Feminismus: «Wir sind immer Dolle Minas geblieben»

Nr. 43 –

Nach mehr als einem halben Jahrhundert erscheint eine ikonische feministische Gruppe in den Niederlanden wieder auf der Bildfläche: Im Protest gegen Femizide entwickelt Dolle Mina eine neue Dynamik.

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Dunya Verwey
«Fröhlichkeit, gepaart mit Kreativität und Streitlust», so beschreibt Dunya Verwey den «Mina-Stylo». Seit Januar geht sie wieder mit der feministischen Gruppe auf die Strasse.    Foto: Maartje Geels

Nein, kommen sehen hatte Dunya Verwey nichts von alledem, als dieses Jahr begann. Natürlich war sie besorgt über diese Tendenz, die auch in den Niederlanden spürbar war, das Recht auf Abtreibung infrage zu stellen. Und genau wie viele andere blickte sie mit einem bangen Gefühl auf die USA, wo Donald Trump bald zum zweiten Mal als Präsident vereidigt würde. «Wenn Diktatoren an die Macht kommen, geraten Frauenrechte als erste unter Druck», sagt Verwey. «Und dann siehst du, dass Dinge, die du für unantastbar hieltest, weich wie Butter sind.» Aber dass sie deswegen 2025, mit 78 Jahren, auf die politische Bühne zurückkehren würde, war nicht abzusehen.

Dass es trotzdem geschah, nennt sie «ein ongelukje» – einen kleinen Unfall – und freut sich diebisch über diese Referenz auf eine ungeplante Schwangerschaft. Verwey sitzt in der Küche des Landhauses, das sie mit ihrem Mann bewohnt, am Rand eines Dorfs irgendwo in den niederländischen Wäldern bei Zwolle. Zeitungen stapeln sich um den rustikalen Holztisch, darauf stehen Tee, Kaffee und Guetzli. Und sie erzählt, wie vor über 55 Jahren alles angefangen hat: Am 23. Januar 1970 trat die feministische Gruppe Dolle Mina, entstanden im Umfeld der Student:innenbewegung, erstmals in Erscheinung. Fünfzehn Frauen und fünf Männer besetzten die Businessschule im Schloss Nijenrode bei Utrecht, an der Frauen nicht zugelassen waren – eine von ihnen war Dunya Verwey, damals Studentin der Anthropologie in Amsterdam.

Am selben Tag verbrannte die Gruppe ein Korsett – zwei Jahre nachdem in den USA Hunderte von Feministinnen BHs angezündet hatten, um gegen die Miss-America-Wahl zu protestieren. Die niederländischen Feministinnen hielten ihre Aktion am Monument ihrer Namensgeberin Wilhelmina Drucker in Amsterdam ab: Diese kämpfte Ende des 19. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht und die Gleichstellung der Frau und ist eine Ikone der ersten feministischen Welle in den Niederlanden.

Dolle Mina Parlamentssitz in Den Haag
Mit Kunst und Kindern: Dolle Mina macht 1970 im Parlamentssitz in Den Haag auf den Mangel an Krippen aufmerksam.   Fotos: Imago

Mina-Stylo-Aktionen

Die Korsettverbrennungsaktion schlug hohe Wellen, und von da an machten sich die «verrückten Minas» in den frühen siebziger Jahren mit kreativen Aktionen einen Namen: Sie forderten öffentliche Toiletten für Frauen, indem sie Männer-WCs blockierten, und machten auf die Diskriminierung unverheirateter Mütter auf dem Wohnungsmarkt aufmerksam. Sie verteilten Kondome gegen die sexuelle Doppelmoral und tauchten als Spermazellen verkleidet am Sitz des päpstlichen Nuntius in Den Haag auf, um gegen die Verteufelung von Verhütungsmitteln durch die katholische Kirche zu protestieren. Auch die Direktion einer Frauenzeitschrift wurde besetzt, und, wie Verwey sich lachend erinnert, sie pfiffen Männern auf der Strasse hinterher. Das Recht auf Abtreibung, ein zentrales Anliegen der Gruppe, forderten sie mit dem Slogan «baas in eigen buik» (Boss im eigenen Bauch). Innerhalb weniger Monate schlossen sich in verschiedenen Städten mehr als 1500 Frauen an.

