Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

Wer heilt die Welt und den Menschen?

Die Ideologie der Anastasia-Bewegung aus Russland ist auch in der Schweiz angelangt. Ihre AnhängerInnen vernetzen sich zunehmend und versuchen, Schulen zu gründen. – Ausflüge in eine krude Welt.

Von Sarah Schmalz

Das Verstörendste ist ihr Bild: Anastasias gelbe Mähne, der solariumbraune Teint alternder Achtzigerjahresternchen in schlechten Serien. Träumerisch blickt Anastasia von den Buchumschlägen des russischen Esoterikautors Wladimir Megre in die Ferne. Kraftvoll, mit einem Hauch Erotik. So schlecht das Cover, so stark ist der Glaube der AnhängerInnen Anastasias. Ich bin auf einem Hof irgendwo im Solothurnischen, als mir Hans* von ihr erzählt. Er trägt eine weisse Leinenhose und kinnlange weisse Haare. Hans ist Akademiker. «Wenn Anastasia essen möchte», sagt er, «bringen es ihr die Eichhörnchen vorbei, ein paar Nüsse hier, ein paar Nüsse da, es ist faszinierend.» Hans könnte stundenlang Anekdoten aus Anastasias Leben erzählen. Ich mache ihm die Freude und höre noch etwas zu. «Der Adler», sagt er. «Anastasia hat ihm ihr kleines Baby übergeben, einfach so, voller Vertrauen, Wladimir Megre war dabei und traute seinen Augen nicht. Der Vogel flog in die Höhe, mit dem Kind in seinen Krallen. Zeigte ihm von weit oben die Lichtung, auf der es leben würde. Und erst die Geschichte mit dem Bären: Sie schläft nachts auf seinem warmen Fell, ohne Angst. Unglaublich, was? Aber sie ist einfach so eins mit der Natur.»

Ich wechsle ans vegane Buffet. Auch hier gibt es fast nur Nüsse. Irgendwie muss man das mit der spirituellen Entwicklung ja ausprobieren, denke ich. Wenn man nicht wahrhaben will, wie das Leben nun einmal ist – widersprüchlich und über manche Strecken öde. Und dann bloss momentweise unheimlich schön.

Wladimir Megre, der Entdecker oder eher Erfinder von Anastasia, wusste schon, was er tut: Wer lange auf spiritueller Suche ist und dann seine Bücher entdeckt, dessen Sehnsüchte bekommen plötzlich eine Gestalt. Anastasia, die blond gelockte Schönheit, die Megre leibhaftig in der russischen Taiga getroffen haben will, verkörpert die so verdammt schwer zu erreichende höchste Stufe der spirituellen Leiter. Sie verfügt über ur- und übermenschliche Kräfte, trägt den göttlichen Funken in sich, der im zivilisatorischen, von der Natur entfremdeten Menschen verschüttet ist (vgl. «990 000 Jahre mit Gott im Paradies»).

Hare Krishna, Parapsychologie, Verschwörung

Inzwischen sind immer mehr Menschen eingetroffen. Etwa 25 Personen werden es mittlerweile sein, man steht zusammen unter einem grossen Baum. «Ein Kraftort», sagt Reiner, «ganz eindeutig!» Reiner scheint so etwas wie der Guru dieser Schweizer Gruppe zu sein, immer eine flotte Lebensweisheit auf den Lippen. Die Gruppe ist zusammengekommen, um sich zu vernetzen. Wie es die Anastasia-AnhängerInnen regelmässig tun, unbeobachtet von der Öffentlichkeit. Die völkisch-esoterischen «Siedler», deren staatsfeindliche Ideologie näher an der deutschen Reichsbürgerbewegung liegt als bei den Hippies, nach denen sie aussehen, geraten erst langsam ins Visier von Sekten- und RechtsextremismusexpertInnen. Die Bewegung hat keine klaren Hierarchien, keinen Leader. Und sie oszilliert zwischen allem, wie die Beratungsstelle Infosekta festhält: ein bisschen Hare Krishna, etwas Parapsychologie, Ufologie, Atlantis. Und: ganz viel Weltverschwörung. «Putin», sagt Hans, der mir noch vor zehn Minuten von den nüssebringenden Eichhörnchen erzählte: Putin teile die Vision der Anastasia-Anhänger. Hier im Westen hingegen habe es die Bewegung schwerer; die systemgesteuerten Medien, die kapitalistischen Dunkelmächte, die desinformierenden Regierungen. Ich nicke. Ein paar Minuten später sitzen wir alle in einem Kreis auf der Wiese, Hofbewohnerin Daniela mit einer Quitte in der Hand. Ihr Freund, lange blonde Locken und Hippiestoffhose, kommt mir bekannt vor. Vielleicht erinnert er mich aber auch bloss an einen dieser Typen von früher, die den ganzen St. Galler Sommer lang in der Parkanlage Drei Weihern sassen und übers Weltall philosophierten.

