Tamara Funiciello: «Jetzt müssen wir erst mal die Geschichte aufhalten»

Nr. 2 –

Mit einer beispiellosen Mobilisierung hat SP-Nationalrätin Tamara Funiciello die Bürgerlichen im Parlament geärgert. Die Linke, sagt sie, müsse sich mit wirksamen Aktionen gegen den Rechtsrutsch stellen – und dürfe den Glauben an die Veränderbarkeit der Welt nicht verlieren.

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Portraitfotot von Tamara Funiciello
«Wir müssen die Verantwortlichen benennen für die Probleme, die die SVP allesamt den Aus­län­der:in­nen anlastet»: SP-Nationalrätin Tamara Funiciello.

WOZ: Frau Funiciello, vor Weihnachten haben Sie einen Appell lanciert, den innert kürzester Zeit fast 500 000 Menschen unterschrieben haben. Er richtete sich gegen den Entscheid des Nationalrats, eine Million Franken für Präventionsarbeit gegen Gewalt an Frauen aus dem Budget zu streichen. Hunderte gingen noch am selben Abend auf die Strasse. Das Parlament hat den Entscheid schliesslich gekippt. Wie kam diese gewaltige Mobilisierung zustande?

Tamara Funiciello: Diese Aktion war nicht das Resultat von wenigen Tagen. Die SP-Frauen, die ich mit Jessica Jaccoud kopräsidiere, setzen sich seit Jahren an vorderster Front mit dem Thema der geschlechtsspezifischen Gewalt auseinander, gemeinsam mit ganz vielen anderen Organisationen und Expert:innen. So sind Netzwerke entstanden, die zum Beispiel auch bei der Revision des Sexualstrafrechts eine sehr wichtige Rolle spielten. Gleichzeitig muss man diese 500 000 Unterschriften auch als das sehen, was sie waren: ein Aufschrei gegen die Gewaltepidemie, die Frauen und Flinta-Personen [Frauen, Lesben, inter, nonbinäre, trans und agender Personen] jeden Tag erleben, die immer wieder ignoriert und kleingeredet wird.

Politische Gegner:innen, aber auch viele Medien haben Ihnen Kalkül und Populismus vorgeworfen: Sie mussten sich vorhalten lassen, Sie hätten mit der Petition viel Wind um nichts gemacht; dass der Ständerat die zusätzliche Million dann ohnehin abgesegnet hätte …

Tamara Funiciello: … die Vorwürfe sind ein Ablenkungsmanöver. Gesamthaft ging es um 2,5 Millionen Franken. Eine Million für die Umsetzung der Istanbul-Konvention, die der Ständerat angenommen und der Nationalrat in einem ersten Schritt abgelehnt hat. Und 1,5 Millionen zusätzlich für die Präventionskampagne. In der Ständeratskommission haben alle Bürgerlichen die Gelder für die Präventionskampagne abgelehnt. Das sind die Fakten. Ich war einfach sehr wütend über den Entscheid des Nationalrats. Und dann habe ich spontan einen Instagram-Post abgesetzt. Dass er spontan war, hat man dem Post angemerkt: Das SP-Medienteam sagt mir jeweils, ich hätte nicht wegen, sondern trotz meiner Social-Media-Arbeit so viele Follower:innen.

Feminismus und Finanzen

Tamara Funiciello (35) ist Berner Nationalrätin und seit 2020 Kopräsidentin der SP-Frauen. Von 2016 bis 2019 präsidierte sie die Jungpartei der Sozialdemokrat:innen (Juso) und war mit ihrem aufmüpfigen Politstil regelmässig Anfeindungen von rechts ausgesetzt. 2019 wurde Funiciello für die SP ins nationale Parlament gewählt. Dort setzt sie sich unter anderem für feministische Anliegen sowie die Rechte der LGBTIQ-Community ein.

Funiciello war 2023 massgeblich an der erfolgreichen Revision des Sexualstrafrechts beteiligt. Zudem sitzt sie in der nationalrätlichen Finanzkommission und engagiert sich als Gewerkschaftssekretärin der Unia.

WOZ: Wie meinen Sie das?

Tamara Funiciello: Es war ein schlechtes Selfie, viel zu nahe am Gesicht aufgenommen, dazu etwas Text. Zu Hause, um halb zwölf Uhr nachts, habe ich dann Sprachnachrichten an Aktivist:innen des feministischen Streiks geschickt und gefragt: Können wir da etwas machen? Und die fanden um halb eins einfach: «Ja, können wir.» Am nächsten Morgen war klar: Das wird grösser als gedacht. Sogar Michelle Hunziker hat den Appell geteilt, mit ihren 5,9 Millionen Follower:innen. Warum? Weil in Italien gerade eine Riesendiskussion über Femizide im Gang ist. Der Appell verbreitete sich viral, weil das Fass längst voll ist. Und der Nationalrat weigert sich, ein kleines, kleines Stück Verantwortung zu übernehmen.

