Pop: Unheimlich flüchtig

Nr. 4 –

Die Songs von Earth klingen wie Rockmusik aus der Steinzeit. Ein Porträt aus Anlass ihres baldigen Auftritts in Bern.

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Adrienne Davies und Dylan Carlson von Earth stehen vor grossen Kakteen
«Unsere Musik soll sich anhören, als wäre sie schon immer da gewesen, auch wenn jemand sie zum ersten Mal hört»: Adrienne Davies und Dylan Carlson von Earth auf einer Aufnahme von 2015. Foto: Sean Stout

Seit 1989 bewegt sich diese Band in ihrer eigenen Zeit. Wenn man im Geister-Americana von Earth gerade die Gegenwart hört, hat das also vermutlich mehr mit der Gegenwart als mit Earth zu tun. Die repetitiven, sehr langsam gespielten Stücke wie auch die Geschichte der Band selbst scheinen weniger einer linearen Entwicklung als zyklischen Bewegungen zu folgen, durch die Earth in sich wandelnder Form immer wieder dieselben Motive passieren.

Earth, das ist zuerst einmal Gitarrist Dylan Carlson, der mit seinem wuchtigen grauen Schnauzer, dem vom Leben gezeichneten, tätowierten Gesicht und den Cowboyhemden den klassischen Redneck gibt. Seit der Gründung in Olympia, Washington, und bald im nahen Seattle prägt Carlson die Idee einer auf schwingenden Drones aufbauenden, minimalistischen Rockmusik, damals noch mit stark verzerrten Gitarren. Die frühe Geschichte der Band ist von abgebrochenen Projekten und wechselnden Besetzungen geprägt, nach dem Suizid seines guten Freundes Kurt Cobain verschwindet Carlson für ein paar Jahre in einem Heroinloch.

Heavy und schwebend

Und dann ist da Drummerin Adrienne Davies, seit rund 25 Jahren gehört sie neben Carlson zum Kern der Band. Ihr bedächtiges, expressives Spiel ist auf eine sehr unaufgeregte Weise spektakulär und im Umgang mit dem Instrument unvergleichlich. Mit Davies am Schlagzeug hat die Geschichte von Earth nach der Jahrtausendwende eine faszinierende Wendung genommen: Carlsons Ideen von damals durchaus noch treu, doch in Sound und Tonalität nun näher bei Country und Folk als bei Metal, immer noch durchtränkt von einer tiefen Trauer, aber auch zart und schimmernd.

Jetzt haben Davies und Carlson neue Musik geschrieben, aufnehmen wollen sie diese aber erst im Frühling, im Herbst soll dann ein neues Album erscheinen. «Scalphunter’s Blues» heisst eines der neuen Stücke. Zu hören ist es in einer knapp sechsminütigen Version bereits in einem Video auf Youtube, aufgenommen im Studio des Radiosenders KEXP in Seattle. Und vermutlich auch beim Konzert Ende Januar in Bern.

Mit der strengen Form eines Blues hat dieser «Scalphunter’s Blues» nichts zu tun. Das Stück ist aufgebaut auf einem einzigen Riff, dessen einfache Figur immer wieder zurückzieht zum ausgehenden Drone. Davies und Carlson spielen in gewohnt schleppendem und auch schwankendem Tempo, aber immer dicht beieinander, Carlson zieht eher, während Davies die schweren Schläge oft knapp hinter den Beat setzt. Das klingt dann gleichzeitig heavy und schwebend. Ähnlich die Wirkung der Gitarrendrones, die das Riff erden, es mit üppig mitschwingenden Obertönen aber auch zum Flimmern bringen. Es ist diese ständige Spannung zwischen Präsenz und Auf‌lösung, die dieser Musik etwas Geisterhaftes verleiht.

Abgesehen von seinem Titel ist das Stück wortlos, wie fast alle von Earth. Doch der Skalpjäger weist auf eine Welt hin, der Earth einst ein ganzes Album gewidmet haben, das damals auch ihren neuen Sound definierte: «Hex; or Printing in the Infernal Method» (2005) verstand sich als eine Art Soundtrack zum Roman «Blood Meridian» (1985) von Cormac McCarthy.

Der Roman ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts im südlichen Grenzgebiet der USA zu Mexiko angesiedelt. Er folgt einer Bande von Skalpjägern, die für Geld und mit roher Gewalt Indigene abschlachten. Während die Ausweitung der amerikanischen Zivilisation nach Westen, an der Grenze zur angeblichen Wildnis – der mythischen «frontier» –, im traditionellen Western oft als Heldengeschichte erzählt wird, fehlen in «Blood Meridian» Leitplanken wie Moral, Fortschritt oder Hoffnung.

