«Fachkräftemangel» : Genug vom Stress

Nr.  27 –

Ob in der Gastrobranche, in Spitälern oder Schulen: Viele Personalverantwortliche klagen, weil ihnen Fachkräfte fehlen. Doch damit wird meist nur vom Selbstverschulden der Unternehmen abgelenkt.

ein Kellner im Restaurant Markthalle in Zürich
So wenig läuft hier nur zu Randzeiten: Das Restaurant Markthalle in Zürich bleibt montags jeweils geschlossen, weil das Personal fehlt.

In der Schweiz fehlt es an qualifizierten Beschäftigten. Dieser Eindruck entsteht, wenn man den politischen und den medialen Diskurs verfolgt. In Medienmitteilungen von Wirtschaftsverbänden und in Dutzenden parlamentarischen Vorstössen wird vor dem sogenannten Fachkräftemangel gewarnt – und vor dessen schwerwiegenden Folgen. In der Schweizer Mediendatenbank sind allein aus den vergangenen sechs Monaten beeindruckende 5688 Zeitungsartikel registriert, in denen das Wort «Fachkräftemangel» vorkommt. Was ist da los in der Arbeitswelt? Die Antwort ist weniger einfach, als es das Schlagwort und seine aktuelle Omnipräsenz erscheinen lassen.

Klar ist, dass Firmen in manchen Branchen effektiv grössere Schwierigkeiten haben, Stellen zu besetzen. Notorisch ist der Mangel in staatlichen oder parastaatlichen Branchen wie im Bildungs- oder im Gesundheitswesen, aber auch Ingenieur:innen fehlen und seit einiger Zeit Personal im Gastgewerbe. Obwohl durch Betriebsschliessungen in den letzten beiden Jahren 30 000 Stellen weggefallen sind, haben die Wirt:innen Mühe, Beschäftigte zu finden. «Während der Pandemie haben Tausende die Branche verlassen und kommen nicht mehr zurück», sagt Mauro Moretto von der Gewerkschaft Unia. Das liege zum einen an den durch die Pandemie entstandenen Unsicherheiten, zum anderen daran, dass viele Gastrobetriebe trotz der tiefen Löhne darauf verzichtet hätten, die durch die Kurzarbeit verursachten Lohneinbussen auszugleichen. «Grundsätzlich hat Covid aber wie ein Katalysator gewirkt.» Denn die Arbeitsbedingungen seien in der Branche schon zuvor schlecht gewesen: tiefe Löhne, unregelmässige Arbeitszeiten, häufig keine fixen Arbeitspläne, stressige und wenig sinnstiftende Arbeit.

Angestellte aus dem Gastgewerbe haben zusammen mit der Unia im April ein Manifest veröffentlicht, in dem sie grundlegende Veränderungen in der Branche verlangen. Dazu gehören neben besseren Löhnen etwa auch das Recht darauf, in der Freizeit nicht ständig auf Pikett sein zu müssen, oder die Forderung, dass die Arbeitsgeräte vom Betrieb zur Verfügung gestellt werden. Der Verband der Arbeitgeber versprach seinerseits Verbesserungen – aber erst in drei bis fünf Jahren. Dass es auch schneller und anders ginge, zeigten einzelne Betriebe, sagt Moretto. Diese sorgten für faire und angenehme Arbeitsbedingungen und hätten darum auch kaum Mühe, Personal zu finden.

Auch wenn ein als vorbildlich geltender Wirt gegenüber der WOZ von gewissen Schwierigkeiten bei der Suche nach Angestellten spricht: Die Rekrutierungsprobleme in manchen Branchen sind zu grossen Teilen selbstverursacht. Kann also überhaupt von einem schweizweiten Fachkräftemangel gesprochen werden? Diese Frage treibe sie selbst auch um, sagt Helen Buchs vom Stellenmarktmonitor Schweiz der Universität Zürich. Eine klare Antwort gebe es nicht: «Ich höre von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinnenseite sehr unterschiedliche Sachen.» In manchen Branchen und Berufen hätten Unternehmen teilweise tatsächlich Mühe, Leute zu finden – es gebe aber auch Arbeitskräfte, die bei der Jobsuche überhaupt nicht wählerisch sein könnten. Und wenn Firmen Mühe hätten, Angestellte zu finden, liege das manchmal auch an den Unternehmen selbst: «Diese haben oft keine Ressourcen, Leute einzuarbeiten oder weiterzubilden.» Buchs spricht auch deshalb von «brachliegendem» Potenzial. Dieses zu nutzen, sei in Branchen wie dem Gastgewerbe, wo die Gewinne kleiner ausfielen, schwieriger. «Doch mit Innovationen wäre teilweise auch dort mehr möglich.» So könnten die Firmen neue und flexiblere Arbeitszeitmodelle einführen, auf flachere Hierarchien setzen und den Angestellten mehr Autonomie gewähren.