WOZ: Insbesondere die E-Mail-Aktion an die Ständerät:innen, die Tausende von Nachrichten bekamen, hat enorm provoziert. Man hat Ihnen «unschweizerisches Verhalten» vorgeworfen. Wie erklären Sie sich die grosse Gereiztheit bei diesem Thema?

Tamara Funiciello: Das hatte sicher auch eine sexistische Komponente. Statt mich inhaltlich anzugreifen, hat man auf die Form gespielt und mir auch vorgeworfen, ich sei hinterhältig und inkompetent. Dieses Tone Policing ist eine altbekannte Strategie, wenn es darum geht, Frauen und marginalisierte Gruppen zum Schweigen zu bringen. Ich denke jedoch, dass sich die Bürgerlichen eigentlich einfach ertappt fühlten.

WOZ: Wobei?

Tamara Funiciello: Das Budget ist nicht referendumsfähig. Deshalb läuft im Normalfall vieles unter dem Radar. Obschon es eines der wichtigsten Dossiers ist; denn wenn kein Geld vorhanden ist, kann man alles entscheiden, was man will, es wird nicht umgesetzt. Es gibt zum Beispiel eine Gleichstellungsstrategie 2030, doch wir haben gerade die Stellen für deren Umsetzung gekürzt. Das ist die Macht der rechten Mehrheit. «Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat», meinte Rosa Luxemburg. Darum rede ich auf Social Media über das Budget und die Bundesfinanzen. Ich nenne das Format «Feministische Finanz-Fun-Facts mit Funiciello».

WOZ: Fun Facts?

Tamara Funiciello: Es ist auch eine Strategie, so zu tun, als wäre das Budget Neurophysik. Dabei ist es nicht so kompliziert: Es gibt Ausgaben und Einnahmen. Und die Frage ist: Wer zahlt im Verhältnis zum Einkommen wie viel und wer bekommt was? Es ist nicht neu, dass Schafe, Kartoffeln und kranke Tiere Vorrang vor Frauen haben. Neu ist, dass man es mitbekommen hat.

WOZ: Sie politisieren immer wieder erfolgreich, indem Sie als gewählte Bundeshauspolitikerin eine Brücke von der Strasse ins Parlament bilden. Wie wichtig ist diese Art des Politisierens für die Linke unter den aktuellen Machtverhältnissen?

Tamara Funiciello: In einem rechten Land? Es ist die Grundlage. Ich bin überzeugt, dass man im Parlament versuchen muss, zu verändern, was man kann. Aber man muss auch sehen, wo die Grenzen liegen, und die sind relativ schnell erreicht. Und dann muss man sich überlegen, wie man diese Brücke schlägt.

WOZ: Sie nutzen dafür stark die sozialen Medien. Birgt das nicht auch Gefahren? Onlinekampagnen folgen den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie. Es geht um die schnelle Erregung, die kurzfristige Empörung. Unterzeichner:innen solcher Appelle haben vielleicht das Gefühl, mit einer Unterschrift sei das Thema wieder erledigt.

Tamara Funiciello: Social Media ist grundsätzlich ein ambivalentes Thema – nur schon wegen der Besitzverhältnisse und der damit verbundenen Risiken. Gleichzeitig ist die Plattform aktuell immer noch wichtig, weil sie uns ermöglicht, Informationen ein Stück weit zu demokratisieren, das zeigte gerade die Geschichte um die Präventionsmillion: Die Zeitungen hatten sich alle nicht dafür interessiert. Ich finde überdies, dass man die Unterzeichner:innen wirklich nicht unterschätzen sollte. Sie wissen genau, dass es mit einer Unterschrift nicht getan ist. Doch man muss sich immer auch fragen, was gerade Frauen, die Care-Arbeit leisten, für Ressourcen zur Verfügung haben, um aktiv zu werden. Ich sehe es als meine Aufgabe an, diesen Wähler:innen ein Angebot zu machen, das nicht mega ressourcenintensiv ist, aber konkret wirksam. Gleichzeitig ist natürlich entscheidend, dass aus diesem Momentum und der Mobilisierung etwas Langfristiges entsteht. Deshalb hat die SP auch eine Initiative gegen geschlechtsspezifische Gewalt lanciert.

