Überfall auf Venezuela: Eine Trophäe für den alten Mann

Nr. 2 –

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Man darf sich von den meist wirren Reden Donald Trumps nicht in die Irre führen lassen. Längst ist bekannt, dass er notorisch lügt und übertreibt. Von wegen, er werde nun auf absehbare Zeit Venezuela regieren – faktisch gesehen gab es in den frühen Stunden des 3. Januar einen rund dreistündigen Überfall der US-Streitkräfte auf das südamerikanische Land. 220 Bomber schalteten die Luftabwehr aus, dann folgten Helikopter; Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores wurden entführt, mindestens achtzig Menschen getötet.

Am selben Tag übernahm, wie in der Verfassung vorgesehen, Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Regierungsgeschäfte. Der engere Führungszirkel Maduros ist weiterhin an der Macht. Neben der eher diplomatisch auftretenden Rodríguez gehören Verteidigungsminister Vladimir Padrino López und Innenminister Diosdado Cabello dazu. Die beiden gelten als polternde Haudegen. Die Streitkräfte wurden beim Überfall zwar blamiert, sind aber im Wesentlichen intakt. Genauso die Polizei, die Geheimdienste und die mehr als eine Million Mitglieder zählenden Milizen. Der alte Mann in seinem Golfklub in Florida hat sich beim völkerrechtswidrigen Überfall mit Maduro eine Trophäe holen lassen, mehr nicht. Seinem erklärten Kriegsziel, den Ölreserven des Landes, ist er keinen Meter nähergekommen.

Aber noch schwimmt in der Karibik die grösste US-amerikanische Truppenkonzentration seit Jahrzehnten. Und Trump droht weiter. Rodríguez erwarte Schlimmeres als Maduro, wenn sie nicht mache, was er wolle, liess er verlauten. Vorläufig tut sie das, was sie als Staatschefin eines souveränen Landes tun muss: Sie verteidigt ebendiese Souveränität. Venezuela, sagt sie, werde «nie wieder Kolonie sein». Trump droht auch Gustavo Petro, dem linken Präsidenten Kolumbiens: Er sei, wie Maduro, ein «Drogenzar». Trump droht Kuba, dass es «untergehen» werde, und nebenbei Mexiko, dessen Drogenkartelle er militärisch bekämpfen will. Und er droht damit – man dachte schon, er habe es vergessen –, Grönland den USA einzuverleiben. Angesichts des Überfalls vom 3. Januar erscheinen solche Drohungen in einem neuen Licht.

Was Trump an Venezuela interessiert, sind die weltweit grössten bekannten Erdölreserven. Mehr als der US-Konzern Chevron haben in den vergangenen Jahren Russland und China in dortige Förderanlagen investiert. Das meiste venezolanische Öl ging zuletzt nach China. Jetzt lässt der US-Präsident vor der Küste Tanker blockieren und bisweilen beschlagnahmen: Er sagt, das Öl gehöre den USA und sei von Venezuela gestohlen worden. Auch Kolumbien hat Erdöl und Steinkohle noch dazu. In Grönland werden seltene Erden und Erdgas vermutet. Nur Kuba hat, was Bodenschätze angeht, so gut wie nichts zu bieten. Dass es «untergehen» soll, ist als Geschenk an Aussenminister Marco Rubio zu verstehen. Der Sohn exilkubanischer Eltern wünscht sich seit langem den Sturz der linken Regierung in Havanna. Wird Kuba von Ölimporten aus Venezuela abgeschnitten, wird die ohnehin prekäre Wirtschaft der Insel zusammenbrechen.

Trump will seine Ziele in der Region mit Gewalt erreichen. Dabei geht er viel weiter als die von ihm gern zitierte Monroe-Doktrin von 1823, nach der Amerika (der gesamte Doppelkontinent) den Amerikanern (gemeint sind US-Amerikaner) gehöre. Das war damals gegen eine europäische Einmischung gerichtet. Trump betreibt nun Kolonialismus wie europäische Mächte vor 500 Jahren, allerdings mit den militärischen Mitteln des 21. Jahrhunderts. Die USA haben in den letzten Jahrzehnten in Lateinamerika viel Boden verloren: China ist der wichtigste Handelspartner nicht nur Venezuelas, sondern auch Argentiniens, Brasiliens, Chiles und Perus. Das Land hat Milliarden in die Infrastruktur Südamerikas investiert. Trump will das nicht hinnehmen. Soll sich doch China in Asien und Russland in Europa engagieren – die Amerikas will er für sich. «Nie wieder wird jemand die Dominanz der USA in der westlichen Hemisphäre infrage stellen können», hat er gesagt. Auf die Region kommen gefährliche Zeiten zu.