Aufforstungsmarkt: Im Schatten ­ der Bäume

Nr. 6 –

Eine St. Galler Investmentfirma verspricht, mit einem Projekt in Äthiopien Klimaschutz, Entwicklungshilfe und Rendite zu vereinen. Doch eine lokale Community schlägt Alarm.

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Eukalyptus-Bäume in einer Plantage
Die Menschen fürchten, vertrieben zu werden: ASC Impact will in Äthiopien zwanzig Millionen Eukalyptus- und andere Bäume pflanzen. Foto: iStock

Nach und nach ploppen immer mehr Gesichter auf, bald füllen zwanzig Kacheln den Bildschirm. «Die Bäume machen uns grosse Sorgen», sagt Ob Omot. Jede Woche versammeln sich Mitglieder der Nyikaani-Gemeinschaft wie Omot digital per Videocall. Einige von ihnen leben in den USA, andere sind geblieben: in der Gambela-Region, im abgelegenen Westen Äthiopiens, an der Grenze zum Südsudan.

Seit Monaten dominiert ein Thema diese transkontinentalen Gespräche des Nyikaani Community Council: die zwanzig Millionen Bäume, vorwiegend Eukalyptus und Akazien, die eine Schweizer Firma in ihrer Heimat anpflanzen will. Das Aufforstungsprojekt soll einen Beitrag zum globalen Klimaschutz leisten, indem die neu gepflanzten Bäume CO₂ absorbieren und speichern. Das Versprechen für die lokale Bevölkerung: Arbeitsplätze, vor Ort angebaute Nahrungsmittel und bessere Infrastruktur in einer vernachlässigten Region. Doch an jenem virtuellen Treffen der Nyikaani ist vor allem eines zu spüren: Besorgnis.

Neben einem staatlichen, regulierten gibt es auch einen freiwilligen, privaten Markt für CO₂-Zertifikate. Der Wert beider Märkte übersteigt heute eine Billion US-Dollar. Besonders der private boomt seit Jahren. Wer Zertifikate kauft, kann Emissionen an einem Ort durch Einsparungen an einem anderen Ort ausgleichen, etwa indem dort die Abholzung eines Waldes verhindert wird.

Doch Waldschutzprojekte waren in jüngster Vergangenheit immer wieder in Skandale verwickelt, etwa das Kariba-Projekt der Zürcher Firma South Pole, das weniger Emissionen einsparte als behauptet (siehe WOZ Nr. 9/23). Eine neue Generation von Investorinnen und Projektentwicklern sucht daher nach Alternativen – und setzt zunehmend auf Aufforstung: Zwischen 2021 und 2024 hat sich die Zahl solcher Projekte weltweit verdreifacht.

Es wird angepflanzt statt konserviert – und echter Klimaschutz bei hoher Rendite versprochen.

Von Savanne zu Wald

Zu den ambitioniertesten Playern im Aufforstungsmarkt zählen auch einige Schweizer Firmen, darunter die 2021 gegründete ASC Impact GmbH. Die Firma, die in einem stattlichen Altbau im St. Galler Museumsquartier sitzt, will dereinst 400 Millionen Euro in Land- und Forstwirtschaftsprojekte südlich der Sahara investieren. Das Geschäftsmodell: ASC Impact pachtet grossflächig Land, pflanzt Bäume, lässt Nahrungsmittel produzieren – für den lokalen Markt, wie die Firma betont – und generiert gleichzeitig Zertifikate für den globalen CO₂-Markt. Diese werden über Investoren etwa an die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate vermarktet.

Hinter ASC Impact stehen der Schweizer Christian Winkler, ehemaliger Credit-Suisse-Banker und Risikokapitalgeber, Unternehmer Matthias Schulz sowie die Familie Kirchmayer, die seit Jahrzehnten Forstwirtschaft in Osteuropa betreibt und nun neue Märkte in Afrika erschliessen will. «Wir zahlen dort für das Land nichts», begründete Geschäftsführer Karl Kirchmayer diesen Schritt in einem Interview. In Äthiopien heisst das: etwa sechzig Rappen pro Jahr für eine Hektare, ein Bruchteil dessen, was eine Pacht in West- oder auch Osteuropa beträgt. Dort sowie in Angola und in der Republik Kongo möchte ASC Impact gemäss eigenen Angaben in insgesamt 150 000 Hektaren Land investieren. Alleine in Gambela im Westen Äthiopiens will die Firma 27 000 Hektaren Land pachten – eine Fläche grösser als der Kanton Zug.* Einen Teil dieser Fläche, die heute aus Savanne und Buschland besteht, will sie in Wald verwandeln.

