Imperiale Geopolitik: Angriffsziel China

Nr. 3 –

Der US-Angriff auf Venezuela hat gezeigt, dass Chinas Regierung militärischen Interventionen der USA wenig entgegenzusetzen hat. Ihre Macht spielt sie stattdessen im Handelskrieg aus.

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der chinesische Sondergesandte Qiu Xiaoqi und der venezolanische Präsident Nicolás Maduro reichen sich die Hände
Beziehungspflege, nur wenige Stunden vor dem US-Überfall: Der chinesische Sondergesandte Qiu Xiaoqi und der venezolanische Präsident Nicolás Maduro am 2. Januar in Caracas. Foto: Marcelo Garcia, Reuters

Am Freitag, 2. Januar 2026, traf sich Venezuelas Präsident Nicolás Maduro in der Hauptstadt Caracas mit einer hochrangigen Delegation um Qiu Xiaoqi, Chinas Sondergesandten für Lateinamerika und die Karibik, und lobte die enge Partnerschaft der beiden Länder. In der folgenden Nacht wurde Maduro von einem US-Militärkommando verschleppt.

«Allwetterpartnerschaft»

Die zeitliche Nähe der beiden Ereignisse in Caracas ist symbolträchtig. Denn die Intervention der US-Regierung zielte zwar auf die Absetzung des autoritären Maduro-Regimes, richtete sich aber vor allem gegen Chinas Einfluss in Venezuela und Lateinamerika insgesamt. War dieser Einfluss Anfang der 2000er Jahre noch gering, ist er seither mit Chinas wirtschaftlicher Expansion stetig gewachsen und gefährdet die Machtposition der USA in der Region.

Die enge wirtschaftliche und politische Kooperation zwischen China und Venezuela begann schon unter der Regierung von Hugo Chávez (1999–2013). Von 2000 bis 2023 vergab China Kredite über 106 Milliarden US-Dollar an die venezolanische Regierung; Mittel, die vor allem für die Infrastruktur im Energiesektor eingesetzt wurden. Damit ist Venezuela der grösste Kreditnehmer Chinas in Lateinamerika.

Wegen des fortdauernden wirtschaftlichen Einbruchs, der bereits Anfang der 2010er Jahre begann, hat Venezuela die Schulden mit Erdöllieferungen bezahlt. Auch nach der Verhängung von US-Sanktionen gegen Venezuela 2017 setzte China die Beziehungen fort. 2023 gewährte die chinesische Regierung Venezuela gar eine «Strategische Allwetterpartnerschaft», eine enge Form bilateraler diplomatischer Kooperation.

Das Handelsvolumen zwischen China und Lateinamerika stieg von 12 Milliarden Dollar im Jahr 2000 auf 518 Milliarden 2024. China ist heute hinter den USA der zweitwichtigste Handelspartner ganz Lateinamerikas, in Südamerika gar der wichtigste. Es liefert vor allem Industrieprodukte aller Art und bezieht seinerseits Agrargüter wie Sojabohnen, Fleisch und Früchte sowie Rohstoffe wie Kupfer, Eisenerz und Erdöl.

Chinesische Unternehmen haben zudem umfangreich in Lateinamerika investiert – in Rohstoffförderung, Energieproduktion, Transportinfrastruktur und Fabriken. Zur Finanzierung haben chinesische Banken zwischenzeitlich hohe Kredite vergeben.

Mehr als zwanzig Länder Lateinamerikas und der Karibik traten zudem Chinas Belt and Road Initiative bei, einem Abkommen zum globalen Ausbau von Transportwegen und anderer Infrastruktur. Neben Venezuela gingen weitere Staaten strategische Partnerschaften ein, und mit einigen vereinbarte die chinesische Regierung Freihandelsabkommen.

Zeitenwende oder Kontinuität?

Für die USA ist Lateinamerika schon seit dem späten 19. Jahrhundert als Rohstofflieferant, Arbeitskräftereservoir und Absatzmarkt wichtig. Die Lateinamerikapolitik haben US-Regierungen jedoch immer wieder geändert. Anfang des 20. Jahrhunderts intervenierten die USA in Lateinamerika im Zuge der kolonialen Expansion; in den dreissiger Jahren, unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und isolationistischer Strömungen im Inland, verfolgte die Regierung eine Politik der Nichteinmischung. Während des Kalten Krieges unterstützten die USA aktiv das Vorgehen der Militärdiktaturen Lateinamerikas gegen «kommunistische» Bewegungen. Ab den neunziger Jahren schliesslich kümmerten sie sich, nunmehr als alleinige Weltmacht, weniger um den «Hinterhof» Lateinamerika; andere Regionen und Probleme standen im Vordergrund.

