Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

«Nichts gegen diese Leute, aber …»

Seit gut einem Jahr befindet sich das Wagenplatzkollektiv «Sous le pont» auf einer Odyssee. Leer stehende Brachen gäbe es in und um die Stadt Luzern genug – aber im konservativen Kanton überwiegen die Vorurteile gegenüber der alternativen Lebensform.

Von Merièm Strupler (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Psychische Schäden fürs Ortsbild»: Wagenplatz in der Luzerner Allmend.

Der Bauwagen mit der Gemeinschaftsküche ist grün-rot gestrichen. «Zu viele Köche verderben den Brei» steht in grossen Lettern darauf. Daneben hackt im leichten Nieselregen ein Wagenplatzbewohner Holz. Auf der Treppe vor dem Küchenwagen wächst Thymian in Töpfen, daneben steht eine Gasflasche. Im Wageninnern siedet Wasser auf dem Herd. Als es stärker zu regnen beginnt, hört man die Tropfen auf das Blechdach prasseln. Willkommen beim Wagenplatzkollektiv «Sous le pont».

Sechzehn Bauwagen stehen auf der kleinen Brache in der Luzerner Allmend. Lila, gelb, rot, blau, braun gestrichen sind sie, manche mit Holzfassade, andere aus Blech, mal auch mit speziell angefertigten Fenstern. Alle wurden eigenhändig und mit Herzblut ausgebaut – kleine, individuelle Häuschen. Die Wagen stehen so beisammen, dass sie mehr oder weniger einen Kreis bilden. Im Innenhof steht ein Tisch mit Stühlen – und ein Traktor.

Quartierangst vor Totenköpfen

Drei Mal schon musste die Gruppe umziehen, seit sie im letzten Sommer nach vier Jahren das Gelände neben dem Kulturzentrum Südpol in der Luzerner Vorortgemeinde Kriens zu verlassen hatte. Seit Anfang März besetzen die WagenplätzlerInnen die Brache an der Eichwaldstrasse, die der Stadt Luzern gehört – doch auch hier können sie längerfristig nicht bleiben. Acht leer stehende Brachen, die alle für einen Wagenplatz infrage kämen, hat das Kollektiv der Stadt vorgeschlagen. Die Verhandlungen sind zäh: Die Baudirektion sagte zu, die Vorschläge zu prüfen. Ein Gelände im 2010 eingemeindeten Littau schien vielversprechend. Dort aber machen nun AnwohnerInnen gegen einen Wagenplatz vor Ort mobil. Am vergangenen Donnerstag wurde im Grossstadtrat eine dringliche Interpellation der SVP behandelt. Die Stadtregierung ist zwar nach wie vor bereit, zu verhandeln – aber das Gelände in Littau sei tatsächlich nicht geeignet, heisst es in der Antwort auf die Interpellation.

Auch der lokale Quartierverein ist gegen einen Wagenplatz in Littau: «Ich habe nichts gegen diese Leute, aber …», sagt Adolf Zemp, Präsident vom Quartierverein Udelboden. «Sie passen nun mal nicht ins Erscheinungsbild.» Schliesslich gingen dort «haufenweise Leute mit Kindern» spazieren. Und wenn dann die WagenplätzlerInnen «mit Totenköpfen und weiss der Geier was» ankämen … Es sei halt «so eine schöne Matte mit Weiher» – und als ehemaliges Sumpfgebiet für Bauwagen ungeeignet.

Im Wagenplatzkollektiv leben etwa neun Leute, «mal mehr, mal weniger», erzählen die BewohnerInnen. Ihre richtigen Namen möchten sie – alle zwischen Mitte zwanzig und Ende dreissig – lieber nicht in der Zeitung lesen. An diesem regnerischen Apriltag sitzen die meisten von ihnen bei Kerzenschein um den Tisch versammelt im gemeinsamen Wohnzimmerwagen. Fliessend Wasser gibt es nicht, wenn Strom, dann aus Solarpanels. Als Toilette dient ein gemietetes Toitoi. Dafür aber ist es schön warm im Wohnzimmer, ab und zu knackt das Holz im Ofen. An der Wand hängt eine grosse Weltkarte, daneben kleben Plakate von vergangenen Punkkonzerten und politischen Aktionen. «Against the supremacy of money» steht auf einem der Plakate, im Hintergrund eine Rose. Gegen die Vorherrschaft des Geldes: «Uns gefällt diese Lebensform, wir haben das bewusst gewählt», sagt Nadine Sous Le Pont. «Damit hören wir jetzt nicht einfach auf. Aber eigentlich wollen wir am liebsten in Ruhe gelassen werden.»

