Widerstand gegen das Mullah-Regime: «Eines Tages will ich zurückkehren»
Als Jugendliche verteilte sie Flugblätter gegen das iranische Regime – heute kämpft die LGBTIQ-Aktivistin Shadi Amin aus dem Exil in Deutschland weiter.
WOZ: Frau Amin, rund einen Monat ist es her, seit das iranische Regime die grössten Proteste seit 2022 brutal niederschlagen liess. Manche Quellen berichten von mehr als 30 000 Toten. Was hören Sie derzeit von Freund:innen im Land?
Shadi Amin: Die Repression war immer brutal, doch dieses Mal hat die Gewalt eine neue, ungeheure Dimension erreicht. Das Regime ist so gewalttätig, weil es eine Schwelle überschritten hat, hinter die es nicht mehr zurückkann.
Eine Freundin erzählte mir vergangene Woche, niemand habe mehr einen Überblick über die Zahl der Toten und Vermissten – es sind schlicht zu viele. Der Bruder einer anderen Freundin wurde während der Proteste am 8. Januar getötet. Sie suchte verzweifelt nach ihm und fand schliesslich im Internet ein Video, das ihn auf der Strasse liegend zeigte. Dann trat ein Regimeanhänger ins Bild und schoss ihm in den Kopf.
WOZ: Wagt überhaupt noch jemand, Widerstand zu leisten?
Shadi Amin: Tatsächlich gehen Streiks und Proteste weiter, wenn auch in kleinerem Umfang. Das Regime reagiert weiterhin mit Gewalt. Dennoch sind bei Beerdigungen der Ermordeten noch immer Parolen wie «Nieder mit Chamenei» zu hören – ein ausserordentlich mutiger Akt. Es ist wichtig, diese Geschichten des Widerstands zu erzählen, damit die Opfer nicht zu blossen Zahlen werden, sondern als Menschen mit Familien und Träumen sichtbar bleiben.
Aktivistin im Exil
Shadi Amin (62) lebt in London und Berlin. Sie ist Koordinatorin des iranischen Lesben- und Transgendernetzwerks 6Rang, «eine von Lesben geführte Organisation, die sich für einen Iran einsetzt, in dem jede LGBT+-Person offen, sicher und ohne Angst leben kann», wie es auf der Website heisst.
Zudem ist Amin Übersetzerin und Koautorin von mehreren Büchern. So hat sie unter anderem ein Buch über Gewalt gegen Frauen im Iran mitverfasst und Texte der US-amerikanischen Aktivistin Audre Lorde ins Persische übersetzt.
WOZ: US-Präsident Donald Trump hat mehrfach mit einer militärischen Intervention gedroht. Würde ein Eingreifen von aussen der Zivilgesellschaft helfen?
Shadi Amin: Ein militärisches Eingreifen von aussen hat bislang noch nie Freiheit oder Stabilität gebracht. Die Erfahrungen etwa im Irak und in Afghanistan zeigen, dass solche Interventionen die Lage oft weiter verschärfen. Das Regime der Islamischen Republik nutzt die Drohungen der USA gezielt, um nationalistische Gefühle zu mobilisieren. Hinzu kommt, dass die Zivilgesellschaft in einer solchen Situation besonders leicht unterdrückt werden kann – etwa mit dem Argument, man befinde sich im Krieg und jeder Protest sei eine Zusammenarbeit mit dem Feind.
WOZ: Was schlagen Sie stattdessen vor?
Shadi Amin: Es gibt Wege, die Proteste zu unterstützen, jenseits militärischer Interventionen. Es könnte viel getan werden. Es sind längst nicht alle diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Druckmittel gegen die Machthaber in Teheran ausgeschöpft.
WOZ: Sie sind LGBTIQ-Aktivistin. Im Iran sind gleichgeschlechtliche Beziehungen strafbar; einvernehmliche homosexuelle Handlungen können mit Haftstrafen, Peitschenhieben oder gar der Todesstrafe geahndet werden. Erfahren queere Menschen innerhalb der Protestbewegung Solidarität?
Shadi Amin: Immer noch viel zu selten. Während der Protestbewegung «Frau, Leben, Freiheit» 2022 gab es punktuell Solidarität, doch sie reichte kaum bis in die LGBTIQ-Gemeinschaft hinein. Queere Menschen sind weiterhin besonders angreifbar: Viele Familien verleugnen oder verdrängen ihre Existenz, es fehlen Schutzräume, öffentliche Solidaritätsbekundungen sind selten. Entsprechend existieren auch keine verlässlichen Zahlen zu queerfeindlicher Gewalt – Repression und Schweigen gehen Hand in Hand.
WOZ: Wie werden Sie wegen Ihres Aktivismus angegriffen?
Shadi Amin: Ein Beispiel dazu: Mir wurde im November 2022 der Lesbian Community Visibility Award verliehen. In meiner Rede widmete ich die Auszeichnung queeren Menschen, die während der «Frau, Leben, Freiheit»-Bewegung getötet worden waren. Dabei nannte ich unter anderem die sechzehnjährige Nika Schakarami, deren Lesbischsein öffentlich bekannt war.
