Gesellschaftsspiel: Alle sind Popnerds
Im Winter wird gern am Tisch gespielt. Ein Bestseller: das Popquiz «Hitster». Was sagt das über die Lage der Musik – und was über uns?
Das Spiel ist seit bald vier Jahren erhältlich, aber es verkauft sich immer weiter und liegt in den noch existierenden Läden an den guten Plätzen. «Ach so, Sie meinen nicht Computerspiele?», sagt die Person am Infopoint eines grossen Warenhauses, das in erster Linie Unterhaltungselektronik verkauft, «Sie meinen, äh, Spiele? Ja, die sind gleich da hinten!» Die Unterscheidung stimmt nur halb, denn man spielt «Hitster» mit einer App, am besten verbunden mit einer Bluetoothbox. Jemand muss zudem einen Spotify-Premium-Account haben, erst dann kommen die über 300 Karten und 37 Plättchen ins Spiel.
Die Regeln sind einfach (lassen sich aber verfeinern): Man zieht eine Karte mit einem QR-Code, über die App wird ein Song abgespielt, und die Spielerin oder, lustiger: das Team kann Interpret:in und Namen erraten und muss, das ist zentraler, den richtigen Ort auf der Zeitachse finden. Liegt bereits eine Karte mit der Jahreszahl 1964 da, und es läuft «(I Can’t Get No) Satisfaction», sollte man nicht nur den umständlichen Titel dieses Monsterhits genau nennen, sondern das Kärtchen auch auf die richtige Seite von 1964 legen und es erst dann umdrehen, um zu schauen, ob Name und Jahr stimmen. Rechts und somit jünger oder links und älter als 1964?
In diesem Fall ist Papi im Vorteil, weil er wie aus der Kanone geschossen alles per Schnappatmung verkündet («RollingstonesIcantgetnosatisfaction 1965»), selbst wenn sein Team gar nicht an der Reihe ist. Den Titel raten dürfen beide Teams, aber über die Zeitachse bestimmt zuerst das Team am Zug, die Gegner:innen dürfen die Position anzweifeln und können so die Runde gewinnen, wenn sie denn richtig liegen.
In meinem weiteren Umfeld, in dem nicht nur ausgemusterte Popkritiker:innen, sondern auch normale Menschen unterschiedlichen Alters leben, haben die Nennungen des Spiels seit gut einem Jahr stark zugenommen. Ständig höre ich: «Kennst du Hitster?» Und viele wollen gegen mich spielen, in der Hoffnung, jemanden zu schlagen, der sich auskennen sollte. Die Hoffnung ist nicht unbegründet.
Die Kompetenzen sind aber überraschend gut auf unterschiedliche Altersgruppen und Poptypen verteilt. Kann Onkel Tobi, der auch «Start Me Up» von der gleichen Boomerband nach einer Sekunde richtig erkennt und die Jahreszahl schon wieder präpotent rausposaunt, bei Mainstreamhits aus den zehner Jahren noch mithalten, obwohl er damals kaum Radio hörte? Kennt er den Song aus dem Film «Die Eiskönigin», auch wenn zu Hause nur Buben erzogen wurden und werden? Hiess der Hit da nicht «Let It Go»? Aber von wem? Der Mittzwanziger am Tisch lächelt milde und sagt: «Idina Menzel, und das muss 2013 oder 2014 gewesen sein. Wir haben den Film so oft geguckt – auch mit dir übrigens!»
Neurose und Hysterie
«Hitster» erinnert an die demokratisierende Funktion von Pop, die keine andere Kunstform vergleichbar auszeichnet. Dazu muss man kurz ausholen und klären, wie Pop überhaupt überliefert wird: in zwei verschiedenen Modellen. Denn es gibt grundsätzlich zwei polare Typen von Popfans. Typ eins: Die Sammler:innen horten Wissen fast wie einst die Mönche in einsamen Klostern. Sie wissen, wer wann mit wem auf welchem Album oder Lied zusammen gespielt hat. Man erkennt sie daran, dass sie diese Information schnell abrufen können und dass sie heimlich alle verachten, die in Pop mehr als Listen und Namen sehen. Typ zwei: Sie deuten die Musik, setzen sie in einen Zusammenhang, der von gesellschaftlichen und medialen Umbrüchen, privater Erinnerung und gemeinsamen Erlebnissen abgesteckt wird.
Psychoanalytisch gesprochen, entspricht das zwanghafte Horten (von Platten, CDs, Musikheften, Playlists) der Neurose und das wilde Herumdeuten der Hysterie. Erstere wollen alles kontrollieren (analog zum Schliessmuskel, deshalb nannte Freud diese Ausprägung «anal»). Letztere fügen alles Mögliche zusammen, egal ob es passt oder nicht (Freud verband solche Symptome mit der Gebärmutter, der Hystera, was heute veraltet ist; man würde in diesem Fall vielleicht von Neurodiversität sprechen). Das Schillernde an Popmusik war oder ist, dass beide Typen einander ergänzen müssen, um das ganze Spektrum sehen zu können. Nur aufzählen und Namen nennen ist genauso stumpfsinnig wie ohne viel Wissen über die Künstler:innen herumzulabern. Polemisch überspitzt: Es braucht die Spiesserin, die alles sammelt, und es braucht den Aufschneider, der alles deutet. Pop wird erst gross, wenn beide zusammenkommen, im Idealfall in derselben Person.
