Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Die Taktgeberinnen aus dem Jura

Zunächst war es nur eine Idee. Tiefe Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen, keine Kinderbetreuung: Es brauche einen Streik, sagten sich einige Uhrmacherinnen aus dem Vallée de Joux im Waadtländer Jura. Ihre Idee sollte zum Frauenstreik 1991 führen. Einiges hat sich seither getan, vieles auch nicht. Ein Besuch in der Welt der Uhren.

Von Caroline Baur, Anouk Eschelmüller (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Manche sagen, Gott selbst habe den UhrmacherInnen die Fähigkeiten geschenkt, solche Uhren zu fertigen. Camille Golay weiss es besser. Unermüdliche Arbeit sei es, sagt sie. Arbeit im Mikrometerbereich. Stunden um Stunden sitzen die UhrmacherInnen vor den Uhrteilchen, das Mikroskop vor das Auge geklemmt. Rädchen drehen, greifen ineinander, nichts darf kippen, die falsche Achse berühren. Kleine Stäbchen fallen im Takt, werden von der Mechanik aufgezogen, um gleich wieder zu fallen. Dann wird justiert, kleine Schrauben werden mit einer Zange hier etwas gelockert, da zugedreht. Zehntelssekundengenau muss die Uhr laufen. Dazu immer das Ticken und Surren.

Von Genf über Lausanne und Neuenburg bis in den Kanton Jura: Wie ein Gürtel zieht sich die Uhrenindustrie über die Westschweiz und beschäftigt über 40 000 ArbeiterInnen, davon 2000 gelernte UhrmacherInnen. Das kommt nicht von ungefähr: Während in anderen technischen Berufen die Maschinen die menschliche Arbeit übernehmen, wird in der filigranen Uhrmacherei noch immer vieles in Handarbeit gefertigt.

Das Herzstück der Schweizer Uhrenindustrie liegt im Waadtländer Jura, im Vallée de Joux. Hier werden nicht nur die weltweit bekannten Luxusuhren gefertigt. In diesem Tal sollen auch Uhrmacherinnen 1991 den Frauenstreik ins Rollen gebracht haben. Warum hier? Und streiken die Uhrmacherinnen auch in diesem Jahr?

Grosse Firmen sind hier ansässig mit Namen, die auf den Werbeseiten von Hochglanzmagazinen zu lesen sind: Richemont, Audemars Piguet, Jaeger-LeCoultre und Blancpain. Wer den Weg ins Tal findet, merkt davon auf den ersten Blick aber kaum etwas. Leicht verschlafen wirken die Dörfer. Links und rechts die Hügel, in der Mitte der Lac de Joux, vereinzelt Kühe und einige Rennradfahrer. Gerade einmal 7000 EinwohnerInnen leben in diesem abgeschlossenen Hochtal.

«Mein Grossvater und mein Vater, auch meine beiden Grossmütter, meine Onkel: Sie alle haben in der Uhrenindustrie gearbeitet», sagt Camille Golay. Sie arbeitet in Le Sentier, dem grössten Ort im Tal, der heute etwa 3000 EinwohnerInnen zählt. Dreizehn Jahre war Camille Golay selbst Uhrmacherin, im Nachbardorf Le Brassus bei Audemars Piguet. Die Arbeit mit den Uhren sei ihre Leidenschaft gewesen, sagt die 35-Jährige. Sie habe es vom ersten Schnuppertag an gewusst, im Bauch gespürt, und viel Zeit und Energie in die Ausbildung gesteckt. Ihren Beruf hat sie trotzdem an den Nagel gehängt. Mittlerweile ist sie Gewerkschaftssekretärin bei der Unia.

«Au bout du rouleau»

Während das Dorf und die Fabriken kaum den Reichtum ihrer grossen Firmen erahnen lassen, ist er im Empfangsbereich von Audemars Piguet mit Händen zu greifen: Der Duft von teuren Möbeln liegt in der Luft, Uhrenmodelle prangen in Vitrinen.

