Spitäler in Gaza: Schnipsel des Horrors
Der Arzt Khaled Dawas spricht über die systematische Zerstörung des Gesundheitswesens in Gaza durch die israelische Armee. Der Wiederaufbau dürfte Jahrzehnte dauern.
Am 5. Januar 2024 beschoss das israelische Militär das Al-Aksa-Spital ein erstes Mal. «Ein Panzer feuerte auf das Krankenhaus, und das Geschoss blieb im Fenster der Intensivstation stecken», erzählt Khaled Dawas. Der britisch-palästinensische Chirurg aus London war zu jenem Zeitpunkt ein erstes Mal in Gaza im Einsatz, er arbeitete für zwei Wochen im Al-Aksa-Spital in Deir al-Balah in Zentralgaza. Das zweite Mal leistete er dort im April 2024 einen zweiwöchigen Einsatz – wenige Tage nur nachdem Israel die Einrichtung ein zweites Mal angegriffen hatte. Dabei hatten Raketen mitten zwischen den Flüchtlingszelten auf dem Spitalgelände eingeschlagen. Vier Menschen wurden getötet, vierzehn verletzt.
Was Dawas bei seinen Einsätzen im Kriegsgebiet erlebt hat, die Szenen, die er schildert, sind Puzzleteile des Gesamtbilds, Schnipsel des Horrors. Das Krankenhausteam habe schon damals unter katastrophalen Bedingungen arbeiten müssen, erzählt er. «Weil bereits wenige Monate nach Beginn der israelischen Angriffe praktisch alle Spitäler im Norden Gazas zerstört waren, war das Al-Aksa-Spital schon bei meinem ersten Einsatz komplett überfüllt. Und wir mussten irgendwie versuchen, all diesen Patient:innen zu helfen, obwohl es kaum mehr medizinische Vorräte gab.»
Oft sei der Strom ausgefallen, und die hygienischen Verhältnisse seien so schlecht gewesen, dass sich immer wieder Infektionen ausgebreitet hätten. Viele Ärztinnen und Ärzte aus Gaza, erzählt Dawas, hätten zwischen Dezember 2023 und April 2024 zehn, zwanzig Kilo abgenommen. «Schon damals herrschte eine sichtbare Hungersnot.» Bei den Patient:innen habe sich der Medikamentenmangel immer drastischer ausgewirkt: «Im April sahen wir zunehmend Menschen mit unbehandelten, bereits sehr fortgeschrittenen Krebserkrankungen.»
Seit seinem zweiten Einsatz verweigert Israel Dawas die Einreise in den Gazastreifen. «Sie behaupten, ich sei ein Sicherheitsrisiko», sagt er. «Mit dieser lächerlichen Begründung haben sie auch anderen medizinischen Helfer:innen den Zugang verweigert.»
«Doctors under Attack»
Khaled Dawas trat vergangene Woche an Podien zu Filmvorführungen auf, die die Organisation Swiss Healthcare Workers against Genocide in Zürich, Basel und Genf veranstaltet hat. Gezeigt wurde der Film «Gaza: Doctors under Attack» – der im Sommer für Kontroversen gesorgt hatte, weil die BBC sich gegen eine Ausstrahlung entschieden hatte aus Angst, der Parteilichkeit bezichtigt zu werden. Die BBC war zuvor wegen einer anderen Dokumentation zu Recht in die Kritik geraten: Der Sender hatte den Film «Gaza. How to Survive a Warzone» ausgestrahlt und dabei nicht kenntlich gemacht, dass ein Hauptprotagonist der Sohn eines Hamas-Funktionärs war. «Gaza: Doctors under Attack» jedoch bestand den Faktencheck und wurde am Ende von der BBC freigegeben. Ausgestrahlt hat den Film schliesslich der kleinere öffentliche Sender Channel 4.
«Gaza: Doctors under Attack», der bislang nicht im deutschsprachigen Fernsehen gezeigt wurde, liefert erschütternde Fakten dazu, wie das israelische Militär in den zwei Jahren Krieg nach den Terrorattacken der Hamas systematisch das Gesundheitssystem in Gaza zerstört hat. Israel hat stets behauptet, Spitäler und andere medizinische Einrichtungen nur anzugreifen, weil sich Hamas-Kämpfer in und unter den Einrichtungen verschanzt oder gar eigentliche Kommandozentralen in den Spitälern eingerichtet hätten. Zwar veröffentlichte Israel in einzelnen Fällen, wie etwa aus dem grössten Spital, dem Al-Schifa-Krankenhaus, Aufnahmen von Waffen und Tunnelsystemen auf dem Gelände, lieferte jedoch nie abschliessende Beweise, dass diese direkt mit dem Spital verbunden waren.
Der Film dokumentiert nun, dass Israel bereits in den ersten Monaten des Krieges die grössten Krankenhäuser des Gazastreifens bombardierte, belagerte und räumte. Zahlreiche leitende Ärzt:innen wurden dabei festgenommen. Auch viele kleinere Einrichtungen wurden zerstört. Ein Uno-Bericht vom September 2024 hielt bereits damals fest: «Israel hat zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 30. Juli 2024 498 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen durchgeführt.»