Nun sollen wir einander von unseren Träumen erzählen. Ich hinterfrage mein Leben, sage ich, als die Quitte bei mir landet. Der Stress, die Grossstadt, das Hamsterrad. Wohlwollendes Nicken: Man bringt mir nicht wie befürchtet Skepsis entgegen, sondern scheint mir gerne zu glauben. Die anderen haben konkretere Pläne. Da ist das sächsisch-aargauische Paar mit auffallend schlechten Zähnen, das Gleichgesinnte sucht, um endlich einen richtigen Familienlandsitz zu gründen. Da sitzt auch der kultiviert wirkende Mittfünfziger Claudio, der ein Angebot macht: Seine Familie besitze verschiedene Höfe, unter anderem in Frankreich, ein bisschen Überzeugungsarbeit noch, und er werde den Familienbesitz künftig der Anastasia-Bewegung zur Verfügung stellen. Im Kreis sitzt auch Andreas. Ich habe ihn schon einmal getroffen: an einer Tagung im Zürcher Novotel mit dem Titel «Heilung für Mensch und Erde». Andreas berichtete damals von seinem Familienlandsitzprojekt in Spanien und versuchte, seine Produkte an den Markt zu bringen. Inzwischen ist Andreas in Spanien gescheitert, er scheint wie damals in Geldnot: Auch heute will er sein «Emorgon» an die Leute bringen: «hochenergetische Pyramiden», die alle schädlichen Einflüsse neutralisierten.

Andreas wirkt gestresst. Man müsse nun wirklich vorwärtsmachen, warnt er die Gruppe. Schon in wenigen Wochen kollabiere nach gut unterrichteten Quellen das System, dann müsse man den Menschen Alternativen anbieten können. «Wir brauchen ganze Anastasia-Dörfer, mit eigenen Schulen, eigenen Gesetzen.» Es brauche auch ein besseres Marketing: «Braucht es Anastasia-Kinderbücher? Sollen wir an Mittelalterfesten mitmachen?»

Das Marketing gelingt den Anastasia-AnhängerInnen am besten bei ihrem Schulprojekt: dem sogenannten Laising. Das Wort stamme aus dem Indogermanischen und bedeute «Nachspüren» oder «Nachforschen», schreiben die Verantwortlichen des Lais-Instituts Schweiz. Lais-Projekte gibt es mittlerweile in Grosswangen, Lenzburg, Luzern und Zürich. Dass die Anastasia-Bewegung hinter dem Schulmodell steht, wird vom Institut selber nicht offengelegt.

Und die Schlagwörter treffen den Zeitgeist: natürliches Lernen, Natur, Raum lassen.

Der Weg in die Pädagogik

Wieder sitze ich in einem Kreis, alle Augen diesmal auf mich gerichtet. Kurz ist die Sache noch vor sich hin geplätschert, dann hat jemand den Elefanten im Raum zur Erleichterung aller angesprochen: Die Atmosphäre sei jetzt schon etwas gestört mit diesem neuen Gast. Mir ist unwohl, ich bin schlecht vorbereitet. Erst hatte man mir abgesagt: Der Lais-Kurs, zu dem ich mich angemeldet hatte, finde nicht statt. Dann ein E-Mail am Sonntagmorgen: Ob ich heute vielleicht erst einmal als Gast dabei sein wolle? Nun soll ich also erklären, weshalb es mich in diese Runde verschlagen hat. Ich bin überstürzt angereist, die ausgedachte Geschichte klingt zu durchsichtig: «Mein Mann und ich wollen unsere fünfjährige Tochter nicht in die staatliche Schule schicken. Wir suchen nach Alternativen.» Ich bin in Lenzburg, eine alte Villa, ein Saal mit vielen Erkern, Parkett. Ein Buffet mit Nüssen. Die KursteilnehmerInnen sind bereits seit Tagen zusammen, wir – die Gäste – sind hier, damit sie uns weitergeben, was sie im Lais-Kurs (Modul 1) gelernt haben. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, was das Gekritzel auf den zwei Flipcharts soll. Man wende das auf Flipchart eins skizzierte freie Lernen auf Flipchart zwei an, erklärt man mir. «Frage» steht auf dem ersten Flipchart, Pfeil nach unten, «Nachspüren», Pfeil nach unten, «Stopp?». Auf dem zweiten Flipchart die Frage: «Wie kann man einen angstfreien Raum schaffen?» Guido, der neben mir sitzt, hat der Klasse vorhin einen Aha-Moment verschafft. Enthusiastisch ist er von seinem Stuhl aufgesprungen, um die Wörter «Angst» und «frei» durch Einkreisen voneinander abzugrenzen. Ihm sei gerade etwas aufgefallen: Angstfrei, das bedeute doch vielleicht einfach, «dass die Angst frei sein darf». Ergriffenheit im Saal.