Unter 10 000 Franken ist hier keine Uhr zu kaufen. Mit dem anspruchsvollen Handwerk lassen sich derzeit wieder Rekordumsätze machen. 1,1 Milliarden Franken hat etwa Audemars Piguet im letzten Jahr erwirtschaftet. Und die Firma will weiterwachsen. Ab 2020 soll die Jahresproduktion von 40 000 auf bis zu 43 000 Uhren gesteigert werden; auch andere Uhrenmarken im Tal, etwa Breguet und Blancpain, bauen aus. Die Familien Audemars und Piguet gehören zu den reichsten Familien der Schweiz. Noch viel wohlhabender ist die Bieler Familie Hayek, die die Marke Swatch gross machte und im Jahr 2017 in Besitz von fünf bis sechs Milliarden Franken war.

«Die Umsätze steigen», bestätigt Camille Golay. «Die Löhne halten aber mit der Teuerung nicht mit.» 3670 Franken beträgt der Minimallohn für Ungelernte, die «opérateurs» und «opératrices». Golay selbst hatte Glück. Sie wurde nach ihrer Lehre, die sie in Genf absolvierte, bei Audemars Piguet im Tal als Uhrmacherin eingestellt, musste nicht am Fliessband arbeiten, sondern gleich an Einzelstücken wie den anspruchsvollen extraflachen Uhrwerken. «Das ist nicht immer so», sagt sie. Heute würden in einigen Unternehmen LehrabgängerInnen als «opérateurs» eingestuft. «Damit kann man Geld sparen.»

Ausgezahlt hat sich die anspruchsvolle Arbeit für Golay aber nicht wirklich: In den ganzen dreizehn Jahren habe sie, abgesehen von den obligatorischen Lohnangleichungen, nur ein einziges Mal eine Lohnerhöhung bekommen. Und schliesslich habe ihre Karriere stagniert. Ob sie ihre Wunschstelle nicht bekam, weil sie eine Frau war? Möglicherweise, antwortet sie. Bei der Stellenbesetzung fehle es sehr oft an Transparenz. «Das hat mich sehr belastet. Und schliesslich hatte ich es satt.»

Dennoch erzählt sie noch immer gerne vom Handwerk. Mehrere Monate kann die Produktion einer einzelnen komplexen mechanischen Uhr dauern. Vier bis fünf UhrmacherInnen sind an ihrer Fertigstellung beteiligt. Schräubchen, Spindeln, Spiralen werden mithilfe von Makrolupen über Stunden in winzige Öffnungen geschoben und geschraubt. Fehlgriffe gehen hier schnell ins Geld. «Der Druck in den Fabriken ist gross», sagt Golay. «Ich selbst war nicht rentabel.» Sie arbeite zwar sehr gut, habe man ihr oft gesagt, aber nicht schnell genug. Überstunden seien deshalb nichts Ungewöhnliches, und zahlreiche Unternehmen versuchten, die entsprechenden Regelungen des GAV zu umgehen. So würden die Angestellten etwa dazu aufgefordert, die Überstunden zu kompensieren, anstatt sich diese ausbezahlen zu lassen. Burn-outs seien in der Branche nichts Ungewöhnliches. «Ich kenne Leute, die sind wirklich ‹au bout du rouleau›», sagt Golay. «Sie sind am Ende.»

Mitschuldig sind auch die tiefen Löhne. Obwohl 2018 mit einer Änderung im Gleichstellungsgesetz festgelegt wurde, dass Unternehmen mit hundert oder mehr Angestellten künftig prüfen müssen, ob sie Männern und Frauen den gleichen Lohn bezahlen, sind Lohnkontrollen in der Branche noch immer eine Seltenheit. Audemars Piguet sei die einzige Firma im Tal, die sich darum bemühe, sagt Golay. Dabei sei der Lohnunterschied nach wie vor massiv. Nach Angaben der Unia beträgt er in der Uhrenindustrie 24,8 Prozent.

