Eine Stadt tickt anders Le Locle im Jura gilt als eine der linksten Gemeinden der Schweiz. Derzeit hat sie mit der Abwanderung und viel Verkehr zu ­kämpfen. Doch die Bevölkerung glaubt ans ­Potenzial der Stadt.

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das Café du Marché in Le Locle
Einer der Treffpunkte der Linken: Das Café du Marché.

Es könnte ein Ort sein, wie es sie im Hinterland der Deutschschweiz zahlreich gibt: hügelige Landschaft, bewaldete Hänge, in der Talsenke ein Städtchen. Kühe würde man sich dazudenken, vielleicht einige Maisfelder, auch Bauernhöfe mit Silotürmen. Aber die gibt es nicht in Le Locle. Statt Silotürme sind es hier Hochhäuser und Fabrikanlagen, die ins Auge fallen.

Le Locle, auf fast tausend Metern über Meer, ist eine Industriestadt. Hauptwirtschaftszweig ist seit mehr als zwei Jahrhunderten die Uhrenindustrie. «Von 10 500 Bewohnerinnen und Bewohnern waren früher 10 500 Arbeiterinnen und Arbeiter. Der Grossteil von ihnen war in den Uhrenfabriken beschäftigt», sagt Céline Dupraz, die als Juristin für die Gewerkschaft Unia in Neuchâtel arbeitet. In der Zwischenzeit hat sich einiges geändert.

Während um 1900 die Hälfte der weltweit produzierten Uhren aus Le Locle und der Schwesterstadt La Chaux-de-Fonds stammten, werden heute viel weniger Uhren produziert, vor allem im Luxussegment. Noch immer sind in den Fabriken von Le Locle aber mehr als 8000 Arbeiter:innen beschäftigt. Heute besteht die Belegschaft der ansässigen Uhrenfirmen zu einem Grossteil aus Grenzgänger:innen.

Dupraz selbst stammt nicht aus einer Uhrmacherfamilie. Ihr Vater war Metzger in Le Locle, die Mutter Lehrerin. Als Abgeordnete der Partei der Arbeit (Parti Ouvrier et Populaire, kurz POP) in der städtischen Legislative von Le Locle sowie im Neuenburger Kantonsparlament hat die gebürtige Locloise aber viel mit der Industrie zu tun – und gehört hier einer linken Mehrheit an. Zurzeit stellen der POP zwölf und die SP wie die grüne Partei je sechs Sitze in der Legislative der Stadt, die FDP kommt auf siebzehn.

Populäre Kommunist:innen

Der kommunistische POP ist im Kanton Neuenburg seit Jahrzehnten vertreten. In Le Locle war er zeitweise stärkste Partei. Der POP sei unter anderem so stark geworden, weil er eine kleine Partei mit grösserem Lokalbezug sei, sagt Dupraz. «In einer kleinen Stadt ist der Bezug zu den Wähler:innen zentral. Das hat die Partei bereits von Beginn an gelebt.» Die Infrastruktur – etwa Museen, Sportanlagen und das Freiluftbad – würden durch die linken Parteien erhalten und für alle erschwinglich bleiben.

Wobei die Stadt mittlerweile um ihre Infrastruktur fürchten muss. Die Ingenieurschule wurde bereits nach Neuenburg verlegt, auch das Spital wurde mehr und mehr herabgestuft. Mittlerweile ist es de facto ein Rehazentrum. Die Bewohner:innen der Bergregion fühlten sich von der kantonalen Regierung oft vergessen, sagt Dupraz.

Strassenzüge in Le Locle von oben
Wie mit dem Lineal gezogen: Le Locle wirkt aufgeräumt wie ein Uhrwerk.

Nun steht eine Fusion mit La Chaux-de-Fonds im Raum. «Kommt diese Fusion zustande, dürfte Le Locle noch weitere Infrastruktur verlieren», befürchtet Dupraz. Ein Problem, das Le Locle seit Jahren beschäftigt. Junge Leute ziehen weg, die Stadt schrumpft.

