Kämpfe in Aleppo: Die Waffen schweigen, die Angst bleibt
Eigentlich sollte das Zusammenleben in Aleppo Vertrauen zwischen der Regierung und den Kurd:innen schaffen. Stattdessen kam es zu schweren Kämpfen, Vertreibungen und gezielten Angriffen auf Wohnviertel. Nun wächst die Sorge, dass der fragile Frieden ganz kippt.
Am weissen Innenfutter klebt rings um die Stelle, an der das Stück Schrapnell durch seine Jacke schoss, noch immer Muhannad Issas getrocknetes Blut. Am vergangenen Samstag liegt der 22-Jährige in einem Bett im Universitätsspital von Aleppo. Ein Schlauch steckt in seiner Nase, er kann den Kopf nicht drehen und nur mit Mühe sprechen. Sein Bruder Madschd al-Din Issa erzählt am Krankenbett, was passiert war: Drei Tage zuvor, während einer der Feuerpausen im Norden Aleppos, hatten die beiden Brüder zusammen mit ihrem Vater das Haus verlassen, um mehr Lebensmittel zu besorgen.
Auf dem Rückweg schlug etwa zwanzig Meter entfernt ein Geschoss vor den drei Männern ein. «Plötzlich war überall Blut», sagt Madschd al-Din Issa. «Wir hörten meinen Bruder schreien.» Dann habe der Vater das Loch in dessen Jacke entdeckt. Splitter trafen Dünn- und Dickdarm sowie eine Niere des jungen Verkäufers. Er überlebte. Knapp.
Seit dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien vor einem Jahr war es in ihrem Viertel immer wieder zu Zusammenstössen gekommen – zwischen Soldaten der Übergangsregierung unter dem islamistischen Präsidenten Ahmad al-Scharaa und den kurdisch dominierten Milizen unter dem Dach der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Die SDF kontrollierten in Aleppo die Quartiere Scheich Maksud, Aschrafijeh und Bani Said. In ihnen leben die meisten Kurd:innen, aber auch andere Minderheiten wie Christ:innen und Araber:innen. Diesmal jedoch eskalierte die Lage: Die Armee griff die Viertel gezielt an. Die Vorräte der Issas gingen zur Neige, weshalb sie das Haus verliessen.
Sorge vor Bürgerkrieg wächst
Mindestens 20 Tote und 120 Verletzte zählt die offizielle Bilanz der vergangenen Woche. Vermutlich sind es viel mehr. 150 000 Menschen flohen aus ihren Häusern, als der Krieg nach Syrien zurückkehrte. Ausgerechnet nach Aleppo: in diese geschichtsträchtige Stadt, die wegen der Vielfalt ihrer Bevölkerung immer als «Syrien im Kleinen» galt – und im Bürgerkrieg so brutal grossflächig zerstört wurde.
Dabei sollte das Zusammenleben in Aleppo eigentlich als Testballon dienen, um Vertrauen zwischen Damaskus und der faktischen kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens aufzubauen. Im März 2025 unterzeichneten Scharaa und SDF-Oberbefehlshaber Maslum Abdi ein von Beobachter:innen als historisch bezeichnetes Abkommen: Die Kurd:innen wurden nach Jahrzehnten systematischer Unterdrückung als «integraler Teil des syrischen Staates» anerkannt, die Institutionen des Nordostens sollten bis Ende 2025 in den Staatsapparat integriert werden, zivil wie militärisch.
Für Aleppo mit seiner SDF-Exklave wurde ein eigener Deal vereinbart. Die kurdischen Milizen sollten sich schrittweise aus den seit 2015 von ihnen gehaltenen Gebieten Aschrafijeh und Scheich Maksud sowie aus dem seit Ende 2024 unter ihrer Herrschaft stehenden Bani Said zurückziehen. Stattdessen sollten die Viertel künftig vom Innenministerium gemeinsam mit den Asajisch, den kurdischen Polizeikräften, übernommen werden. Doch die Gespräche stockten, ein letzter Vermittlungsversuch scheiterte kurz nach dem Jahreswechsel. Kurz darauf begann in Aleppo der Ausnahmezustand. Mittlerweile sind die drei Viertel unter der kompletten Kontrolle der Regierung, und in der Stadt herrscht ein Waffenstillstand. Die Kämpfe haben sich nach Osten, in Richtung Euphrat, verlagert. Die Sorge vor einem neuen, grösseren Bürgerkrieg zwischen den Kräften der Regierung und dem Nordosten wächst.
Perfekt inszenierter Moment
Am Sonntag, einen Tag nach dem Spitalbesuch bei Muhannad Issa, wird ein definitiver Waffenstillstand verkündet. Der Verkehr staut sich in Aschrafijeh. Schwer bewaffnete Soldaten und Sicherheitskräfte winken Autos im Kreisverkehr zur Seite; auf den Wänden des Steintürmchens in der Mitte des begrünten Kreisels steht seit kurzem «Märtyrer der Revolution», auf Arabisch und Kurdisch.
Erst im Juli hatten sich genau hier Hunderte Bewohner:innen Aschrafijehs versammelt. Auf Videos ist zu sehen, wie sie das damals frisch sanierte und umbenannte Wahrzeichen ihres Viertels einweihen – mit Musik, Tanz und Pathos. Auf dem Dach des Turms prangte da noch ein grosser, roter Stern.