«Das ist einer der Gründe, weshalb wir am 14. Juni streiken», sagt Golay, zieht dabei Flyer und Informationsblätter unter einem Aktenstapel hervor. Auf dem Boden ihres Büros liegt ein riesiges violettes Banner, darauf die Konterfeis verschiedener Frauen. Ihre Forderungen: «Egalité des chances», «Temps partiel», «Respect». Es seien Uhrmacherinnen aus dem Tal, die zum Streik aufriefen, erzählt Golay. Das Engagement der Frauen berühre sie. «Sie trauen sich, Dinge zu tun, die ich mich selbst damals nicht traute.» Mithelfen kann Golay heute nur noch von «draussen». Zu den Fabriken selbst hat sie keinen Zugang.

«Ständiges Armdrücken»

Etwa zehn Frauen und fünfzehn Männer sitzen mit der Lupe auf dem Auge ganz dicht an ihren Teilchen, nichts bewegt sich ausser den Fingerspitzen. Manchmal legt eine das Kinn ab oder beisst auf einen Holzblock auf dem Tisch, um das Zittern zu verhindern. Der Atem muss kontrolliert sein. Für gewisse Operationen bewegt lediglich der Herzschlag die Hand. Die UhrmacherInnen, alle in Kittel gekleidet, Stoffhüte auf den Fingern, arbeiten nebeneinander im Erdgeschoss der Manufaktur von Audemars Piguet – Quasifliessbandarbeit, will heissen: Arbeit in kleinteiligen Schritten. Maschinen sind hier nach wie vor Zudiener. Die Ateliers der «opérateurs» und «opératrices» sind etwas weniger hell als die lichtdurchfluteten Produktionsstätten für die «extra-plats» oder die «grandes complications», die extraflachen Uhrwerke und jene mit komplexerem Aufbau. Dort arbeiten gelernte ArbeiterInnen mit einer drei- oder vierjährigen Ausbildung und mehr Erfahrung. Sie werden mit mindestens 4360 Franken entlöhnt.

Welche Firma Adeline Joye* beschäftigt, will sie nicht in der Zeitung lesen. Sie arbeitet an der «réglage», am Herzen der Uhr, wie die Uhrmacherin sagt. Sie ist für die Feineinstellung zuständig. Es sei eine Arbeit mit viel Verantwortung. Die präzisesten und delikatesten Arbeiten würden an ihrem Posten ausgeführt. Berufsstolz schwingt in ihrer Stimme mit. Doch die anspruchsvolle Arbeit fordert ihren Tribut. Joye hat seit Jahren mit Nackenproblemen zu kämpfen. Das ständige Sitzen, die langen Arbeitsphasen in derselben Position mit angewinkelten Armen, ohne sich bewegen zu dürfen, das sei sehr anstrengend. Es gebe MitarbeiterInnen, die ihre Arme kaum mehr anheben könnten, sagt sie.

Auch Joye wird am 14. Juni streiken. Vieles laufe falsch in der Branche, sagt sie. «In den Firmen wollen sie nicht unbedingt, dass du dich weiterentwickelst.» Stellen würden nach Sympathie vergeben, sie kenne Personen, die hochqualitativ arbeiteten und nicht vom Fleck kämen, auch nach Jahrzehnten. Ihre Hauptforderung sei aber die Lohngleichheit.

Sie selbst habe Glück gehabt, sagt Joye: In den ersten Jahren nach der Ausbildung habe sie ihr Gehalt steigern können. Bei neunzig Stellenprozenten verdient sie momentan etwas über 5000 Franken brutto. In den letzten Jahren seien Gehaltserhöhungen allerdings immer unwahrscheinlicher geworden – das Verhältnis zu den steigenden Lebenshaltungskosten stimme längst nicht mehr.

Die Lohndifferenz betreffe aber nicht nur die Frauen, sagt Joye. «Zwei Angestellte, ob Mann oder Frau, können seit Jahren dieselbe Arbeit ausführen, dafür aber sehr unterschiedlich entlöhnt werden.» Lohntransparenz gebe es generell nicht: Einige der Patrons würden die ArbeiterInnen verklausulierte Verträge unterschreiben lassen, die es ihnen untersagten, ihren Lohn offenzulegen. «Lohntransparenz muss deshalb das oberste Ziel sein», sagt Joye.