Verwey nennt den unverwechselbaren Charakter ihrer Aktionen «Mina-Stylo»: «Unseren Stempel, den wir immer daraufdrücken wollen.» Sie umschreibt ihn als «Fröhlichkeit, gepaart mit Kreativität und Streitlust». Ab Mitte der siebziger Jahre wurden die Aktionen, bei denen vielfach auch kleine Gruppen von Männern beteiligt waren, spärlicher und hörten schliesslich ganz auf. Richtungskämpfe zwischen eher marxistischen und eher anarchistisch gesinnten Minas forderten ihren Preis. Doch aus dem Umfeld der Bewegung entstanden zahlreiche feministische Initiativen, aus denen sich Strukturen bildeten, die bis heute bestehen. Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch trat schliesslich 1984 in Kraft.

Als Spermien unterwegs in Den Haag
Als Spermien unterwegs in Den Haag: Beim päpstlichen Nuntius protestierte Dolle Mina 1974 gegen die katholische Verteufelung von Verhütungsmitteln. Foto: Imago

Dunya Verwey beendete ihr Studium. Sie produzierte TV-Dokumentationen, arbeitete in Menschenrechtsprogrammen auf nationaler und europäischer Ebene, war in Stiftungen für die Rolle von muslimischen Frauen in westlichen Gesellschaften und bei Musikprojekten in Suriname aktiv. Seit dreissig Jahren betreibt sie mit ihrem Mann Jurn Buisman das Museum Geelvinck.

Anfang Januar dieses Jahres bekommt Verwey einen Anruf. Ihre ehemalige Mitstreiterin Claudette van Trikt will wissen, ob sie an einer Videokonferenz teilnehmen würde. Die Filmemacherin Sia Hermanides wollte beide über ihre Erinnerungen an die Dolle-Mina-Zeit befragen. Sie sind nicht nur bis heute eng befreundet, sondern, wie Verwey sagt, «eigentlich auch immer Dolle Minas geblieben!». Sie verabreden sich für Mitte Januar.

In dem Gespräch geht es nicht nur um die Vergangenheit. Auch der heutige Zustand der Frauenrechte ist Thema: die sexuelle Doppelmoral, «die wir nicht aus der Welt bekommen konnten»; die patriarchale Bildformung, die sich, wie Verwey das nennt, ihr Terrain zurückholt; die Rolle der sozialen Medien dabei – «So stumpfsinnig, so archaisch!». Irgendwann wird den Frauen bewusst, dass es genau 55 Jahre her ist, seit sie damals die ersten Korsette verbrannten. «Eine schöne Zahl! Die sollten wir nicht einfach verstreichen lassen», sagen sie sich.

Zurück zum Denkmal

Nach dem Gespräch beginnen alle drei zu mobilisieren: Sie verschicken eine Pressemeldung, ein Fernsehsender mit grosser Reichweite springt darauf an, und schliesslich versammelt sich auf den Tag genau 55 Jahre nach der ersten Aktion, an einem diesigen Donnerstag, wieder eine Gruppe von Frauen und einigen Männern um das Denkmal Wilhelmina Druckers in Amsterdam. «Was ist aussagekräftiger, als dass wir nun, in dieser Zeit, ein Korsett verbrennen?», fragt Dunya Verwey, die mitten im Geschehen ist, augenzwinkernd ins Mikrofon des Senders. In den niederländischen Medien ist es ein grosses Thema: Dolle Mina ist zurück!

Gedacht gewesen sei das Ganze als einmalige Aktion, erzählt sie beim Besuch ein Dreivierteljahr später. Dass das Comeback ein permanentes wurde, liegt zum einen an «einem Tsunami» von Reaktionen. Frauen, die fragten, was sie für Dolle Mina tun könnten, oder selbst mitmachen wollten. Zum anderen war da der Internationale Frauentag. «Nach der Aktion am Denkmal sagte jemand: ‹Der 8. März steht vor der Tür. Hey, Ladys! Da müssen wir doch etwas machen! Mit Plakaten und Postern mit Forderungen darauf! Wie haben wir das damals noch mal gemacht?›»

Also gingen die wiederformierten Feminist:innen mit dem 8.-März-Marsch auf die Strasse, Kontakte mit anderen Gruppen und NGOs entstanden, doch noch immer gab es keine langfristigeren Ambitionen. «Und was sind wir jetzt? Eine landesweite Bewegung mit Gruppen überall im Land, Website und mehr als 90 000 Social-Media-Follower:innen. Ich komme zu nichts mehr. Am 24. Januar begann das Ding dort zu piepen und hat nicht mehr aufgehört.» Verwey weist in die Richtung ihres Telefons, das auf dem Tisch liegt und tatsächlich in kurzen Abständen eingehende Nachrichten meldet.