Im Lauf des Krieges weiteten sich die Belagerungen und Bombardierungen auf die Gesundheitseinrichtungen im Süden des Gazastreifens aus. Die Uno und verschiedene Menschenrechtsorganisationen wie etwa Amnesty International betonen das «systematische Vorgehen» Israels. Insgesamt sollen in Gaza mindestens 1500 Ärzt:innen und Pfleger:innen getötet und mehrere Hundert Ärztinnen und Pfleger in Gewahrsam genommen worden sein. Zeugen berichten von Folter in den israelischen Gefängnissen; 64 Gefangene aus dem Gesundheitssektor sind gemäss unabhängigen Berichten in israelischen Gefängnissen gestorben.
Die unabhängige israelische NGO Physicians for Human Rights hält in einem Bericht vom Juli 2025 fest, Israel habe die Gesundheitsinfrastruktur in Gaza «kalkuliert» und «auf systematische Weise» zerstört. «Die Bombardierungen und die Zwangsevakuierung von Krankenhäusern im Norden Gazas führten zu einer Überlastung der verbleibenden Einrichtungen im Süden, die dann weiteren Bombardierungen und Belagerungen ausgesetzt waren.»
Viel zu wenig Hilfe
Seit dem 10. Oktober herrscht in Gaza offiziell eine Waffenruhe. Dennoch wurden seitdem bei Kämpfen oder israelischen Angriffen rund 400 Palästinenser:innen getötet. Die Situation der Bevölkerung hat sich nur minimal verbessert. Derzeit fahren zwar wieder Lastwagen in den Gazastreifen, doch bleiben die Lieferungen bislang deutlich unter den vereinbarten 600 Lastwagen pro Tag. Das israelische Militär meldet 459 Lastwagen. Gemäss der Uno hingegen werden nur etwa 140 Lastwagen tatsächlich über die Grenze gelassen. Zudem werden Hilfslieferungen häufig geplündert. Und während ein Grossteil der Bewohner:innen Gazas in Zelten ausharrt, die in den letzten Tagen von Überschwemmungen heimgesucht wurden, stellt sich immer dringender die Frage: Wird Israel für die Zerstörung der Lebensgrundlagen in Gaza je bestraft?
Nicht nur die Gesundheitsversorgung wurde in Gaza während des Krieges systematisch zerstört: Verschiedene Berichte zeigen auf, dass Israel schon bei Kriegsbeginn auch damit anfing, kritische Infrastruktur wie das Wasser- und das Abwassersystem zu bombardieren. Hunderte Kilometer des Kanalisationsnetzes wurden zerstört sowie fast alle Pumpstationen und Kläranlagen. Ungeklärtes Abwasser fliesst teilweise durch die Strassen ab, was zu Durchfallkrankheiten, Polio und Hepatitis führt. Rund 87 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen wurden im Krieg zerstört, Bäckereien und Fabriken bombardiert. Khaled Dawas sagt, dass die Menschen in Gaza durch diese umfassende Zerstörung der kritischen Infrastruktur extrem geschwächt seien. «Für mich lässt sich das israelische Vorgehen nicht anders erklären als mit dem Ziel, den Ort unbewohnbar zu machen.»
Aufarbeitung in weiter Ferne
Andreas Müller, Völkerrechtsexperte an der Universität Basel, sagt, man müsse ganz unabhängig von der Genozidfrage festhalten: «Hier liegen mutmassliche Kriegsverbrechen vor, die aufgearbeitet werden müssten.» Das Gleiche gelte natürlich auch für die Massaker der Hamas. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass dies in absehbarer Zeit passiert, hält er für sehr klein. «Es gibt keine Stelle, die nach dem Krieg automatisch einen Prozess startet, so ist das Völkerrecht nicht ausgestaltet, das hat auch mit dem Willen der beteiligten Länder zu tun.»
Das Gesundheitssystem in Gaza ist auch zwei Monate nach Beginn der Waffenruhe weitestgehend nicht funktionsfähig. Internationale Hilfsorganisationen versuchen, in Feldlazaretten und den wenigen teilweise intakten Spitälern die grundlegendste Versorgung aufrechtzuerhalten. Ein systematischer Wiederaufbau hat aufgrund der instabilen Situation noch nicht begonnen.
Khaled Dawas war schon vor dem jüngsten Krieg mehrfach in Gaza, um Projekte der Hanoon-Stiftung umzusetzen, die das medizinische Gesundheitssystem etwa durch die Ausbildung von medizinischem Personal unterstützte. Er sagt, ein Wiederaufbau des Gesundheitssystems werde Jahrzehnte dauern – falls er denn überhaupt stattfinde. «Die Gebäude sind relativ schnell ersetzt, aber was macht man mit all dem Fachwissen, das verloren gegangen ist?»