Geht es um das Sumpfgebiet?

Seit der Gründung des Kollektivs im Jahr 2008 gab es diverse Zwischenstationen, ruhigere und unruhigere Phasen. Die aktuelle Odyssee begann vor gut einem Jahr, als der SVP-Einwohnerrat Patrick Koch politischen Druck gegen die Wagenburg in Kriens ausübte. «Er ist der Erich Hess des Kantons Luzern», sagt Tom Sous Le Pont im Scherz – eine Anspielung auf den Berner SVP-Grossrat, der dem Kulturzentrum Reitschule den politischen Kampf angesagt hat. In der Interpellation vom September 2014 weist Koch explizit auf einen Medienbericht hin, der die Wagenplatzgruppe als «politisch dezidiert sehr links» beschreibt. Dazu will sich Koch aber nicht mehr äussern: «Die Wagenburg zieht von Kriens weg, und somit ist die Sache für mich erledigt», schreibt er auf Anfrage. Für das Kollektiv «Sous le pont» hingegen ist es – nach gut vier Jahren Ruhe – der Beginn eines turbulenten Jahres mit zahlreichen Umzügen und Verhandlungen.

Was denkt man auf dem Wagenplatz über die Vorurteile ihnen gegenüber? «Ich glaube, viele haben überhaupt keine Vorstellung davon, worüber sie eigentlich sprechen», sagt Amelie Sous Le Pont. «Das ist ja gerade das Problem», wirft Giulia Sous Le Pont ein: «Das ist, wie wenn man behauptet, Kartoffelgratin schmecke einem nicht, ohne je einen probiert zu haben.» Deshalb lud das Kollektiv mehrmals zum Apéro auf dem Wagenplatz ein. «Da lösen sich viele Vorurteile ganz schnell in Luft auf.»

Bevor Kochs Vorstoss im Krienser Einwohnerrat behandelt worden war, lud die Wagenplatzgruppe auch die RätInnen zu sich ein. «Von der SVP habe ich niemanden am Apéro gesehen», erinnert sich die CVP-Einwohnerrätin Judith Mathis-Wicki. Das Bild und die Ordnung, die der Wagenplatz abgebe, stosse bei gewissen bürgerlichen Leuten von vornherein auf Ablehnung. «Aber es ist wichtig», so Mathis-Wicki, «sich selbst einen Eindruck vor Ort zu verschaffen und die Menschen und ihre Motivation kennenzulernen. Um gemeinsam einen Weg zu finden.» Sie findet es fantasievoll, wie die Leute auf dem Wagenplatz «mit sehr wenig, sehr sparsam und mit wenigen Ressourcen so viel machen.» Aktuell fragt sich die Krienser Einwohnerrätin: «Geht es dem Quartierverein in Littau wirklich um das Sumpfgebiet – oder vielmehr um diffuse Ängste?» Solange das Grundstück ungenutzt sei, könnte man es der Wagenburg doch zur Verfügung stellen. «Dabei geht es um Toleranz und Sozialkompetenz, es gibt nun mal verschiedene Lebensformen.»

Der politische Vorstoss von Patrick Koch hatte die Debatte über die Wagenburg auf der politischen Bühne ausgelöst. Wenige Tage, bevor die Wagengruppe im März 2015 die Verlängerung des Mietvertrags mit der Eigentümerin, der Pensionskasse Luzern, unterzeichnen sollte, stellte sich heraus: Die «zonenfremde Zwischennutzung» besass gar keine baurechtliche Bewilligung – insofern war sie illegal. Inzwischen wird auf dem Gelände neben dem Südpol eine Musikschule gebaut.

Die alten NachbarInnen mochten die WagenplätzlerInnen: «Von uns aus hätte es ewig so weitergehen können», sagt Marco Liembd vom Kulturzentrum Südpol. «Wir haben manchmal ihre Post entgegengenommen, oder sie kamen vorbei, um das WLAN zu nutzen. In einem Quartier mit lauter Einfamilienhäusern mag das anders sein. Aber uns haben ein paar Leute mit alternativer Lebensform nicht nervös gemacht.»