«Therapeutischer Rock»

Kann man diesen Blues als stummes, fiebriges Trauerlied über gegenwärtige Gewalt hören? Die ICE-Schergen, die «störende Elemente» in einem rassistisch verstandenen Volkskörper aufstöbern und attackieren, sind sie nicht auch eine Art Skalpjäger? Dylan Carlson, so viel steht fest, hätte keine Freude an einer solchen Verortung. Er suche in der Musik immer nach etwas Zeitlosem, das sagte er einst im Gespräch mit der WOZ (geführt kurz vor der Pandemie, aber was ist das schon in der Zeitrechnung dieser Band). «Unsere Musik soll sich anhören, als wäre sie schon immer da gewesen, auch wenn jemand sie zum ersten Mal hört», sagte Carlson im Backstagebereich eines Zürcher Clubs.

Sowieso wirkt es so, als hätten sich Earth bei «Blood Meridian» eher eine Technik als eine Gegenwartsanalyse abgeschaut, eine Art Impressionismus der Irritation. Während im Roman die in poetischer Sprache eingefangene Landschaft hinter den schwer zu ertragenden Schilderungen der Gewalt umso mehr glitzert, schärfen die zunächst gemächlich wirkenden Wiederholungen bei Earth das Ohr für das bodenlose Spiel der miteinander oder gegeneinander schwingenden Frequenzen. Die neuere Musik von Earth wirkt stets einfach und eingängig, aber auch unheimlich flüchtig.

«Therapeutischen Rock» nannte es Davies einmal bloss, als sie und Carlson einst anfingen, ganze Nächte lang zu zweit zu improvisieren. In «Even Hell Has Its Heroes» (2023) war das, einem in ebenfalls sehr impressionistischen Super-8-Bildern gedrehten Dokumentarfilm über Earth. Es ist herrlich, den beiden auch beim Sprechen zuzuhören. Der Autodidaktin Davies, wenn sie erklärt, wie sie im Gegensatz zum ergonomischen Spiel, das einem im Schlagzeugunterricht beigebracht werde, mit «verschwendeter Bewegung» Energie erzeuge. Und Carlson, wie er als junger Metalhead den Progressive Rock von Rush hörte: «Sie spielten ein grossartiges Riff und wechselten dann plötzlich in ein anderes. Ich dachte: ‹Nein, nein, wieso bleibt ihr nicht einfach bei diesem?›»

Carlson war auch Fan von Slayer, Black Sabbath und den Melvins, aber beim Minimal-Komponisten La Monte Young fand er das Prinzip, über liegende Drones statt herkömmlich aufgebaute Songs eine «Struktur entlang von Dissonanz und Konsonanz» zu erreichen. Auf faszinierende Weise eingefangen ist das auf «Earth 2. Special Low-Frequency Version» (1993), einem Album, das im Grunde nur aus verzerrten Gitarrenfrequenzen besteht. Zur Würdigung hat die Band Sunn O))), ebenfalls aus Seattle, daraus gleich ein ganzes Genre gemacht (siehe WOZ Nr. 23/19).

Cleaner leben

Es wirkt, als hätten Earth Welten durchquert seit den stürmischen neunziger Jahren, als in Seattle um sie herum der Grunge explodierte, die Stadt eine Mischung aus künstlerischem Freiraum und Drogenelend, und Earth auch mal von einem Label fallen gelassen wurden, weil sie im Studio zu wenig Elan zeigten. Ab «Hex» dann veröffentlichten Davies und Carlson mit wechselnden Musiker:innen und Produzent:innen in vierzehn Jahren acht mehrheitlich brillante Studioalben, die kontinuierliche Schärfung eines Sounds statt zerstückelter Experimentierwut. Und vor allem: mit deutlich weniger verzerrtem Sound.

Im Film sagt Carlson dazu bloss: «Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass ich cleaner lebe, aber die Geräusche, die ich in meinem Kopf höre, sind jetzt klarer.» Was bleibt, wenn man nach einem Kern unter solchen Oberflächen sucht, den grossen Bögen entlang zu hören versucht? Der WOZ erklärte Carlson damals, er halte wenig davon, Musik nach Genres zu schreiben oder zu gruppieren; ob Metal, Rock, Blues, Jazz oder Drone, im Grunde sei all das doch bloss «folk music».

Earth spielen am 29. Januar 2026 im Dachstock der Reitschule in Bern.