Begegnung: Zukunft braucht Zeit
Die aus Gaza geflüchtete Journalistin Haneen Harara erzählt, wie sie für die Hoffnung kämpft, einst in ihre Heimat zurückkehren zu können.
Haneen Harara musste aus ihrer Heimat Gaza-Stadt fliehen. Ihre Mutter kommt aus Be’er Scheva und musste ebenfalls fliehen. Ihre Grossmutter aus Kaufacha – auch sie musste fliehen. «Palästinenser:in zu sein, scheint eine kollektive Strafe», sagt Harara.
Heute sitzt sie im herrschaftlichen Erker im Konzerthaus in Solothurn, wo im Rahmen der Filmtage der Dokumentarfilm «Qui vit encore» von Nicolas Wadimoff (siehe «wobei» Nr. 1/26) gezeigt wird. Die Journalistin Haneen Harara ist eine der neun Protagonist:innen.
Eigentlich hätte sie bereits im Sommer 2024 mit den anderen acht geflüchteten Palästinenser:innen für die Dreharbeiten in die Schweiz kommen sollen, doch die Behörden verweigerten ihre Einreise. Statt Lausanne ist jetzt Johannesburg die Hintergrundkulisse für den Film – ausgerechnet der ehemalige Apartheidstaat Südafrika liess sie ohne Visum ins Land. Eineinhalb Jahre später führte die Reise für Harara von Kairo über Riad, Oman und Istanbul dann doch noch in die Schweiz.
Ihr Aufenthalt hier sei mit viel Verantwortung verbunden, erzählt Harara. Innerhalb von knapp drei Wochen begleitet sie vierzehn Filmvorstellungen. «Ich bin hier, um die Stimme derer zu erheben, die ihre Stimme nicht erheben können», sagt sie. Sie klingt abgeklärt, wenn sie von dieser Aufgabe als Pflicht spricht. Ihre Worte wählt sie sorgfältig, zückt zwischendurch das Handy, um sich der Richtigkeit der Fakten zu versichern. Auch ihr britisches Englisch verrät, dass sie als Nachrichtensprecherin arbeitet. Im Vergleich zu ihrer Arbeit spüre sie während der Filmvorführungen und Interviews eine innere Ruhe, sagt sie, «denn ich bin hier als Mensch und nicht als Journalistin».
Rechtzeitig entkommen
Am 5. März 2024 nahm Haneen Harara die Schulbücher aus den Rucksäcken ihrer Kinder und verstaute stattdessen Wechselkleider darin. Sie habe Angst gehabt, zu sterben, so wie viele Journalist:innen vor ihr, erzählt sie dazu im Film. Helm, gekennzeichnete Weste und Presseauto waren kein Schutz mehr. Das bestätigen auch die neusten Zahlen von Reporter ohne Grenzen: Allein im Jahr 2025 wurden knapp dreissig Medienschaffende in Gaza ermordet, zurzeit sind noch immer zwanzig palästinensische Journalist:innen in israelischen Gefängnissen inhaftiert.
«Ich habe miterlebt, wie mein Berufskollege Muhammad Balousha bei einem Luftangriff ermordet wurde – just als er mit seiner Familie das Haus betrat», erzählt Harara. Vor einem solchen Ende wollte sie ihre Familie bewahren und floh nach sechs Monaten Krieg mit ihren drei Kindern und ihrer kranken Grossmutter nach Ägypten. Damit gehört sie genauso wie die weiteren Protagonist:innen von «Qui vit encore» zu den Glücklichen – sie hatten die Möglichkeit, Gaza rechtzeitig zu verlassen.
Im Film zeichnen die Geflüchteten auf einer Karte ihre Häuser, die sie verlassen mussten, ein; wie es dort heute aussieht, wird nicht gezeigt. Haneen Harara wohnte im belebten Quartier al-Sabra im Zentrum von Gaza-Stadt, ein simples Quadrat markiert jetzt ihr Haus. Bilder ihrer zerstörten Heimat werden einzig aus ihren Erzählungen in den Köpfen der Zuschauer:innen geformt. Heute sei ihr Körper anderswo, doch ihre Seele bleibe in Gaza, sagt Harara. Täglich verfolgt sie die Nachrichten und hält Kontakt mit ihrer in Gaza verbliebenen Familie, die immer noch ums Überleben kämpft.
«Die Kinder Gazas haben ihre Geschichte noch nicht erzählt», sagt der Schriftsteller Mahmoud Jouda im Film. «Gaza ist weg. Die Mühen eines Lebens sind zerstört, und was wir versucht haben, für die zukünftigen Generationen zu bewahren, ist verschwunden.» Wie er möchte auch Harara die Geschichte der Menschen festhalten; im Gespräch lässt sie noch offen, wie genau, sagt nur: Je näher man Gaza sei, desto mehr fühle man sich mit den Menschen dort verbunden und könne ihre Trauer und ihren Schmerz ausdrücken.
Wer soll Gaza wiederaufbauen?
Auch von der fortdauernden kollektiven Bestrafung der Palästinenser:innen spricht sie. Eigentlich sollte jetzt die zweite Phase des Friedensplans und damit der Wiederaufbau in Gaza beginnen. Doch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu fordert zuerst eine vollständige Entwaffnung der Hamas. «Die Menschen in Gaza warten sehnlichst darauf, in ihre Häuser zurückzukehren und mit dem Wiederaufbau zu beginnen», sagt Harara, ihre Stimme wird dabei lauter. «Die aktuellen Entwicklungen sind eine Schande.»
«Vergiss Gaza. Denk an eine Lösung für dich und deine Familie», sagt hingegen Jawdat Khoudary im Film. Für ihn ist alle Hoffnung verloren. Die Strassen Gazas sind nicht wiederzuerkennen, Häuser liegen buchstäblich übereinander. «Wer soll Gaza wiederaufbauen?» Hararas Frage lässt die Verzweiflung nicht zu: «Ich weiss, es ist hart, es ist kräftezehrend, doch du musst es versuchen.» Das Allerwichtigste, was es nun brauche, sei Zeit. Die Palästinenser:innen bräuchten Zeit für Regeneration. Zeit, um ihre Zukunft zu bauen.
Auf die Frage, ob sie selbst nach Gaza zurückkehren werde, blickt Haneen Harara aus dem Erker auf die pittoreske Altstadt Solothurns und seufzt. Nach langer Stille antwortet sie schliesslich: «Wenn Gaza zurückkehrt, werden wir alle zurückkehren.»
«Qui vit encore». Regie: Nicolas Wadimoff. Schweiz / Frankreich / Palästinensische Autonomiegebiete 2025. Jetzt im Kino.