Dolle Mina mit Wilhelmina Drucker
Jung und laut: Den ersten Geburtstag feiert Dolle Mina 1971 mit Wilhelmina Drucker. Foto: Imago

Dafür, dass die Dolle Minas nach mehr als einem halben Jahrhundert eine riesige Resonanz haben, gibt es triftige Gründe: einerseits die Strahlkraft, die dem Namen zweifellos immer noch anhaftet. Andererseits sind viele der Forderungen von damals noch immer nicht erfüllt – oder dem Erreichten droht durch den rechten Backlash Gefahr: Fundamental-christliche Gruppen erhöhen den Druck auf Abtreibungskliniken, konservative Organisationen agitieren gegen Frauenrechte und Genderpolitik im weitesten Sinn. Noch immer verdienen Frauen in den Niederlanden im Schnitt rund zehn Prozent weniger als Männer. Im Zuge der #MeToo-Bewegung wurde auch in den vermeintlich so liberal-progressiven Niederlanden sichtbar, wie verbreitet sexuelle Ausbeutung und Einschüchterung in vielen Bereichen der Gesellschaft sind.

Und dann gibt es im Sommer 2025 in mehreren Städten erstmals grosse Demonstrationen gegen Frauenmorde (vgl. «Femizide in den Niederlanden»). Die neue Dolle-Mina-Generation steht als Initiatorin an der Spitze dieser Bewegung. In Rotterdam, wo es die meisten Femizidfälle gibt, finden im August und September an acht aufeinanderfolgenden Sonntagen Protestmärsche statt. Zahlreiche andere Städte schliessen sich an. Überall tauchen die weissen Dolle-Mina-Shirts auf, stilistisch den Protesten der siebziger Jahre nachempfunden, mit der Losung «Frauen wollen vorwärts, nicht zurück».

Ende September findet in Rotterdam der letzte dieser Märsche statt. An der Kundgebung, bevor sich der Demonstrationszug in Bewegung setzt, stechen neben den Porträts von Femizidopfern auch die zahlreichen roten Schilder ins Auge. Sie tragen Botschaften wie «Muss ich Angst haben, wenn ich Schluss mache?», «Wer bestimmt, was du trägst?», «Immer Bescheid geben, wo ich bin» oder «Keine Frau darf vogelfrei sein». Die Farbe verweist auf die «roten Fahnen», die in Aufklärungskampagnen als Warnsignale für Beziehungen stehen, in denen Frauen in Gefahr sind.

An der Spitze des Zuges läuft eine kleine, energische Frau mit schwarzen Locken und Megafon. Auch sie steckt in einem Dolle-Mina-Shirt. Joice Alves dos Santos ist 43 Jahre alt und die Initiatorin der Sonntagsmärsche, die stark von den Ereignissen dieses Sommers geprägt sind. Auch der Hinweis auf die Gefahr, der Frauen im öffentlichen Raum ausgesetzt sind, ist in Slogans allgegenwärtig. «Die Sicherheit von Frauen ist ein Menschenrecht. Dieses Unrecht geht uns alle an», mit diesem Satz beschliesst Alves dos Santos auf der Kundgebung ihre Rede.

35 Paar Frauenschuhe

Nach der Demonstration berichtet sie auf dem Theaterplatz, wie sie, die 1970 noch nicht einmal geboren war, dieses Jahr zur Dolle Mina wurde. «Im Mai wollte ich beim nächtlichen Lauf gegen sexuelle Gewalt in Rotterdam mitmachen. Dazu wollte ich mich einer Gruppe anschliessen, und ich stiess auf die Dolle Minas, die auch teilnahmen.» Sie habe gewusst, dass die früher aktiv gewesen seien, aber nicht, dass sie im Januar wiederauferstanden waren. «Dass wir heute wieder für die gleichen Themen demonstrieren wie vor 55 Jahren, ist bizarr. Aber vielleicht haben wir Rechte wie zum Beispiel jenes auf Abtreibung als zu selbstverständlich angesehen und uns zu sehr zurückgelehnt.»

