Ein Traum der Welt : Singen und Vergessen

Nr. 36 -

Annette Hug beobachtet einen Fall kultureller Einkerkerung

Das Problem mit dem Liederbuch von Pro Senectute, das auf der Demenzabteilung meiner Verwandten zum Einsatz kommt, ist vielfältig. Erstens existiert es in mehreren Ausgaben mit unterschiedlicher Paginierung. Also müsste Frau Sonnleitner, die sonst ganz viel zustande bringt, dafür sorgen, dass Leute, die kaum mehr Zahlen lesen können, das «Buurebüebli» auf Seite 132 beziehungsweise 146 finden. Zweitens orientiert sich dieses Liederbuch an alten Schweizer Schulbüchern. Ergibt ja Sinn, könnte man meinen, leben Menschen mit Demenz doch oft in frühen Erinnerungen.

Allerdings reichen diese in ganz unter­schiedliche Landschaften, Schulstuben, jugendliche Musikschuppen und Discos in mehreren Ländern. Hier sitzen Leute, die in den Fünfzigern und Sechzigern jung waren. Frau Sonnleitner selbst kennt die Schweizer Volkslieder kaum, sie ist aus Österreich. Meine Verwandte ist in Deutschland aufgewachsen, ein grosser Teil der Pflegenden kommt aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien. So singt eine Kirchen­chorveteranin einsam das «Buure­büebli», und die andern schauen stumm ins Liederbuch, vielleicht auf die richtige Seite.

Frau Sonnleitners Spezialität ist nicht Singen, sondern Malen und Basteln. Sie hat es fertiggebracht, dass meine Verwandte nicht mehr «aktiviert» wird, sondern bei der «kreativen Gruppe» mitmacht. Vergangene Woche bastelten sie aus rotem und gelbem Krepppapier Blumen für eine Wanddekoration zur angebrochenen Jahreszeit, die Frau Sonnleitner nicht mehr «Altweibersommer» nennen will, weil das sexistisch sei. «Indian Summer», sagt sie. Daran könne man sich auch im hohen Alter noch gewöhnen. («Altweibersommer», flüsterte mir meine Verwandte zu, «das Wort kenn ich. Hat das was mit Wechseljahren zu tun?»)

Nicht jede Einzelne musste eine ganze Blume hinkriegen. Laut Frau Sonnleitner heisst Dabeisein auch: vor sich hindämmern und plötzlich sagen: «Schön!», oder: «Blau!» Den anderen Tipps geben ist ebenfalls Mit­arbeit. (Frau Inderbitzin erzählte mir leise, sie habe sechzig Jahre bei Coop gearbeitet. Jetzt könne sie ihre Hände nicht mehr bewegen. Der Arzt finde keine Ursache. Sie wisse aber schon, was das Problem sei: «Diese Hände sind verbraucht.»)

Und dann sang meine Verwandte plötzlich: «Für mich solls rote Rosen regnen.» Wenn sie in einer bodenlosen Traurigkeit zu versinken droht, hilft manchmal dieses Lied. Am liebsten in der Version von Nina Hagen. Frau Sonnleitner stieg sofort ein. Mit «Lili Marleen» hatte sie fast alle Bastlerinnen am Haken. Aber für Frau Inderbitzin hatten wir spontan kein Lied parat. Wenn ich mich nicht täusche, hat sie als Kind Italienisch gesprochen. Und mir wurde deutlich, wie schwierig die Aufgabe von Pro Senectute ist.

Ein neues Liederbuch wäre nicht die Lösung. Je nach Bewohner:innen und Personal müsste die Auswahl des Liedguts eine andere sein und sich alle paar Wochen an neue Leute anpassen. Eine fest angestellte Heimmusikerin wäre gefragt, die bei Verwandten nach alten Lieblingsplatten forscht, dem Personal Singstunden gibt und dem Summen in den Korridoren nachhorcht.

Wenn «Indian Summer» keine Zumutung ist, dann könnte auch das serbische Lieblingslied einer Pflegenden gut ankommen. Es wäre mindestens so schön und so fremd wie das «Buurebüebli».

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Bei folgender Zeile von Marlene Dietrich denkt sie neuerdings an den Umzug ins Pflegeheim: «Die Seligkeiten vergangner Zeiten sind alle noch in meinem kleinen Koffer drin.»