschaft für strenge Richtlinien etwa bei Gebäudeisolationen, Stand-by-Geräten oder unnötiger Beleuchtung von Gebäuden. Die Themen finden aber im aktuellen öffentlichen und politischen Diskurs viel zu wenig Platz. Ein ganzes Drittel des Stromverbrauchs in Privathaushalten könnte gemäss der Umweltallianz eingespart werden, ohne dass das im Alltag überhaupt spürbar wäre; insgesamt könnte so bis 2035 der Gesamtenergieverbrauch um vierzig Prozent reduziert werden.

Der zweite Hauptpfeiler der Strategie zur erneuerbaren Energieproduktion: weitreichender Ausbau der Solarenergiegewinnung. Insgesamt soll gemäss der Umweltallianz bis 2035 die Energiegewinnung aus Sonnenenergie auf mehr als dreissig Terawattstunden verzehnfacht werden. Zum Vergleich: Heute verbraucht die Schweiz pro Jahr etwa sechzig Terawattstunden Strom.

Aktuell heiss diskutiert wird, wo die vielen Solarpanels stehen sollen. «Für uns ist klar: Je schneller das Potenzial auf bestehender Infrastruktur genutzt wird, desto weniger Freiflächen müssen verbaut werden», sagt Nathalie Rutz. Tatsächlich könnten gemäss dem Bundesamt für Energie und einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften auf bestehenden Dächern, an Fassaden und auf Infrastrukturbauten mehr als achtzig Terawattstunden Strom allein mit Sonnenenergie produziert werden. Das ist etwa so viel Strom, wie die Schweiz insgesamt gemäss Prognosen brauchen wird, wenn AKWs vom Netz sind und keine Benzin- und Dieselautos mehr, sondern Elektrofahrzeuge auf den Strassen unterwegs sind.

Jährlich nur sechs Beschwerden

Zurzeit machen aber nicht Offensiven für den Solarausbau auf Privat- und Gewerbehäusern Schlagzeilen, sondern Grossprojekte wie etwa die geplante «grösste Fotovoltaikanlage der Schweiz» oberhalb des Walliser Bergdorfs Gondo oder unlängst die Idee der Beratungsfirma Energiezukunft Schweiz, die grössten Schweizer Seen mit Solarpanels zu bestücken. «Dabei gäbe es so viele Flächen, die weitestgehend ‹konfliktfrei› sind», sagt Rutz, «Parkplätze, Seilbahninfrastruktur oder bereits bestehende Staumauern.» Abgesehen davon, dass keine zusätzlichen Flächen überbaut werden müssten, haben diese einen weiteren Vorteil: Sie sind bereits durch Zufahrtsstrassen und oft durch bestehende Elektrizitätsleitungen erschlossen, es entstehen also weniger graue Emissionen beim Bau der Anlagen.

Im Walliser Saflischtal oberhalb Grengiols wird ein weiteres Grossprojekt diskutiert: Auf fünf Quadratkilometern sollen Solarpanels installiert werden. «Für dieses Projekt gibt es noch nicht einmal eine realistische Kostenrechnung», gibt Rutz zu bedenken, und wissenschaftliche Daten, welche Auswirkungen solche Grossprojekte auf die Biodiversität hätten, fehlten oft ganz. Die Umweltallianz fordert, dass bereits zu Beginn der Projektplanung für Erneuerbare abgeklärt wird, welche Nachteile für die Tier- und die Pflanzenwelt entstehen. Und der Biodiversitätsschutz sollte auf der Stufe der kantonalen Richtpläne geregelt sein. «Grossprojekte werden im heutigen Zeitgeist oft ohne irgendwelche Umweltabklärungen von den Medien aufgegriffen und schüren als Luftschlösser riesige Erwartungen», sagt Rutz. Doch auch wenn die Umweltverbände von Anfang an davor warnen, dass die Projekte nicht realisierbar sein könnten, seien sie am Schluss oft der Sündenbock, wenn es nicht vorwärtsgehe.

Viel zu oft unterstelle man ihnen, den Ausbau der Erneuerbaren zu bremsen, doch die Zahlen zeigen ein anderes Bild: Im Schnitt gerade einmal sechs Beschwerden jährlich haben Umweltorganisationen gegen Produktionsanlagen für erneuerbare Energie in den letzten zehn Jahren gemacht, während mehr als 10 000 Projekte pro Jahr realisiert worden sind.

Das Problem seien viel mehr die ungenügenden politischen Rahmenbedingungen für Fotovoltaikanlagen, sagt Raffael Ayé, Geschäftsführer von Birdlife Schweiz. Heute gebe es in den Kantonen teils sehr lange Wartezeiten. «Auch einfachere Bewilligungsverfahren für Dachanlagen begrüssen wir», sagt er. Rein rechnerisch, ist auch er überzeugt, brauche es keine zusätzlichen Solaranlagen auf freien Bergwiesen, um genügend Strom für die Schweiz bereitzustellen.

Strom für den heimischen Markt

Die Nutzung von Biomasse und Windenergie sei zwar ebenfalls wichtig, so die Umweltallianz, doch sei das umweltverträgliche Potenzial für diese zwei nachhaltigen Energieträger in der Schweiz eher klein. Auch bei der Wasserkraft sehen die Umweltorganisationen kaum zusätzliches Ausbaupotenzial. Wenn, dann vor allem durch die Erhöhung von bestehenden Staumauern.

Auf hochalpinen Stauseen kann sich Ayé allerdings schwimmende Solaranlagen vorstellen. Oberhalb der Baumgrenze sei die Effizienz der Fotovoltaikanlagen sehr gross und ein Eingriff aus ökologischer Perspektive weniger problematisch. «Solche Projekte sollten geprüft werden und können vielleicht Sinn ergeben», sagt er. Das Potenzial wäre gross, weil durch die kalte Luft und die intensive Sonnenstrahlung die Effizienz der Solarpanels wesentlich grösser sei als im Mittelland – gerade auch im Winter. Die Umweltallianz schlägt dazu vor, dass bestehende Stauseen, wo sinnvoll und mit geringen Eingriffen in die Natur möglich, vergrössert werden. Und dass deren Produktion stärker auf den inländischen Strombedarf ausgerichtet wird: Im Winter soll weniger Wasserenergie exportiert werden und dafür über einen längeren Zeitraum im Inland zur Verfügung stehen.

Die Umweltorganisationen sind darum bemüht, vom Ruf der Klimaschutzverhinderer loszukommen: Klima- und Naturschutz sind keine Gegensätze, sondern lassen sich im Gegenteil nur gemeinsam erreichen. Man sei auch in der Vernehmlassung zur Biodiversitätsinitiative, die zurzeit im Parlament verhandelt wird, zu Kompromissen bereit gewesen, sagt Ayé. Neue Biodiversitätsgebiete müssten nicht zwingend Ausschlussgebiete für Erneuerbare sein. Im Gegenzug sollen die geschützten Biotope von nationaler Bedeutung nicht für die Energieproduktion geöffnet werden.

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