Femizide in den Niederlanden

Jedes Jahr werden in den Niederlanden zwischen vierzig und fünfzig Frauen ermordet, weil sie Frauen sind. Im Schnitt geschieht alle acht Tage ein Femizid. Gemessen an der Bevölkerungszahl, ist dies einer der höchsten Werte in Europa. In über sechzig Prozent der Fälle sind die Täter (Ex-)Partner der Opfer. Anders als in Spanien oder Italien gibt es wenig Aufmerksamkeit in Form von Regierungskampagnen und öffentlichen Protesten. Eine spezielle Gesetzgebung fehlt – wie in den meisten Ländern Europas, auch in der Schweiz.

Im Juli 2025 wurden in der Provinz Nordbrabant innert vier Tagen zwei Frauen von (Ex-)Partnern ermordet. Damit kam das Thema plötzlich in die Schlagzeilen. Im August erweiterte sich der mediale Fokus auf die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum, nachdem in Amsterdam eine Siebzehnjährige auf dem Nachhauseweg erstochen worden war. Neben Märschen gegen Femizid kam es zu Kundgebungen für die Sicherheit von Frauen im Ausgang und auf dem Heimweg.

Joice Alves dos Santos arbeitete im Pflegebereich, im Spital, in der akuten Psychiatrie und im Jugendgefängnis, wo sie ihren eigenen Sport – Boxen – als Therapieform einsetzte. Heute coacht sie Jugendliche und junge Erwachsene, um sie widerstandsfähig zu machen und zu lehren, mit Aggressionen umzugehen. Auch dabei spielt Boxen eine Rolle: «In meinem beruflichen Umfeld höre ich immer wieder Geschichten von Jugendlichen, Mädchen, aber auch Jungen, die sexuelle Gewalt erleben. Und auch Femizid ist oft ein Thema.»

«Ich weiss, wie es ist, auf der Strasse angefasst zu werden, ohne dass ich das will», sagt eine Rednerin in Rotterdam. «Jede Woche spreche ich mit Frauen, die sich vor ihrem Ex fürchten», sagt eine andere, und eine dritte: «Wir brauchen keine Trauer, sondern Rechte. Keine Blumen, sondern Politik. Und morgen ist der Moment, in dem die Politik am Zug ist. Machen wir weiter mit dem Leichenzählen, oder ergreifen wir endlich Massnahmen?»

Am nächsten Abend liegen vor dem Parlament in Den Haag 35 Paar Frauenschuhe. Eigentlich hätten es 44 sein sollen, für die Zahl der Femizidopfer in den Niederlanden im laufenden Jahr. Die Initiatorin, die Publizistin Yesim Candan, hatte entsprechend viele Abgeordnete um Exemplare gebeten, doch nicht alle, die zugesagt hatten, brachten diese rechtzeitig. Eine Dolle-Mina-Gruppe erinnert beim Eingang mit Transparenten an die Opfer, und mehrere Angehörige von Opfern betreten kurz vor der Dämmerung das Gebäude. Aus Rotterdam ist auch Joice Alves dos Santos gekommen.

Die Protagonistin des Abends sitzt am linken Rand des halbrunden Tischs mit den Mitgliedern der Kommission für Justiz und Sicherheit: Söngul Mutluer, eine sozialdemokratische Abgeordnete, die einen Gesetzesentwurf zur Bekämpfung von Femiziden und genderbezogener Gewalt vorgelegt hat. Dieser wird nun diskutiert. Viele Kommissionsmitglieder begrüssen den Ansatz, die Kompetenz in einem Ministerium zu bündeln und einen Aktionsplan zu verabschieden, wie er aus Spanien oder Italien bekannt ist.

