«Oussekine» : Tod eines Studenten

Nr.  31 –

Polizisten auf Hetzjagd: Eine Miniserie von Disney+ rollt den Fall um Malik Oussekine auf, der 1986 in Paris zu Tode geprügelt wurde.

Filmszene aus «Oussekine»: Trauernde auf dem Weg zur Beerdigung des ermordeten Studenten Malik Oussekine
In Trauer vereint: Die Familie des ermordeten Studenten Malik Oussekine bei dessen Beerdigung. STILL: JEAN-CLAUDE LOTHER, DISNEY+

Etwas Schreckliches ist geschehen. Die Angehörigen wissen noch nichts davon, wir schon. Diese narrative Triebfeder verleiht der ersten Episode von «Oussekine» einen mitreissenden Sog. Die Miniserie von Antoine Chevrollier handelt von der in Frankreich unvergessenen Staatsaffäre um den Mord an Malik Oussekine.

Hier ist er auch schon, gespielt von Sayyid El Alami: Am 5. Dezember 1986 verlässt er sein Pariser Studentenzimmer und eilt an protestierenden Student:innen vorbei, um in der Sorbonne ein Konzertticket abzuholen. Im Quartier Latin steigt er in einen Jazzkeller, wo eine Schwarze Sängerin gerade «Mississippi Goddam» singt, Nina Simones Protestsong gegen rassistische Gewalt. Harter Schnitt zu heranrollenden Motorrädern, auf denen je zwei Polizisten sitzen, der hintere mit einem Knüppel bewaffnet. Als Malik gegen Mitternacht den Keller verlässt, warnt ihn ein junger Mann: «Nicht da rum, da geht was ab.» Doch der Jazzliebhaber zuckt bloss die Achseln.

Quälend lange Stunden

Der nächste Tag: Die Mutter (Hiam Abbass) rattert mit der Nähmaschine, als im Radio kaum hörbar von einem verletzten Studenten berichtet wird. Als Maliks Schwester Sarah (Mouna Soualem) an dessen Wohnungstür klopft, bleibt es still – nicht seine Art, sagt sie zu ihrem Freund, einem jungen Polizisten. Später, als bei der Mutter das Telefon läutet und Sarah abnimmt, frohlockt eine aufgekratzte Männerstimme, ihr Bruder sei «krepiert wie das Stück Scheisse, das er war – ein Rapport weniger!» Keines von Maliks vier Geschwistern mag der Mutter über quälend lange Stunden hinweg die Wahrheit sagen. Am späten Nachmittag sind endlich alle bei ihr versammelt, warten stumm das Ende ihres Mittagsschlafs ab. Als die alte Dame dann das Wohnzimmer betritt, bricht sie in Tränen aus.

Nach der starken ersten Episode befassen sich drei weitere mit den Folgen. So wird etwa eine geplante Universitätsreform, die Strassenschlachten mit der Polizei ausgelöst hatte, zurückgezogen. Der linke Staatspräsident François Mitterrand und die rechte Regierung liefern sich derweil einen Kommunikationskrieg: Der Anwalt Georges Kiejman organisiert für Präsident Mitterrand einen Kondolenzbesuch bei der Familie, Sicherheitsminister Robert Pandraud erklärt der Presse, eine Nierenschwäche sei für den Tod verantwortlich – und lässt das Leben des Verstorbenen nach allem durchschnüffeln, womit man ihn diskreditieren könnte. Doch zum Leidwesen des Ministers war Oussekine nicht nur unpolitisch und unbescholten, sondern so durch und durch Franzose, dass er sogar der Mehrheitsreligion des Landes beizutreten gedachte.

Kein eigenständiger Blick

Es kommt zum Prozess gegen zwei der drei prügelnden Polizisten. Viele der aufgeworfenen Fragen scheinen angesichts jüngerer Vorfälle weiterhin aktuell. Ein Augenzeuge, der Oussekine bei seiner panischen Flucht Einlass in sein Wohnhaus gewährt hatte, beschreibt die Brutalität der Schläge; Sachverständige bestätigen deren Zusammenhang mit dem Tod des Studenten. Am Ende werden die Angeklagten verurteilt: stossend milde zu drei beziehungsweise fünf Jahren Haft – auf Bewährung!

Als Fiktion «nach einer wahren Geschichte» klebt «Oussekine» allzu pietätvoll an den Fakten. Die Serie ist gut gemeint und gut gemacht: Nach US-Erfolgsrezepten verwebt sie Zeitstränge, verklammert kurze, unverbundene Szenen durch überlappende Motive. Für einen eigenständigeren Blick auf die Affäre ist es in Frankreich offenbar noch zu früh.

Oussekine. Frankreich 2022. Läuft auf Disney+