Kanton St. Gallen : Amtlich bewilligte Sektenschule

Nr. 28 -

Nach den Sommerferien soll in Uznach eine Privatschule nach den Lehren der rechts-esoterischen Anastasia-Bewegung eröffnet werden. Sie wirbt mit kruden Lernversprechen, doch die kantonalen Behörden schöpften bislang keinen Verdacht.

Gebäude in Uznach, in dem muttmasslich eine Schule der rechts-esoterischen Anastasia-Bewegung untergebracht ist
Im obersten Stockwerk dieses Gebäudes in Uznach sollen ab August Schüler:innen unterrichtet werden.

Auf dem Flyer der Schule «Lernraum zum Eintauchen», der derzeit etwa im rechtsextremen Reichsbürger-Telegram-Chat «Person wird :Mensch» zirkuliert, ist alles offen dargestellt: Die Initiant:innen der Privatschule, die in Uznach verwirklicht werden soll, beziehen sich explizit auf die Musterschule der Anastasia-Bewegung im russischen Tekos – die sogenannte Schetinin-Schule. Eine der aufgeführten Lehrerinnen gibt an, in Tekos das Lernkonzept des verstorbenen Leiters Michail Schetinin studiert zu haben. Zu diesem Konzept ist auf dem Flyer zu lesen: «Offenes und freies Lernen entsteht durch den Kontakt des bioenergetischen Feldes. Wenn hier das Treffen gelingt, kann in zehn Tagen der Mathematikstoff der ganzen Mittelschule erfasst werden. Also elf Jahre Mathematik in zehn Tagen.»

Nationalistischer Drill

Anastasia ist eine völkisch-esoterische Siedlungsbewegung, deren Lehre auf der gleichnamigen Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre basiert. Die naturromantische Darstellung von Anastasia, einer Frau mit göttlichen Fähigkeiten, die alleine und in völligem Einklang mit ihrer Umgebung in der Taiga lebt, zieht auch Ökobewegte in ihren Bann. Doch die Ideologie trägt eindeutig braune und weltverschwörerische Züge. Ein Kernelement ist die Beschwörung des historisch nicht verbürgten Volkes der «slawisch-arischen Wedrussen». Megres esoterischer Welttheorie nach stammen die russischen, europäischen und amerikanischen Völker von den «Wedrussen» ab. Ihr Blut will Megre reinhalten. Die Jüd:innen macht er in seinem Werk für Krankheiten und Kriege verantwortlich.

Die Anastasia-Bewegung hat besonders in Deutschland Verbindungen ins Lager der Neonazis und der Reichsbürger. Bekannte Exponent:innen dieser Szene sind regelmässig an Anastasia-Veranstaltungen anzutreffen.

Die Bewegung breitet sich über Familienlandsitze aus – Aussteigerkommunen, in denen das Leben auf der eigenen Scholle praktiziert wird. In Russland soll es etwa 300 Anastasia-Siedlungen geben, in Deutschland rund 20, in Österreich geht man von einer Handvoll aus, in der Schweiz versucht der Verein Familienlandsitze.ch, Gründungen voranzutreiben.

Ein weiteres vordringliches Ziel der Bewegung: Schulgründungen. Die russische Schetinin-Schule dient dabei als Modell. Sie wird von Megre im dritten Band seiner Buchreihe als die ideale Ausbildungsstätte für den Anastasia-Nachwuchs beschrieben. Sektenexpert:innen beschreiben die Schetinin-Methode als eine Mischung aus nationalistisch-militärischem Drill – die Kinder lernen etwa Volkstanz und Schwertkampf – und kruden esoterischen Lernversprechen. Kern der pädagogischen Lehre ist die Idee, dass sich Kinder, das Wissen ihrer Urahnen anzapfend, gegenseitig unterrichten. Die Wissensvermittlung soll dank «berührender Kräfte zwischen den lehrenden und lernenden Schülern» passieren. Lernerfolg im Rekordtempo wird versprochen.

All diese Informationen sind leicht zu finden. Anfang Juli hat etwa das antifaschistische Recherchenetzwerk «FarbundBeton» über Twitter eine ausführliche Recherche zum Uznacher Schulprojekt veröffentlicht. Dennoch hat der Bildungsrat des Kantons St. Gallen dem «Lernraum zum Eintauchen» für das Schuljahr 2022/23 die Bewilligung als Privatschule erteilt. Jürg Müller, Leiter Abteilung Aufsicht und Schulqualität, sagt am Telefon, aus dem Konzept der Initiant:innen habe sich keine Verbindung zur Anastasia-Bewegung ableiten lassen. Ausserdem habe man nach einem religiös-ideologischen Hintergrund gefragt, «das wurde verneint».