2024 unterzeichnete ASC Impact einen Pacht- und einen Sozialvertrag mit Vertreter:innen lokaler Behörden und der Regierung. Damit wirbt das Unternehmen seither um Investor:innen und verspricht ihnen zwanzig Prozent jährliche Rendite. Unter anderen konnte sie die deutsche Suchmaschine Ecosia für das Projekt gewinnen, die sich als grüne Alternative zu Google positioniert.

Doch in Gambela versetzt das Aufforstungsvorhaben den Nyikaani Community Council in Alarmbereitschaft: «Wir haben auf Social Media Bilder der Vertragsunterzeichnung gesehen und erst so vom Projekt erfahren», sagt Ob Omot im Videocall. Sie wüssten bis jetzt nicht, welche Flächen genau aufgeforstet werden sollen, und fürchteten, verdrängt zu werden. Der Mittvierziger verbringt jeweils eine Hälfte des Jahres in Minnesota, die andere in Äthiopien. Seine Verlobte und seine zwei Kinder leben in Gambela. Das Projekt von ASC Impact grenzt an das Dorf, in dem Omot aufgewachsen ist, dort gibt es weder öffentliche Infrastruktur noch Netzempfang. Die meist gut ausgebildeten Council-Mitglieder in den Städten und im Ausland verstehen sich daher als das Sprachrohr derjenigen, die dort geblieben sind.

Das gilt auch für B. O., der aus Angst vor Repression anonym bleiben will. «Wir wissen nicht, was Regierung und Unternehmen vereinbart haben oder welche Folgen das Projekt für uns haben wird», sagt O., der in der regionalen Hauptstadt lebt und regelmässig seine Verwandten südlich der Projektfläche besucht. Bis jetzt seien sie weder über den Zeitplan informiert worden, noch habe man den Vertrag einsehen können. «Viele Leute in den Dörfern sind verwirrt und lehnen das Projekt daher ab», sagt er.

Eine Brücke als Versprechen

Die Sorge der Community ist auch deswegen so gross, weil die Region schon einmal zum Investmentprojekt für ausländische Firmen wurde – und die lokale Bevölkerung dabei leer ausging. Nach der globalen Finanz- und Ernährungskrise 2007/08 versprach die äthiopische Regierung – Land besitzt in Äthiopien einzig der Staat – unkomplizierten Zugang zu fruchtbarem Boden für internationale Firmen, um Agrarplantagen hochzuziehen. «Gambela wurde damals zum Zentrum dieser Entwicklung», sagt Asebe Regassa Debelo, Humangeograf und Ostafrikaexperte an der Uni Zürich. Die Zentralregierung habe in der Region weite Landstriche als «leer» deklariert und mit günstigen Pachtpreisen und Steuererleichterungen Hunderte Agrarfirmen ins Land gelockt.

Die Regierung hoffte, Geld nach Äthiopien zu holen, doch sowohl landwirtschaftliche Erträge als auch Profite wanderten nach China oder Europa ab. Und die lokale Bevölkerung, für die das Land Lebensgrundlage und keineswegs leer war, wurde gezwungen, Felder und Weiden zu verlassen und in Dörfer umzusiedeln. Das Narrativ des «unbenutzten Landes» sei bis heute ein politisches Werkzeug, sagt Regassa Debelo. «Doch nur, weil niemand dauerhaft dort wohnt, ist Land nicht unbenutzt.»

Ob Omot vom Community Council bestätigt das: «Wegen der fehlenden Infrastruktur haben die Dorfbewohner:innen auch nach der Umsiedlung nichts ausser dem Land, auf dem sie seit Generationen jagen und fischen.» Zudem habe dieses einen spirituellen Wert, weil dort ihre Vorfahren begraben seien. Hinzu kommt: Bestehende Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen könnten weiter zunehmen. Denn in Gambela ringen die Anuak, zu denen die Nyikaani gehören, mit der Gruppe der Nuer seit Jahrzehnten um Zugang zu Land und um politische Repräsentation – mitunter gewaltsam.

Alexander Meckelburg, Sozialanthropologe an der Universität Bern, der seit Jahren zu Gambela forscht, warnt davor, dass «jeder Hinweis, dass den Anuak Land weggenommen werden könnte», Vertreibungsangst auslöse. Diese entlade sich immer wieder in Gewalt. «So gerät Gambela immer wieder in neue Konfliktdynamiken.» Es sei deshalb zentral, dass Unternehmen sich vertieft mit der Region beschäftigen würden.

