Martin Parr (1952–2025): Das Einzigartige im Gewöhnlichen

Nr. 50 –

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Martin Parr vor seinem fotografischen Werk
Martin Parr vor seinem Werk. Foto: Marco Passaro, Imago

Eine Frau auf dem Bauch liegend, das weisse Badetuch gefährlich nahe an einem schmutzigen, rostigen Raupenfahrzeug. Im Fokus ist nicht irgendein schöner ferner Fluchtpunkt, sondern das schäbige, aber auch unbekümmerte Durcheinander zu Füssen von Fotograf und Sujets.

Der britische Fotograf Martin Parr, am Sonntag mit 73 Jahren verstorben, ist 1986 mit «The Last Resort» bekannt geworden, seiner bunten Serie vom Badeort New Brighton, zu der auch die eingangs beschriebene Fotografie gehört. Nicht das noblere Brighton am Ärmelkanal also, sondern New Brighton nahe der ehemaligen Industriestadt Liverpool: Die wesentliche Blickverschiebung, die Parrs Bildwelten auszeichnet, fing schon bei der Wahl des Ortes an. Drei Jahre lang hat er mit seiner Kamera das Strandleben der Arbeiter:innenklasse festgehalten. Dass er farbig fotografierte, war US-Vorbildern geschuldet. In Europa war «seriöse» Fotografie damals noch vorwiegend schwarzweiss, Farbe reserviert für Mode und Werbung.

Mit Ringblitz trotz Tageslicht fing Parr das «Bemerkenswerte im Gewöhnlichen» ein, wie er seinen Ansatz selber beschrieb. Ein weiterer wichtiger Hintergrund seines Werks: Er interessierte sich aufrichtiger für seine Sujets als viele der vermeintlich einfühlsamen Fotograf:innen, die allerdings kaum ein Wort mit den Porträtierten wechselten. Beschrieben wird er als nahbar, freundlich, wortkarg, bodenständig, mit einem unbestechlichen Blick für stimmige – und missratene – Bildkompositionen.

Aufgewachsen ist Parr nicht in London, sondern in Epsom, einem Vorort der Hauptstadt. Von Kindsbeinen an habe er «Humor und Komik studiert», schreibt er in seiner Autobiografie. Ein anderer denkwürdiger Satz von ihm: Er mache «ernsthafte Fotografien, die als Unterhaltung getarnt» seien. Erst als «The Last Resort» in der vornehmen SerpentineGalerie in London ausgestellt wurde, kam der Vorwurf der Ausbeutung und Herablassung – der freilich selber etwas Paternalistisches hatte. Reibungen gabs zuerst auch mit der Fotoagentur Magnum mit ihrem Doyen Henri Cartier-Bresson, die Parr 1994 nur äusserst knapp in ihren illustren Kreis aufnahm.

Parr steht für eine bildsprachliche Zeitenwende. Je länger man seine Sujets betrachtet, desto mehr schiebt sich der Eindruck des heiter Ungerührten vor das scheinbar Hässliche.