Ein Trugbild

Für den deutschen Soziologieprofessor Jeremias Herberg handelt es sich beim «Motiv des Fachkräftemangels» um ein «Trugbild», wie er in seinem Buch «Illusio Fachkräftemangel» schreibt. Eines, das politisch und aus Wirtschaftskreisen gewollt sei. Die Unternehmen würden ein Missverhältnis von ausgebildeten und nachgefragten Fachkräften behaupten – und die daraus scheinbar resultierenden Folgen als «Kernproblem der Unternehmen skandalisieren». Damit solle, so Herberg, Druck auf Ausbildungsorganisationen gemacht werden, die Ausbildungen an die sich schnell wandelnden Interessen der Wirtschaft anzupassen. Dabei liege das Problem gar nicht bei der Ausbildung, sondern bei der Wirtschaft selbst: Es würden nicht zu wenige Personen ausgebildet, der Verschleiss an Fachkräften sei schlicht zu hoch.

Im derzeitigen Wirtschaftssystem sollen die Lohnabhängigen dort verfügbar sein, wo die Unternehmen sie brauchen. Dazu wird von Stellensuchenden auch erwartet, dass sie sich umschulen lassen, falls der Bedarf nach Personal in der einen Branche sinkt und in einer anderen steigt. Wachstum, Krisen und Veränderungen sind feste Eigenheiten des Kapitalismus. Deshalb ist dieser auf ein Arbeitskräftereservoir angewiesen. Karl Marx sprach von einer «Reservearmee». Aus dieser könnten die Unternehmen nicht nur ihren Bedarf an Arbeitskräften decken, sie fungiere auch als Druckmittel auf alle Angestellten, damit sich diese täglich abmühten und nicht zu hohe Lohnforderungen stellten. Je kleiner die Reservearmee wird, desto kleiner ist der Verhandlungsvorteil der Unternehmen.

Für Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, wäre ein Fachkräftemangel denn auch «positiv»: Ein solcher zwinge die Unternehmen zu Lohnerhöhungen und dazu, Menschen einzustellen, die heute auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen hätten. Auch müssten die Unternehmen so endlich wieder in die interne Aus- und Weiterbildung investieren. Doch Lampart sieht gesamtwirtschaftlich aktuell keinen Fachkräftemangel. Dieser sei vor allem «in den Köpfen der Unternehmer:innen» dauerpräsent: «Sie reden kaum noch über etwas anderes.»

Druck auf Menschen ohne Arbeit

Die Debatte um das Konstrukt des Fachkräftemangels bringt für die Lohnabhängigen auch Risiken mit sich. Wenn wie aktuell von rechts eine Erhöhung der Wochenarbeitsstunden gefordert wird, wird dabei stets auch mit dem Fachkräftemangel argumentiert. Die Forderung nach einer Arbeitszeiterhöhung steht dabei exemplarisch für die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, in denen zwar die Produktivität und die Wirtschaftsleistung stiegen, die Arbeiter:innenschaft davon aber kaum profitierte. Mehr noch: Immer mehr Angestellten aus dem Mittelstand droht der wirtschaftliche Abstieg, wie der Basler Soziologe Oliver Nachtwey in seinem Buch «Die Abstiegsgesellschaft» konstatiert. Das Versprechen der sozialen Marktwirtschaft, dass die grosse Mehrheit am Wirtschaftswachstum teilhaben könne, gelte seit den 1990er Jahren nicht mehr. Nachtwey erkennt deshalb das Entstehen einer neuen «diskriminierten und hoffnungslosen Unterklasse», aus der es kaum mehr ein Entrinnen gibt.

