Schweiz–Iran : «Lasst uns Brücken schlagen»

Nr.  42 –

Der revolutionäre Prozess im Iran wird auch von der migrantischen Diaspora mitgetragen. Eine Rede des Historikers Kijan Espahangizi zu ihrer Rolle – und zur Untätigkeit der offiziellen Schweiz.

Demonstration am 15. Oktober in Zürich
«Unser Einsatz für den Iran ist auch ein Einsatz für die Zukunft unserer Schweiz»: Demonstration am 15. Oktober in Zürich. Foto: Ennio Leanza, Keystone

Liebe Freundinnen und Freunde

Ich wende mich zunächst auf Farsi an euch. Ich bin am 17. Schahrivar 1357 zur Welt gekommen. An jenem Tag im Spätsommer 1978, der allen Iranerinnen und Iranern als «Schwarzer Freitag» bekannt ist. Ein blutiger Wendepunkt hin zur Islamischen Revolution im Iran. An meinem Akzent merkt ihr: Ich bin nicht im Iran geboren.

Mein Vater ist Iraner aus Kermanschah. Meine deutsche Mutter stammt aus dem Rheinland. Wenn es das islamische Regime nicht gegeben hätte, wäre ich vielleicht im Iran aufgewachsen. Die Geschichte wollte, dass ich Bürger dreier Länder werde. Ich kam vor sechzehn Jahren in die Schweiz, zum Arbeiten. Die Schweiz ist auch für mich längst ein neues Zuhause geworden. Doch mein Herz schlägt auch weiter für den Iran. Ich habe zwar nie im Iran gelebt, bin aber mit der iranischen Sprache und Kultur grossgeworden. Ich kenne das Land von zahlreichen Reisen und Familienbesuchen.

Ich weiss, wie es sich anfühlt, hilflos zuschauen zu müssen, wie die eigene Mutter und Schwester zum Tragen des Hidschabs gezwungen und wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Und ich weiss auch, wie es sich anfühlt, von der religiösen Moralpolizei festgenommen und von den Revolutionsgarden verhört zu werden. Ich weiss, wie es sich anfühlt, selbst in Europa vor der islamischen Diktatur nicht sicher zu sein. Wenn man anfängt, Dinge nicht mehr zu sagen und zu tun, weil man seine Familie im Iran wiedersehen möchte. Ich kenne die lähmende Angst, die das islamische Terrorregime im Iran uns allen eingepflanzt hat, auch im Ausland. Und ich weiss, was es bedeutet, dass die Menschen im Iran nun mit dieser Angst brechen: Die Revolution beginnt in den Köpfen.

Warum erzähle ich euch das? Weil der Kampf für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte im Iran nicht nur ein feministischer ist, in dem die iranischen Löwenfrauen eine historische Rolle spielen. Er ist auch eine revolutionäre Bewegung, die von einer global vernetzten migrantischen Diaspora getragen wird: von den über sechs Millionen iranischstämmigen Menschen, die wie wir ausserhalb des Iran leben. In Hunderten von Städten ausserhalb des Iran gibt es seit Wochen Demonstrationen, Menschen organisieren sich und werden aktiv.

Auch wenn wir Farsi mit Akzent sprechen und Bürger:innen der Schweiz, von Deutschland, Frankreich, Kanada oder anderen Ländern sind, so unterstützen auch wir – die Kinder der zweiten und der dritten Generation – die Revolution im Iran aus vollster Seele.

Mehr noch: Wir sehen es als unsere Ehre und Pflicht, die Stimmen des Aufstands im Iran in die Sprachen unserer anderen Heimaten zu übersetzen. Es liegt an uns, Brücken zu schlagen. Es gilt, unseren Mitbürger:innen in der Schweiz nahezubringen, warum der Kampf der Menschen im Iran auch ihr Kampf ist und warum wir ihre Unterstützung brauchen. Erlaubt mir daher, dass ich nun auf Deutsch fortfahre.


Liebe Freundinnen und Freunde

Im Iran wird Weltgeschichte geschrieben. Die Tage des religiösen Mullahregimes sind gezählt. Es geht um nichts weniger als eine feministische Revolution. Doch es gibt so viel Unrecht auf der Welt. Warum sollten Schweizerinnen und Schweizer ausgerechnet auf den Iran schauen? Es gibt viele Gründe!

So wie es in der Ukraine heute um unser aller Freiheit geht, so kämpfen auch Iraner:innen für unser aller Freiheit. Es ist im Eigeninteresse der Schweiz, dass die islamische Diktatur im Iran gestürzt wird. Warum?