Bald aber geraten sich die Mitglieder in die Haare darüber, ob es sich hier um ein Männer- oder ein Migrantenproblem handelt. Letzteres behaupten die beiden Vertreter rechtsextremer Parteien. Zwischenzeitlich ist die Kommission im Kampagnenmodus, denn Ende Oktober wird in den Niederlanden gewählt. Erst am Ende ergreift Söngul Mutluer das Wort. Sichtbar emotional erzählt sie, dass man auch ihr, die aus einer türkischen Familie stammt, lange erzählt habe, Frauenmorde seien «ein Phänomen bestimmter Kulturen». Sie blickt auf die Tribüne, auf der die Angehörigen der Opfer sitzen. «Doch es kommt in allen Schichten der Gesellschaft vor, unabhängig von Hautfarbe oder Hintergrund. Und ich lasse nicht zu, dass diese Debatte gekapert wird!»

Die Fackel weitergeben

Dunya Verwey ist an diesem Abend nicht in Den Haag. Sie ist ohnehin schon ständig unterwegs, in ihrem alten Volvo, quer durchs Land. Darauf angesprochen, wie sich die Inhalte der Dolle-Mina-Aktionen von 1970 und 2025 unterscheiden, erklärt sie, die Themen «Femizid» und «Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum» hätten dem Comeback von Dolle Mina eine neue Dynamik gegeben: «Das Thema Abtreibung bleibt wie damals ein zentraler Punkt. Aber ‹Unsicherheit› und ‹häusliche Gewalt› sind ein starker, neuer Fokus. Während wir damals mehr auf die Änderung der Gesetzgebung abzielten, geht es heute vor allem um zwischenmenschliche Verhältnisse.»

Über diese Verschiebung ist sie durchaus froh. Zwar sei der «Mina-Stylo» von damals auch bei den heutigen Aktionen essenziell. Aber es ist ihr auch bewusst, dass die exponierte Stellung der Bewegung in der Öffentlichkeit eine Schattenseite haben kann. «Wir kommen ja aus den Geschichtsbüchern, und dort wird man leicht ikonisiert. Das aber bedeutet Versteinerung. Eine Ikone kann sich nicht mehr entwickeln. Und darum bemühen wir uns um einen weiteren Fokus.»

Das Fundament, auf dem die Dolle Minas stehen, bleibt das Denkmal der Feministin Wilhelmina Drucker. Dort begann 1970 alles, dort tauchten sie diesen Januar wieder auf, und auch am Abend des 30. September haben sich um die hundert Personen – vor allem, aber nicht nur Frauen – in Amsterdam-Süd versammelt. Drucker, die Gründerin der «Vrije Vrouwenvereeniging» und Organisatorin der ersten feministischen Demonstration der Niederlande, würde an diesem Tag 147 Jahre alt. Auf Ausstellungstafeln wird eine Route vorgestellt, auf der ihre Spuren in der Stadt verfolgt werden können. In Reden werden ihr Leben und ihre Arbeit gewürdigt.

Im Mittelpunkt allerdings stehen die fünfzehn Dolle Minas, die zunächst am Rand der Menge warten, dann aber, als die Dämmerung fortschreitet, mit Fackeln in der Hand einen Halbkreis um das Denkmal bilden. Langsam entzünden sie ihre Fackeln, während Dunya Verwey ans Redner:innenpult schreitet. Sie ehrt die Namensgeberin der Dolle Minas als freie Frau – «kein Anhängsel eines Mannes» – und erinnert an Frauenrechte, die erneut unter Druck stehen, und an Frauen, die auf der Strasse nicht sicher sind.

Und dann tun die Dolle Minas das, was sie an diesem Ort eben zu tun pflegen – egal ob während der zweiten feministischen Welle in den Siebzigern oder dem, was sie nun die dritte nennen: Sie stecken Korsette in Flammen. «Als Protest gegen das Patriarchat, das uns noch heute einengt», ruft Dunya Verwey in die Dunkelheit. «Der Kampf geht immer weiter. Wie Wilhelmina Drucker schon sagte: ‹Frauen, haltet die Fackel am Brennen!› Darum stehen wir hier mit unseren Fackeln. Wir haben dieses Feuer in uns. Die Flammen der Erinnerung und die Flammen der Befreiung. Dolle Mina hält diesen Geist am Leben.»

Am Ende des Abends reicht sie ihre Fackel an die Grossnichte von Wilhelmina Drucker weiter.