Es entsteht aber auch Neues. Etwa das «Aux mots passants», eine genossenschaftliche Buchhandlung gleich neben dem Busbahnhof. Das Geschäft wurde vor sieben Jahren auf Initiative von drei Anwohner:innen gegründet. «Es gab in Le Locle keine Buchhandlung mehr», sagt eine der Betreiber:innen, die sich als Françoise vorstellt: In Le Locle ist man mit den Leuten schnell per Du.

Françoise und ihre Kolleg:innen arbeiten ehrenamtlich in dem kleinen Laden, der an diesem Tag gut besucht ist. Immer wieder klingelt die Türglocke. Die Stärke der linken Parteien hänge mit der Sozialstruktur der Stadt zusammen, ist die Buchhändlerin überzeugt. Die Mehrheit der Bewohner:innen stammten aus der Arbeiter:innenklasse. Sie würden entsprechend Personen wählen, die sich für sie einsetzten.

Françoise kommt ursprünglich aus La Chaux-de-Fonds und ist wegen ihres Mannes, eines gebürtigen Loclois, in die kleinere Nachbargemeinde gezogen. Die beiden Orte haben einiges gemeinsam: Sie wuchsen im 19. Jahrhundert durch die Mechanisierung der Uhrenindustrie rasant an, die linken Parteien haben schnell Fuss gefasst, auch die Gewerkschaften sind hier traditionell stark.

Karte der Schweiz, wo die Stadt Le Locle eingezeichnet ist
Stadt Le Locle in der Schweiz Karte: WOZ

Zurzeit müssen die linken Parteien allerdings stärker um ihre Wähler:innenschaft kämpfen. Der Rechtsrutsch, der im Kanton stattgefunden hat, ist nicht spurlos an Le Locle vorbeigegangen. So hat etwa die FDP seit den nuller Jahren stetig zugelegt.

«Momentan ist einiges im Wandel begriffen», sagt Buchverkäuferin Françoise. «Es gibt Leute, die unzufrieden sind. Die Lokalregierung setzt ihrer Meinung nach das Geld nicht so ein, wie sie es möchten.» Sie selbst sei eine pragmatische Wählerin, sagt sie. «Manchmal stimme ich links, manchmal aber auch nicht. Das hängt vom jeweiligen Sachgeschäft ab.»

Laut der Gewerkschafterin Céline Dupraz sei der Rechtsrutsch der vergangenen Wahlen auf die Fusion von Le Locle mit dem benachbarten, bäuerlicheren Les Brenets zurückzuführen. Die FDP sei dort stärker, die Uhrenindustrie weniger präsent.

Reger Grenzverkehr

Könnte sich Le Locle einen Beat aussuchen, würde die Stadt wohl im Sekundentakt ticken. Die Uhrenindustrie ist allgegenwärtig. Da sind die grossen Firmengebäude und Produktionsstätten von Tissot, Angelus oder Audemars Piguet und die breiten, schachbrettartig angeordneten Strassen, gesäumt von Häusern mit grossen Fenstern – so gebaut, damit die Uhrenmacher:innen früher genug Licht für ihr filigranes Handwerk hatten.

Wie stark die Stadt von der Industrie abhängig ist, zeigt die Arbeitslosenquote. Während die Arbeitslosigkeit noch vor zehn Jahren mit sechs Prozent fast doppelt so hoch war wie in der restlichen Schweiz, liegt sie derzeit wie im gesamten Kanton Neuenburg mit etwas weniger als drei Prozent auf einem historischen Tief. Dies hat unter anderem mit den grossen Firmen Audemars Piguet, Tudor und Kenissi zu tun, die sich in den letzten zwei Jahren in der Stadt niedergelassen haben.