Gut möglich, dass sich die Verantwortlichen vom Initiator des Projekts blenden liessen: Thomas Kochanek, ein im Investmentmanagement tätiger Absolvent der Universität St. Gallen. Kochanek hat für die Schule in Uznach Industrieräume gemietet, am Telefon propagiert er die Schetinin-Methode. Das Interesse an der Schule sei gross, sagt er. Man habe genügend Anmeldungen, um im Sommer zu starten. Kochanek behauptet jedoch: Er habe noch nie von der Anastasia-Bewegung gehört und nichts mit einer Sekte zu tun. Bei der Schetinin-Methode gehe es in erster Linie darum, dass sich Kinder gegenseitig unterrichteten, ein Ansatz, der in vielen modernen Pädagogikkonzepten vorkomme, «etwa auch bei Montessori».

Anschluss bei Coronaleugner:innen

Die Schetinin-Schulen sind durch die Pandemie anschlussfähiger geworden. Das Konzept findet offenbar auch bei jenen Exponent:innen aus der Coronaleugnerszene Anklang, die ihre Kinder nicht mehr auf staatliche Schulen schicken wollen. Ein Guru dieser Szene ist der Zauberkünstler und Gedächtnistrainer Ricardo Leppe, der während der Pandemie den Verein «Wissen schafft Freiheit» gegründet hat. Leppe verbreitet pseudowissenschaftliche Konzepte wie die «Germanische neue Medizin» – und Anastasia-Ideologie. Er propagiert Homeschooling und die Gründung sogenannter freier Schulen nach der Schetinin-Methode.

Auch in der Schweiz sind während der Pandemie Netzwerke von Coronaleugner:innen entstanden, die die Gründung eigener Schulen vorantreiben – und in Teilen der Anastasia-Bewegung nicht abgeneigt sein dürften. Allen voran das «Lehrernetzwerk Schweiz», das auf seiner Website auf die Seite von Ricardo Leppe verweist. Maskengegnerin Prisca Würgler wiederum hat die Bewegung «Graswurzel Schweiz» gegründet. Wie «FarbundBeton» herausgefunden hat, warb eine «Graswurzel Schule» in Hombrechtikon im Juni für einen «Bildungsforschungstag nach M. P. Schetinin».

Verlagerung in die Schweiz

Die Schetinin-Schule in Russland musste 2019 ihre Tore wegen zahlreicher Mängel schliessen. Dass der Bewegung nun ausgerechnet in der Schweiz der Coup gelungen ist, eine offiziell bewilligte Schule eröffnen zu können, ist kein Zufall: In Deutschland, wo viel strengere Schulgesetze gelten, konnte die Bewegung ihre Pädagogik schon immer nur im Untergrund verbreiten. In Österreich wiederum gab es bis vor kurzem zahlreiche Anastasia-Homeschoolingstrukturen. Sie wurden jedoch nach Gefährdungsmeldungen praktisch komplett aufgelöst. Geschlossen wurde 2019 auch die Weinbergschule, eine öffentlich anerkannte Privatschule, die immer weiter in die Schetinin-Padägogik abgedriftet war.

Die Aktivitäten der Anastasia-Bewegung scheinen sich also vermehrt in die Schweiz zu verlagern. Dazu passt: Die junge Lehrerin Iris Autenrieth, die im Uzner Schulprojekt mitwirken will, zog mit ihrer Familie 2020 aus Deutschland in die Schweiz, gemeinsam führt man die Esoterikfirma «Wohlleben». Autenrieth ist gemäss eigenen Aussagen derzeit in einer Homeschoolingeinrichtung in Thalwil tätig. Fragen der WOZ zur Ideologie der Anastasia-Bewegung und zu ihren Verbindungen in die Szene beantwortet sie nicht.

Und was sagt das St. Galler Bildungsdepartement zu den Hintergrundinformationen über die geplante Schule in Uznach? Es bedankt sich bei der WOZ dafür. Über das weitere Vorgehen wolle man jedoch «noch keine Auskunft erteilen».