Iran : «Das sind nicht bloss Proteste, das ist eine Revolution»

Nr.  41 –

Der Mut der jungen Generation sei einzigartig, sagt die iranische Literaturwissenschaftlerin Fatemeh Shams – und sagt, wie der aktuelle Aufstand mit der Protestgeschichte des Landes verknüpft ist.

Demonstration im Tränengasnebel am 1. Oktober in Teheran. Auf dem heruntergerissenen Verkehrsschild steht «Islamische-Republik-Strasse».
«Frau, Leben, Freiheit»: Demonstration im Tränengasnebel am 1. Oktober in Teheran. Auf dem heruntergerissenen Verkehrsschild steht «Islamische-Republik-Strasse». Foto: Laif

WOZ: Fatemeh Shams, der Aufstand im Iran scheint sich in der vergangenen Woche ausgeweitet zu haben. In Teheran reihten sich offenbar Teile der Polizei in einen Protestzug ein, in mehreren Städten schlossen Händler in Basaren ihre Geschäfte, Arbeiter der Ölindustrie traten in den Streik. Ist damit ein Kipppunkt erreicht?

Fatemeh Shams: Es ist jetzt wichtig, dass der Westen anerkennt: Im Iran findet gerade eine Revolution statt – das sind nicht bloss Proteste. Indem sich Petrochemiearbeiter in Buschehr, Abadan und Kangan dem Generalstreik anschlossen, wurde der revolutionäre Aufstand mächtiger denn je. Und er könnte tatsächlich erfolgreich sein, wenn die Welt solidarisch für die iranische Bevölkerung einsteht und die Islamische Republik nicht länger als legitimen Staat anerkennt.

Die brutale, blutige Bekämpfung der Protestierenden im kurdischen Teil des Landes, die Festnahme von Schülerinnen und Studenten, die kaltblütige Ermordung von Kindern und Jugendlichen: Das muss die internationale Gemeinschaft kümmern. Sie muss dagegen vorgehen, bevor weitere unschuldige Menschen getötet werden. Jetzt ist der Moment. Wenn der Westen die Iraner:innen hingegen im Stich lässt, wird es nie wieder eine solch starke transnationale Kampagne gegen eines der unterdrückerischsten Regimes der Welt geben.

«Um die Ehre von Frauen zu schützen, stehen Männer jetzt Seite an Seite mit Frauen.»

Wie hat sich im Zuge des Aufstands die Reaktion des Regimes verändert?

Letzte Woche hielt Religionsführer Ali Chamenei – nach drei Wochen Schweigen – eine Rede in einer Polizeiakademie in Teheran. Damit läutete er eine neue Phase ein. Denn die Rede war ein Aufruf zur vollständigen Militarisierung: Chamenei rief alle bewaffneten Kräfte dazu auf bereitzustehen. Die Regierung hat damit sehr deutlich gemacht, dass sie eine Fortsetzung der Demonstrationen nicht dulden wird. Das Ausmass der physischen Gewalt gegen die Menschen ist extrem. Aber diese finden neue Wege, um zu protestieren.

Welche Rolle spielen dabei die Schülerinnen und generell die junge Generation?

Ihre aktive Beteiligung hat viele überrascht. Und sie macht es für die Regierung sehr schwierig, das Ausmass der Gewalt zu rechtfertigen. Denn die Menschen, die jetzt erschossen werden, sind sechzehn- oder siebzehnjährige Kinder. Ich bin in der Islamischen Republik zur Schule gegangen. Ich weiss, wie viel Hass und Ressentiments Schüler:innen gegen die Bilder der Religionsführer Ruhollah Chomeini oder Ali Chamenei an den Klassenzimmerwänden hegen. Auch wir wollten sie herunterreissen. Doch es herrschte so viel Angst und Kontrolle. Wir wagten es nicht einmal, uns ihnen zu nähern – geschweige denn, ihnen den Mittelfinger zu zeigen!

Ich glaube, die junge Generation hat nicht mehr so viel Angst. Ich will damit nicht sagen, dass es heute keine Angst mehr gibt. Aber die Handlungsfähigkeit und die Autonomie der jungen Generation sind etwas völlig Neues und Einzigartiges. Sie erschüttern das Regime im Kern.

Fatemeh Shams
Fatemeh Shams Foto: Dirk Skiba

Abgesehen von den Jugendlichen, kommen die Demonstrant:innen grösstenteils aus der Mittelschicht?

Die Menschen, die jetzt auf die Strasse gehen, gehören zu allen Schichten. Vom Nordwesten bis Südosten, vom Nordosten bis zum Südwesten: Alle Ecken des Iran sind Teil dieser Protestbewegung. Die Verhaftung von Gewerkschaftsaktivist:innen ist zum Beispiel ein klares Zeichen dafür, dass die Regierung über die Mobilisierung der Arbeiter:innenklasse äusserst besorgt ist.

Eines der deutlichsten Merkmale dieses revolutionären Aufstands ist, dass es sich um einen Massenprotest handelt, der alle Klassen, ethnischen Hintergründe, Minderheiten und Geschlechter miteinbezieht – er aber gleichzeitig keine Leitfigur hat. Die Menschen warten nicht darauf, dass ihnen jemand sagt, was sie tun sollen. Sie tun es selbst. Diese Spontaneität macht es für die Regierung sehr schwierig, gegen die Protestierenden vorzugehen. Sie unterdrückt eine Stadt, und eine andere Stadt erhebt sich.

Haben die verschiedenen Gruppierungen trotzdem eine gemeinsame Forderung?