ASC Impact beteuert, genau das zu tun. «Drohnenaufnahmen und Satellitenbilder zeigen klar, dass auf diesem Stück Land weder Viehzucht noch Ackerland existiert», sagt der Kogründer Matthias Schulz mit Verweis auf eine Auftragsstudie. Abklärungen zum kulturellen Wert des Landstrichs seien noch im Gang, ausserdem gehe die Firma nirgends hin, wo sie nicht erwünscht sei. Seit Jahren führe das Unternehmen Gespräche mit lokalen Amtsträger:innen und vereinzelten Dorfbewohner:innen, die das Projekt begrüssten und ihre Zustimmung vertraglich zusicherten. Der Vizevorsteher des Bezirks Gog etwa, in dem der Forst entstehen soll, sagt, die Leute würden das Projekt wollen, weil die Infrastruktur dringend gebraucht werde.

Das wichtigste Versprechen von ASC: eine Brücke über den Fluss Gilo, der den Bezirk Gog von der nächsten Stadt trennt. Für den lokalen Vertreter kann der Projektstart gar nicht schnell genug kommen. Schulz relativiert: Eine gross angelegte Konsultation mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in den Dörfern rund um die Projektfläche sei noch ausstehend. Erst wenn auch diese positiv ausfalle, fahre man mit dem Projekt fort. Man habe zuerst die Landpacht vertraglich sichern müssen, um Geldgeber anzuwerben, und könne dann in teure Konsultationsprozesse investieren.

Doch nach der ersten Vertragsunterzeichnung geschah zwei Jahre lang kaum etwas. Zeit, in der die Unsicherheit im Nyikaani Community Council wuchs. Erst nach einer ersten Konfrontation durch die WOZ im September 2025 nahm ASC Impact Kontakt zum Council-Vorsitzenden sowie 26 Personen aus fünf Dörfern auf und startete erste formelle Konsultationen. «Wir haben nicht eine einzige Person angetroffen, die das Projekt nicht haben möchte», fasst Schulz zusammen.

Schweigen oder zustimmen

Für weitere Verwirrung sorgt ein Protokoll, das die Firma nach einem Telefonat im November mit dem Council-Vorsitzenden erstellt hat. Darin heisst es, dieser unterstütze das Projekt. Mehrere Council-Mitglieder sagen der WOZ allerdings, sie hätten erst im Nachhinein vom Telefonat erfahren, sie würden das Projekt weiterhin ablehnen. Bis Redaktionsschluss gelang es nicht, den Vorsitzenden zu erreichen.

B. O. und Ob Omot bleiben auch aus anderen Gründen skeptisch. Wenn ein Projekt von der Regierung gewünscht sei, habe man nur zwei Optionen: schweigen oder zustimmen. Sonst müsse man mit Einschüchterungen durch die Behörden rechnen – auch deswegen sei es vor allem die Diaspora, die sich öffentlich kritisch äussere. Sozialanthropologe Meckelburg sagt: «Politische Entscheidungen, die von der Zentralregierung in Addis Abeba getroffen und durch die regionale Verwaltung umgesetzt werden, etwa zu grossen Investitionsprojekten, werden in den Dörfern Gambelas, der ärmsten Region Äthiopiens, oft nicht bis ins Detail erklärt.» Selbst wenn die Konsultationen zu einem negativen Ergebnis kämen, würde die Regierung das Projekt umsetzen wollen, glaubt Meckelburg.

Noch ist abzuwarten, ob sich in Gambela die Geschichte wiederholt oder ob ASC tatsächlich die versprochene Brücke baut, Arbeitsplätze schafft und die lokale Bevölkerung an den Gewinnen beteiligt. Ebenso offen ist, wie sich das Projekt auf die komplizierten Beziehungen der lokalen Bevölkerungsgruppen auswirken wird. Auch der Klimanutzen bleibt letztlich fraglich: Wälder wachsen langsam, verändern Ökosysteme und sind anfällig für Feuer und Abholzung.

Während die einen hoffen, die Investitionen könnten Wachstum und Wohlstand bringen, trauen die anderen dieser Erzählung nicht – und befürchten, erneut übergangen und verdrängt zu werden. Der Grundkonflikt geht dabei weit über Gambela hinaus: Um eine vom Norden verursachte Klimakatastrophe zu bekämpfen, werden im Süden Flächen beansprucht. Und Profite und CO₂-Zertifikate fliessen dorthin zurück, wo das Kapital herkommt.

* Korrigenda vom 9. Februar 2026: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion steht fälschlicherweise, die erwähnte Fläche sei dreimal so gross wie der Kanton Zürich. Korrekt ist: Die 270 Quadratkilometer sind grösser als der Kanton Zug (238,7 Quadratkilometer).

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