Der derzeitige Tarifvertrag sei zwar gut, sagt sie, doch die vielen jungen ArbeiterInnen verstünden nicht, wie sehr man dafür habe kämpfen müssen. Und vor allem, um das Niveau zu halten: «Alle fünf Jahre versuchen die Chefs der Firmen, am Vertrag zu kratzen und die Bedingungen zu verschlechtern. Es ist ein ständiges Armdrücken.»

Etwa 5500 ArbeiterInnen sind in der «Haute Horlogerie» im Tal beschäftigt, zunehmend auch in temporären Anstellungsverhältnissen. Das Tal zählt inzwischen mehr Arbeitsplätze als EinwohnerInnen. Morgens und abends strömen deswegen die Autos der PendlerInnen ins Tal, auch weil der öffentliche Verkehr dürftig ist. Ein Teil der Arbeiterschaft pendelt von Lausanne und Genf hierher. Die deutliche Mehrheit, über siebzig Prozent, besteht aber aus französischen GrenzgängerInnen. Und fast die Hälfte der ArbeiterInnen sind Frauen.

Das liege daran, dass Frauen diszipliniert, geduldig, schnell und präzise arbeiten könnten, bekommt man in der Branche oft zu hören. Es gibt aber auch andere Erklärungen. Florian Eitel schreibt in seiner Dissertation zu den anarchistischen UhrmacherInnen im Jura, der Einsatz von Frauen in den Manufakturen sei um 1850 eine geplante Massnahme des damaligen Chefingenieurs der Marke Longines gewesen. Inspiriert von der Rationalisierung der Uhrenindustrie in den USA, schlug er vor, Frauen bevorzugt zu beschäftigen – weil sie sich mit tieferem Lohn abfänden.

Anarchische Jurassierinnen?

140 Jahre später hatten die Arbeiterinnen endgültig genug von der Lohndiskriminierung und kamen auf die Idee eines Frauenstreiks. Steckt eine anarchische Aufmüpfigkeit in der DNA jurassischer Uhrmacherinnen – in dieser Region, wo auch der europäische Anarchismus seine Wiege hat?

Christiane Brunner, die damalige Präsidentin der Uhren- und Metallgewerkschaft Smuv, Schlüsselfigur des Frauenstreiks von 1991 und spätere Fastbundesrätin, betont den Zusammenhalt der Frauen im Tal, besonders auch zwischen Grenzgängerinnen und Schweizerinnen. Doch sie relativiert auch: Die gewerkschaftlich organisierten Uhrmacherinnen, die die Idee eines Frauenstreiks entwickelten, seien aus verschiedenen Gegenden gekommen, auch aus den Kantonen Solothurn und Bern. «Ich und eine kleine Gruppe von Uhrmacherinnen sind spät am Abend im Frühjahr 1990 in Bern zusammengekommen und haben diskutiert», erzählt die 72-Jährige. «Das Gleichstellungsgesetz war schon zehn Jahre alt, und noch nichts war geschehen. Es war eine grosse Wut da.»

Bei einem Treffen hätten ihr die Frauen aus dem Vallée erzählt, wie sie sich bei der Arbeit organisierten: «Sie wussten, dieser eine Chef hat seine Hände überall. Immer wenn er reinkam, rissen sie sofort ihre Schubladen auf, damit er sich nicht annähern konnte. Sie haben sich eigenständig und solidarisch miteinander gegen sexuelle Belästigung gewehrt.» Niemals wäre jedoch ein solches Thema auf die Agenda eines Streiks gekommen: Darüber habe man damals noch nicht so offen gesprochen, sagt Brunner.

Heute ist das Thema zwar auf der Streikagenda. Sehr viel geändert habe sich sonst aber nicht, sagt Léa Cornamusaz*. Sie war bereits 1991 am Streik beteiligt. Ihr ganzes Leben hat sie im Tal als Uhrmacherin gearbeitet. Viele der grossen Firmen kennt sie von innen. Inzwischen ist sie pensioniert, agil ist die gebürtige Combière, so nennen sich die Bewohnerinnen des Tals, aber noch immer. Sie mache nach wie vor Gymnastik, sagt sie. Wie früher, deswegen habe sie auch kaum je körperliche Beschwerden gehabt, trotz der harten Arbeit.