Der Aufstand begann als Reaktion auf die Ermordung von Mahsa «Zhina» Amini. Die Forderungen nach der Abschaffung der Hidschabpflicht und der Emanzipation der Frauen stehen im Zentrum. Die Islamische Republik hat in den letzten 44 Jahren deutlich gemacht, dass die Hidschabpflicht eine zentrale Säule des Systems ist. So verschärfte etwa Präsident Ebrahim Raisi seit seinem Amtsantritt 2021 die Repression und die Kleidervorschriften für Frauen. Die Menschen haben verstanden, dass die Regierung in dieser Frage keinen Kompromiss eingehen wird. Sie wird nicht sagen: In Ordnung, wir geben diese Säule auf. Denn damit wäre die Islamische Republik ein Stuhl auf drei Beinen. Die Forderung aller Demonstrierenden ist daher klar: Sie wollen einen Regimewechsel. Sie glauben nicht mehr an Reformen.

Der Aufstand begann im kurdisch geprägten Teil des Landes. Wie hängt er mit der Situation der kurdischen Minderheit im Iran zusammen?

Die «kurdische Frage» nimmt bei den Protesten einen zentralen Stellenwert ein. Und mit «kurdischer Frage» meine ich die Forderung, der seit Jahrzehnten anhaltenden ethnischen und religiösen Diskriminierung und wirtschaftlichen Benachteiligung der kurdischen Bevölkerung ein Ende zu setzen.

Der Slogan «Jin, Jiyan, Azadî» («Frau, Leben, Freiheit») findet aber zurzeit deshalb so viel Anklang, weil er klar betont und dafür steht, dass es keine Befreiung und kein Leben gibt, solange es geschlechtsspezifische Diskriminierung gibt. Die Reihenfolge der Wörter ist wichtig: Zuerst kommt die Frau, dann das Leben, dann die Freiheit. Das Wort «Leben» steht für die Möglichkeit, ein normales Leben führen zu können, ohne ständig vom Staat kontrolliert zu werden, aber auch ohne der staatlich und gesellschaftlich verankerten Misogynie unterworfen zu sein.

Die Forderung nach weiblicher körperlicher Autonomie löste die Proteste aus. Überrascht es Sie, dass sie in der gesellschaftlich sehr konservativen kurdischen Region ihren Anfang genommen haben?

«Frau, Leben, Freiheit» ist ein Slogan der kurdischen Frauen, nicht der kurdischen Minderheit per se. Die kurdische Frauenbewegung mobilisiert seit Jahren gegen die auch in ihren eigenen Gemeinschaften verankerte Frauenfeindlichkeit. Es handelt sich dabei um eine länderübergreifende Forderung kurdischer Frauen im Irak, im Iran, in Syrien und in der Türkei.

Was wir aber jetzt beobachten, ist ein grundlegender und radikaler Wandel auch in den Wertvorstellungen der Männer – in der kurdischen Region und im ganzen Iran. Bisher sahen es Männer als ihre Aufgabe, die Ehre und die Tugend von Frauen zu schützen. Diese Vorstellung wurde durch den staatlichen Mord an Mahsa «Zhina» Amini erschüttert, beziehungsweise die Bedeutung wurde umgedreht: Um die Ehre von Frauen zu schützen, stehen Männer jetzt Seite an Seite mit Frauen. Sie schützen sie quasi nicht mehr «vor sich selbst», sondern vor der Kontrolle und dem Zugriff auf ihre Körper durch den Staat. Der Gegenstand der Aggression ist nicht mehr die Frau, sondern der Mörder der Frau.

Der Iran hat eine lange Protestgeschichte. Sie selbst waren 2009 Teil der Grünen Bewegung, als Millionen von Menschen gegen Wahlbetrug protestierten. Wie unterscheiden sich die Proteste damals und heute?

Die Grüne Bewegung war mehrheitlich ein Protest der städtischen Mittelklasse. Wir hatten noch Hoffnung auf strukturelle Reformen. Wir glaubten, dass es möglich sei, einen Kandidaten zu wählen, der zumindest teilweise unsere Wünsche und Forderungen vertreten würde. Der Hauptslogan der Bewegung war damals: «Gebt mir meine Stimme zurück.» Aber wenn man «Gebt mir meine Stimme zurück» fordert, verhandelt man immer noch mit der Macht. Die Sprache der Proteste hat sich mit den Jahren radikalisiert. 2019 und 2021 forderten die Menschen: «Tod dem Diktator!» Die Bildhaftigkeit der Sprache ist bei den jetzigen Protesten sehr wichtig: Diesmal liegt der Fokus nicht auf dem Staatsapparat – sondern auf der körperlichen Selbstbestimmung von Frauen, aber auch von Männern.

Gab es solche Forderungen schon früher?

Bereits am 8. März 1979 gingen Zehntausende Frauen für sechs Tage auf die Strasse, um gegen die Kopftuchpflicht zu demonstrieren. Sie skandierten: «Entweder rufe ich Freiheit, oder ich sterbe unter Folter.» Dieser Slogan ist in neuer Form wieder da. Es gibt also eine Verknüpfung zwischen dem Aufstand heute und den Kundgebungen vor 44 Jahren – und allen dazwischen.

Doch wir stehen an einem Wendepunkt: 1979 wurden die Proteste niedergeschlagen, und die Frauen kehrten in ihre Häuser zurück und hielten sich an die Normen. Doch diesmal glauben oder wissen sie: Wenn sie den Kampf jetzt aufgeben, wird die Unterdrückung noch viel schlimmer werden.

Mitarbeit: Raphael Albisser.