Literatur: Glück und Terror in Siebenbürgen

Nr. 51 –

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Buchcover von «Waldohreule»
Ádám Bodor: «Waldohreule». Erzählungen. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Secession Verlag. Berlin 2025. 414 Seiten.

Ádám Bodor ist vor bald neunzig Jahren im damals ungarischen, heute rumänischen Siebenbürgen geboren. Er lebt schon seit langem in Ungarn und schreibt auf Ungarisch. In seinem meisterhaften Roman «Schutzgebiet Sinistra» (1994) hat er auf beklemmende Weise die Jahre der kommunistischen Diktatur in der rumänischen Provinz sowie die Zerstörung der einst blühenden Literaturlandschaft von Siebenbürgen geschildert. Anfang der fünfziger Jahre war er selbst drei Jahre in Lagerhaft gewesen.

Nun ist beim Secession-Verlag ein grosser Erzählband von Bodor erschienen, der Texte aus mehreren Jahrzehnten bündelt. Die meisten der 54 Geschichten sind nur wenige Seiten lang, ein paar sind konzentrierte Novellen, fast Kurzromane. Es ist ein unheimlicher, verstörender Erzählkosmos, in den man eintaucht und in dem man sofort hängen bleibt. Schonungslos zeichnet Bodor die Zeit unter der eisernen Faust des Diktators Nicolae Ceauşescu und dem Terror der Securitate, der bis in die abgelegensten, mausarmen Dörfer vordringt. Es gibt viel Seltsames und Unaufgeklärtes im Leben der Menschen, die geschunden, inhaftiert oder zum Verschwinden gebracht werden – und die alle einen Rest Menschlichkeit und eine Spur Hoffnung zu bewahren versuchen.

Bodor versteht sich grossartig auf knappe Dialoge, die die Lesenden packen und fordern, die manches nur andeuten und dabei atmosphärisch überzeugen. Manche Geschichten von Armut und Unterdrückung und überraschenden Geschlechterbeziehungen wirken heute fast surreal. Doch Bodor bringt Schmerz und Schrecken ebenso wie überraschende Glücksmomente in wenigen Sätzen zur Entfaltung. Wie zum Beispiel am Anfang der Erzählung «Der Euphrat bei Babylon», wo Terror und tragischer Vaterverlust direkt neben dem Lebenshunger und dem sexuellen Erwachen eines Pubertierenden stehen: «An dem Tag, an dem ich meinen Vater zum letzten Mal sah, weil drei Männer ihn ins Auto setzten und mitnahmen, fasste ich Andrea Nopritz’ Brust an. Zuerst nur durch die Bluse, dann griff ich zwischen den Knöpfen durch und werkelte so lange, bis sie sagte: Genug.»