Halt nicht «bünzlizertifiziert»

Im Juli 2015 stand das Wagenplatzkollektiv auf einmal ohne feste Bleibe da. Die Gruppe besetzte daraufhin vorübergehend eine leer stehende Brache beim Pilatusmarkt, die der Coop-Genossenschaft gehört. Die Eigentümer antworteten mit einem gerichtlichen Räumungsbefehl. Das Kollektiv zog weiter. Die betreffende Brache ist bis heute ungenutzt. Schliesslich bot ein Bauunternehmen dem Kollektiv sein Gelände an: das Rösslimatt, fast vis-à-vis dem ehemaligen Platz neben dem Südpol. Die WagenplätzlerInnen hätten das Grundstück für zwei Jahre mieten können. Wofür sie allerdings, auch für einen befristeten Zeitraum, ein ordentliches Baugesuch einreichen müssten. Das taten sie auch – und kassierten eine Einsprache.

Die Immobilienfirma Berninvest verwaltet das angrenzende Gebäude und mag offenbar keine Wagenburg in der Nähe. Denn diese würde das «Ortsbild langfristig psychisch schädigen», heisst es in der Einsprache. Das Kollektiv «Sous le pont» antwortete in einer Stellungnahme, dass es seit Jahren auf der gegenüberliegenden Strassenseite Teil des Ortsbilds gewesen sei. Was denn die Psyche eines Ortsbildes ausmache, will Nunzio Lo Chiatto, Geschäftsleiter von Berninvest, nicht erklären. Für ihn ist der Fall erledigt: Das Bauunternehmen, das dem Wagenplatz das Grundstück zur Verfügung stellen wollte, zog sein Angebot wegen der Einsprache wieder zurück. Der Deal ist geplatzt. Das Wagenplatzkollektiv besetzte daraufhin zwei weitere Brachen im Besitz der Stadt Luzern.

«Wir sind bereit für ein Gespräch», sagen die BesetzerInnen am Holztisch im Bauwagen. «Aber von den Behörden werden wir herumgereicht.» Ende Februar 2016 schrieben sie der Stadt einen offenen Brief: «Wir arbeiten, leben, studieren und haben unseren Lebensmittelpunkt in und um Luzern. Aus diesem Grund werden wir den Raum Luzern auch nicht verlassen oder uns in Luft auflösen.» Auf der Brache an der Eichwaldstrasse sind die Wagen seitdem befristet geduldet. Die Verhandlungen mit der Stadt aber stehen mit der Interpellation der SVP im städtischen Grossrat erneut auf der Kippe.

Fabian Takacs, Vorstandsmitglied der Grünen Luzern, kennt dieses Spiel. Als letztes Jahr in der Gemeinde Kriens über den Wagenplatz verhandelt wurde, hatte er sich – damals noch bei den Jungen Grünen Kriens – im Einwohnerrat für das Kollektiv und die alternative Wohnform eingesetzt. «Es geht hier um einen ideologischen Konflikt», sagt Takacs. «Für die Konservativen sind das linke Spinner.» Die WagenplätzlerInnen seien halt nicht «bünzlizertifiziert». Auf ihn selber machten sie aber einen «sehr kooperativen und offenen» Eindruck: «Sie haben immer betont, dass sie Strom und Wasser bezahlen.» Der Jungpolitiker ist froh um solche Initiativen: Der Wagenplatz oder auch die Hausbesetzung in Luzern vergangene Woche (vgl. «Freiräume in Luzern» im Anschluss an diesen Text) würden zeigen, dass Luzern eben doch nicht so eine «Schlafstadt» sei, wie es ihr oftmals nachgesagt werde.

Ein paar Bauwagen statt ein Einfamilienhaus – und plötzlich wollen alle mitmischen: Politikerinnen, Nachbarn, Immobilienunternehmen, Quartiervereine. Die Wagenburg wird zum Spielball zwischen den Luzerner Gemeinden. Das rückt den Spruch auf dem Küchenwagen an der Eichwaldstrasse in ein neues Licht – «zu viele Köche verderben den Brei». Was heisst das für die Zukunft des Kollektivs? «Wir bleiben unbequem», sagt Marco Sous Le Pont und grinst. Draussen ist es bereits dunkel, nur das Kerzenlicht flackert im Wohnzimmerwagen. Es hat aufgehört zu regnen.

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