WOZ: Aber das Problem bleibt: Über kurzfristige Kampagnen hinaus lassen sich gerade junge, potenziell progressive Wähler:innen immer schlechter für die institutionelle Politik mobilisieren. Wie erklären Sie sich das?

Tamara Funiciello: Wenn ich den Mitgliederzuwachs bei den SP-Frauen anschaue, dann kann ich diese These nicht bestätigen. Denkt man die Mobilisierungen der letzten Jahre mit – sei es der feministische Streik, der Klimastreik oder die Proteste Ende letzten Jahres in Lausanne –, dann wird klar: Diese Generation ist sehr politisch und kritisch. Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch eine Strategie der Rechten ist, Bewegungen und Errungenschaften unsichtbar zu machen, um unsere Hoffnung und so unseren Widerstand zu brechen.

WOZ: Trotzdem muss es ein Ziel sein, die Machtverhältnisse im Parlament zu verschieben. Wie kann das bei den nächsten Wahlen 2027 gelingen?

Tamara Funiciello: Wir müssen vermitteln, dass es ganz konkret um die Lebensqualität der Leute geht, um die Kaufkraft, um Gewalt, die sie erleben, um das Klima. Vor allem aber muss wieder das Gefühl entstehen: Ja, es macht einen Unterschied, ob du mitmachst. Denn die Strategie der Rechten ist es, eben das zu verhindern. Sie lassen den Einzelnen glauben, es spiele keine Rolle, was er tue. Sie überfluten uns mit destruktiven Entscheiden – so vielen, dass es einen völlig überfordert. Und sie legitimieren den Staatsabbau mit der Botschaft, dass er unvermeidlich und alternativlos sei. Um so wichtiger sind wirksame Aktionen. Unsere Antwort auf die Strategien der Rechten muss sein, an unsere Fähigkeit zu glauben, gemeinsam etwas zu verändern – und dann für die Veränderung zu kämpfen.

WOZ: Sie sitzen in der Finanzkommission des Nationalrats. Auch wenn die Debatten dort oft trocken daherkommen: Tatsächlich muss jeder gesellschaftliche Fortschritt über die Budgetdebatte erkämpft werden. Wie erleben Sie vor diesem Hintergrund die aktuellen Debatten?

Tamara Funiciello: Die Bürgerlichen sagen ja gerne: «Think outside the box», aber wenn es um die Möglichkeiten des Staates geht, denken sie erstaunlich engstirnig. Fantasie? Fehlanzeige. Die Bereitschaft, Neues auszuprobieren? Nicht vorhanden.

WOZ: Ist es wirklich Fantasielosigkeit – oder geht es nicht vielmehr darum, die bestehenden Verhältnisse über staatliche Austeritätspolitik zu zementieren?

Tamara Funiciello: Natürlich werden die Verhältnisse zementiert. Was passiert, wenn bei der Bildung, den Hochschulen abgebaut wird, die Studiengebühren erhöht werden? Oder bei der Gesundheitspolitik, dem öffentlichen Verkehr? Man zementiert Klassen. Um das zu begründen, senkt man die Steuern der Reichen und der Grossunternehmen, verteidigt eine rigide Schuldenbremse und erklärt dann, es habe zu wenig Geld. Gleichzeitig alimentiert man planlos eine Armee, deren Skandale ihresgleichen suchen. Dabei braucht die Armee nicht mehr Geld, sondern eine Strategie, die sich an den echten Bedrohungen ausrichtet. Aber all das wird uns als alternativlos verkauft. Dabei gäbe es zig Alternativen, angefangen bei der Lockerung der Schuldenbremse oder den Steuersenkungen für Grossunternehmen, die man rückgängig machen könnte. Die rechte Mehrheit macht eine Politik, die nicht zukunftsfähig ist – und die keine Sicherheit bringt. Nicht einmal in dem Sinn, wie sie Sicherheit versteht.

WOZ: In den Spardebatten fällt auch auf, dass Staatsbeamt:innen zunehmend zum Feindbild gemacht werden.

Tamara Funiciello: Es wird sehr abschätzig über das Staatspersonal gesprochen. Wer irgendwie für den Bund arbeitet, wird als Pläuschler bezeichnet, der viel zu viel verdiene. Am Schluss geht es um nichts anderes als darum, den Staat zu verkleinern. Es werden Arbeitsplätze gestrichen. Die Rechten tun so, als würde der Beamtenapparat seit Jahren immer weiter ausgebaut. Tatsächlich schrumpfte er im Verhältnis zu den Aufgaben und den Staatsausgaben in den letzten zehn Jahren um fast ein Prozent.

