Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

Was sagen Sie Ihren rechten Wählern?

In Le Locle gibt es viele Arbeitslose und viele GrenzgängerInnen. Und doch halten sich die Ressentiments gegen die «frontaliers» in Grenzen. Das sei auch der Basisarbeit der PdA zu verdanken, sagt Stadtpräsident Denis de la Reussille.

Von Noëmi Landolt (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Es bringt nichts, verärgerte Menschen als Rassisten zu bezeichnen. Wir sind fähig, mit den Menschen zu sprechen und ihnen zuzuhören», sagt PdA-Stadtpräsident Denis de la Reussille.

WOZ: Monsieur de la Reussille, im Neuenburger Jura arbeiten zahlreiche Grenzgänger. Täglich fahren mehr Autos durch Le Locle als durch den Gotthard. Die Arbeitslosigkeit ist mit sechs Prozent fast doppelt so hoch wie in der restlichen Schweiz, die Sozialhilfequote liegt bei gut zehn Prozent. Man könnte sagen, die «frontaliers» sind schuld: Sie stehlen unsere Arbeitsplätze …
Denis de la Reussille: … und unsere Frauen! Das war der diesjährige Aprilscherz unserer Lokalzeitung «L’Impartial». Sie erfand eine Studie, die besagte, dass immer mehr Frauen aus Le Locle Franzosen heiraten. Aber was war Ihre Frage?

Woran liegt es, dass es hier im Gegensatz etwa zu Genf oder zum Tessin kaum Ressentiments gegen «frontaliers» zu geben scheint?
Wir haben hier zwar kein Mouvement Citoyens wie in Genf, aber es ist keinesfalls so, dass es das hier nicht auch geben könnte. Wir dürfen uns diesbezüglich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Auch hier wird an den Tischen der Bistros und Restos über Grenzgänger geschimpft.

Trotzdem: Die Ressentiments manifestieren sich bisher nicht auf politischer Ebene: Die Linke ist nirgendwo in der Schweiz so stark wie hier in der Region. Wie kommt das?
Wie gesagt, das Gleichgewicht ist fragil. Um es aufrechtzuerhalten, müssen wir als Gemeinde die entsprechenden Bedingungen schaffen. Wir appellieren beständig an die Patrons, bei Einstellungen nicht Schweizern den Vorrang zu geben, sondern den einheimischen BewerberInnen, die hier wohnen, egal welcher Nationalität. Das ist ein vernünftiger Ansatz, und je nach Unternehmen sind wir damit auch erfolgreich. Doch wir müssen hartnäckig dranbleiben.

Und wie halten Sie es in der Gemeinde mit der Einstellungspolitik?
Wir beschäftigen keine Grenzgänger. Das ist ein politischer Entscheid. Nicht weil wir gegen «frontaliers» sind, doch die Arbeitslosenrate in Le Locle ist sehr hoch. Wenn wir also einen Chauffeur oder einen Sportplatzwart brauchen, suchen wir zuerst bei unseren Einwohnern. Es ist nicht immer einfach, aber bisher sind wir immer fündig geworden. Wir versuchen, nach Möglichkeit Leute einzustellen, die arbeitslos sind und nicht so gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Oft sind das ältere Personen. Die sind vielleicht nicht so produktiv wie 25-Jährige. Aber auch das gehört zur Aufgabe einer Gemeinschaft.

Ihre Partei, die PdA, ist hier in der Region äusserst erfolgreich. In Neuenburg gibt es ein Stimm- und Wahlrecht für Ausländer auf Kantons- und Gemeindeebene. Manche sagen, das sei die eigentliche «Basis des Gebirgskommunismus».
Das Ausländerstimmrecht auf Gemeindeebene gibt es in Neuenburg schon seit 1849. Allerdings war die Vorstellung von Ausländern damals noch eine andere als heute, wo Leute von weit her kommen. Viele Migranten haben mehr Verbindungen zu linken Parteien als zu rechten. Vor vierzig Jahren flohen Spanier und Portugiesen vor den Diktaturen Francos und Salazars. Heute haben wir auch viele politisierte Menschen, die aus der Türkei geflohen sind. In Le Locle haben wir einen Ausländeranteil von dreissig Prozent, und das widerspiegelt sich auch bei unseren Gewählten im Gemeindeparlament. Sie repräsentieren also wirklich die örtliche Bevölkerung. Das freut mich und macht mich stolz.

Im Stadtparlament gibt es seit acht Jahren keinen SVP-Vertreter mehr. Ein Parteikollege von Ihnen sagte einmal, dass die PdA ihren Erfolg auch der Abwesenheit der SVP verdankt, weil sie so die Stimmen der Protestwähler für sich gewinne. Wird die PdA auch von Rechten gewählt?
Diese Vermutung stimmt. Es gibt viele unpolitische Menschen, die wählen, ohne die Standpunkte der jeweiligen Parteien überhaupt zu kennen. Wenn ich aus dem Rathaus gehe, treffe ich sie auf der Strasse und spreche mit ihnen. Solange die PdA mit einem politischen Programm präsent ist, wählen sie uns. Gäbe es uns nicht mehr, würden sie wohl SVP wählen. Die Stärke der PdA in Le Locle und in La Chaux-de-Fonds ist, dass wir fähig sind, mit den Menschen zu sprechen und ihnen zuzuhören.

Worüber sprechen Sie mit ihnen?
Wenn sich jemand über die – entschuldigen Sie die vulgäre Wortwahl – «scheiss Grenzgänger» aufregt, bringt es nichts, ihn als Rassisten zu bezeichnen. Wir sagen: Ich verstehe, dass du dich ärgerst, weil du zweimal pro Tag eine riesige Autokolonne unter deinem Fenster hast. Doch die Grenzgänger bringen unserer Gemeinde Steuern ein, ganz im Gegensatz zu einem Arbeiter aus Biel. Die Steuern verwenden wir für das Schwimmbad oder das Museum. Und auch für deine Ergänzungsleistungen, die wir auf Gemeindeebene ja kürzlich erhöht haben. Sobald die SVP an der Macht ist, ist damit Schluss. Die SVP hat seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie etwas für die AHV getan. Leute, die sich nicht für Politik interessieren, vergessen das oft. Diese Basisarbeit ist manchmal anstrengend. Aber es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen.

Denis de la Reussille (55) ist nicht nur Stadtpräsident von Le Locle, sondern sitzt seit einem halben Jahr auch im Nationalrat. Dort muss er sich, wie er sagt, erst noch daran gewöhnen, der politischen Minderheit anzugehören.

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