Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Der alte weisse Mann ist System

Die Frauen- und die LGBTIQ-Bewegung sind so stark wie schon lange nicht mehr. Leider gilt das auch fürs Patriarchat.

Von Merièm Strupler

«Es zeigt sich: Das Patriarchat ist am schönsten, wenn es brennt.»
Laurie Penny in «Bitch Doktrin» (2017)

Alt-Right-Ikone Steve Bannon ist ein alter, weisser Mann – und er hat Angst: Seit der Exberater von Donald Trump Anfang 2018 die Verleihung der Golden Globe Awards im Fernsehen gesehen hat, fürchtet er sich vor der feministischen Revolution; viele Stars hatten damals aus Solidarität mit der #MeToo-Bewegung statt extravaganten Roben schlichtes Schwarz getragen. Das sei der Beginn einer Revolution, soll Bannon gemäss seinem Biografen Joshua Green gesagt haben, «noch mächtiger als der Populismus – tiefer, grundlegend, elementar! Die Bewegung gegen das Patriarchat wird die Geschichte der vergangenen 10 000 Jahre rückgängig machen.»

Schön wäre es ja. Und zumindest hat die feministische Bewegung wie kaum eine andere in den vergangenen Jahren an Fahrt aufgenommen und über Grenzen hinweg an Kraft gewonnen. Zum Schweizer Frauenstreik herrscht Aufbruchstimmung. Bereits am 8. März, dem Internationalen Frauenkampftag, fanden in neunzig Ländern feministische Streiks statt. Vergangenes Jahr legten in Spanien sechs Millionen FeministInnen aus Protest gegen Gewalt an Frauen die Arbeit nieder – es war nicht nur der grösste Frauenstreik der Geschichte des Landes, sondern auch der Geschichte Europas.

Hat Steve Bannon etwa für einmal recht – sind die Tage des Patriarchats bald gezählt? Die Wucht der neuen feministischen Welle ist jedenfalls nicht zu unterschätzen. Im Januar 2017 demonstrierten an den Women’s Marches weltweit über sieben Millionen für Frauenrechte und gegen die Amtseinführung von Donald «Grab them by the pussy» Trump. Die #MeToo-Debatte im Herbst 2017 machte nicht nur sexuelle Gewalt sichtbarer, sondern brachte nach dem Filmproduzenten Harvey Weinstein noch eine ganze Reihe mächtiger, übergriffiger Männer zu Fall.

In Argentinien protestiert die Bewegung #NiUnaMenos (Nicht eine Frau weniger) bereits seit vier Jahren gegen Femizide und Gewalt an Frauen. In Brasilien gingen 2018 Hunderttausende FeministInnen gegen den faschistischen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro auf die Strasse. Im Iran protestieren Mitte Mai Hunderte Studentinnen gegen die Kopftuchpflicht. In Algerien wie im Sudan tragen die Frauen die aktuellen Aufstände entscheidend mit.

Ein letztes Aufbäumen?

Dennoch: Auch der reaktionäre Backlash macht sich überdeutlich bemerkbar. Maskulinistenbewegungen erleben wie die gesamte Rechte seit der Finanzkrise 2008 einen Aufschwung. Immerhin wurden sowohl Bolsonaro als auch Trump letztlich zum Präsidenten gewählt – trotz der erbitterten Proteste.

«Wir haben es aktuell mit einer irren Gleichzeitigkeit zu tun», sagte die deutsche Autorin Koschka Linkerhand in der österreichischen Tageszeitung «Der Standard». «Viele feministische Bewegungen gehen laut und fordernd auf die Strassen. Aber das Patriarchat ist leider viel stärker.» So habe sich in Brasilien beispielsweise gezeigt, wie viele keinen faschistischen, frauenfeindlichen und homophoben Präsidenten wollten. «Letztendlich ist er aber gewählt worden. Extrem patriarchale Parteien und Präsidenten haben in vielen Ländern einfach die Staatsmacht.» Zwar gebe es breiten feministischen Widerstand, aber der Backlash sei in vielerlei Hinsicht mächtiger. «Das Bewusstsein dafür, wie viel es zu verlieren gibt, ist viel zu schwach», fürchtet Linkerhand. Viele hielten die Errungenschaften der zweiten Frauenbewegung für gesichert.

Feminismus, weichgespült

Wie umkämpft und auch bedroht jene Errungenschaften sind, zeigt sich etwa in den USA, wo derzeit konservative Bundesstaaten darum wetteifern, wer die einschneidendsten Massnahmen gegen Abtreibungen beschliesst. Erst Mitte Mai liess eine ausschliesslich männliche Mehrheit im Senat in Alabama Schwangerschaftsabbrüche praktisch komplett verbieten – selbst in Fällen von Vergewaltigungen und Inzest. In Ungarn wiederum liess Regierungschef Viktor Orban die Geschlechterforschung aus den Universitäten verbannen. Ähnliches sieht auch das Wahlprogramm der rechtsnationalen AfD für die Gender Studies in Deutschland vor.