WOZ: Sie sind jung, links, lesbisch – wie ist es ganz grundsätzlich, aus dieser Position heraus in diesem Parlament zu politisieren?

Tamara Funiciello: … und ich bin Migrantin, ich bin eine Frau, und ich komme aus der Arbeiter:innenklasse. Mein Vater war Fabrikarbeiter, meine Mutter Kassiererin. Ich kenne Armut nicht nur vom Hörensagen. In diesem Parlament sind sich viele Parlamentarier:innen nicht bewusst, dass hundert Franken für viele Menschen viel Geld sind. Es ist anstrengend, hier zu politisieren, weil ich es aus einer Perspektive heraus tue, die lange nicht vorgesehen war. Aus diesem Grund politisiere ich meine Identitäten auch. Denn sie sind Zeugnis von Ausschluss und Machtungleichheiten, die ich mit meiner schieren Präsenz herausfordere.

WOZ: Das Politikjahr 2026 wird extrem dicht – und droht von der SVP dominiert zu werden. Wie blicken Sie voraus?

Tamara Funiciello: Ganz ehrlich? Ich freue mich darauf, all diese Auseinandersetzungen zu führen.

WOZ: Am entscheidendsten wird für die Linke der Kampf gegen die ausländerfeindliche Initiative «Keine Zehn-Millionen-Schweiz». Wie viel Sorgen macht Ihnen diese?

Tamara Funiciello: Das ist sicher die relevanteste Abstimmung, über die wir in den nächsten Monaten diskutieren und die man unbedingt auch gewinnen muss. Ich gehöre zu den Pessimist:innen und finde, man darf die SVP in keinster Weise unterschätzen: Die Partei legt bei den kantonalen Wahlen und in Umfragen zu. Um die Initiative zu bodigen, müssen wir auf die Strasse gehen und mobilisieren. Vor allem aber dürfen wir nicht auf den spaltenden Diskurs der Rechten einsteigen.

WOZ: Welchen Diskurs sollte die Linke der SVP-Initiative entgegensetzen?

Tamara Funiciello: Am wichtigsten ist, dass wir in diesem Abstimmungskampf die Verantwortlichen benennen für die Probleme, die die SVP allesamt den Ausländer:innen anlastet – und zwar ganz ohne Scheu. Sie reden von explodierenden Mietkosten, doch schliesslich wird das Mietrecht von der Lobby der Hauseigentümer:innen, zu der die SVP gehört, in Bern gemacht. Die rechte Mehrheit im Bundeshaus ermöglicht es auch, dass die bestehenden Regulierungen gebrochen und Milliarden mit überteuerten Mieten eingenommen werden. Und dann schiebt die SVP die Schuld Einwander:innen zu, die nichts für die hohen Mieten können, deren Kaufkraft genauso darunter leidet wie jene der Schweizer:innen. In dem Moment, in dem ich sage: «Ich bin kein Rassist, aber irgendwie haben sie ja schon recht» oder «In der Statistik zu geschlechtsspezifischer Gewalt sind sicher ganz viele Ausländer unter den Tätern», bin ich schon auf der falschen Seite. Unsere Antwort auf den SVP-Diskurs muss sein: Nicht Ausländer:innen, sondern Machtverhältnisse sind das Problem. Und die müssen wir klar benennen. Es sind die Reichen, die profitieren. Es sind Männer, die Gewalt ausüben. Die Diskussion ist nichts Neues. Sie propagieren Entsolidarisierung. Unsere Antwort ist Solidarität.

WOZ: Die SVP legt sich bei dieser Initiative ein grünes Mäntelchen um. Sie behauptet, es gehe um Nachhaltigkeit, um Wachstumskritik – die man dann freilich mit Hetze gegen Ausländer:innen verknüpft. Sollte sich folglich auch die Antwort der Linken in intersektionalen Kämpfen äussern?

Tamara Funiciello: Die Antworten der Linken sollten immer intersektional sein, egal worum es geht. Sonst ist es keine linke Antwort. Nehmen wir etwa die geschlechtsspezifische Gewalt. Diese äussert sich oft nicht nur in physischer und psychischer Gewalt, sondern auch in finanzieller Gewalt. Viele Frauen sind finanziell von ihren Partnern abhängig. Wenn man sich dann keine Wohnung leisten kann, muss man sich entscheiden: Bleibe ich in der Beziehung oder riskiere ich Armut? Man muss das zusammendenken, wenn man das Problem lösen will. Die Frage ist ja, wer von der Politik der SVP profitiert. Wenn wir uns gegen die SVP wehren, dann müssen wir verstehen und aufzeigen, dass wir in einem System leben, in dem die oberen Prozente davon profitieren, dass Menschen abgewertet und auseinanderdividiert werden. Sich daran bereichern, dass die Sorgearbeit unbezahlt ist, Lohnarbeit unterbezahlt, die Natur ausgebeutet wird. Wir müssen diese Entscheidungsträger:innen und die Profiteur:innen dieses Systems klar benennen. Und dabei dürfen wir uns nicht auseinanderdividieren lassen. Und müssen uns grundsätzlich gegen Abbaupakete wehren. Das Geld ist da, man muss es einfach holen, und zwar von denen, die es haben und die profitieren.