«Meine Eltern hatten nicht viel Geld», sagt Cornamusaz. «Ich wollte ein besseres Leben als sie, mir etwas leisten. Kleider, vielleicht auch ein Auto. Es war damals als Frau nicht einfach, einen Job zu finden, besonders wenn man nicht verheiratet war.» Die «Frauenberufe» hätten ihr nicht gelegen. «Ich wollte nicht Coiffeuse oder Verkäuferin werden. Auch Sekretärin nicht. Ich schrieb nicht gern. Die Uhrmacherei war eine gute Möglichkeit für mich. Man konnte gut damit leben.» Etwa hundert Männer und sechs Frauen hätten damals die Uhrmacherschule in Le Sentier besucht, erinnert sich Cornamusaz. «Frauen haben zwar in den Fabriken gearbeitet, aber hauptsächlich als Hilfskräfte.» In höheren Positionen habe es fast ausschliesslich Männer gegeben. In der Fabrik eingestiegen sei sie dann mit 3.90 Franken pro Stunde. Das war in den sechziger Jahren.

Hilfsmittel und Drohbriefe

«Für diese Arbeit braucht man Leidenschaft», sagt die Pensionärin. «Deine persönlichen Sorgen musst du zu Hause lassen. Nervosität und Konzentrationsmangel vertragen sich nicht mit der Arbeit.» Weil das nicht immer funktioniere, gebe es Hilfsmittel. Zu ihrer Zeit hätten viele der MitarbeiterInnen Medikamente genommen, erzählt sie. Entweder Schmerzmittel oder Beruhigungsmittel.

Sie selbst habe die Arbeit aber geliebt, auch wenn es harte Zeiten gegeben habe. In der Quarzkrise der siebziger Jahre, als die mechanischen Uhren erstmals von den automatisierten Quarzuhren konkurrenziert wurden, verlor Cornamusaz, wie viele andere in der Branche, ihren Job. «Später, als meine Kinder zur Welt kamen, habe ich zu Hause an Uhren gearbeitet», erinnert sie sich. Sechs Stunden am Tag, häufig am Abend oder in der Nacht. Noch heute gibt es im ganzen Tal mit seinen 7000 BewohnerInnen nur zwei Krippen, wobei die Grenzgängerinnen die Kinder nicht hier in die Krippen bringen dürfen. Kinderunterbringung gibt es in keiner Firma.

Cornamusaz’ Tochter arbeitet mittlerweile ebenfalls als Uhrmacherin. «Die Jungen von heute trauen sich mehr», glaubt die alte Uhrmacherin, die seit mehr als 40 Jahren gewerkschaftlich organisiert ist. Sie selbst hat vor 28 Jahren am 14. Juni zwar mit anderen Frauen demonstriert, die Arbeit aber nicht niedergelegt. «Ich habe meinen Balkon mit Staubsauger und Besen dekoriert, um meine Solidarität mit dem Streik zu zeigen. Am Streiktag selbst habe ich meine Fixstunden aber abgearbeitet.» Viele Frauen hätten es wie sie gemacht. Streiken würden wohl auch in diesem Jahr nicht viele, glaubt sie. «Die Frauen haben noch immer Angst, ihren Job zu verlieren. Und die, die doch teilnehmen wollen, beziehen einen Feiertag.» Vor 28 Jahren sei das nicht anders gewesen.

1991 sei ihres Wissens keine Frau wegen des Streiks entlassen oder schlechter gestellt worden, sagt Christiane Brunner. Davon hätte sie erfahren und sich für sie eingesetzt. Vonseiten der Unternehmen habe es allerdings durchaus Reaktionen gegeben. Im Vorfeld des Streiks habe etwa die SMH (heute Swatch Group) unter Nicolas Hayek mit Entlassungen gedroht. Überall seien Drohzettel in den Betrieben gehangen. Kurz vor dem Streik habe sie mit Hayek telefoniert: Es gehe beim Frauenstreik nicht um einen Angriff auf die Firma Swatch, sondern um einen grundsätzlichen Wandel in der Gesellschaft. Am nächsten Tag seien die Zettel verschwunden.