Derweil stellt häusliche Gewalt weltweit für Frauen zwischen 15 und 44 Jahren noch immer eine Hauptursache für Tod und Behinderung dar. In der Schweiz stirbt rund alle drei Wochen eine Frau wegen häuslicher Gewalt. In Deutschland wird etwa jeden dritten Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner umgebracht. Sexuelle Gewalt und Rape Culture sind nach wie vor an der Tagesordnung. Noch immer erfahren Homosexuelle, Transpersonen und Queers Gewalt, weil sie lieben, wen sie lieben, und weil sie sind, wer sie sind. Wie etwa das lesbische Paar, das Ende Mai von einer Gruppe Männer in einem Londoner Bus blutig geprügelt wurde.

Noch immer verdienen Frauen in der Schweiz im Schnitt 14,5 Prozent weniger, dafür putzen und pflegen sie mehr – und sterben am Ende ärmer. Wie eine Studie des World Economic Forum (Wef) von 2018 zeigt, kommt die Gleichstellung weltweit derzeit kaum voran. Das gilt auch für die Schweiz. Wenn es im gleichen Tempo weitergehe, so der «Global Gender Gap Report» des Wef, dauere es global noch über 200 Jahre, bis Frauen im Arbeitsmarkt dieselben Chancen, Jobs und Löhne hätten wie ihre Kollegen.

Selbst wenn es also schon heute ein paar sogenannte Karrierefrauen mit genügend Ellbogen, Ehrgeiz und Egoismus gelingt, die gläserne Decke der männlichen Vorherrschaft zu durchbrechen: Das Patriarchat wird dies kaum zu Fall bringen – denn dessen Spielregeln bleiben unangetastet. Zugleich verkaufen die Popkultur und die Werbeindustrie einen kommerzialisierten, weichgespülten Marktfeminismus. Der wird jedoch oberflächlich bleiben, solange er die ökonomischen Ungleichheiten und Ausbeutungsverhältnisse schlichtweg beiseitelässt.

«Männer, die von #MeToo beschuldigt wurden, sind von der Bühne abgetreten», schreibt die britische Schriftstellerin Charlotte Higgins im «Guardian». «Doch die Bühne selbst sieht noch immer genauso aus wie vorher.» Wobei nicht einmal alle Männer, denen Übergriffe vorgeworfen wurden, tatsächlich abtreten mussten – Brett Kavanaugh etwa wurde indes zum Richter des Obersten Gerichtshofs der USA befördert. «Die Patriarchen fallen. Aber das Patriarchat ist stärker als je zuvor», konstatierte die Journalistin Susan Faludi in der «New York Times». Denn während zwar einige Harvey Weinsteins fielen, stärke die gegenwärtige US-Politik die darunter liegenden patriarchalen Strukturen: Die gekürzte Sozialhilfe, die demontierte Gesundheitsreform oder die Steuererleichterungen für Reiche griffen insbesondere die Lebensrealität von Frauen an, so Faludi.

Den Bündnissen eine Zukunft!

Die patriarchalen Strukturen halten sich mitunter deshalb so hartnäckig, weil sie von den materiellen Ausbeutungsmechanismen profitieren und dicht mit ihnen verwoben sind. Die «Spiegel Online»-Kolumnistin Margarete Stokowski wies daher zu Recht darauf hin, dass «intersektionaler Feminismus» im Kern bedeute, «dass Feminismus nicht nur für weisse Mittelschichtsfrauen ohne Behinderung da ist, die dadurch einen noch geileren Job kriegen als vorher und sich dann eine türkische Putzfrau leisten können. Denn wer putzt für die Putzfrau?» Deswegen, so Stokowski, müsse ein solcher Feminismus letztlich auf die Abschaffung aller Herrschaftsverhältnisse zielen.

Diese Wortmeldungen junger Feministinnen, die Antirassismus und Antikapitalismus mit der Kritik am Patriarchat verknüpfen, sind besonders wertvoll: Denn sie sind es, die radikale soziale Utopien derzeit am vehementesten zurück auf die politische Tagesordnung bringen. Und sie eröffnen Perspektiven auf solidarische Bündnisse. Sollten diesen Stimmen in Zukunft noch lauter und zahlreicher werden, könnte es sich am Ende erweisen, dass Typen wie Steve Bannon einer feministischen Revolution nicht ganz zu Unrecht mit Furcht entgegenblicken.

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