Comic: Metzger mit Gewissensbissen

Nr. 51 –

Saugut: In seinem ersten Comic spielt Martin Oesch mit den Ambivalenzen der «Fleischeslust» – und den Abgründen, die sich darunter verbergen.

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Comic von Martin Oesch: ausgenommene Menschen und Tiere hängen in einer Metzgerei
Ausgeweidet wie ein Tier: Metzger Erwin plagen Albträume. Martin Oesch, Edition Moderne

120 Franken wollte der Tierarzt – Metzgermeister Erwin machts für 10. «Just Do It», steht auf der Schachtel mit den Löchern im Deckel. Schlagstock und Messer liegen bereit. Kein grosses Besteck, es ist ja nur ein Meersöili. Aber Erwin zögert, muss erst raus, eins rauchen. Unter seinen Augen zeichnen sich tiefe Ringe ab.

Da kennen wir ihn bereits seit über hundert Comicseiten und wissen: Den armen Erwin plagen Gewissensbisse, Albträume gar. Sie suchen ihn regelmässig heim, dann verschwindet auch das sonst dominante Pink aus den Bilderstrips, und die Ränder, die zuvor Sicherheit boten, lösen sich auf, explodieren förmlich zu überbordenden Horrorszenarien. Tiere, die Erwin umzingeln, bedrängen, vorwurfsvoll anstarren, ihn mitreissen bis in den Schlachthof. Ihre weit aufgerissenen Augen, erst schreckerfüllt, dann leer und tot, verfolgen ihn bis in den Tag hinein. In der Nacht darauf findet er sich im Schlachthof wieder, hängt halbiert am Haken, wird zerhackt, durch den Fleischwolf gedreht, in Wursthaut verpresst. Oder, nicht weniger grausig, strampelt im schleimig-stinkigen Kadavergemenge der regionalen Tierkörpersammelstelle gegen den Sog an, der ihn nach unten zieht.

Mitunter sind die Tiere, die ihn nachts heimsuchen, auch bloss Gummimasken, hinter denen sich militante Tierrechtler verbergen. Einmal liegt Erwin, als wär er Gulliver, mitten zwischen den Flussschlaufen des Amazonas, wo im nächsten Moment riesige Bagger die Urwaldriesen fällen, um, wie ihm ein Tapir verrät, Platz für Sojafelder für die Rindermast zu schaffen, im Namen der globalen Fleischeslust.

Aber keine Angst: «Fleischeslust», wie der Comic von Martin Oesch heisst, ist weit entfernt von einer moralisch-plakativen Anklage. Auch wenn er durchaus differenziert und pointiert all die problematischen Aspekte verhandelt, die mit unserem Fleischkonsum verbunden sind – und die Widersprüche, die sich daraus ergeben, gleich mit. Da kaufen sie alle importiertes Billigfleisch im Supermarkt und kritisieren den Metzgermeister gleichzeitig für das ungesunde Nitritpökelsalz in seinen Würsten.

Borsten im Bett

Auf seine Würste aber lässt der Erwin nichts kommen, die sind seine Spezialität. Seinem Freund, dem Biobauer, kündigt er fast die Freundschaft, als dieser suggeriert, so ein paar Tofuwürste in der Auslage würden auch nicht schaden.

Martin Oesch weiss, wovon er in «Fleischeslust» erzählt: Auf einem Bauernhof aufgewachsen, hat er noch vom Grossvater gelernt, wie man Kaninchen schlachtet, und als Bub dem Dorfmetzger beim Wursten über die Schulter blicken dürfen. Später hat er selbst eine Ausbildung zum Fleischfachmann gemacht, in Bern eine Biometzgerei mitgegründet. Dass er das Metzgermetier kennt, spiegelt sich nicht zuletzt in den beinah schon ethnografischen Details seiner Zeichnungen. Wie lust- und liebevoll da mit allen Schattierungen von Pink gearbeitet wird, bis hin zu den fleischigen Körpern von Erwin und seiner Frau Margrit. Immer wieder sieht man die beiden in ihrer nackten fleischlichen Leibesfülle, Erwins Behaartheit erinnert an die borstigen Schweine des Biobauern, die sich im Schlamm suhlen. Seine «Borsten» quellen im Bett unter dem zu kurzen Unterhemd oder der tief sitzenden Unterhose hervor, drängen sich dem Blick auf, wenn er sich ungeniert am Hintern kratzt oder auf dem Klo kackt.

Flau im Magen

«Fleischeslust» wird so auch zur schillernden, ja paradoxen Metapher. Immer wieder sieht man den Metzger und seine Frau in Bad und Bett in intimer Vertrautheit nah nebeneinander. Aber nicht miteinander. Und so handelt «Fleischeslust» zentral von einer Sehnsucht, die erwächst aus einer Entfremdung, die sich über alles gelegt hat, von Erwins Eheleben bis zu seinem Metzgerhandwerk, das längst der industriellen Fleischproduktion gewichen ist. Statt selbst zu schlachten oder Tierhälften fachmännisch zu zerlegen, fährt er jetzt ins Industriequartier, um Koteletts und Filets einzukaufen, geht mit dem Einkaufswägelchen gleich rüber in den Schlachthof, um frische Leber abzuholen.

Wie sich dort das industrielle Töten und Verarbeiten über eine Doppelseite Raum greift! «Wie das dampft, und dieser Lärm hier drin!», liest man dazwischen. «Da wird gebrüht und geflammt … gestochen und gestorben.» Wie da das Pink aus den Schweinchen weicht und die Umgebung sich rot verfärbt. «Da kann einem schon flau im Magen werden.»

Zur Erholung fährt Erwin übers Land, lässt sich von Weidekühen abschlecken, sinniert darüber, wie die Kuh auf dem Weg zur Ware alle Persönlichkeit verliert. Die Albträume nachts wechseln von Blauschwarz, in das zunehmend Blutrot einsickert, zu Dunkelviolett.

Margrit tauscht derweil den Schauplatz ihrer abendlichen Fluchten, lässt die Schwimmnudel vom Aquafit im Schrank und taucht statt ins helle Becken des Hallenbads ab in die schummrigen Gefilde eines Hinterhofkellers. Hier endlich kann sie ihre Fleischeslust ausleben, zwischen Stroboskoplicht und «Bumm-Bumm», wo auch Erwin sie schliesslich im Dark-Rosa-Dunkel wiederfindet. Wie der Comiczeichner Oesch, der im Übrigen auch noch Musiker ist, hier auf der dramaturgischen Klaviatur von Pink spielt: schon saugut.

Cover des Comic «Fleischeslust»
Martin Oesch: «Fleischeslust». Edition Moderne. Zürich 2025. 200 Seiten.