Arbeit habe es in Le Locle immer genug gegeben, sagt Gewerkschafterin Dupraz. Die teils hohe Arbeitslosigkeit hänge in erster Linie mit der Einstellungspolitik der Uhrenfirmen zusammen. Diese würden die Arbeiter:innen aus Frankreich, die gleich um die Ecke wohnten und zu tieferen Löhnen arbeiten würden, lieber einstellen als lokale Stellenanwärter:innen. In einigen Unternehmen stellen Grenzgänger:innen weit mehr als fünfzig Prozent der Belegschaft. Sie arbeiten hier aber auch in der Gastronomie oder im Spital.

Tatsächlich ist Le Locle von Frankreich einen Katzensprung entfernt, knapp drei Kilometer weit ist es für die Pendler:innen von der Grenze aus. Eine Strecke, die sich mit dem Auto in weniger als zehn Minuten zurücklegen liesse, wäre da nicht der Stau. Mehr als 20 000 Autos sind es, die an Werktagen jeweils morgens und nachmittags im Schneckentempo durch die Strassen von Le Locle fahren.

Für Aufregung sorgte zuletzt ein Grenzverkehr der ganz anderen Art: Im Januar dieses Jahres nahmen zwei Täter mehrere Angestellte einer Uhrenfirma als Geiseln, um an die Edelmetalle im Tresor zu gelangen. Nach einer Verfolgungsjagd über die Grenze nach Frankreich wurden die Räuber bei einer Schiesserei von der Polizei gestoppt. Überfälle auf Uhrenfirmen häuften sich in letzter Zeit im Jurabogen.

Der starke Grenzverkehr aus Frankreich schürt Ressentiments bei den Bewohner:innen der Stadt, saniert aber auch die Stadtkasse von Le Locle. Die französischen Arbeitnehmer:innen zahlen momentan fast doppelt so viel Gemeindesteuern an die Stadt wie alle ansässigen Unternehmen zusammen.

Und was macht die Politik? «Uns sind die Hände gebunden», sagt Dupraz. «Wir können versuchen, etwas gegen den Stau zu unternehmen, indem wir die öffentlichen Verkehrsmittel ausbauen und den Verkehr limitieren.» Konkrete Schritte gegen die Einstellungspolitik der Unternehmen würden sie allerdings nicht einleiten. Zu gross sei das Risiko, dass daraufhin die Unternehmen ihren Standort verlegen würden.

Steht man auf einem der Hügel mit Blick in die Talsohle, sieht die Stadt mit den stockenden Kolonnen fast selbst wie ein tickendes Räderwerk aus. Die Autos zwängen sich durch die Strassen, links und rechts am Stadthaus vorbei, dem Arbeitsplatz von Miguel Perez, Vertreter der Grünen, der die Stadt derzeit präsidiert. Auch ihm bereitet der Verkehr Sorgen. Perez hofft auf einen Umgehungstunnel, an dem momentan gebaut wird. Er ist Teil eines Grossprojekts des Bundes. Die Kosten dafür belaufen sich auf 500 Millionen Franken. 2030 soll der Tunnel fertig gebaut sein. Die Stadt verspricht sich viel davon.

Politik am Stammtisch

Auch zu Stosszeiten finden sich noch einige Treffpunkte neben den Verkehrsstrassen, so etwa die Bar an der Place du Marché oder diejenige in der alten Post. Das Café de la Poste, mittlerweile umgebaut mit hohen Decken und etwas Industriechic, ist gut besucht. Hier grüsst man sich, viele sind Stammgäste. Der Barmann weiss, nach welcher Flasche er greifen muss, wenn jemand eintritt und ihm zunickt.

Valentin und seine Freund:innen trinken Rosé. «Wir treffen uns jeden Dienstagabend», erzählt der 33-jährige Loclois. Am runden Tisch gleich vor der Bar, dem «Stammtisch», wie sie ihn nennen, sind fast alle Altersgruppen vertreten. Zwei sind pensioniert, die anderen sind fast ausnahmslos in der Uhrenindustrie beschäftigt, einige in der Produktion, andere unterrichten am Cifom, der technischen Hochschule für Uhrmacherei in Le Locle. Valentin selbst arbeitet für eine Uhrenfirma in Biel. Er pendelt täglich mit dem Zug.