WOZ: Als Sie 2019 ins Parlament gewählt wurden, herrschte eine linke Aufbruchstimmung, die insbesondere vom feministischen Streik und von der Klimagerechtigkeitsbewegung befördert wurde. Jetzt erleben wir einen antifeministischen, patriarchalen Backlash. Deprimiert Sie das?

Tamara Funiciello: In erster Linie nehme ich es als riesiges Kompliment. Hätten wir ihnen nicht Angst gemacht, hätten wir nicht reelle Machtverhältnisse angegriffen, dann hätte sich niemand bewegt. Eine Gegenreaktion ist immer nur so stark wie die Aktion vorher. Und wir konnten innerhalb von ein paar Jahren wichtige Meilensteine erreichen. Zum einen rechtlich, zum anderen aber auch im Selbstverständnis gerade von Flintas, die in der Öffentlichkeit und in der Politik stehen. Ja, der Backlash ist heftig. Aber er ist eine Antwort auf unseren Erfolg. Und wir werden ihn wieder bekämpfen.

WOZ: Würden Sie das auch so auf die globale Situation übersetzen?

Tamara Funiciello: Definitiv. Was etwa in den USA passiert, ist ein Versuch, die zuvor erkämpften Rechte wieder auszuhebeln. Ja, es ist schlimm, aber es werden nach wie vor auch Erfolge erzielt, etwa die Wahl von Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York, das Resultat von Die Linke in Deutschland oder die Unterstützung im EU-Parlament für die Vereinfachung des Zugangs zu Abtreibung. Von diesen Erfolgen müssen wir uns nähren und daran glauben, dass wir eine bessere Zukunft haben können. Das ist die Grundlage und der Ansporn unserer Bewegung. Wir dürfen den Glauben an bessere Machtverhältnisse, an eine bessere Welt nicht verlieren.

Trotzdem: Es passiert derzeit so viel Negatives gleichzeitig. Neigen Sie nie zu Defätismus?

Tamara Funiciello: Doch, es gab auch bei mir einen Moment, als ich fand: Vielleicht sollte ich einfach gärtnern. Ich pflanzte dann eine Aloe Vera. Kurz darauf ist sie gestorben, darum mache ich doch wieder Politik (lacht).

WOZ: Wann war das?

Tamara Funiciello: Irgendwann zwischen der letzten Budgetdebatte und der Amtsübernahme von Donald Trump. Aber – das beschreibt die feministische Autorin Franziska Schutzbach sehr schön – eine Bedingung des Aufstiegs vom Faschismus ist der Rückzug ins Private. Diese Tendenz haben wir als Linke, denn es ist ja auch Selbstschutz, sich in sein kleines Kollektiv zurückzuziehen. Doch auch wenn Kollektive unendlich wichtig sind, reicht das nicht. Wir müssen raus und den öffentlichen Raum zurückerobern. Wir müssen auf die Strasse. Wir müssen in die Parlamente und den Widerspruch, die Ambivalenz und die Spannung zwischen Parlament und Bewegung aushalten. Es ist nicht der Moment, sich darüber zu unterhalten, was nach der Weltrevolution passiert. Jetzt müssen wir erst mal die Geschichte aufhalten. Und nachher gehen wir wieder ein paar Schritte in die richtige Richtung. Denn das Ende der Geschichte ist noch nicht geschrieben. Natürlich habe auch ich Momente, in denen ich meine Hoffnung verliere. Dann gehe ich zurück in mein Zuhause, in meine Kollektive, sammle Kraft und mache weiter.

WOZ: Welche Bewegungen sind für Sie konkret ein Vorbild und geben Ihnen Hoffnung?

Tamara Funiciello: Wir müssen die gar nicht irgendwo suchen gehen. Die feministische Bewegung in der Schweiz ist unglaublich. Die Leute sind da. Die Netzwerke sind da. Das Know-how ist da. Die Kraft ist da. So viele Fantasien, so viel Hoffnung.