Jeder Tag zählt

Auch wenn sie die Streikforderungen unterstützen, wird der 14. Juni für einige Frauen ein ganz normaler Arbeitstag werden. So für Livia Amiet. Sie ist siebzehn Jahre alt und macht im Zeitzentrum Grenchen ihre vierjährige Ausbildung zur Uhrmacherin. Seit sich die Branche von der Quarzkrise erholt hat, sind auch die SchülerInnenzahlen am Zeitzentrum wieder gestiegen. Und wer sich in Grenchen ausbilden lässt, findet nach dem Lehrabschluss in der Regel eine Stelle.

Amiet konzentriert sich gerne auf ganz kleine Dinge. Einen Uhrfetisch habe sie allerdings nicht: «Gewisse Uhren finde ich schön, aber zu Goldrädchen und Hämmerchen habe ich keine spezielle Beziehung.» Ihr schwebt vor, besonders faire Uhren zu produzieren und etwa auf Walfett oder Luxusgadgets wie Haifischlederbändchen zu verzichten. Sie weiss aber auch, dass Stellen in kleineren Ateliers, wie sie gerne eine hätte, sehr begehrt sind.

Im ersten Lehrjahr baute sie ihr eigenes Werkzeug, einen Schraubenkürzer, um haarfeine Schräubchen einzuspannen und abzufeilen. Oder einen Federhausschliesser, um den Deckel des Federhauses auf der Federhaustrommel zu befestigen: «Wenn du die Uhr falsch aufmachst, spickt dir das ganze Uhrwerk auseinander und alles um die Ohren.» Auch die Zeitzentrum-SchülerInnen, vor ihnen halb zusammengebaute Standuhren, sind in Kittel gekleidet. Seit zwei Wochen lernen sie, wie man die Uhren reinigt. Kein Staubkörnchen darf in die Uhrmotoren gelangen. Immer wieder saugen die jungen UhrmacherInnen deshalb mit dünnen Schläuchen die Oberflächen ihres Uhrwerks ab.

Amiet wusste schon zu Beginn ihrer Ausbildung, dass sie sich nicht in einer gleichberechtigten Umgebung befindet. So richtig bewusst wurde ihr der Aspekt der Lohndiskriminierung aber erst, als eine Lehrerin die jungen Frauen auf Bewerbungsgespräche vorbereitete. Wenn sie online nach Lohnvorschlägen suchten, sollten sie immer «männlich» anklicken, um die adäquaten Vorschläge zu erhalten.

Von den jungen Männern in ihrer Klasse höre sie oft herablassende Kommentare über die Lohndifferenzen: «Sie sagen, es sei einfach so, Frauen verdienten nun mal weniger. Ich antworte dann: Was kann ich dafür, dass ich eine Frau bin? Und was soll daran schlecht sein?» Von vierzehn Auszubildenden in ihrer Klasse sind nur vier Frauen. Man bemühe sich, mehr junge Frauen für den Beruf zu begeistern, sagt die Leitung des Zeitzentrums. Es sei aber wie auch in anderen technischen Branchen schwierig, diese für den Beruf zu interessieren. Auch im Lehrteam sind die Frauen unterrepräsentiert: Sechs Lehrer und zwei Lehrerinnen vermitteln die Uhrmacherei.

Obwohl die meisten Frauen aus ihrer Klasse ähnlich wie sie eingestellt seien, sei der Streik kein Thema an der Schule, sagt Amiet. Fehlen könne sie als Einzelne am 14. Juni nicht, denn es sei kaum möglich, den verpassten Stoff aufzuholen. Die SchülerInnen kommen oft mit Schnupfen und Husten zur Schule, um nichts zu verpassen – jeder Tag zählt. Abends wird aber auch sie auf der Strasse sein.

*Name geändert.

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