In der alten Post wird an diesem Abend über Fussball diskutiert, aber auch über Politik, wobei es manchmal laut wird. Einige wählen die Grünen, andere die SP oder den POP. Zwei sind theoretisch SVP-Wähler. Aber wen wählen sie in Le Locle? Die Rechtspartei ist weder im Stadtparlament noch in der Regierung vertreten. Das sei unterschiedlich, sagt Nicolas, Anfang fünfzig. Auch er ist in der Uhrenindustrie beschäftigt. Manchmal die FDP, er habe aber auch schon die Grünen gewählt. Das hänge jeweils stark von der Person ab, die Partei sei zweitrangig.

Damit sei auch die starke Präsenz des POP in der Stadt zu erklären. «Die Partei wurde in den vergangenen Jahrzehnten von zwei, drei sehr prägenden Figuren vertreten», sagt Valentin. Einer davon sei der «Popist» Denis de la Reussille. Jahrelang hat er die Stadt präsidiert, heute ist er noch immer im Stadtrat, ausserdem alleiniger Vertreter des POP im Nationalrat. Valentin nickt zu einem Tisch in der Nähe hinüber. De la Reussille sitzt dort in Begleitung beim Nachtessen.

Trotz des Pendelns möchte Valentin nicht von Le Locle wegziehen. Er sieht hier nicht wie andere den Stillstand, sondern auch die Weiterentwicklung. Tatsächlich hat sich die Stadt einen gewissen Pragmatismus angeeignet. Das alte Casino wurde zum Kino umfunktioniert, und einige Relikte der Uhrenindustrie werden zu bezahlbaren Wohnprojekten umgewandelt, wie etwa das alte Zodiac-Gebäude, das an prominenter Stelle am steilen Hang direkt oberhalb des Bahnhofs liegt. Wie viele andere Uhrenfirmen ging auch Zodiac in den siebziger Jahren bankrott, als der Schweizer Uhrenmarkt mit billigen Quarzuhren aus Asien geflutet wurde. Heute sind dort anstelle der Produktionsstätten subventionierte Wohnungen untergebracht.

Zurück in der alten Post. Auf dem Weg nach draussen für eine Zigarette schaut de la Reussille beim Stammtisch vorbei. Grüssen, Schulterklopfen. Und worin sieht er das Rezept der Linken in Le Locle? Das sei in erster Linie die Sozialpolitik, die vielen Bürger:innen zugutekomme, sagt er. Als Beispiel nennt er die Wohnpolitik. Die Stadt sei Eigentümerin vieler Mietshäuser und garantiere erschwingliche Mieten. «Ausserdem ermöglichen wir einen niederschwelligen Zugang zu den Angeboten der Stadt, etwa durch sehr tiefe Preise für unsere Sportanlagen wie das Schwimmbad», sagt de la Reussille.

Das Schwimmbad liegt oben auf dem Hügel, auch hier von Wohntürmen umgeben. Und nun sieht man die Kühe, die man in dieser Landschaft erwartet. Im Anschluss an Produktionsstätten mit futuristischem Design und weiteren Hochhäusern grenzt die bäuerliche Welt nahtlos an. Hier also, wo die Uhren das Leben nicht mehr so stark bestimmen, wird auch konservativer gewählt. Ist das die Zukunft von Le Locle?

«In den nächsten Jahren wohl kaum», glaubt Stadtpräsident Perez. Die Zeit für Revolutionen sei zwar vorbei. Die Arbeiter:innen träumten heute eher davon, sich einen Mercedes zu kaufen, als am 1. Mai auf die Strasse zu gehen. Dennoch sei in Le Locle die Vorstellung von sozialem Fortschritt und gegenseitiger Hilfe immer noch sehr stark verankert.

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