Diese Widmung löste heftige Angriffe in den iranischen Medien aus, insbesondere von Trollen des Regimes sowie von Anhänger:innen Reza Pahlavis, des Sohns des Schahs. Die Reaktion der Machthaber ist wenig überraschend, doch auch Monarchist:innen erweisen sich hierbei nicht als Verbündete: Sie argumentieren, eine iranische «Heldin» könne nicht lesbisch sein. Das zeigt exemplarisch, wie queere Identitäten selbst im Tod ausgelöscht werden. Solche Angriffe sind leider keine Ausnahme.
WOZ: Als 1979 im Iran die Monarchie gestürzt und die Islamische Republik ausgerufen wurde, waren Sie eine Teenagerin. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Shadi Amin: Ich war damals sehr politisch interessiert. Schon früh wusste ich, dass ich anders bin als die Mädchen, die ich kannte – auch wenn ich mich erst Jahre später, in Berlin, outen konnte. Meine Mutter hat uns stets ermutigt, Machtstrukturen gegenüber misstrauisch zu sein. Während der Tage der Revolution beobachteten wir das Geschehen auf der Strasse. Mit meinem Velo fuhr ich zu Demonstrationen, oft gemeinsam mit den Jungs aus der Nachbarschaft. Dabei merkte ich, wie sich etwas veränderte: Plötzlich sagten mir ältere Freunde, ich dürfe nicht mehr mitkommen – ich sei ein Mädchen. Da verstand ich, dass sich die Verhältnisse grundlegend verschieben würden. Meine Mutter hatte immer gewarnt: «Wenn diese Kräfte an die Macht kommen, verlieren wir Frauen unsere Rechte.» Und genau das geschah. Nach der Revolution durfte ich etwa nicht mehr Fussball mit den Jungs spielen. So fing es an.
WOZ: Im Jahr 1984 sind Sie geflohen.
Shadi Amin: Ich war in einer linken Organisation aktiv, und wir organisierten Proteste. Als die ersten Mitglieder unserer Gruppe verhaftet wurden, machten wir trotzdem weiter. Dann verteilten wir einmal zu dritt Flugblätter gegen den Iran-Irak-Krieg, als uns das Mitglied einer paramilitärischen Organisation dabei beobachtete. Ich lenkte den Mann ab, damit meine beiden Freundinnen fliehen konnten, und wurde selbst festgehalten. Er brachte mich nach Hause. Ich log ihn an und sagte, ich hätte gedacht, es handle sich um Werbung für Kosmetik, da sich die Flugblätter in einem Umschlag befanden. Noch am selben Tag kamen Revolutionsgardisten in unsere Strasse, um mich mitzunehmen. Sie durchsuchten aber das falsche Haus.
Da war klar, dass ich untertauchen musste. Meine Ausbildung als Bauzeichnerin brach ich ab. Meine Eltern wurden verhört, meinem Vater, einem Bauunternehmer, wurden von der Stadt sämtliche Aufträge gekündigt. Nach acht Monaten im Untergrund gelang mir die Flucht.
WOZ: Sie sind dann nach Deutschland.
Shadi Amin: Mit einer Gruppe von Schleppern reiste ich alleine und als einzige Frau vom Iran nach Pakistan, dann weiter in die Türkei. Mit einem schlecht gefälschten Pass gelang mir beim zweiten Versuch die Einreise nach Westdeutschland.
WOZ: Sie sind bis heute politisch aktiv. Werden Sie nie müde von der Auseinandersetzung?
Shadi Amin: Es ist mein persönlicher Kampf. Ich schulde mir diesen Kampf. Dieses Regime hat mein Leben zerstört: Ich habe meine Familie verloren, ich kann nicht einmal das Grab meiner Mutter besuchen. Im Iran hätte ich nie erfahren, dass es unterschiedliche sexuelle Orientierungen gibt. Bis heute frage ich mich, was ich getan habe, dass die Regimemedien einen Schiessbefehl gegen mich gefordert haben. Sie wollten mich zum Schweigen bringen – doch ich bin umso lauter geworden. Ich kämpfe für Meinungsfreiheit und dafür, dass sich niemand wegen politischer Überzeugungen oder sexueller Orientierung verstecken muss. Frei nach Madjiguène Cissé, einst Sprecherin der Sans-Papiers-Bewegung in Frankreich: Solange wir die Mächtigen nicht stören, nimmt uns niemand wahr. Ich werde nicht aufgeben. Mein Ziel ist es, eines Tages – und wenn es nur für einen Tag ist – mit Würde in den Iran zurückzukehren.
WOZ: Wenn Sie an den Iran denken, woran denken Sie zuerst?
Shadi Amin: An den Garten meiner Eltern in Karadsch nördlich von Teheran. Dort bin ich aufgewachsen, dort habe ich meine Kindheit verbracht. Dieser Ort mit seinen Obstbäumen steht für Geborgenheit und für eine Zeit, in der der Iran für mich etwas Unbeschwertes war. Meine Mutter sagte immer: «Wenn du eines Tages zurückkommst, hängen wir Lichterketten auf und feiern.»
Der Iran ist meine Heimat, zu der ich bis heute eine tiefe Verbundenheit empfinde. Ich denke nicht zuerst an Armut, meine bitteren Erfahrungen oder die Gewalt des Regimes. Ich denke an das Schöne.