Gleichzeitig wird politisch mit Verweis auf einen Fachkräftemangel der Druck auf Menschen ohne Arbeit erhöht – mit dem euphemistischen Begriff des aktivierenden Sozialstaats wird so die Bezugsdauer von Arbeitslosenentgelt verkürzt und Sozialhilfeleistungen werden gesenkt.

Doch viele Personen finden schlicht keinen Job. Beispielsweise jene, die im höheren Berufsalter ihre Stelle verlieren. Obwohl diese Generation gut ausgebildet ist. Laut einer Studie der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe findet nur eine:r von acht über 55-jährigen Stellensuchenden noch einmal eine existenzsichernde neue Anstellung – viele der anderen sind auf Sozialhilfe angewiesen. In einer Studie des Bundes sagten Firmen, sie würden deshalb keine älteren Angestellten einstellen, weil diese teurer als jüngere seien.

Ohne Systemwandel geht es nicht

Den Unternehmen und dem Markt die Planung des Personalbedarfs zu überlassen, ist offensichtlich keine gute Idee. Eine Planung durch den Staat wäre unabdingbar. Doch dieser wurde von der bürgerlichen Mehrheit immer weiter ausgehöhlt: Der Staat soll sich aus ideologischen Gründen nicht in das Wirtschaften einmischen – gleichzeitig fehlen ihm nach wiederholter Senkung der Unternehmenssteuern auch immer mehr die Mittel für ein aktives Gestalten. Die Folgen davon zeigen sich auch in staatlichen und parastaatlichen Branchen wie der Bildung, den Kindertagesstätten und dem Gesundheitswesen, wo es gravierenden Personalmangel gibt. So fehlen für das neue Schuljahr noch immer Hunderte Lehrkräfte, obschon bereits Pensionierte, Student:innen der Pädagogischen Hochschulen und Quereinsteiger:innen ohne Erfahrung engagiert worden sind. Hatten erst jene Kantone mit den tiefsten Löhnen Mühe, Lehrpersonal zu finden, haben nun praktisch alle damit zu kämpfen.

Für Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Lehrer:innenverbands LCH, gibt es mehrere Ursachen für die aktuelle Situation: So wisse man schon lange, dass die Demografie – die Babyboomjahrgänge werden pensioniert, während die Zahl der Schüler:innen steigt – den Lehrer:innenmangel verstärke. «Doch die Politik hat zu wenig unternommen», sagt Rösler. Die Mahnungen und die Hilferufe aus den Schulen wurden nicht oder zu wenig ernst genommen. In mehreren Kantonen sei es über Jahre gar zu Verschlechterungen der Anstellungsbedingungen gekommen: Es seien Lohnkurven abgeflacht oder Lektionen für Schülerinnen und Schüler bei gleichbleibendem Lehrplan gestrichen worden. Grundsätzlich seien die Anforderungen an die Schulen gestiegen, und das seit vielen Jahren. «Das führt zu Überforderung», sagt Rösler. Dies sorge mit dafür, dass ein gewisser Teil der Lehrkräfte kurz nach Ausbildungsende oder nach einigen Jahren den Beruf wechsle. Dies und auch die teilweise mangelnde Wertschätzung vonseiten der Gesellschaft trügen zur aktuellen Situation bei.

Auch im Pflegebereich ist der Personalmangel notorisch. Und auch dort setzt dieser eine Negativspirale in Gang: Weil Personal fehlt, steigt der Druck auf die verbleibenden Pflegefachkräfte, die deshalb überdurchschnittlich oft den Beruf wechseln. Weil die Zahl älterer, pflegebedürftiger Menschen aus demografischen Gründen ansteigt, wird insgesamt mehr Pflegepersonal benötigt. Doch Studien des Bundes zeigen schon länger, dass bis 2029 rund 15 000 Fachkräfte zu wenig ausgebildet werden.

Immerhin: Ins Gesundheitswesen ist jetzt Bewegung gekommen. Trotz Widerstand von Bundesrat, Parlament und Wirtschaft wurde vergangenes Jahr die Pflegeinitiative von der Stimmbevölkerung angenommen. In dieser Branche können nun nachhaltige Massnahmen gegen den Personalmangel eingeleitet werden. Allerdings: Besondere Eile bei der Umsetzung zeigt der Bund bisher nicht.