Seit 43 Jahren verbreitet das islamische Regime Terror und Krieg, überall in der Welt. Es ist massgeblich verantwortlich für den weltweiten Aufstieg des Islamismus, der uns auch in der Schweiz betrifft. Der globale Export von Dschihad, Fundamentalismus und Terrorismus liegt in der DNA dieses Regimes, das sich im ewigen Kampf gegen westlich-säkulare Demokratien versteht. Damit ist es indirekt auch mitverantwortlich für den Aufstieg der neuen Rechten seit den achtziger Jahren: Rechtsextremismus und Islamismus sind zwei Seiten derselben Medaille.

Seit 43 Jahren destabilisiert das Mullahregime den Nahen Osten. Während die eigene Bevölkerung Not leidet, unterstützt das Regime grosszügig Hisbollah und Hamas. Umgekehrt unterstützen deren Kämpfer seit dem Schwarzen Freitag 1978 die Islamisten im Iran und ermorden auch heute wieder Iraner:innen im Auftrag des Regimes. Das Mullahregime destabilisiert seit Jahren den Irak, paktiert mit den Taliban in Afghanistan, wenn es den eigenen Interessen nützt, mischt sich in Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan ein, führt einen Stellvertreterkrieg im Jemen. Es unterstützt das brutale Assad-Regime in Syrien und ist enger Verbündeter Chinas und Putins. Iranische Raketen schlagen heute in Kyjiw ein – und morgen? Die Mullahs sind seit 43 Jahren eine Gefahr für den Weltfrieden.


Wenn euch eure Kolleg:innen in der Schweiz fragen sollten, warum sie das betrifft, fragt sie, ob sie sich noch an die Flüchtlingskrise 2015 erinnern. Das islamische Regime ist massgeblich mitverantwortlich für den jahrelangen Bürgerkrieg in Syrien, der so viele Menschen zu Flüchtlingen gemacht hat. Das islamische Regime, das die iranische Bevölkerung so lange schon in Geiselhaft hält, produziert laufend Krieg und Terror, Flucht und Migration.

Und sagt ihnen auch, dass wir heute wohl kaum von einer Energiekrise sprechen würden, wenn im Iran eine freiheitlich-demokratische Regierung an die Macht gekommen wäre. Der Iran hat die zweitgrössten Erdgasreserven der Welt. Das Feuer der iranischen Freiheit würde heute in Europa Häuser und Wohnungen heizen. Auch wenn das selbstverständlich die Herausforderungen der Klimakrise nicht lösen würde.

Sagt euren Kolleg:innen aber auch, dass wir von den Frauen und Männern im Iran viel lernen können: vor allem, dass Freiheit, Demokratie und Menschenrechte universelle Werte sind, die nicht nur in der europäischen Geschichte verwurzelt sind. Sie entspringen den vielen Quellen unserer gemeinsamen Menschheitsgeschichte, auch der iranischen Geschichte. Fragt sie, ob sie Kaveh den Schmied und Gordafarid die Kriegerin kennen? Die mutigen Menschen im Iran geben ihr Leben für die Verteidigung von Werten, die wir uns in der Schweiz zwar auf die Fahne schreiben, deren existenzielle Bedeutung wir aber kaum mehr spüren. Die mutigen Menschen im Iran erinnern uns daran.

Sie erinnern uns auch daran, dass Feminismus nicht «Frauen gegen Männer» heisst, sondern «Seite an Seite gegen Unrecht»: füreinander leben und füreinander sterben. Sie lehren uns, dass wir die Gräben in unseren Köpfen, zwischen Geschlechtern, Generationen, Schichten, Ethnien, ja zwischen dem «Westen» und dem «Rest» der Welt endlich überwinden müssen, wenn wir eine bessere, gemeinsame Zukunft wollen.

Und vergesst nicht, ihnen zu sagen, dass die Schweiz längst auch unser Zuhause ist, das Zuhause Tausender iranischstämmiger Menschen. Wir sind keine Ausländerinnen und Ausländer. Auch wir sind die Schweiz. Unser Einsatz für den Iran ist auch ein Einsatz für die Zukunft unserer Schweiz.


Es ist an der Zeit, dass die Schweizer Regierung auf ihre iranischstämmigen Mitbürger:innen hört und einen grundlegenden Wandel in ihrer Iranpolitik vollzieht. Wir wissen nicht, wann genau es so weit sein wird, aber die Tage der islamischen Diktatur sind gezählt. Das Regime hat jegliche Legitimität verloren: vor der iranischen Bevölkerung und vor der Welt. Es ist für die Schweiz an der Zeit, sich auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen. Keine Geschäfte und Verhandlungen mehr mit Mördern. Es ist an der Zeit, die «guten Dienste» der Schweiz für eine bessere Zukunft einzusetzen, des Iran und damit auch der Welt.

Für einen freien, demokratischen und säkularen Iran! Frauen, Leben, Freiheit!