Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

Noch im Wartezimmer sterben

In England meidet man besser die überlasteten Spitäler und Arztpraxen. Das Gesundheitspersonal fühlt sich, als sässe es an einem Fliessband.

Von Peter Stäuber, London

Illustration: Alexander Elsaesser, Opak

Danielle arbeitet erst seit sieben Monaten als Krankenpflegerin, aber schon jetzt ist sie völlig ausgelaugt. Die dreissigjährige Londonerin, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht haben will, arbeitet als «community nurse». «Heute war ich bei dreizehn Patienten zu Hause», sagt sie am Ende ihres Arbeitstages, «das ist einfach zu viel. Mein Arbeitspensum steigt laufend an.» Die Entlöhnung für die Schufterei fällt jedoch mager aus: Knapp 1400 Pfund (etwa 1800 Franken) erhält sie im Monat, von denen ein Grossteil für die Miete draufgeht. «Ich kann mir kein Auto leisten und lege jeden Tag mehrere Meilen zu Fuss zurück. Zeit für Pausen habe ich kaum – es ist total erschöpfend.»

Danielles Erfahrungen lassen sich auf das gesamte britische Gesundheitssystem übertragen: Der National Health Service (NHS) ist komplett überlastet, an allen Enden fehlt es an Geld, die Angestellten sind demotiviert und überarbeitet. Am akutesten ist die Situation in England – der NHS in Schottland, Wales und Nordirland hat separate Verwaltungen. Besonders die prekären Zustände in der Notfallmedizin sorgten über die Wintermonate für Schlagzeilen: Im Dezember wurden über hundert PatientInnen von Notaufnahme zu Notaufnahme weitergereicht; im Januar schlugen zwanzig Spitäler Alarm, weil sie aufgrund des Andrangs die Sicherheit der PatientInnen nicht mehr gewährleisten konnten; und im Worcestershire Royal Hospital starb ein Patient, nachdem er 35 Stunden lang auf ein freies Bett gewartet hatte. Das Rote Kreuz bezeichnete die Situation im britischen Gesundheitswesen als «humanitäre Krise».

Schrittweise Privatisierung

Dass es so weit gekommen ist, überrascht NHS-Angestellte nicht. David Wrigley, seit zwanzig Jahren Hausarzt und heute stellvertretender Vorsitzender des Ärzteverbands British Medical Association (BMA), warnt die Regierung seit Jahren vor einem solchen Notstand. «Stets wurden wir ignoriert oder mit leeren Versprechen abgespeist. Erst letztes Jahr begannen Regierung und Medien einzugestehen, dass der NHS vielleicht tatsächlich in einer Krise steckt.» Der Grund sei nicht schwer zu finden: «Die Politiker haben es einfach versäumt, dem NHS genügend Geld zur Verfügung zu stellen.»

Die Regierung hingegen besteht darauf, dass der NHS Jahr für Jahr mehr Geld bekommt – der Vorwurf, dass der Gesundheitsdienst zu wenig Mittel habe, sei eine «Fehleinschätzung», sagte der konservative Gesundheitsminister Jeremy Hunt im November. Ein Blick auf die Zahlen erzählt jedoch eine andere Geschichte. Zwar stimmt es, dass das Budget des NHS in England – rund 120 Milliarden Pfund pro Jahr – stets wächst, aber seit 2010 beschränkt sich die Mittelerhöhung inflationsbereinigt auf 0,9 Prozent pro Jahr. Damit schneidet der Gesundheitsdienst zwar besser ab als viele andere Bereiche des Service public, die von den Sparprogrammen weit stärker getroffen wurden. Verglichen mit dem, was der NHS üblicherweise erhalten hat, fällt der Budgetzuwachs aber mickrig aus: In den Jahrzehnten nach seiner Gründung 1948 war das Budget jedes Jahr um durchschnittlich vier Prozent und von 2000 bis 2010 sogar um sechs bis sieben Prozent gestiegen.