Die aktuelle, neuerliche Wende der USA hin zur Intervention hat mit Chinas Entwicklung zum imperialistischen Rivalen seit den 2010er Jahren zu tun. Seit Donald Trump vor einem Jahr zum zweiten Mal die Präsidentschaft übernahm, ging seine Regierung gegen Panama vor, weil eine Firma aus Hongkong Hafenanlagen am Panamakanal kontrolliert. Mexiko geriet ins Visier als angebliche «Hintertür» für chinesische Warenimporte in die USA, um die hohen Zölle zu umgehen. Brasilien, dessen Präsident Luiz Inácio Lula da Silva eher der chinesischen Regierung nahesteht, wurden hohe Zölle auferlegt, weil seine Behörden gegen den rechten Expräsidenten Jair Bolsonaro vorgingen. Und indem US-Einheiten begannen, in der Karibik angebliche Drogenboote zu beschiessen, wurde ab September der Druck auf das mit China verbündete Venezuela erhöht.

Im November veröffentlichte die US-Regierung schliesslich eine neue «Nationale Sicherheitsstrategie». Darin betont sie mit Hinweis auf die Monroe-Doktrin von 1823, dass die USA ihre Vorherrschaft in der «westlichen Hemisphäre» weiter verteidigen und «Wettbewerbern» entgegentreten würden. Es folgten die Blockade von Tankern mit venezolanischem Öl Mitte Dezember und die Militäraktion in Caracas Anfang Januar.

Seither widersprechen sich die weltweiten Deutungen der Militärintervention: Sie wurde sowohl als Zeichen einer geopolitischen Zeitenwende als auch als Zeichen imperialistischer Kontinuität gewertet.

Für Ersteres spricht, dass die Regierungen der drei grössten Militärmächte der Welt – USA, China und Russland – jetzt offen die Wiederherstellung imperialer Grösse anpeilen und, in unterschiedlichem Masse, bereit sind, dafür kriegerische Mittel einzusetzen. Für Letzteres wiederum spricht die lange Reihe von US-Interventionen in Lateinamerika (und anderswo) seit dem 19. Jahrhundert.

Die gegenwärtige US-Regierung zeigt ihre imperialistischen Ziele offen. Sie hat bereits weitere Interventionen angedroht, in Kuba, Kolumbien, dem Iran sowie Grönland, das zum Nato-Mitglied Dänemark gehört. Erfahrungen mit Präsidenten wie Bill Clinton, Barack Obama oder Joe Biden zeigen jedoch, dass auch von der Demokratischen Partei geführte Regierungen versuchten, den chinesischen Einfluss in Lateinamerika und weltweit zurückzudrängen, um die US-Vorherrschaft zu verteidigen – wenn auch leiser und mit weniger Provokation.

Wenig Einfluss aufs Geschehen

Noch im Oktober hat die Regierung der Kommunistischen Partei Chinas im Streit um die hohen US-Zölle und Chinas seltene Erden ein Einlenken der Trump-Regierung erreicht: ein Zeichen wirtschaftlicher Verhandlungsmacht. Der militärische Zugriff der USA in Caracas hat aber gezeigt: Die kapitalistische Weltmacht China kann die US-Hegemonialmacht zwar in einigen wirtschaftlichen Bereichen herausfordern. Ihre geopolitischen und militärischen Möglichkeiten reichen heute jedoch nicht aus, um US-Interventionen gegen Chinas Verbündete Paroli zu bieten. Vor der US-Militäraktion konnte die chinesische Regierung mit ihren Protestnoten das Bedrohungsszenario nicht beenden, und auch im Nachgang scheint sie wenig Einfluss auf das weitere Geschehen in Venezuela nehmen zu können – genau wie letzten Juni, als die USA einen Militärschlag gegen den Iran, einen weiteren Verbündeten Chinas, lancierten.

In Ostasien, wo China militärisch stark aufgerüstet hat, scheint die Lage auf den ersten Blick eine andere zu sein. Nach der Absetzung Maduros wurde auf Chinas Social-Media-Kanälen zwar heftig über die möglichen Folgen für Taiwan diskutiert: Nationalistische Kreise verlangten ein ähnliches Vorgehen gegen dessen Regierung. Die chinesische Führung will allerdings nicht bloss die Staatsspitze Taiwans austauschen, sondern die Insel gänzlich übernehmen; Ende Dezember inszenierte sie wieder Militärmanöver und probte die Blockade Taiwans. Im Fall eines Angriffs droht jedoch das Eingreifen der USA, die erst Mitte Dezember Waffenlieferungen im Wert von elf Milliarden Dollar an Taiwan ankündigten. Ein Angriff könnte schnell zu einer kriegerischen Eskalation führen – ein Risiko, das die chinesische Regierung noch zu scheuen scheint.