Das Radio, der Plattenladen, Zeitschriften, das Musikfernsehen, anschliessend Youtube und alle anderen Streamingplattformen haben auf unterschiedliche Weise dafür gesorgt, dass diese oft erstaunlich ausgeprägten Expertisen in breiten Bevölkerungsschichten entstehen konnten. Man braucht kein staatlich anerkanntes Studium dazu, keine extrem privilegierte Herkunft, sondern nur Neugier und Freizeit. Und es hilft zudem, eine ausgeprägte sensorische Reizbarkeit und Gefühligkeit zu haben, um all diese Information im Körper zu speichern und abrufen zu können (wie alle Jugendlichen und manche Erwachsenen). Die Geschwindigkeit, mit der «Hitster»-Spieler:innen in den meisten Fällen die Lösung finden und dabei komische Gesichter machen, den Oberkörper seltsam verrenken oder gleich aufspringen, ist ein Schauspiel für sich.
Gespür für Klang und Zeit
Aber wer gewinnt? Das ist gar nicht so einfach. Klar ist ein grundlegendes lexikalisches Popwissen von Vorteil. Aber es gibt immer Songs, die niemand am Tisch kennt. Dann kommen andere Kriterien zum Zug. Zum Beispiel, wie der Song klingt. Schreien alle wild durcheinander, hört man den Klang weniger und bemerkt die regelrechten Finten nicht. Ein Rock-’n’-Roll-Riff, Hall auf der Stimme, ein swingender Beat: Keine Ahnung, wer das ist, aber das müssen die späten Fünfziger gewesen sein, oder? Obacht, nein, klingt zu glatt, zu voll. Gab es nicht Mitte der siebziger Jahre ein Rock-’n’-Roll-Revival? Doch!
Den Namen dieses Retro-Rock-’n’-Rollers von vor fünfzig Jahren kennt niemand, aber mit einem Gespür für Klang und Zeit lässt sich der Punkt auf der Zeitachse holen. Wer in der Pandemie nicht zugehört hat, könnte «Blinding Lights» (2020) von The Weeknd für einen Achtzigerjahrehit wie von der norwegischen Gruppe A-ha halten. Billie Eilish kennen fast alle, aber die Namen der Songs auch? Und war das noch vor der Pandemie oder schon danach? Kann überhaupt jemand ausser einer Swiftie irgendeinen Song von Taylor Swift pfeifen, benennen, einordnen?
Es reicht also nicht, möglichst viel zu kennen, man muss auch historisch einordnen können. Und dabei zeigt sich, wie breit und kaum zu beherrschen der Kanon im Pop aufgestellt ist und wie somit viele Vorlieben und Altersgruppen eine Chance haben. Zum Vergleich: Die von stark institutionalisierten Betrieben wie in der Kunst (Museen, Biennalen) oder in der Literatur (Universitäten, Feuilletons) zentral gesetzten Werke waren in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts besser überschaubar. Pop hatte zwar auch mächtige Geschmackswächter (das Radio, das Musikfernsehen, die Presse), aber das Urteil des Publikums und der Fans wog im Pop stets schwerer als in den anderen Künsten.
Da zeigen sich auch die Grenzen dieser potenziellen Offenheit, was im Pop als durchgesetzt gilt. In fast jeder Hörer:innenbiografie gibt es Phasen, in denen Spezialisierungen passieren, die sich später wieder lockern. Plötzlich hört ein Teenager fünf Jahre lang nur Hip-Hop und ignoriert alles andere. Zudem hat Streaming die Märkte derart atomisiert, dass sich Teenager auf den ersten Partys auf keine Musik mehr einigen können.
Ich selbst hörte zwischen 18 und 28 ausschliesslich Jazz und Techno. Mit diesen Gebieten kann man sich bei «Hitster» wenig bis nichts kaufen, da punkten die anderen. Das Spiel ist in diesem Sinn auch eine Rache an den Nerds, obwohl es gerade zeigt, dass im Pop alle irgendwie Nerds sind. Es gibt mittlerweile spezialisierte Editionen für Schlager, Rock oder sogar Schweizer Musik. Aber sie verfehlen den Kerngedanken von Pop: dass wir alle viel (oder wenig) zu wissen meinen und dann merken, dass das nicht stimmt. Das Spiel euphorisiert die einen, wie Pop selbst, und es stösst andere vom Sockel, die gar nicht mehr wussten, dass der noch da war.