«Die Budgeterhöhung hat nicht Schritt gehalten mit dem Bevölkerungswachstum und der Tatsache, dass wir mehr alte Leute haben, die überdurchschnittlich viele Gesundheitsdienste in Anspruch nehmen», sagt John Appleby, Chefökonom der Gesundheitsstiftung Nuffield Trust. Zudem hat der Sozialabbau ebenfalls Konsequenzen für den NHS: So erhalten die Lokalbehörden durchschnittlich vierzig Prozent weniger Geld von der Zentralregierung als vor sieben Jahren; das hat sie zu Einsparungen bei der Altenpflege gezwungen, sodass jetzt Spitalbetten von alten Leuten genutzt werden, deren sich früher die Gemeinden angenommen hatten.

Dazu kommt, dass durch die schrittweise Privatisierung des bis jetzt steuerfinanzierten NHS Geld in die Taschen von Finanzberatern, Aktionärinnen und Anwälten fliesst, das dann bei der Pflege fehlt. Gab der NHS 2010 noch 313 Millionen Pfund für private Unternehmensberater aus, waren es 2014 bereits 640 Millionen.

«Die Aufgabe, die sich dem NHS stellt, lautet: Wie können wir mit dem bestehenden Budget die zusätzliche Nachfrage befriedigen?», sagt Appleby. Das scheint fast unmöglich zu sein: Die Krankenhäuser versuchen zwar zu sparen, schreiben aber dennoch rote Zahlen – zuletzt belief sich das jährliche Defizit der englischen Spitäler auf 2,45 Milliarden Pfund, so viel wie noch nie zuvor. Unterdessen steigen die Wartezeiten für Routineoperationen, die Notaufnahmen werden immer voller, und das Personal muss Überstunden leisten, um mit der Zahl der PatientInnen fertigzuwerden.

Sie schaffen es nicht immer. «Die Hausärzte in einer Praxis in meiner Nähe arbeiteten teilweise zwölf bis dreizehn Stunden ununterbrochen, untersuchten täglich sechzig bis siebzig Patienten», sagt David Wrigley. «Doch sie konnten es sich nicht leisten, einen neuen Kollegen einzustellen, sodass sie die Praxis schliesslich dichtmachen mussten.» In der EU kommen im Durchschnitt 347 ÄrztInnen auf 100 000 EinwohnerInnen; in Britannien sind es nur 278. «Es fühlt sich an, als sässen wir an einem Fliessband und schauten uns einen Patienten nach dem anderen an, jeweils für zehn Minuten», sagt Wrigley. «Das ist gefährlich für die Patienten.»

Nach Brexit noch weniger Personal

Der Mangel an Gesundheitspersonal könnte durch den Brexit noch verschärft werden, wenn es zu stärkeren Einwanderungskontrollen kommt: Rund zehn Prozent der ÄrztInnen in Britannien stammen aus einem anderen EU-Land. «Dass die Regierung den EU-Bürgern keine Garantie gegeben hat, dass sie im Land bleiben können, ist furchtbar – meine europäischen Kollegen müssen jetzt mit dieser Unsicherheit leben», sagt Wrigley. Viele haben dem Gesundheitsdienst bereits den Rücken gekehrt: 2016 gaben über 17 000 NHS-Angestellte aus der EU ihre Stelle auf, im Vorjahr waren es noch 13 300 gewesen.

Die Gewerkschaften, das Gesundheitspersonal und viele PatientInnen haben jedoch nicht die Absicht, tatenlos zuzusehen, wie der NHS langsam ausblutet: Mit zunehmender Entschlossenheit führen sie eine Kampagne zur Rettung ihres Gesundheitsdiensts. Letztes Jahr legten die AssistenzärztInnen wiederholt die Arbeit nieder, um sich gegen eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zu wehren. Sie brachen den Streik erst ab, als sie befürchteten, die Sicherheit der PatientInnen zu gefährden. Anfang März marschierten über 200 000 Menschen unter dem Motto «Es ist unser NHS» durch London – die grösste Demonstration für den britischen Gesundheitsdienst, die es je gegeben hat.

Und derzeit erwägt der 270 000 Mitglieder zählende Berufsverband der PflegerInnen, das Royal College of Nursing, zum ersten Mal in der Geschichte für eine Lohnerhöhung zu streiken. Als Danielle, die Londoner Krankenpflegerin, davon erzählt, hellt sich ihre Stimmung auf: «Es ist ganz schön aufregend.»

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