Von oben herab: Krieg der Paläste
Stefan Gärtner über jämmerliche Wohnungen und verärgerte Bürgerliche
Leben ist, wie der Dichter sagt, Brücken schlagen über Flüsse, die vergehen; ich habe das einmal dahingehend präzisiert, Leben sei, Dübel in Wände zu bohren, die bloss gemietet sind.
Ich habe viel gemietet in meinem Leben und bin dabei gleichermassen bei Freundlichkeit und Fairness gelandet wie bei Halsabschneidern, die für Wohnungen, bei denen nach ein paar Wochen die Küchendecke herunterfiel, den Mietzins so angelegt hatten, dass der jämmerliche Gesamtzustand der Bleibe seine Abbildung fand, nämlich bis an die gesetzliche Preisobergrenze. So ging es hin, so ging es her: Mal kümmerte sich ein Vermieter hingebungsvoll um so was Peripheres wie den Nachtstrombetrieb des hochmodernen Duschboilers, mal war es einer Vermieterin scheissegal, dass wir Löcher im Boden hatten, schliesslich wohnten wir in Premiumlage mit direkter akustischer Anbindung an die Autobahn.
Im Schweizer Fernsehen hat jetzt eine Dokumentation über den Zürcher Wohnungsmarkt für Aufsehen gesorgt, die sich mit «Profitgier, Verdrängung, explodierenden Mietpreisen, Leerkündigungen» beschäftigte, so die «Schweiz am Wochenende»: «Das Augenmerk der Filmemacherin liegt auf den Betroffenen, die bürgerlichen Stimmen kommen deutlich weniger zu Wort», und der Bau- und Immobilienunternehmer Balz Halter, der für die Branche zu Wort kommen durfte, hat hernach 100 000 Franken an die Halbierungsinitiative überwiesen, weil die Doku so tendenziös gewesen sei. «‹Der Film hatte einzig zum Zweck, die Immobilienbranche zu diskreditieren›, sagt Halter. Die Branche werde als das Problem dargestellt statt als Teil der Lösung. Der Beitrag fördere die Polarisierung anstatt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wie es dem Auftrag der SRG entsprechen würde.»
Den Gefallen hätte der Film der Immobilienwirtschaft nicht tun müssen, falls wir nicht einwenden wollen, dass deren Argumente so vielfältig nicht sind, um von mehr als einem Sachwalter vorgetragen werden zu müssen; doch die Wahrheit ist immer konkret. Nehmen wir an, ich wäre in der Doku vorgekommen, als mein ideelles Gesamt-Miet-Ich, und hätte die Geschichte mit der Decke und der Autobahn erzählt: ohne Vermieter eine Diskreditierung der Immobilienbranche, «anekdotische Evidenz», wie Antirassismus es nennt, wenn jemand schlechte Erfahrungen mit Nichtweissen gemacht hat; mit Vermieterin ein Stück Aufklärung, denn das will man doch hören, warum eine Bruchbude, in der die Farbe von den Wänden fällt und die Fussbodenleisten mit Paketband fixiert sind, eine zwanzigprozentige Mieterhöhung rechtfertigt oder auf der städtischen Mietpreiskarte von «Premiumlage» zwar gar keine Rede ist, aber einwandfrei Premium gezahlt werden muss.
Die grellsten Erfindungen, wusste Kraus, sind allemal Zitate, und also beim nächsten Mal ruhig ein paar Halter mehr in die Filme lassen, auch wenn der Einwand möglich ist, angesichts einer vollauf bürgerlichen Medienlandschaft (interessant übrigens, dass «bürgerlich» sich im Bericht automatisch mit «besitzend» übersetzt) sei ein Film, der mit den Leuten aus den Hütten gegen die in den Palästen kämpft, auch mal auszuhalten. Was man dabei unterschätzt, ist die Bereitschaft des Besitzes, sich bei der kleinsten Bedrohung ans Rechtsäussere zu wenden, für das Kritik schon darum schlecht ist, weil sie die Volksgemeinschaft spaltet. So will FDP-Kantonalpräsident Filippo Leutenegger den Film aus dem Archiv entfernen, weil er «eine Verstaatlichung des Bodens als Lösung propagiert» (a. a. O.), und diese Art Ende der Polarisierung zwischen Haben und Nichthaben kann ja nun wirklich niemand wollen.
Bis es so weit ist, kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der unsere schöne Demokratie an den Marxismus verrät, zum Teufel gehen; denn wie gut der Markt funktioniert, zeigt der für Immobilien doch nun beispielhaft.
Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.