Es ist eine seltsame Veranstaltung. Die starken Emotionen, die das gemeinsame Brainstormen bei den TeilnehmerInnen auslöst, scheint sie immun für die Tatsache zu machen, dass keine didaktischen Inhalte vermittelt werden und alles seltsam unkonkret bleibt. «Dem Laising-Modell fehlt es an Fakten, Konzepten oder gar Theorien», schreibt Infosekta in ihrer Einschätzung. Die leitenden Annahmen würden kaum dingfest gemacht. «Das ist alles typisch bei den Initiativen mit esoterischem Hintergrund.» Im Stuhlkreis der Lenzburger Villa aber sitzt nicht nur die etwas verstrahlt wirkende Sechzigjährige, die mit ihrem Deuxpièces und den toupierten Haaren aussieht wie eine Uriella aus den fünfziger Jahren. Im Stuhlkreis sitzen auch Lehrerinnen, Heilpädagogen und eine angehende Pädagogikstudentin. Am Ende werden alle zufrieden ihr Diplom abholen.

Pause. Kursleiterin Maja setzt sich zu mir. Sie hat einen erleuchtet-weggetretenen Blick. Ein Flackern in den Augen, das FanatikerInnen so aussehen lässt, als verberge sich hinter ihren Augäpfeln tatsächlich eine Welt, die für Normalsterbliche nicht zugänglich ist. Maja lächelt mich sanft an. Bedauerlich sei dieses plötzliche Gerede von einer Sekte, sagt sie. Gerade jetzt, wo so viele Projekte am Entstehen seien. Ich lächle zurück und denke an das Gespräch, das ich vor wenigen Tagen mit Charles Vincent führte. Vincent ist Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern. Er behandelt das Gesuch, das die Lais-AnhängerInnen beim Kanton für die Gründung einer Privatschule in Grosswangen eingegeben haben. Vincent sagte nicht viel dazu, doch wer die Infosekta-Einschätzung zu Lais liest, kann sich nicht vorstellen, dass eine Bewilligung erteilt wird. Anastasia sei nicht nur eine sektiererische Bewegung, ist dort nachzulesen. Das propagierte Schulsystem gefährde eine gesunde Entwicklung. Was die Laising-PropagandistInnen als natürliches Lernen verkaufen, beruht auf der Vorstellung, dass man Kindern bloss wieder Zugang zu ihrem kosmischen Urwissen verschaffen müsse, dann könnten sie sich den Stoff der gesamten Schulzeit in nur einem Jahr aneignen. «Solche Grössenvorstellungen können in der Jugend zu grossen Problemen führen», schreibt die Beratungsstelle Infosekta.

Auch in Lenzburg ist mittlerweile ein Schulgründungsgesuch eingereicht worden. Das Projekt nennt sich unverdächtig Kolibri-Schule. Und selbst wenn die Gesuche wohl abgelehnt werden: Lais-Unterricht findet bereits an verschiedenen Orten statt: Die Kinder werden von Anastasia-AnhängerInnen mit einer Homeschooling-Bewilligung zu Lerngruppen versammelt. Unterricht erteilt etwa jene Anastasia-Anhängerin, die das Schulprojekt in Grosswangen vorantreibt. Das zu verhindern, sagt Vincent, sei nicht Aufgabe des Kantons: «Wir erteilen die Bewilligung für den Heimunterricht nach offiziellen Kriterien: Die Kinder müssen etwa jedes Jahr eine Prüfung ablegen. Ideologien hingegen hat der Staat nicht zu beurteilen.»

Auch Lais-Kursleiterin Maja hat ihre Kinder aus der Schule genommen. Der Staat vertrete ja ebenfalls eine Ideologie, sagt sie. Sie selbst habe sicher ein eher esoterisches Weltbild. Aber eben: «Das mit der Sekte.» Was damit sei?, frage ich erstaunt. Sie habe irgendetwas von einer Anastasia gehört, sagt Maja. Aber sie habe keine Ahnung, was das für eine Bewegung sein solle.

* Alle Namen der Personen in Anastasia-Nähe geändert.

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