An diesem Sonntag reisst ihn ein Kran herunter. Kurz darauf steht ein Mann auf dem Dach des Turms und schwenkt die neue syrische Nationalfahne: grün, weiss und schwarz, drei rote Sterne – jene Fahne, die ab 2011 zum Symbol der syrischen Revolution gegen das Assad-Regime wurde und Freiheit und Würde für alle im Land versprach.
Ein paar Dutzend Menschen rufen dem Mann von unten zu: «Geh einen Schritt zur Seite!», «Pass auf den Kran auf!» Einige tragen Westen der Provinzverwaltung. Sie pfeifen, manche rufen: «Allahu akbar!» Vor einem Himmel aus gelb-roten Wolken halten sie in der einsetzenden Dämmerung ihre Handys in die Höhe. Es ist der perfekt inszenierte Moment, mit Bildern, die fast genauso wirkmächtig sind wie die Waffen, mit denen im Viertel wenige Stunden zuvor noch Häuser beschossen wurden. Bilder, die auch den Letzten klarmachen sollen, wer nun die Macht hat – im Viertel, in Aleppo, im Rest des Landes.
Denn die Schlacht der Narrative geht weiter: Während der Eskalation erhoben die Regierung und die kurdische Führung gegenseitig schwere Vorwürfe. Im Netz kursierten zudem unzählige Videos, die vermeintliche Racheakte und Gewalt an Zivilist:innen zeigen sollen. Die Sorgen sind nicht unbegründet, dass Regierungstruppen Gräueltaten an Kurd:innen begangen haben könnten. Die Massaker an Alawit:innen an der Küste im März 2025 sowie die Eskalation der Gewalt im drusisch geprägten Suweida im vergangenen Sommer nährten diese Angst. Ein Beleg dafür sind die nicht verifizierten Videos allerdings nicht.
Wer blöd kommt, ist der Feind
Unterdessen kehren an diesem Sonntag bereits einige Menschen in das Viertel Aschrafijeh zurück, bepackt mit schweren Taschen und Koffern. Auch die meisten Geschäfte auf der Hauptstrasse sind wieder geöffnet – der Optiker, der Gemüseladen, der Shisha-Laden. Aber in vielen Wohnungen darüber ist es noch dunkel, genauso wie in den Nebenstrassen. In einer Häuserzeile brennt nur beim Glaser Licht. Er erzählt, dass er bereits zwei, drei Bestellungen für Reparaturen hereinbekommen habe. Er selbst sei kurz aus dem Viertel geflohen, habe das Vogelpaar im Käfig an der Wand zurücklassen müssen und mit ihnen die frisch gelegten Eier; keines habe einen Kratzer abbekommen: «Alhamdulillah» – Gott sei Dank.
Ein paar Meter weiter, wo kein Licht mehr brennt, weil es keinen Strom gibt, sitzt eine Gruppe arabischer Jugendlicher um eine kleine Feuertonne. Zum ersten Mal seit Tagen kommt die Clique wieder zusammen. Einer beklagt, dass sein Motorrad geklaut wurde. Ein Zweiter erzählt, dass er sich der syrischen Armee anschliessen wolle, um gegen «die Feinde Syriens» zu kämpfen. Wer sind denn seine Feinde? «Kurdistan, die Juden.» Alle, die ihm blöd kämen, raunt er halb im Spass. Und halb im Ernst.
Derweil versuchen die Schwestern Sausan und Marwa ein paar Strassen entfernt, unter Handylicht die verriegelte Tür ihres Wohnhauses aufzuschliessen. Auch ihre Freundin Diana ist dabei. Die letzten Tage haben die drei jungen Frauen, die nur ihren Vornamen nennen wollen, im vierzig Kilometer entfernten Afrin an der türkischen Grenze ausgeharrt. Dorthin sind viele Kurd:innen aus den betroffenen Vierteln Aleppos geflohen.
Andere blieben in ihren Häusern – aus Angst vor Plünderungen und vor Islamisten und Dschihadisten in den Reihen der Regierungstruppen. Nicht wenige von ihnen kämpften mit Unterstützung der Türkei im Bürgerkrieg, etwa in Afrin, gegen kurdische Milizen. Ihnen werden schwere Menschenrechtsverbrechen an der Zivilbevölkerung vorgeworfen.
Ob die drei Kurdinnen die Videos in den sozialen Netzwerken gesehen hätten? Ob sie jemanden kennen, denen diese Soldaten nun womöglich Gewalt angetan haben? «Ich selbst kenne niemanden», sagt Sausan. Aber sie kenne viele Kurd:innen, die so bald wohl nicht in die Viertel zurückkehren würden, aus Angst vor Verhaftungen und wegen des verbreiteten Generalverdachts, dass sie irgendetwas mit den Milizen zu tun hätten. Doch die drei Frauen wollen weiter hier leben, auch unter der Kontrolle der Regierung. «Erst in ein, zwei Monaten können wir wirklich beurteilen, wie es hier dann zugeht», sagt Sausan. Heute jedenfalls werden sie noch nicht in ihrer Wohnung schlafen – jemand hat den Schlüssel im Schloss abgebrochen und zuvor von innen zugesperrt. Sie kommen nicht hinein.
Mitarbeit: Yaser Shahrour.